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Darknet Diaries Deutsch: Eine Frau, das Netz und der Terror (Teil 2)
Dies ist der zweite Teil von „Eine Frau, das Netz und der Terror“. Im Englischen Original von Jack Rhysider trägt diese Episode den Namen „Shannen“. Falls Ihr Teil eins noch nicht gehört habt, fangt am besten damit an.
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Die deutsche Produktion verantworten Isabel Grünewald und Marko Pauli von heise online. Der Podcast erscheint wöchentlich auf allen gängigen Podcast-Plattformen und kann hier abonniert werden.
JACK (Intro):Shannen Rossmiller, dreifache Mutter und Richterin im ländlichen Montana, beschließt nach den Anschlägen vom 11. September 2001 auf eigene Faust den Terrorismus zu bekämpfen. Im noch jungen Internet macht sie sich auf die Jagd nach potenziellen Attentätern, treibt sich in extremistischen Internetforen und Chatrooms herum und nimmt verschiedene Identitäten an, um Kontakte anzubahnen. All das tut sie immer wieder früh morgens im Computerraum im Keller ihres Hauses in Montana, während ihre Kinder und ihr Mann Randy oben ahnungslos schlafen.
Jetzt hat sie den 26-jährigen Ryan Anderson an der Angel: ein US-amerikanischer Scharfschütze und Mitglied der US Army National Guard. Er soll bald in den Irak verlegt werden und er will offenbar einen Terroranschlag gegen die USA verüben. Shannen gibt sich als Al-Qaida-Rekrutierer aus. Das FBI ist informiert. Bevor es zu einem Treffen und einer möglichen Festnahme kommen kann, soll Shannen weitere Informationen beschaffen. Hier steigen wir wieder in die Geschichte ein.
Die Falle schnappt zu
JACK: Ryan Anderson – nun, ich schätze, er nannte sich jetzt Andy – sagte immer wieder, er hätte einen großen Plan, aber er verriet Shannen nicht, was es war, wovon sie vermutete, dass es ein Terroranschlag sein würde. Er sagte, er brauche etwas Bargeld, um seinen Plan auszuführen, aber wofür wollte er das Bargeld verwenden? Shannen wusste es nicht. Vielleicht um Sprengstoff oder Waffen zu kaufen? Sie sagte, sie könnte etwas Bargeld schicken, aber er müsste zuerst mehr Informationen preisgeben. Sie wollte mehr Details über den Plan. Er redete viel über seinen Plan, darüber, wie effektiv er sein würde und wie stolz er darauf war, aber er wurde frustriert darüber, wie lange es dauerte, bis es losging. Also benutzte Shannen das Bargeld weiter als Köder, um zu versuchen, ihn dazu zu bringen, die Details des Plans zuzugeben, und es funktionierte schließlich.
Er gab schließlich nach und fing an, seinen Plan im Detail zu erklären. Er war tatsächlich so begeistert davon, dass alles einfach aus ihm heraussprudelte. Er sprach über Waffen, Taktiken und Standorte im Irak sowie Pläne für die Panzer der US Army. Alles in allem ging es darum, US-Soldaten zu töten. Der Plan war ausgeklügelt und detailliert und verheerend. Ryan plante, geheime Informationen an feindliche Truppen weiterzugeben, Informationen, die die Sicherheit der US-Soldaten ernsthaft gefährden würde, sobald sie im Irak sind. Er wollte ganz klar Schaden und Chaos anrichten. Er wollte zudem jeden Schaden zufügen, der versuchen würde, ihn aufzuhalten oder gefangen zu nehmen.
Shannen leitete all das, all seine Tiraden und Pläne sofort an das FBI weiter, und dort war man sich bewusst, dass man Ryan festnehmen musste, und zwar mit Beweisen aus erster Hand. Das Treffen wurde für den 3. Januar 2004 angesetzt. Shannen sagte Ryan, der FBI-Agent – bzw. sagte sie natürlich: das Al-Qaida-Mitglied – sei bereit, sich mit ihm zu treffen, und der Ort des Treffens sei eine Barnes and Noble Buchhandlung in Seattle.
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Dann kommt endlich der Tag des Treffens. Ryan und der FBI-Agent gehen beide beiläufig in die Buchhandlung und tun so, als wären sie Kunden, die nach Büchern stöbern. Sie treffen sich und unterhalten sich zwischen den Büchern. Was Ryan nicht wusste: In den Büchern waren Kameras und Mikrofone versteckt, und das Gespräch wurde aufgezeichnet. Ryan gab den Agenten gescannte Kopien seines Ausweises und viele geheime Informationen über US-Army-Panzer und Truppenstandorte im Irak. Er hatte sich damit selbst schwer belastet. Diese Informationen hatten die Absicht, US-Soldaten töten zu lassen, dennoch verhafteten die Agenten ihn nicht auf der Stelle. Seine Truppe wurde ja noch nicht in den Irak verlegt, also gab es wirklich noch keine Eile. Stattdessen wollten sie sehen, ob sie noch mehr Informationen aus ihm herausholen konnten, also arrangierten sie ein zweites Treffen, um zu sehen, was er noch zu sagen hatte.
Am nächsten Tag richtete sich Shannens Fokus wieder auf Samir, den verdächtigen Journalisten, bei dem sie einen Keylogger installiert hatte, und sie sah, dass er E-Mails über irgendeine neue Basis schickte, eine Landebahn für den Transport von Personen zu Kämpfer-Trainingslagern in Pakistan? Dann kam eine E-Mail mit einem vierseitigen arabischen Anhang rein. Sie verbrachte Stunden damit, ihn zu übersetzen, und er lieferte die Details darüber, wo Taliban- und Al-Qaida-Einheiten entlang der afghanischen Grenze stationiert sind. Während Ryan Informationen darüber hatte, wo US-Truppen sein würden, hatte Shannen nun Informationen darüber, wo Al-Qaida-Stützpunkte errichtet werden. Es ist irgendwie verrückt, dass sie an diese Geheimdienstinformationen kam.
Sie leitete das also an das FBI weiter, zuversichtlich, dass es sich um wertvolle Informationen handelte, von denen das US-Militär wissen musste, und sie sollte recht behalten. US-Streitkräfte konnten diese Informationen in Afghanistan zu ihrem Vorteil nutzen.
Das FBI bat sie zu sich, und sie ließ alles stehen und liegen und eilte hinüber. Die Agenten waren bereit, Ryan zu verhaften. Shannen war aufgeregt.
Am 12. Februar 2004 wurde Ryan Anderson in Seattle verhaftet. Es war eine gemeinsame Operation des FBI und des Geheimdienstes der US Army. Ryan stritt alles ab. Er dachte immer noch, seine Chats mit Shannen seien echt gewesen, aber als er sah, wie die Beweise vorgebracht wurden, erkannte er, dass sie nicht die war, für die sie sich ausgab. Er sah sich nun mit Terrorismusvorwürfen konfrontiert.
Obwohl das FBI Beweise aus erster Hand gegen ihn hatte, war Shannen die Hauptzeugin in dem Fall. Sie war diejenige, die ihn entdeckt und tonnenweise Daten über ihn gesammelt hatte. Das FBI wollte, dass Shannen bei seiner Anhörung aussagte.
Das war etwas, was sie überhaupt nicht tun wollte. Sie hatte Angst, sich selbst zu doxxen, ihre Online-Identität mit ihrem echten Leben in Verbindung zu bringen. Das FBI sagte, es würde ein geschlossenes Gericht sein. Niemand außerhalb würde etwas erfahren. Ihre Identität und Beteiligung würden geschützt bleiben. Diese Zusicherung war das Einzige, was sie beruhigte, aber sie wusste, dass sie ihrem Mann erzählen musste, was los war. Also setzt sie sich mit ihm zusammen und erzählt ihm, dass sie sich online als Abu Zeida ausgegeben hat. Sie hat Zugang zu Kassirs E-Mails und hat sich als er ausgegeben und Malware auf den Computern von Dschihadisten platziert, lange Gespräche mit ihnen geführt, Arabisch gelernt und letztendlich einen Angriff auf US-Truppen gestoppt – und jemanden verhaften lassen und ist nun eine Hauptzeugin. Randy war ziemlich fassungslos. Das hat sie alles gemacht? Er war beeindruckt, aber er war besorgt. Die Leute, die sie infiltrierte, waren offensichtlich gefährliche Leute, also machte er sich Sorgen um ihre Sicherheit und die Sicherheit der Familie, und beide wollten wirklich nicht, dass ihre persönlichen Identitäten in dem Fall offengelegt wurden.
Am 4. Mai 2004 flog Shannen von Great Falls, Montana, nach Seattle und fuhr dann eine Stunde nach Süden zum Armeestützpunkt Fort Lewis, wo die Gerichtsverhandlung stattfand.
Sie kannte sich mit Gerichten aus und war städtische Richterin, aber sie hatte noch nie zuvor vor Gericht ausgesagt. Sie war also ein wenig nervös, besonders davor, Ryan gegenüberzutreten und ihm gegenüber zuzugeben, was sie getan hatte. Auch wenn sie sich mit ihren Handlungen gut fühlte, ist es immer noch nervenaufreibend, der Person gegenübertreten zu müssen, die man ins Gefängnis gebracht hat.
Aber während sie dort war, entdeckte sie, dass sich die Medien auf der Besuchertribüne im Gerichtssaal einrichteten. Sie würden sich während des Verfahrens Notizen machen. Dann traf sie sich mit dem Anklageteam und wurde noch unruhiger. Obwohl sie ihre Hauptzeugin war, schien der leitende Staatsanwalt sie nicht zu mögen. Er machte ziemlich deutlich, dass er kein Interesse daran hatte, ihre Identität zu schützen. Tatsächlich war er der Meinung, dass die Tatsache, dass sie Richterin war, ihrer Aussage mehr Glaubwürdigkeit verleihen würde. Er wollte also, dass sie den Geschworenen erklärte, wer sie online und offline war. All das brachte ihre Nerven zum Flattern. So nach dem Motto: Whoa, warte mal eine Minute; das ist mein richtiger Name, meine Adresse, mein Job, alles. Mehr noch, diese falschen Identitäten, die sie benutzt hatte? Ja, die würden auch aufgedeckt werden. Die Vorstellung, sich so bloßzustellen, machte ihr schreckliche Angst.
Im Zeugenstand stimmte der Richter dem Staatsanwalt zu, dass ihre wahre Identität dem Gericht offengelegt werden sollte. Sie steckte nun in einer Zwickmühle. Sie hatte all diese Arbeit gemacht und war den ganzen Weg geflogen, um auszusagen, und nun war der einzige Weg auszusagen, sich selbst zu doxxen. Aber was ist ihr wichtiger, diesen Mann seiner gerechten Strafe zuzuführen oder sich selbst zu schützen? Es passierte alles so schnell, und sie erzählte dem Gericht schließlich alles.
Der Stenograf protokollierte jedes Wort, und die Nachrichtenagenturen machten sich akribisch Notizen. Innerhalb von wenigen Stunden war dann ihr richtiger Name als Überraschungszeugin in dem Fall im Fernsehen. Die Medien druckten ihren echten Namen, ihren Decknamen und die E-Mail-Adresse, die sie benutzt hatte, um mit Ryan Anderson zu kommunizieren – was ja eigentlich Kassirs E-Mail-Adresse war. Alle ihre Details wurden offengelegt.
Der Preis des Erfolgs
JACK: Shannens und Randys schlimmste Befürchtungen waren nun Realität geworden. Ihr echter Name war in der Öffentlichkeit, als jemand, der sich online mit Dschihadisten anlegt. Welche Konsequenzen würde das im echten Leben haben?
Nun, zunächst war damit natürlich ihre Online-Präsenz aufgeflogen. Kassirs Online-Name war Abu Khadija, und nun waren sein Name und sein Alias verbrannt. Niemand würde diesem Namen mehr vertrauen, und es wurde auch die 1 in dem Namen, den sie in den Forenbeiträgen benutzte, entdeckt. Es hatte Jahre gedauert, bis sie diese Identitäten aufgebaut und diese inneren Kreise des islamischen Extremismus infiltriert hatte, aber nach der Aussage brach alles zusammen. Die Malware, die sie platziert hatte, wurde auf den Zielmaschinen entdeckt. Samir, der Journalist, der all diese Insider-Informationen darüber hatte, was Al-Qaida tat, wurde auf sie und ihre Versuche, ihn auszuspionieren, aufmerksam. Die Leute waren wütend auf sie, sehr wütend. Ihre Situation wurde viel ernster.
O-Ton Shannen Rossmiller, SpyCast 2011
„Nach dem Artikel-32-Verfahren veröffentlichte die Pressestelle in Fort Lewis die verdeckte Identität, die ich zu der Zeit benutzte, die auch in anderen laufenden Fällen verwendet wurde, und das wurde in der Zeitung veröffentlicht. Jeder wusste also, dass Shannen Rossmiller Khadija1417 war, und danach fingen Drohungen an einzugehen und natürlich mussten Änderungen für meine Familie und meine Karriere vorgenommen werden. Ich hatte Bedenken gehabt, zu der Zeit eine amtierende Richterin zu sein. Ich war sehr zuversichtlich, dass das, was ich tat, nicht unethisch war, aber dennoch gab es nichts – es gab vorher nichts Vergleichbares. Zu versuchen, das zu schützen und auszubalancieren, wurde zu einem weiteren Problem. Aber wie ich schon sagte – einige Leute haben mich gefragt: Warum hast du dann nicht einfach das Handtuch geworfen? War es nicht zu viel? Nun, ich gebe nicht auf. Ich würde mich also nicht davon unterkriegen lassen. Also musste ich einfach lernen, mein Leben neu zu strukturieren und es zu leben und weiter das zu tun, was ich tue, weil ich gesehen habe, wie wichtig es ist. Ich weiß, wie wichtig es ist, und ich einfach – ich kann nicht – ich kann nicht einfach aufhören, nur wegen solcher Drohungen, also werde ich die Anpassungen vornehmen, die ich brauche.“
Oh, Verdammt! Al-Qaida bedroht ihr Leben, setzt sie auf ihre Feindesliste, und obwohl sie komplett bloßgestellt wurde, sagt sie einfach nur: „Ich gebe nicht auf.“
Ich meine, wow, das ist eine echt furchtlose Entschlossenheit. Sie war wirklich eine ganz besondere Frau. Nur wenige Wochen nach ihrem Gerichtstermin wurde eine Nachricht im Gerichtsgebäude hinterlassen. Mit starkem Akzent und gebrochenem Englisch forderte eine männliche Stimme den Sachbearbeiter auf, Shannen zu sagen, dass sie wüssten, wer sie sei. Eine Rückwärtssuche der Nummer ergab einen Standort in Toronto. Das FBI wies die örtlichen Strafverfolgungsbehörden an, ihr für eine Weile Schutz zu gewähren.
Ryan Anderson wurde für schuldig befunden, der Terrororganisation Al-Qaida Hilfe geleistet zu haben. Sie stuften ihn von E-4 auf E-1 herab und entließen ihn unehrenhaft, was bedeutet, dass er alle seine militärischen Leistungen verlor. Die Staatsanwaltschaft wollte ihm für seine Taten die Todesstrafe auferlegen. Er wollte viele US-Soldaten töten. Doch das Gericht verzichtete auf die Todesstrafe. Also versuchte die Staatsanwaltschaft, Ryan zu lebenslanger Haft zu verurteilen. Shannen wurde per Vorladung aufgefordert, bei der Urteilsverkündung erneut auszusagen.
Sie rechnete nicht damit, dass es gut laufen würde, und das tat es auch nicht. Am 30. August erschien Shannen im Gerichtsgebäude, und sie stand in der Schlange für die Sicherheitskontrollen, um ins Gebäude zu gelangen. Als sie durch den Scanner ging, fingen all diese Alarme an loszugehen. Sie war verwirrt, wurde aber in ein Hinterzimmer gebracht, und sie sagt, sie wurde einer Leibesvisitation unterzogen. Es war demütigend, weil sie wusste, dass sie nichts bei sich trug. Als sie endlich ins Gerichtsgebäude kam, lagen ihre Nerven noch blanker. Ihre Aussage dauerte insgesamt fünf Stunden. Das ist eine lange Zeit im Zeugenstand. Sie detaillierte alles, was sie online getan hatte und wie. Ja, also, die gesamte Kommunikation mit Ryan, alles wurde offengelegt. Sie wollte einfach nur, dass es vorbei war, und sie war erleichtert, als sie das Gerichtsgebäude an diesem Tag endlich verlassen durfte.
Aber als sie zu ihrem Auto ging, war es von Leuten umstellt, Leuten in weißen Schutzanzügen, Kapuzen auf, Masken auf. Sie inspizierten ihr Auto. Sie sagten ihr, die Hunde des Bombenräumkommandos hätten Sprengstoffrückstände am Türgriff und am Kofferraum entdeckt. Sie sah sie nur an, so nach dem Motto: Was? Die Medien filmten alles, während sie einfach nur dastand und nicht wusste, was sie tun oder denken sollte. Die Polizei brachte sie zurück in ihr Hotel, und das Forensikteam kam mit ihr in ihr Hotel, um es zu überprüfen. Sie wollten auch alle ihre Habseligkeiten durchsuchen und brachten sie in ein anderes Hotelzimmer, eines, das nicht auf ihren Namen lief. Niemand wusste, wie ernst diese Bedrohung war. Gab es eine echte Absicht, sie zu töten, oder sollte sie nur eingeschüchtert werden? Was auch immer es war, all das ging ihr unter die Haut, aber sie musste es durchziehen.
Ein paar Tage später, am 3. September, ging sie wieder vor Gericht, um sich die Schlussplädoyers anzusehen, und knapp fünf Stunden später kamen die Geschworenen mit Schuldsprüchen in allen Anklagepunkten zurück und Ryan Anderson wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.
Wow. Sie hat es geschafft. Es war vorbei. Sie hat einen Terroranschlag verhindert. Sie hat Leben gerettet. Das hat sie wirklich. Dieser Typ war gefährlich, radikalisiert und darauf aus, US-Truppen im Irak Schaden und Zerstörung zuzufügen. Wenn sie nicht gewesen wäre, wären mit Sicherheit Menschen gestorben.
Sie fühlte sich gut. Sie wollte etwas tun und hatte etwas getan, aber es hatte seinen Preis. Nun war ihr Leben in Gefahr. Sie kam also zurück nach Hause nach Montana und machte sich ständig Sorgen, ob sie angegriffen werden könnte. Es fiel ihr eine Weile lang schwerer, nachts zu schlafen. Die Tragweite dessen, worin sie verwickelt war, begann langsam einzusickern. Sie bekam weiterhin online Drohungen, aber das sind nur Worte. Tag um Tag verging, und persönlich war für sie alles in Ordnung. Das Leben kehrte dann irgendwie zur Normalität zurück. September, Oktober, November vergehen. Die Dinge beruhigten sich.
Die Bedrohung wird real
JACK: Der Dezember kommt und sie fängt an, für Weihnachten zu planen. Ihre drei Kinder freuen sich auch darauf. Am 5. Dezember, das war ein Sonntag, wurde Shannen besonders früh durch lautes Hämmern an der Haustür geweckt. Sie rannte zur Tür und als sie sie öffnete, waren zwei Polizisten erschrocken, dass jemand die Tür öffnete. Sie schienen überrascht zu sein, sie zu sehen. Sie war sicherlich überrascht, sie zu sehen. Sie fragten sie: Sind Sie Shannen Rossmiller? Sie sagte: Ja. Dann fragten sie: Wo ist Ihr Auto? Sie sagte: In der Garage. Warum? Sie sagten: Können wir es sehen? Sie geht mit ihnen nach draußen und öffnet das Garagentor. Als das Tor hochfährt, bemerkt sie, dass das Auto nicht in der Garage ist.
Nun war sie diejenige, die erschrocken war, dass es fehlte. Die Beamten nickten und erzählten ihr, was los war.
Am frühen Morgen hatte die Polizei im Nachbarbezirk einen Pontiac Grand Prix aus dem Jahr 2001 in einem Graben entdeckt. Es war niemand in der Nähe, und als sie das Kennzeichen überprüften, stellte sich heraus, dass das Auto Shannen Rossmiller gehörte. Aber das war noch nicht alles: Das Auto wies fünf Einschusslöcher auf. Ja, Einschusslöcher. Sie stammten von einer Waffe des Kalibers 38. Gemeinsam mit den Beamten in ihrem Haus rekonstruierten sie, was wohl geschehen sein musste.
Während sie oben schlief, so wie auch ihr Mann und die drei Kinder, waren sie in das Haus eingebrochen, hatten die Autoschlüssel gestohlen, die im Haus lagen, und dann den Pontiac lautlos aus der Garage gerollt, bevor sie wegfuhren.
Das erschütterte Shannen wirklich. Sie wusste, dass die Leute, mit denen sie online interagierte, sehr gefährlich waren, fähig, die grausamsten Terroranschläge durchzuführen, und sie waren in ihrem Haus, während sie letzte Nacht schlief. Whoa, whoa. Verängstigt hatte Shannen keine Ahnung, wer es war, aber sie vermutete sofort, dass dies Rache dafür war, dass sie Ryan verhaften ließ und die Online-Terroristen-Community verraten hatte. Sie war zu einem Ziel geworden, und sie wussten, wo sie wohnte.
Ich an ihrer Stelle jätte wahrscheinlich für ne Weile die Stadt verlassen oder würde vielleicht sogar dauerhaft umziehen, aber Shannen, nein, Shannen nicht.
Sie verschanzte sich. Sie ging los und kaufte sich selbst eine Waffe, installierte ein Sicherheitssystem und verbesserte die Schlösser. Das war ihr Reich und sie würde darüber wachen und es beschützen. Die ganze Familie war jedoch besorgt und fragte sich, was als Nächstes kommen würde. Die Einschusslöcher im Auto waren eindeutig eine Drohung, dass sie die Nächste sein könnte. Aber ihr habt Shannen gehört; sie gibt nicht auf. Tatsächlich brachte sie das auf den Gedanken, dass das, was sie tat, tatsächlich funktionierte.
Das Jahr 2005 bricht an, und Shannen geht morgens immer noch hinunter in den Computerraum, um sich über die neuesten Entwicklungen in den Foren auf dem Laufenden zu halten – zum Teil natürlich auch, um im Auge zu behalten, ob über sie gesprochen wird. Sie benutzt jetzt ganz neue Identitäten, da die alten ja verbrannt sind. Dann ist es Herbst 2005, und obwohl sie weiterhin Online-Drohungen erhält, gab es danach keine weiteren persönlichen Zwischenfälle mehr. Am 25. Oktober stieß sie auf einen neuen Beitrag, der ihr ins Auge fiel.
Sie blieb daran hängen und er brachte sie ins Grübeln. In einer Yahoo-Newsgroup namens „Osama Bin Laden Crew“ war ein neuer Nutzer aufgetaucht. Longtermonly2 spuckte islamistisch-extremistische Rhetorik aus und verkündete dann, dass er an einem großen Plan arbeite und Hilfe brauche, um ihn durchzuführen. Genau wie bei Ryan war die Nachricht in gebrochenem Englisch verfasst und in einem überwiegend arabischsprachigen Forum gepostet.
Ein neuer Plan, ein neues Ziel
JACK: Sie fragte sich, ob dies ein in der Entstehung befindlicher Terroranschlag sein könnte, und wollte mehr wissen. Longtermonly2 war Amerikaner und sagte, wie wütend er darüber sei, dass die USA Truppen in Afghanistan und im Irak hätten. Er hasste die US-Außenpolitik und plante, sie zu stören und einen massenhaften Rückruf von Truppen zu erzwingen. Shannen las das, mischte sich aber nicht ein. Dieses Message Board zeigte IP-Adressen von Benutzern an, und sie sah, dass seine IP zu einem Server am Assumption College in Bangkok, in Thailand, zurückverfolgt werden konnte. Das war alles einfach, nun ja, seltsam. Shannen las all das wie ein Fuchs, der leise seine Beute beobachtet.
Ein paar Wochen später war longtermonly2 zurück, und er wartete verzweifelt darauf, dass ihm jemand antwortete. Tagelang hatte er gepostet, um jeden, der das las, davon zu überzeugen, dass sein Plan eine großartige Gelegenheit war, aber er brauchte Hilfe. Sie konnte die Nachrichtenkopfzeilen dieses Beitrags einsehen, und dort, in der Kopfzeile vergraben, war ein weiterer Name: Michael Reynolds. Okay, sie hatte ein starkes Gefühl bei diesem Typen und musste mehr wissen. Dieser Typ redete von einem großen Plan. War der Plan, Schaden und Tod anzurichten, so wie das, was Ryan geplant hatte? Also beschloss sie, dem nachzugehen.
Dieses Mal kann sie jedoch nicht als Kassir agieren, da sein Name verbrannt ist. Also fängt sie an, sich all ihre Personas anzusehen. Sie erinnert sich an eine der früheren, die sie erstellt hatte, Abu Zeida. Diese wurde in den Gerichtsdokumenten tatsächlich nicht namentlich erwähnt. Sie wurde im Fall Ryan Anderson überhaupt nicht verwendet, also hatte sie sie nie jemandem gegenüber erwähnt. Sie ist sauber. Also loggt sie sich wieder in diesen Account ein, und zu diesem Zeitpunkt ist er schon Jahre alt im Forum. Schön; es ist einfacher, sich jemandem zu nähern, wenn der Account etabliert ist, als mit einem frisch erstellten. Sie erinnert sich auch daran, dass diese Abu-Zeida-Identität von ihr versucht hatte, sich mit der Armee der Gerechten in Verbindung zu setzen, einer dschihadistischen militanten Organisation aus Pakistan. Sie behauptete sogar irgendwann, dass ihre Identität tatsächlich an einigen dieser Angriffe beteiligt war, die diese Gruppe durchführte. Ihr Arabisch war jetzt auch besser denn je; zumindest für einen Nicht-Muttersprachler war es passabel. Okay, cool. Ja, das könnte funktionieren, wenn sie ihm von Abu Zeidas Account aus Nachrichten schreibt. Shannen war wieder in ihrem vollen Undercover-Modus.
Shannen wollte sich jedoch nicht direkt auf ihn einlassen. Aber sie kennt die Tricks. Wenn man es irgendwie schafft, dass er einem zuerst schreibt, ist das viel effektiver, als wenn sie ihm zuerst schreibt. Sie wird dann in den nächsten Wochen in dem Forum aktiv, in dem Michael Reynolds seine Beiträge verfasst. Sie schreibt da unter dem Namen Abu Zeida und gibt Sachen von sich, die Michael interessieren könnten. Michael bemerkt sie dann und registriert sie als jemand, der ihm vielleicht helfen könnte. Er tappt in ihre Falle.
Er schreibt ihr direkt eine Nachricht und sagt ihr, dass er Geld brauche, um seinen Plan zu finanzieren. Sie sagt ihm: „Lass uns lieber sicherer chatten, indem wir uns über den Entwurfsordner einer E-Mail-Adresse Nachrichten schicken“, genau wie sie es mit Kassir vereinbart hatte. Er stimmt dem zu und sie richten ein neues gemeinsames E-Mail-Konto ein, über das sie sich Nachrichten schicken können. Michael sagte ihr, dass er 80.000 Dollar bräuchte, um seinen Plan auszuführen..
Shannen meinte: Mhm, ja, fahr fort. Aber währenddessen schaut sie sich die E-Mail-Kontoprotokolle an, um zu überprüfen, mit welcher IP er sich verbindet. Ursprünglich kam er aus Thailand, aber jetzt sieht sie, dass er sich von Wilkes-Barre, Pennsylvania, aus verbindet. Sie hatte nun genug Informationen, um ein Dossier über ihn anzulegen.
Michael Curtis Reynolds, siebenundvierzig Jahre alt, Amerikaner, aus der US-Armee entlassen. Er hatte verschiedene finanzielle Probleme und war vorbestraft. Zwei Jahre nach seinem Highschool-Abschluss in New York versuchte er, das Haus seiner Eltern in die Luft zu jagen. Whoa, das ist extrem. Er hatte eine Ex-Frau, drei Kinder, Kampfsport-, Waffen- und Sprengstoffausbildungen. Dieser Typ kommt rüber wie ne tickende Zeitbombe, und so, als könnte er eine ernsthafte Bedrohung sein.
Shannen will ihn also am Haken behalten, um zu versuchen, mehr über seinen Plan zu erfahren, aber er zögert, ihr den ganzen Plan oder weitere Details zu erzählen. Also legt sie einen Gang zu. Sie erzählt ihm, dass sie Kontakte hat, die bereit sind, in den gesamten USA zu mobilisieren, in Pennsylvania und Georgia, und sie haben eine Menge Bargeld zur Verfügung. Er meint: Ja, okay, gut zu wissen. Aber sie überprüft seine IP noch einmal, und jetzt verbindet er sich aus Pocatello, Idaho. Er war unterwegs. Sie fängt an, die Punkte zu verbinden. Moment, er war in Thailand und dann Pennsylvania, jetzt Idaho? Idaho ist ein Bundesstaat neben Montana, wo sie war.
Sie fängt an, paranoid zu werden. Kommt er ihretwegen? Er hatte auch Zugriff auf dieses E-Mail-Konto und konnte die IP überprüfen, von wo aus sie sich verband. Hatte er irgendwelche Verbindungen aus Conrad, Montana, gesehen? Das könnte sofort verraten, dass er mit Shannen Rossmiller spricht, nicht mit Abu Zeida. Sie überprüft alles dreifach, ihre Proxy-Server, die E-Mail-Protokolle, ihre gesamte operative Sicherheit. Es schien alles in Ordnung zu sein. Zumindest denkt sie das. Sie kann keine Fehler finden, die ihre Identität verraten hätten. Sie fühlt sich etwas erleichtert, aber warum ist er in Idaho?
Sie blieb hartnäckig bei ihm und sagte ihm noch einmal: Schau, da sind ein paar Leute unterwegs. Sie haben Bargeld, aber sie sind nicht daran interessiert, dir Geld zu geben, wenn sie nicht zuerst deinen Plan kennen. Also öffnet er sich. Er erzählt ihr, sein großer Plan sei es, die Treibstoffproduktion in den USA anzugreifen.
Anfang des Jahres 2005 traf der Hurrikan Katrina aufs Land und verursachte gewaltige Schäden. Zu den Zerstörungen gehörte, dass die Kraftstoffproduktion zwei Tage lang lahmgelegt war. Das bedeutete, dass 90 % der Ölförderung entlang der Golfküste zum Erliegen kam, was dazu führte, dass die Benzinpreise in schwindelerregende Höhen schossen. Michael Reynolds hatte all das beobachtet und erkannte, wie anfällig die Kraftstoffproduktion in den USA ist. Daraus entstand sein Plan: Er wollte das, was Katrina bei der Kraftstoffversorgung verursacht hatte, nachstellen – nur in viel größerem Ausmaß. Er legte Shannen seinen Plan dar: Er wollte mehrere Produktionsstätten und die Alaska-Pipeline, eine der größten Ölpipelines der Welt, in die Luft sprengen. Er erklärte, dass es, wenn er all das tun könnte, keine Möglichkeit gäbe, auf irgendein Backup umzuschalten, nicht einfach so, und die USA würden zum Stillstand kommen. Also, diese Alaska-Pipeline ist wirklich massiv, so richtig groß. Sie verläuft 800 Meilen durch Alaska. Michaels Plan war es, den Treibstoff der Nation für Wochen zu unterbrechen. Er wollte Unruhen in einem Ausmaß auslösen, das groß genug war, damit die Nationalgarde eingesetzt würde, um die zivilen Unruhen irgendwie zu stoppen.
Shannen war sehr besorgt, sie ließ ihn aber weiterreden, und er redete weiter. Sein Plan wurde noch verrückter. Auf dem Höhepunkt der zivilen Unruhen wollte er eine Erklärung abgeben, dass all das passierte, weil die USA Truppen im Irak haben. Und er dachte, die Leute würden dann alle kollektiv fordern, dass die USA das Militär aus dem Irak abziehen. Er hatte einen ganzen Kommunikationsplan, den er der Presse über all das geben wollte, um die Regierenden bloßzustellen.
Shannen erkannte, dass er verrückt war, aber potenziell auch sehr gefährlich. Seine Idee beinhaltete, Busse und Lastwagen entlang der Pipeline in die Luft zu jagen, um so viel Chaos wie möglich anzurichten. Jetzt haut er Shannen an, von der er denkt, dass sie Teil von Al-Qaida ist, um Bargeld zu bekommen, um es durchzuziehen. Er war so stolz auf seinen großen Plan und dachte einfach, er sei großartig und gut durchdacht. Shannen zögert nicht. Sobald er all das zugibt, eilt sie damit zum FBI.
Er geriet sofort ins Visier der Ermittler. Er stellte eine große Bedrohung für die USA dar. Ihr FBI-Kontaktmann Mark schlug ihr vor, eine letzte Nachricht an Michael Reynolds zu verfassen, bevor sie zuschlugen. Genau das tut Shannen tut, sie teilt Michael mit, dass sie ihm die Hälfte des Geldes jetzt und die andere Hälfte später geben würden, er ihr aber alles erzählen müsse. Michael Reynolds willigt ein und verrät ihr noch mehr von dem Plan.
Zunächst sagte er, er sei in Idaho, weil er die Williams-Erdgasraffinerie in Opal, Wyoming, unter die Lupe nimmt, eine riesige Kraftstoffproduktionsanlage, und er hatte diesen Ort als sein erstes Ziel im Sinn. Er sagte, es sei viel einfacher, dort zuzuschlagen als bei der Alaska-Pipeline, die sein ursprünglicher Plan gewesen war. Er sagte, sobald er die Hälfte des Geldes habe, werde er den Rest des Plans offenlegen.
Sie erkannte, dass, wenn dieser Typ durchs Land reist und Ölanlagen auskundschaftet, seine Pläne viel ernster sind, als sie ursprünglich dachte. Das FBI sagte Shannen, sie seien bereit für den Zugriff. Sie sagten ihr, sie solle ihm sagen, wann er die 40.000 Dollar abholen soll. Sie gibt die Details an Michael weiter. Die Falle war gestellt.
Es war der 5. Dezember 2005. Michael Reynolds war immer noch in Idaho und wachte im Thunderbird Hotel in Pocatello auf, ein Zwei-Sterne-Hotel. Es war eiskalt draußen. Schnee lag auf dem Boden. Ihm wurde aufgetragen, die I-15 hinunterzufahren; kurz nach Meilenstein 100 ist ein Rastplatz, und dort würde eine rote Tasche auf ihn warten. Er steigt ins Auto und fährt los. Er ist ängstlich, aufgeregt und nervös zugleich und denkt an seinen Plan und das Geld, 40.000 Dollar. Er fährt durch die Stadt und hinaus auf die I-15, und der erste Meilenstein, den er sieht, ist 72. Also noch achtundzwanzig Meilen, bis er das Geld in den Händen hält.
Wie aufregend. Er fährt weiter. Es gibt nichts in dieser Gegend von Idaho, keine Wälder, keine Berge. Es ist ziemlich flach, und die Landschaft lädt einen einfach dazu ein, in die Ferne zu blicken und groß zu denken. Es ist ein vierspuriger Highway, eine schöne, einfache Fahrt. Die Straße war frei, aber überall sonst war noch alles weiß vom Schnee. Er fährt am Snake River vorbei, an ein paar kleinen Städten, an etwas Ackerland.
Er kommt dann bei Meilenstein 100 an, sieht den Rastplatz und fährt rechts ran. Ihm wurde gesagt, er solle nach einer roten Tasche suchen. Er steigt aus seinem Auto und sieht sich um. Ein paar LKW und Autos stehen da. Er sieht einen Picknicktisch und etwas Rotes darunter. Er geht hinüber. Es ist eine rote Tasche. Das muss die Tasche mit dem Bargeld sein. Er will sie aufheben, aber während er sich auf die Tasche konzentriert, bemerkt er nicht, dass sich das FBI von hinten nähert. Sie umzingelten ihn, und bevor er überhaupt begreifen konnte, was passierte, warfen sie ihn auf den kalten, verschneiten Boden.
Auf dem Weg zur Vernehmung fing er an zu reden. Er meinte, dass er nur schauspielerte und dass er eigentlich gar nichts in die Luft jagen wollte, sondern dass er versuchte, Informationen über diesen Abu-Zeida-Typen zu bekommen, um ihn dem FBI zu melden. Michael beharrte darauf, dass er derjenige war, der verdeckt arbeitete, und dass er unschuldig sei, und meinte: Hey, geht Abu Zeida verhaften; er ist der wahre Terrorist hier. Michael sagte, er könne es beweisen. Michael wurde bis zu seinem Prozess in Untersuchungshaft gehalten und war wütend über alles. Er schrieb tatsächlich einen Brief an den Richter. Dieser Typ war fest entschlossen, frei nach Hause zu gehen. Er sagte dem Richter, er solle ihn einfach freisprechen und die Sache beenden, aber der Richter hörte nicht darauf und legte einen Prozesstermin für Juli 2007 fest, was fast zwei Jahre nach seiner Verhaftung war.
Stress und Angst fordern ihren Tribut
JACK: Shannen wurde aufgerufen, bei Michaels Prozess auszusagen. Sie rechnete damit und war dieses Mal besser vorbereitet als bei Ryans Prozess. Worauf sie nicht vorbereitet war, war, wie ihr Körper sie während dieser Tage im Zeugenstand auf die Probe stellen würde. Am Abend zuvor flog sie nach Scranton, Pennsylvania, wo der Fall verhandelt wurde. Am Abend zuvor fühlte sie sich ziemlich unwohl. Am ersten Tag der Aussage schlug sie sich gut im Zeugenstand, aber an Tag zwei konnte sie kaum laufen. Sie war erschöpft und musste sich übergeben, und sie konnte Blut sehen. Jetzt bekam sie Angst. Aber sie war entschlossen, das durchzuziehen, wofür sie dorthin gekommen war. Mark, der FBI-Agent, war da, um sie zu unterstützen. Sie schaffte irgendwie noch einen vollen Tag der Aussage, einschließlich des Kreuzverhörs durch Michaels Anwalt, und als sie fertig war, flog sie sofort nach Hause und verschwand von dort.
Aber von da an wurde es nur noch schlimmer. Nachdem sie zu Hause angekommen war, hielt sie diese Übelkeit einfach nicht mehr aus und ging in die Notaufnahme. Die Ärzte fanden ein blutendes Geschwür und zwei Nierensteine. Whoa. Das war eine Menge für sie zu verkraften, aber sie wurde behandelt und ging nach Hause, um sich zu erholen. Während sie sich erholte, wusste sie, dass sie die Art und Weise, wie sie arbeitete, ändern musste. Der Gedanke an den Prozess muss so viel Stress und Angst verursacht haben, dass er all diese gesundheitlichen Probleme auslöste. Es war zu viel.
Während seines Prozesses sagte Michael zu seiner Verteidigung selbst aus. Er hielt an seiner Geschichte fest, dass er derjenige war, der verdeckt arbeitete, aber es funktionierte nicht. Die Geschworenen brauchten nur fünfundvierzig Minuten, um in fünf der sechs Anklagepunkte mit Schuldsprüchen zurückzukehren. Er wurde wegen des Versuchs, einer ausländischen Terrororganisation materielle Unterstützung und Ressourcen zur Verfügung zu stellen, und wegen des Besitzes eines Sprengsatzes verurteilt. Michael Reynolds wurde zu fünfunddreißig Jahren im Bundesgefängnis verurteilt.
Diese Fahrt durch Idaho war das letzte Mal, dass er einen Hauch von Freiheit spürte, und ich frage mich, ob er diese Strecke da seitdem tausendmal in seinem Kopf gefahren ist. Nun, Shannen Rossmiller brachte zwei vielbeachtete Fälle vor Gericht, und in beiden Fällen wurde ein Schuldspruch gefällt. Die Ereignisse des 11. September machten sie irgendwie zu einer Bürger-Terrorismusbekämpferin, einer Cyber-Spionin. Sie leistete ihren Beitrag, um ein weiteres 9/11 zu verhindern. Und das tat sie auch! Stellt euch vor, dieser Typ hätte all diese Ölförderanlagen in die Luft gejagt und einen nationalen Notstand ausgelöst.
Es hat sich also gelohnt, aber verdammt, der Stress hat sie wirklich mitgenommen.
Der Juli 2006 bricht an. Shannen bekommt einen Job in der Staatsanwaltschaft in Helena, etwa zwei Stunden von ihrem Zuhause in Conrad entfernt. Sie pendelte viel zwischen Helena und Conrad hin und her. Randy und die Kinder waren zu Hause in Conrad, und es war ein Freitag und sie freute sich darauf, fürs Wochenende nach Hause zu fahren, um sie zu sehen. Aber das Conrad Police Department rief sie an, und der Beamte erzählte ihr eine verrückte Geschichte.
Den Kindern geht es gut, Randy geht es gut, aber es sei etwas Seltsames passiert, erzählte er. Letzte Nacht um 22:00 Uhr rief jemand den Notruf an und sagte, es habe einen Unfall gegeben. Die Highway Patrol fuhr hin, um sich das anzusehen. Es war fünfundzwanzig Meilen nördlich von Conrad auf einer abgelegenen Schotterstraße in Richtung Kanada, und da war ein Ryder-Mietlaster, der mit der Nase nach unten in einer Schlucht lag. Der Laster war ziemlich stark demoliert, und er war völlig verbeult und in einen schweren Unfall verwickelt gewesen. Es waren vier Männer im Laster. Alle vier hatten Verletzungen und mussten ins Krankenhaus, aber zwei waren ziemlich schwer verletzt.
Unheimliche Besucher
JACK: Im Krankenhaus verweigerten sie die Behandlung und sagten etwas von unreinen Händen. Die Polizisten befragen sie. Sie meinten, dass sie aus Kanada runter gekommen sind, über irgendeine abgelegene Schotterstraße. Es klang so, als wären sie nicht durch einen offiziellen Kontrollpunkt gefahren. Jeder von ihnen hatte ein US-Visum, aber jeder von ihnen kam aus einem anderen Land, und sie trugen alle männliche Keuschheitsgürtel. Es war alles sehr seltsam. Die Polizisten durchsuchten den Laster und fanden GPS, Gadgets, Laptops, Telefone, Ortungsgeräte, zusätzliche Batterien, tonnenweise Kabel, Tastaturen, Monitore, Mäuse, viel High-Tech-Ausrüstung. Ich glaube, da waren einige Antennen drin, und es gab auch ein paar zerlegte Waffen im Laster. Ja, alle ordentlich in Kisten verpackt.
Shannen meint: Okay, aber was hat das alles mit mir zu tun? Der Polizist sagt, das GPS im Laster war auf ihre Privatadresse eingestellt, was bedeutet, dass sie wahrscheinlich auf dem Weg zu ihrem Wohnsitz in Conrad waren, als sie von der Straße abkamen. Sie fanden ihre Adresse und die Adresse des Gerichtsgebäudes in einem ihrer Laptops. Natürlich reichen solche Neuigkeiten aus, um jedem das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Anstatt also wie gewohnt fürs Wochenende nach Hause zu fahren, wird Shannen angewiesen, in Helena zu bleiben. Die Polizei bot an, ihr für eine Weile zusätzlichen Schutz zu gewähren. Sie boten an, einen Streifenwagen vor ihrem Haus zu parken, so lange sie wollte. Sie wollten kein Risiko eingehen. Randy und die Kinder packten zusammen und verschwanden aus der Stadt zum Haus eines Familienmitglieds, damit sie in Sicherheit waren.
Die Polizisten befragten die Männer erneut. Jetzt sagten sie, sie seien Teil irgendeiner reisenden Musikshow, die durch Montana tourte. Die Männer wurden irgendwie freigelassen oder entkamen oder so. Es ist nicht klar, aber sie verschwanden und wurden nie wieder gesehen.
Nach dem Reynolds-Fall setzte Shannen ihre Undercover-Arbeit online fort. Aber zu diesem Zeitpunkt war es viel weniger intensiv. Das lag auch daran, dass sie dem FBI einfach viel früher Informationen schickte und sie auch darin schulte, wie sie die Gespräche übernehmen und diese Terroristen online genauso finden konnten wie sie. Sie wollte sich aus der Beweiskette entfernen, damit sie nicht mehr in Gerichtsverfahren aussagen musste, und es funktionierte. Sie hatte keine Fälle mehr, in denen sie erscheinen musste, und das FBI konnte weitere Terrorpläne vereiteln.
O-Ton Shannen Rossmiller, SpyCast 2011
„Ich habe im Laufe der Jahre zweiunddreißig tatsächliche primäre Charaktere geschaffen, Identitäten online, von denen ich zu verschiedenen Zeiten andere Sub-Identitäten abspalte, um weiterhin den ganzen Anschein dessen, wer ich bin und was ich vorgebe zu tun, ein wenig realer zu machen, wie es in dem ganzen virtuellen Kontext ist, den das Internet bietet. Diese Identitäten haben zu verschiedenen Strafverfolgungen geführt, aber das Interessante war, dass die beiden Personen, die hier in den Vereinigten Staaten strafrechtlich verfolgt wurden, die beiden hochkarätigen Fälle, das Ergebnis davon waren, dass diese Personen in die arabischen Foren stolperten und versuchten, Kontakt mit Al-Qaida aufzunehmen. Zum Glück, schätze ich, war ich es, nach dem sie gegriffen haben, und ich konnte sie im Zaum halten und die Kontrolle über sie behalten, bis die Fälle an das FBI übergeben wurden.“
JACK: Shannen erhielt für ihre Arbeit verschiedene Awards und Medaillen.
Leider starb Shannen im November 2020. Sie hatte Morbus Basedow, was bedeutete, dass sie eine Überproduktion des Schilddrüsenhormons hatte, und es verursachte alle möglichen gesundheitlichen Probleme. Sie wurde fünfzig Jahre alt.
Shannen Rossmiller trat furchtlos in die Schatten des Unbekannten. Sie wurde von einer unerschütterlichen Entschlossenheit angetrieben, einen Unterschied in der Welt zu machen, eine Einzelgängerin und gleichermaßen ein Schutzengel.
Ihre Geschichte ist mehr als die Summe ihrer Taten. Wer weiß, welche Leben sie gerettet hat und was diese Menschen noch erreicht haben. Eine ländliche Mutter und städtische Richterin bei Tag, aber eine knallharte Cyber-Anti-Terror-Spionin bei Nacht, die sich mit falschen Identitäten genauso wohl fühlte wie mit ihrem echten Leben. Ich hoffe, sie wird eine Inspiration dafür sein, wie man Mut und Liebe und Gerechtigkeit und Technologie miteinander verbindet. Ihre Geschichte reicht jedenfalls über den Horizont hinaus und wird überdauern.
JACK (Outro): Shannen Rossmiller hat ein Buch über ihren Weg veröffentlicht mit dem Titel „The Unexpected Patriot: How an Ordinary American Mother is Bringing Terrorists to Justice„. Ein großes Dankeschön an SpyCast, dass sie uns die Erlaubnis gegeben haben, das Interview zu verwenden, das sie 2011 mit Shannen geführt haben. SpyCast ist ein Podcast, der Spione interviewt.
Diese Episode wurde im englischen Original von Jack Rhysider erstellt. Den Text haben Isabel Grünewald und Marko Pauli übersetzt und gesprochen.
(igr)
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Degitalisierung: Montage – netzpolitik.org

Für das Verständnis der heutigen Degitalisierung hilft es, einmal etwa 100 Jahre in die Vergangenheit zu schauen. In den 1920er-Jahren war der Film speziell in Russland bzw. der Ende 1922 gegründeten Sowjetunion eine ganz neue Art, die Bevölkerung zu prägen und zu beeinflussen. Regisseure wie Sergei Eisenstein oder Dsiga Wertow nutzen für die Propaganda im Sinne des Kommunismus im Film auch Methoden der Montage, also des Filmschnitts.
Eisenstein und Wertow brachten eindrucksvolle Filme hervor wie Panzerkreuzer Potemkin, Oktober oder Der Mann mit der Kamera. Propagandistische geprägte Filme, die die Errungenschaften der damals noch jungen Sowjetunion einerseits mittels opulenter Bilder, aber auch entsprechend sorgsam aneinandergereihten Filmsequenzen zum Ausdruck brachten.
1921 führte ein gewisser Lew Wladimirowitsch Kuleschow Experimente des Filmschnitts durch, bei denen er den an sich neutral erscheinenden Gesichtsausdruck eines Schauspielers mit unterschiedlichen Zwischensequenzen kombinierte. Als Kuleschow die Zuschauenden dann befragte, was der Schauspieler in diesem Moment zum Ausdruck brachte, zeigte sich, dass sich die Bedeutung sehr stark veränderte, je nachdem, welche Sequenzen miteinander kombiniert wurden. Derselbe, eigentlich neutrale Gesichtsausdruck wurde in Kombination mit einer Zwischensequenz von einer Speise als Hunger interpretiert, in Kombination mit einer Zwischensequenz, die eine Frau zeigte, als Begierde oder Zuneigung.
Dieser Effekt wurde in der Filmtheorie fortan als Kuleschow-Effekt bezeichnet und bezeichnet die Fähigkeit des Gehirns, zwei aufeinanderfolgende, eigentlich unzusammenhängende Bilder zu einer neuen Bedeutung zu verknüpfen. Getrennte Einzelteile in einem neuen Ganzen können also eine ganz andere Bedeutung haben, so schien es damals schon.
Der Kuleschow-Effekt wurde in den Jahren darauf immer wieder wissenschaftlich untersucht. Je nach Studiendesign belegten die meisten Studien, wenn auch nicht alle, dass ein gewisser Effekt der Beeinflussung, speziell emotional, ausgenutzt werden kann.
Informationstorwächter
Harter Sprung ins Jahr 2026. Film ist nicht mehr die interessanteste Form der Informationsvermittlung und Ziel des Versuches einer möglichen Einflussnahme. Inzwischen gibt es sogenannte künstliche Intelligenz, im Speziellen generative KI in Form von Chatbots und damit in Zusammenhang stehende Anwendungen.
Es scheint zumindest aus Sicht von Unternehmen weiter logisch, dass dialogische Mechaniken von Chatbots überall Anwendung finden müssen, um im Trend zu bleiben. Also auch, dass ein scheinbar so banales Problem wie das Finden von Informationen über eine Suchmaschine wie Google oder Bing auch so schnell wie möglich mit möglichst viel KI und „Informationsagenten“ angereichert werden muss.
Zur Hausmesse I/O verkündete Google Mitte Mai folglich einen KI Modus für die Suche, eines der Kernprodukte des Unternehmens. Größte Änderung: Die zehn blauen Links, die – wenn auch mit leichten Abwandlungen – immer Kern der Google-Suche waren, sind verschwunden. Stattdessen eine Eingabemaske für einen Chatbot, der dynamisch aus der Anfrage verschiedene Widgets befüllt, und „Informationsagenten“, die rund um die Uhr das Web überwachen können. Dazu agentisches Coding, „persönliche Intelligenz“ und so weiter und so fort.
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Wie der Designer Matthias Ott als Reaktion auf die Ankündigung bereits schrieb, ist der radikale Produktwandel aus Sicht von Google durchaus bemerkenswert. Schließlich war Googles eigentliches Kernversprechen immer, eine schnörkellose Suchmaschine zu sein, die schnell Inhalte findet. Kurze Suche und schon bist du auf der richtigen Webseite. So zumindest seit den ersten Versionen von Google ab 1997. Mit der Zeit kamen zwar zunehmend weitere Zusatzfunktionen dazu, am Ende war Google aber immer noch eine Liste von Links, teils mit Werbung und Widgets angereichert, aber immer sehr darauf fokussiert, Absprungpunkt zu anderen Angeboten zu sein.
Googles neue KI-Suche hingegen ist vollkommen anders: Sie hält User mehr oder weniger vollständig in Googles Anwendung und extrahiert Informationen von anderen Webseiten, um sie dann in der Suchanwendung immer tiefer zu integrieren. Andere Webseiten besuchen? Eigentlich gar nicht mehr notwendig. Quellen von Informationen? Nur noch sehr dezent im Hintergrund.
Nun muss der Vollständigkeit halber erwähnt werden, dass Google schon länger zentraler Informationstorwächter für den Zugang zu Informationen war. Der Marktanteil der Google-Suche in Deutschland war über die letzten Jahre konstant bei 80 bis weit über 90 Prozent. Der Zugang zu Informationen im Internet lief schon länger nicht vollständig neutral, sondern eher durch eine bestimmte Vorauswahl geprägt ab. Methoden der Suchmaschinenoptimierung haben historisch gesehen oftmals Inhalte in der Suche Googles bevorzugt, die nicht unbedingt inhaltlich besser geeignet waren, sondern trickreicher Inhalte präsentiert haben. Googles PageRank-Algorithmus trug mit Netzwerkeffekten ebenso dazu bei, dass sich optimierte Webseiten gegenseitig nach oben zogen.
Experimente der Beeinflussung
Eigentlich ist Googles besonders immersiver KI-Modus aber nun eine Gefahr für das eigene Geschäftsmodell. Unternehmen konnten bisher mit Google Ads beziehungsweise ehemals AdWords auf eine möglichst gute Platzierung zu bestimmten Suchbegriffen bieten und zahlen dafür entsprechende Provisionen.
Klassische Suchergebnisse mit Seiten, bei denen sich Unternehmen eine bessere Position kaufen können, treten aber jetzt in den Hintergrund. Wer sollte aber noch für einen Klick auf eine Webseite zahlen, wenn es den gar nicht mehr braucht? Das bedeutet auch, dass mit dem neuen Informationsmedium „Chatbot“ auch neue Formen der Werbeplatzierung gefunden werden müssen für das Zeitalter von Large-Language-Modellen.
Ähnlich wie sowjetische Filmregisseure in den 1920ern, die Methoden zur Ausgestaltung des Mediums Film im propagandistischen Sinne suchten, wird nun auch im Kontext von LLMs an Methoden geforscht, wie eine bestimmte Botschaft von zahlenden Werbekunden gut integriert werden kann. Werbeanzeigen im Zeitalter der KI-Suche sehen dabei noch nahtloser integriert aus als bisher. Googles eigenes Vermarktungsmodell von Auktionen für Werbeplätze könnte dabei zu einer sehr paradoxen Situation führen, dass Nutzende der Suche für dieselbe Suche ganz unterschiedliche Produkte und Anbieter untergejubelt bekommen, je nachdem, wie die Werbeauktion gerade ausging – in Echtzeit. Darüber hinaus ist es auch fraglich, ob die Grenzen von Werbung und echten Inhalten innerhalb der KI-Suche überhaupt noch so klar definierbar sind, wenn alles eine „Wall of Text“ in einer Konversation wird.
Im letzten Jahrhundert gab es Techniken der Montage im Film, die eine gewisse dramaturgische und emotional beabsichtigte Wirkung bezwecken sollten, etwa die Assoziation von politischen Gegnern mit negativen Gefühlen wie den Zaren bei Panzerkreuzer Potemkin. Leider sind die möglichen Einflussnahmen im KI-Zeitalter noch vielschichtiger. KI-Suchen montieren in Kombination mit Werbung ganz individuell auf bestimmte Zielgruppen spezialisiert ganz neue Zwischensequenzen in die Suche nach Informationen. Dabei wird – ähnlich wie bei Kuleschow – etwas ganz Neues, das weitaus mehr ist als die einzelnen Teile.
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Suchen nach eher mit Freiheit assoziierten Begriffen? Vielleicht platziert sich da eine bestimmte politische Partei oder ihr nahestehende Organisationen mit in den Werbeauktionen. Suche nach dem neutral betrachtet besten Produkt? Gar nicht so einfach, wenn bestimmte Produkte schon mundfertig mit allen Vorteilen aufbereitet werden.
Googles Marktmacht und Reichweite werden hier zu einem differenziert einstellbaren, global skalierbaren Beeinflussungsinstrument, dem sich zu entziehen einen Aufwand bedeuten wird, den sich eher nur digital sehr mündige Bürger*innen werden gönnen können.
Grenzen der Verantwortungsdiffusion
Bisher schien Google sich nicht wirklich um die Konsequenzen seiner KI-Funktionen zu scheren.
Doch Folgen von mehr KI in Suchmaschinen gibt es bereits: Googles KI-Zusammenfassungen „Übersicht mit KI“ zu Suchbegriffen, die in gewisser Weise bereits eine Art Mini-KI-Modus auf der herkömmlichen Google-Suchseite waren, hatten durch die Extraktion von fremden Inhalten auf anderen Seiten bereits Auswirkungen auf die Besuche auf beispielsweise Seiten von Medienhäusern. Zero-Klick-Suchen haben in der letzten Zeit stark zugenommen. Kleine und unabhängige Publikationen oder Blogs verlieren an Traffic, und das könnte letztendlich zu einer verringerten Medien- und Meinungsvielfalt führen, wie AlgorithmWatch inzwischen genauer untersucht und was auch auf der letzten re:publica diskutiert wurde. Aspekte, die zumindest gerade in Diskussion und unter Beobachtung stehen.
An der bisherigen Verantwortungsdiffusion der Folgen von Googles KI-Gebaren im Umgang mit dem Informationszugang vieler, die immer noch mit der Fußnote „KI-Antworten können Fehler enthalten“ versehen wird, wurde aber in dieser Woche zumindest teilweise gerüttelt. Das Landgericht München I urteilte in einem Eilverfahren, dass Google in der „Übersicht mit KI“ nicht weiterhin unwahre Tatsachenbehauptungen über zwei Münchner Verlage verbreiten kann.
Bemerkenswert ist auch die Begründung des Gerichts: Aus Sicht durchschnittlicher Nutzer wirke die Übersicht mit KI wie eine direkte Information von Google, weil hier aus Inhalten Dritter ein zusammenhängender Fließtext erzeugt wird. Die bisherige, eher eingeschränkte Haftung von Suchmaschinen für Drittinhalte sei daher auf dieses generative Format nicht übertragbar, urteilte die Kammer. Weiter führt das Gericht aus, dass in der „Übersicht mit KI“ Äußerungen enthalten sind, die in den Suchergebnissen gar nicht getroffen werden. Schlecht für halluzinierende LLMs.
Damit könne sich Google hier nicht aus der Verantwortung für Falschaussagen stehlen. Wie sich das Urteil weiterentwickeln wird, wenn das Verfahren durch weitere Instanzen getragen wird, muss sich noch zeigen.
Es stimmt aber zumindest gelinde optimistisch, weil immerhin erkannt wird, dass die Konsequenzen und Intentionen einer Neukomposition von Inhalten im 21. Jahrhundert wieder neu betrachtet und ausgehandelt werden müssen. Die Frage ist aber, ob es hier nicht doch eher einen harten Schnitt braucht. Ähnlich wie bei Kuleschow erkennen wir also allmählich, dass Informationsverarbeitung in dieser Zeit mittels KI etwas ganz Neues erschaffen kann, was eigentlich gar nicht in den ursprünglichen Inhalten enthalten ist. Und dabei muss es sich nicht nur um Halluzinationen einer KI handeln.
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Vorreiter, Verwaltung und politischer Rückhalt: Wie Open Source in die Schulen kommt
Das Katharineum ist ein altes Backsteingebäude mitten in der Lübecker Altstadt. An der Eingangstür des Gymnasiums: das Schild für ein Handyverbot. Und an den Wänden im Foyer steht eine Reihe silberfarbener Einsen und Nullen – der Binärcode für das Schulmotto „Trau dich.“
Der stellvertretende Schulleiter am Katharineum ist Frank Poetzsch-Heffter. Er ist Lehrer für Mathe, Geographie und Informatik. Und Poetzsch-Heffter ist Open-Source-Fan. Für ihn ist klar, welches Betriebssystem auf den Rechnern im Gymnasium läuft. „Die Schüler sollen auf Linux arbeiten. Damit können sie sehen, dass es andere Betriebssysteme gibt und dass sie Software auch zu Hause installieren können, die hier in der Schule läuft“, sagt Poetzsch-Heffter.
Vor 25 Jahren hat er die Schulkonferenz an der Lübecker Schule von der Open-Source-Idee überzeugt. Damals seien alle froh gewesen, dass sich jemand diesem „Digitalen“ annahmen, sagt Poetzsch-Heffter. Seit 20 Jahren haben alle Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler eine schuleigene E‑Mail-Adresse. An den meisten anderen Schulen in Lübeck gilt das erst seit fünf Jahren.
Erfolgsbedingungen 1: Vorreiter
Am Katharineum war das eine jahrelange Arbeit für Poetzsch-Heffter: Internetanschluss organisieren, WLAN, Server, Switches, Drucker und Computer einrichten und pflegen. Die Zahl der Nutzenden ist dabei größer als in kleinen Unternehmen: 860 Schülerinnen und Schüler und 70 Lehrkräfte hat das Katharineum. Informatik wird hier in der fünften und siebten Klasse unterrichtet. Es gibt 120 Laptops als Klassensätze und 30 Arbeitsplätze im Computerraum. Sie alle müssen pünktlich ab 8 Uhr einsatzbereit sein. Kein Update soll den Unterricht ausbremsen. Um all das kümmert sich Poetzsch-Heffter nicht allein.
Der Computerraum ist in einem Gebäudeteil aus dem 13. Jahrhundert untergebracht. Die Rechner dort haben die Schülerinnen und Schüler der Computer-AG konzipiert, zusammengebaut und eingerichtet.
Die zeigen sich begeistert. „Ich finde Open-Source wichtig, weil man damit eine Art Unabhängigkeit hat“, sagt eine Schülerin, „Die Software, die wir verwenden, ist frei, oft kostenlos und ohne Werbung – das passt wie die Faust aufs Auge für eine Schule.“

Wie viele Schulen Open Source so ganzheitlich nutzen wie das Lübecker Katharineum, weiß niemand: Kein einziges deutsches Bildungsministerium, kein Landkreistag, kein Städte- und Gemeindebund erhebt entsprechende Zahlen.
Bei IT an Schulen zeigt sich der deutsche Bildungsföderalismus: Lehrkräfte sind beim jeweiligen Bundesland angestellt, das ihnen auch Dienstgeräte geben kann. Wie gut und sinnvoll die digitale Ausstattung der Schulen ist, hängt maßgeblich von der Finanzkraft der Schulträger ab. Manche Länder haben den Breitbandanschluss für Schulen finanziert und stellen auch Lernplattformen zur Verfügung. Alles, was im Schulgebäude passiert, ist jedoch Aufgabe der Schulträger: Gemeinden, Landkreise oder eben kreisfreie Städte kümmern sich um die Geräte von Schülern, Hausmeistern, Sekretariatskräften und sozialpädagogischem Personal.
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Ob an ihren Schulen dann auch Open Source eingesetzt wird, hängt dann aber stark von Vorreitern wie Frank Poetzsch-Heffter ab.
Erfolgsbedingungen 2: Stadtverwaltung und IT-Dienstleister
In Lübeck hat die Stadtverwaltung eine eigenständige IT-Abteilung nur für ihre Schulen. Tobias Stahl, der sie leitet, hat acht Mitarbeitende. Sie planen und konzipieren die IT; die Stadtwerke Lübeck betreibt sie. Tobias Stahl ist ausgebildeter Informatiker. Er ist selbst Open-Source-Fan und sagt, seine Netzinfrastruktur basiert zu großen Teilen auf Linux. Das sei einfacher zu händeln.
Aber von den insgesamt 56 Schulen, die Stahl betreut, haben sich nur drei für Open Source entschieden. In den meisten Schulen stehen Windows-Rechner: „Wir haben noch nicht die lübeckweit funktionierende Open-Source-Lösung, die auf dem gleichen Niveau funktioniert, wie es die Lehrkräfte der anderen Schulen erwarten.“ Support gibt es deshalb nur für Schulen, die auf Windows setzen.

Für Tobias Stahl ist das Katharineum das kleine gallische Dorf, die Open-Source-Ausnahme. Er muss sich um IT in Konzerngröße kümmern: um 35.000 Nutzer, 8.000 iPads, mehr als 5.000 Windows-Laptops, PCs und interaktive Displays. Ihr Betrieb ist mit Windows teurer als mit Linux, vermutet der IT-Mann: „Über den Daumen gepeilt kann es sein, dass wir auf ein Viertel der laufenden Betriebskosten kommen, wenn man einen reinen Linux-Client mit einem Windows-Client vergleicht.“
Dabei kann Stahl nicht einmal auf alle Clients – Endgeräte – in seinem Netz zugreifen. Weil die Lehrkräfte als Angestellte des Landes Schleswig-Holstein von dort ihre Geräte bekommen. Mit denen müssen sie sowohl ins Netz der Landesverwaltung kommen als auch in das Netz, das Lübeck betreibt. Schleswig-Holsteins Landesregierung rühmt sich derzeit zwar für Open Source – aber für die Geräte der Lehrkräfte gilt das nicht. Auf ihnen läuft Windows oder Apples Betriebssystem MacOS. „Pragmatisch, aber aufgeschlossen“, nennt Schleswig-Holsteins Bildungsministerium diesen Umgang mit Open Source.
Ob des Katharineum in Lübeck auch zukünftig Open Source bleibt, steht für Frank Poetzsch-Heffter nicht fest: „Ich bin jetzt 60 Jahre alt. Schafft es der Schulträger bis zu meinem Ruhestand nicht, ein Linux-System zentral für Schulen anzubieten, dann läuft es vermutlich nicht mehr lange.“
Poetzsch-Heffter glaubt, Schulen würden von sich aus kaum sagen, dass sie gern Linux hätten. Land und Schulträger müssten es anbieten. Für ihn ist klar: Mit dem Rückenwind von Stadtverwaltung und IT-Dienstleister hat Open Source weitaus größere Chancen an den Schulen.
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Erfolgsbedingung 3: Politische Rückendeckung
300 Kilometer südlich in Sachsen-Anhalt setzt der Landkreis Harz für seine Schulen komplett auf Open Source. Die Schul-IT dort leitet Martina Müller. Sie hat sechs Mitarbeitende. Mit einem Dienstleister betreuen sie rund 11.000 Geräte für 17.000 Nutzer – und das in 33 Schulen an 43 Standorten.

Die Schüler haben eine E‑Mail-Adresse und einen Cloud-Speicher, der es ihnen ermöglicht, von überall auf ihre Arbeit zuzugreifen. Die Laptop-Klassensätze bestehen aus gebrauchten Business-Laptops.
Müller sagt, an drei Pilotschulen wurden drei verschiedene Open-Source-Systeme ausprobiert: „Linux-Muster“, „Puavo“ von „Opensys“. „Nach einem Jahr haben wir uns mit Lehrkräften und Schülern zusammengesetzt und uns für eine Lösung entscheiden.“ Am Ende hat sich der Landkreis Harz einen Vertrag mit für „Puavo“ abgeschlossen. Für alle Schülergeräte, den Benutzerkonten, Cloud‑, Videokonferenz‑, Datensicherung- und E‑Mail-Lösungen zahlt er pro Jahr derzeit 700.000 Euro. „Im industriellen Umfeld ist das ein Spottpreis“, sagt Frederik Kramer, Wirtschaftsinformatiker an der Hochschule Harz.

Während der Pilotprojekte hat Müller die Kosten gegenübergestellt. “Und zwar die korrekten Microsoft-Lizenzen, nicht die Lizenzen von eBay für 1,99 Euro!” Damit hätten Schulen tatsächlich gearbeitet. “Ohne Benutzerverwaltung, ohne Management. Das reinste Chaos.” Für den Landrat vom Landkreis hat Martina Müller dann einen Ordner vorbereitet. “Ich bin super aufgeregt zu unserem Landrat gegangen. Der wollte den Ordner überhaupt nicht sehen.” Er habe nur gefragt, ob es funktioniere, ob die Schulen zufrieden seien und ob es günstiger sei als das, was wir bisher machen. “Und als ich bei allen drei Punkten genickt habe, hatte ich sein Okay.”
Das ist zwar noch keine aktive politische Rückendeckung, die bewusst und mit mehr Ressourcen einen Wandel an deutschen Schulen anstrebt. Bis es soweit ist, braucht es aber zumindest solche Offenheit und das Vertrauen – in die Open Source Community und in einzelne engagierte Menschen.
Einen Überblick über Open Source an Schulen zubekommen, ist schwer. An einer noch laufenden Online-Umfrage zur Infrastruktur an Schulen haben bislang mehr als 300 Menschen teilgenommen. Sie sind naturgemäß Open Source interessiert, berichten aber trotzdem, dass an den meisten Schulen Windows eingesetzt wird. Weitere Ergebnisse:
- Setzen Schulen Open Source ein, geht das überwiegend auf die Initiative einzelner Lehrkräften zurück.
- Als Gründe für den Open Source Einsatz werden vor allem die günstigeren Kosten angegeben.
- Viele glauben, dass Vorbehalte bei Lehrkräften und Schulleitungen den Open Source Einsatz hemmen.
- Damit Open Source funktioniere, braucht es die Rückendeckung von Schulleitungen und Schulträgern.
Interessierte können hier an der Umfrage teilnehmen.
Marcel Roth ist Redakteur und Reporter bei MDR Sachsen-Anhalt. Für seine Recherche wurde er vom Nina Grunenberg Recherchestipendium gefördert. Es wurde ermöglicht durch den Nina Grunenberg Recherche Grant, den Schöpflin Stiftung, Wübben Stiftung Bildung und ZEIT Bucerius Stiftung finanzieren. Das Netzwerk Recherche ist Kooperationspartner und unterstützt die Autor:innen über ein Mentor:innenprogramm in der Recherche.
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KW 24: Die Woche in der wir gegen Überwachung auf die Straße gehen
Liebe Leser*innen,
wenn diese E‑Mail in eurem Postfach landet, bin ich mit Kollege Denis bei der Anti-Überwachungsdemo in Berlin. Wir begleiten die Vorbereitungen und dann den Zug bis nach Kreuzberg, wo künftig KI-Kameras analysieren sollen, wer (nicht) artig ist.
Die Demo ist eine Reaktion auf die ausufernde Polizeigesetzgebung. Deutschland steht vor einer Zeitenwende. Die hiesigen Polizeien sollen künftig zahlreiche KI-gestützte High-Tech-Überwachungstools nutzen dürfen. Neben den Verhaltensanalyse-Kameras beispielsweise Gesichtserkennung oder automatisierte Datenanalyse. Es ist eine neue Dimension von Überwachung, die hier aufgemacht wird.
Künftig muss man es sich dann zweimal überlegen, ob man eine Anti-Überwachungsdemo besucht. Denn irgendjemand stellt sicher ein Foto von der Menge online – und Gesichtersuchmaschinen, wie sie die Polizei nutzen soll, können dich dann darauf finden. Sie finden das peinliche Teamfoto deines Arbeitgebers und Fotos aus deinem Sportverein. Alle Bilder und Sprachaufnahmen, die frei im Netz auffindbar sind, können dann zur Identifikation von Menschen genutzt werden. Zudem soll kommerzielle Überwachungssoftware auch mit deinen Selfies trainiert werden dürfen.
Und die Datenanalyse nach Palantir-Art, die nun auch Bundesbehörden zugänglich gemacht werden soll, führt dann diese und all die anderen, bereits bestehenden Überwachungstechnologien zusammen. Sie verknüpft potenziell Fotos aus dem Internet mit Videos aus Überwachungskameras, mit Nachrichten aus per Cellebrite oder Staatstrojaner geknackten Telefonen, mit Telefonnummern und ihren Standorten, wie sie per Funkzellenabfrage oder IMSI-Catcher gewonnen werden, mit Website-Besuchen, die per Vorratsdatenspeicherung festgehalten werden. Gesundheits- oder Steuerdaten? Auf Knopfdruck hinzufügbar.
Zum Glück gibt es zahlreiche Menschen, die gegen den Ausbau der Überwachung aufbegehren. Ein paar ganz handfest, so wie mein neuer Bekannter „Baumbart“, viele mehr symbolisch, mit politischem Protest. In gleich vier Städten sind Anti-Überwachungsdemos geplant. Heute nicht nur in Berlin, sondern auch in Kiel, kommenden Samstag folgen dann Dresden und Hamburg. Mit etwas Glück ist das der Auftakt zu einem Protestsommer, der Überwachungspläne sprengt. Am Montag berichten wir euch auf jeden Fall mal, was in Berlin so los war.
Viel Spaß beim Lesen!
Martin
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