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EU-Kommission arbeitet an neuer Open-Source-Strategie

Die EU-Kommission möchte Europas digitale Souveränität stärken und Abhängigkeiten reduzieren. Dafür setzt sie auf die Nutzung und Entwicklung von europäischer Open Source Software (OSS) als Alternative zu proprietären Angeboten, die oftmals aus den USA kommen.
Anfang Januar hat die Kommission eine Konsultation gestartet, um Input für eine neue Open-Source-Strategie zu erhalten. Bis zum 3. Februar können alle hier Ideen beitragen.
In einem Dokument zu der Konsultation beschreibt die Brüsseler Behörde ihr Vorhaben. Die Kommission teilt darin die Ansicht, dass es nicht ausreiche, nur die Forschung zu Open Source zu stärken. Vielmehr müsse auch das Open-Source-Ökosystem „strategisch gestärkt“ werden. Was bedeutet das konkret?
Einerseits sollen Open-Source-Projekte kommerzieller werden. Die Akteure sollen finanziell gesichert werden, damit sie ihre Angebote skalieren können. Andererseits soll die Organisation verbessert werden. Auch die Sicherheit der Lieferkette will die Kommission adressieren. Ebenfalls soll der öffentliche Sektor dazu animiert werden, Open Source zu nutzen. Das schließt die Kommission selbst ein.
Schlüsselrolle von Open Source anerkannt
„Die angekündigte Strategie zeigt, dass die Kommission auf höchster Ebene verstanden hat, dass nur Open Source digitale Souveränität und Handlungsfähigkeit garantiert“, sagt Sebastian Raible, Leiter für EU-Beziehungen beim europäischen Open-Source-Unternehmensverband APELL. Open Source bedeute ihm zufolge, „sich gar nicht erst in Abhängigkeiten zu begeben, weil Anwender:innen das Produkt nicht mieten, sondern vollständig mit Quellcode erwerben“.
Dafür würden Open-Source-Unternehmen bereits seit Jahrzehnten jährlich Millionenbeträge in die Entwicklung der Infrastruktur investieren. In Raibles Augen ist es sinnvoll – ökonomisch und für den Standort Europa –, dass öffentliche IT-Budgets dazu beitragen.
Raible ergänzt, dass die Kommission ein besonderes Augenmerk auf kritische Infrastruktur gerichtet habe. „Gerade hier brauchen wir konkrete Schritte, um Europas Unabhängigkeit auch vor dem Hintergrund von russischen Angriffen und US-amerikanischen Grönland-Drohungen abzusichern“, bekräftigt er.
Zu der Konsultation finden sich bereits mehrere Hundert Beiträge. Ein Großteil stammt dabei aus der Feder von EU-Bürger:innen, die in Kommentaren ihre eigenen Erfahrungen mit offenem Quellcode und ihre Gedanken zu dem Thema teilen. Daneben haben auch schon einige Unternehmen und NGOs ihre Position mitgeteilt.
Nextcloud will „Buy European“
Das deutsche Unternehmen Nextcloud GmbH zeichnet ein ähnliches Bild wie die Kommission: Vielen Projekten würden nachhaltige Geschäftsmodelle und die Professionalisierung fehlen. Daneben betont die GmbH die große Konkurrenz von Big-Tech-Angeboten, die oftmals Produkte bündeln und Kund:innen an sich fesseln könnten.
Als entscheidenden Hebel sieht das Unternehmen die bevorzugte Beschaffung von europäischen Open-Source-Lösungen durch europäische Regierungen. Dazu schlagen sie vor, den Ansatz „Buy European/Open Source“ zu realisieren, wo möglich. Nextcloud spricht sich dafür aus, dass Behörden vorbildhafte Open-Source-Nutzer sein sollen. Im zweiten Quartal dieses Jahres werden die EU-Vergaberegeln überarbeitet.
Dass so eine Bevorzugung in der Praxis möglich ist, zeigen aktuelle Entwicklungen: Im Ende Januar anstehenden „Industrial Accelerator Act“, der die Industrie in Europa stärken will, soll eine „Buy-European“-Klausel integriert werden. „Öffentliche Gelder sollten zur Stärkung der Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit Europas eingesetzt werden“, sagte dazu am Montag bei einer Veranstaltung Madalina Ivanica, stellvertretende Referatsleiterin bei der Generaldirektion Binnenmarkt, Industrie, Unternehmertum und KMU (DG GROW) der Kommission.
Sicherheit durch Open Source
Der Rüstungsarm des französischen Thales-Konzerns und die französische Nationalgendarmerie hätten bewiesen, dass ein Wechsel zu Open Source möglich sei, heißt in einem Beitrag im Namen von Thales Defense. Der Konzern habe seine IT im Juni 2025 innerhalb von 48 Stunden vollständig auf Linux-Systeme migriert.
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In seinem Beitrag zur Konsultation hebt das Unternehmen die Vorteile von OSS für die Sicherheit hervor: Wer freie Software einsetze, habe die Kontrolle über den Code und könne Sicherheitslücken schließen, ohne dabei von Dritten abzuhängen. Die Open-Source-Gemeinschaft reagiere außerdem schnell auf gemeldete Fehler.
Auch die Universität Oslo betont, dass Endnutzer:innen den Code selbst analysieren können, was die Sicherheit erhöhe. Darüber hinaus heißt es in ihrem Beitrag zur Konsultation: „Gute Open-Source-Lösungen sind nicht kostenlos. Daher braucht es Wege, um die Entwicklung und die Wartung der Lösungen zu unterstützen.“ Diese müssten über Geld- und Zeitspenden hinausgehen. Tatsächlich steckt hinter Open Source sehr viel freiwillige Arbeit von Ehrenamtlichen innerhalb der Community.
Ressourcen fehlen
Die tschechische NGO node9.org plädiert ebenfalls für mehr Unterstützung von Entwickler:innen durch die Kommission und verspricht: „Es wird sich sowohl finanziell als auch in Bezug auf die Souveränität auszahlen.“
Das kleine französische Unternehmen MiraLab beschreibt eine „Microsoft-Müdigkeit“ in verschiedenen IT-Abteilungen: „Sie suchen nach Alternativen, aber die EU muss die Führung übernehmen.“ Das einzige, was noch fehle, sei Handlung.
So geht es weiter
Die sogenannte „europäische Strategie für ein offenes digitales Ökosystem“ soll zusammen mit dem „Cloud and AI Development Act“, einer Verordnung zur Entwicklung von Cloud und KI, noch im ersten Quartal des Jahres als Paket veröffentlicht werden.
In dieser Woche wird europäische Souveränität außerdem in Straßburg im EU-Parlament debattiert. Auch Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident António Costa werden daran teilnehmen. Dabei geht es allerdings nicht spezifisch um den Digitalbereich.