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„Wir waren die Einzigen, die bis zum Schluss gekämpft haben“
Seit Ende 2024 begannen Kreise und Städte in Baden-Württemberg, Bezahlkarten an Asylsuchende auszugeben – auch in anderen Teilen Deutschlands wurde das so praktiziert. Doch an einem Ort gab es bis zuletzt Gegenwehr: in Freiburg. Nun wurde auch die Universitätsstadt im Breisgau gezwungen, Geflüchtete auf die restriktiven Zahlungsinstrumente umzustellen. Doch die Stadt wehrt sich weiter.
Wir haben mit Ulrich von Kirchbach (SPD) gesprochen. Er ist Sozialbürgermeister in Freiburg und berichtet von den Gründen für die Ablehnung und den Problemen, die Bezahlkarten mit sich bringen.
netzpolitik.org: Herr von Kirchbach, warum ist Freiburg gezwungen, Bezahlkarten einzuführen, während beispielsweise Potsdam in Brandenburg die Ausgabe ohne Probleme verweigern kann?
Ulrich von Kirchbach: In Brandenburg haben die dortige Landesregierung und das Sozialministerium den Landkreisen und kreisfreien Städten freie Hand gegeben, ob sie Bezahlkarten einführen wollen oder nicht. Das hätte ich mir auch für Baden-Württemberg gewünscht, aber das Land ging einen anderen Weg. Es hat eine landeseinheitliche Einführung verfügt und Freiburg ist an diese Vorgaben gebunden.
Wir haben uns dagegen ausgesprochen, aber bekamen dann Ende 2025 eine Weisung und mussten das umsetzen. Ich habe nicht verstanden, warum Baden-Württemberg unter einer grün geführten Landesregierung die Zügel so anzieht. Es wurde auch zunächst gesagt, es würde Pilotgemeinden oder Pilotstädte geben – die gab es dann aber doch nicht.
netzpolitik.org: Hat Freiburg mittlerweile begonnen, Bezahlkarten auszugeben?
Ulrich von Kirchbach: Wir haben im Februar damit begonnen, die Bezahlkarte auszugeben. Da dies nicht automatisiert funktioniert, erfolgt die Ausgabe nach und nach. Wir vergeben fortlaufend persönliche Termine für die Ausgabe weiterer Bezahlkarten.
Dass bislang nur wenige Karten ausgegeben worden sind, das hat auch mit personellen Engpässen zu tun. Außerdem erfordert die Einführung der Bezahlkarte auch einige Anpassungen bei unseren IT-Systemen, die wir erst kompatibel machen mussten.
netzpolitik.org: Werden Sie trotz der Weisung des Landes weiter versuchen, sich gegen die Bezahlkarten zu wehren?
Ulrich von Kirchbach: Wir haben beim Land einen Antrag gestellt, dass die landesrechtlichen Vorgaben ausgesetzt werden. Das hatte der Freiburger Gemeinderat angeregt. Aber über unseren Antrag wurde bislang noch nicht entschieden.
netzpolitik.org: Haben Sie davon abgesehen noch Handlungsspielräume, etwa was die Obergrenze für Bargeld-Abhebungen angeht?
Ulrich von Kirchbach: Leider hat das Land auch hier einheitliche Vorgaben gemacht, eine Bargeldabhebung darf nur bis maximal 50 Euro im Monat möglich sein. Das heißt, wir haben leider so gut wie keinen Spielraum. Auch wenn mir bisher niemand erklären konnte, wie es genau zu diesem Betrag gekommen ist.
netzpolitik.org: Was war denn vor den Bezahlkarten der Verwaltungsprozess, um Asylbewerber:innen Leistungen auszuzahlen?
Ulrich von Kirchbach: Die Menschen bekamen das Geld auf ihr Konto überwiesen, wenn sie eines hatten. Neben den Geldleistungen gab es auch Direktleistungen, beispielsweise wenn Miete direkt überwiesen wurde.
Für diejenigen ohne Konto gab es Barauszahlungen oder einen Bargeldautomaten. Damit gab es keinerlei Probleme, außer dass der Automat mal ein, zwei Tage technische Probleme hatte. Ansonsten lief alles reibungslos.
Durch die Bezahlkarten kommt es nicht zu einem Bürokratieabbau, sondern im Gegenteil zu zusätzlichem Verwaltungsaufwand: Es entstehen zusätzliche Schritte bei der Ausgabe, bei der Aufladung, bei den Einzelfallprüfungen, bei der Information der Betroffenen, bei der Klärung praktischer Probleme. Darauf habe ich bereits im Vorfeld öffentlich hingewiesen. Auch in anderen Kommunen wird von zusätzlichem und nicht von sinkendem Aufwand berichtet.
netzpolitik.org: War das der Hauptgrund für Freiburg, Bezahlkarten abzulehnen?
Ulrich von Kirchbach: Neben dem Verwaltungsaufwand sehen wir vor allem Nachteile bei der Integration. Durch die Bezahlkarten besteht die Gefahr, dass Menschen stigmatisiert werden, die Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz beziehen.
Was wir auch nicht verstanden haben, ist, dass auch Menschen auf Bezahlkarten umgestellt werden müssen, die schon länger in Deutschland sind. Das hat uns nicht eingeleuchtet.
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Für mich ist die Einführung reine Symbolpolitik. Dabei wäre es viel wichtiger, ob solche Dinge rechtssicher, praktikabel und mit vertretbarem Aufwand umsetzbar sind.
netzpolitik.org: Ist Freiburg mit anderen Kommunen im Austausch, die ebenfalls keine Bezahlkarten wollen oder keine haben?
Ulrich von Kirchbach: Wir sind in Baden-Württemberg gut vernetzt, aber letztlich waren wir die Einzigen, die noch bis zum Schluss gekämpft haben.
In anderen Kommunen gab es auch Kritik, aber teilweise haben die Oberbürgermeister die Einführung vorangetrieben. Und bei uns war es eben so, dass sich sowohl der Oberbürgermeister als auch der Gemeinderat gegen die Bezahlkarten ausgesprochen haben.
In Baden-Württemberg gibt es jetzt erstmal keine Möglichkeit mehr, sich der Einführung zu entziehen, da diese nun durch Vorgaben und Weisungen durchgesetzt wird.
netzpolitik.org: Müsste man etwas auf Bundesebene ändern, um Bezahlkarten wieder abzuschaffen?
Ulrich von Kirchbach: Die Bundesvorgaben formulieren keinen Zwang, dass Bezahlkarten eingeführt werden müssen. Sondern sie geben Rahmenbedingungen, um das umsetzen zu können. Gleichzeitig ist den Ländern freie Hand gegeben worden. Daher haben wir nur die Möglichkeit, auf eine Änderung der landesrechtlichen Vorgaben hinzuwirken – und dafür setzen wir uns natürlich weiter ein.
Aber ich habe da ehrlich gesagt keine große Hoffnung, auch nicht bei der neuen grün-schwarzen Landesregierung, die von der Konstellation wohl die gleiche sein wird wie die vorherige.
Es könnten allerdings Betroffene klagen, wenn sie auf Bezahlkarten umgestellt werden und dann könnte ein Gericht prüfen, ob die Vorgaben vom Bundesgesetzgeber so intendiert waren, dass den kreisfreien Städten und Landkreisen kein Ermessensspielraum mehr gegeben wird. Da könnte es noch gerichtliche Entscheidungen geben.