Künstliche Intelligenz
Firmen unterschätzen ihre KI-Abhängigkeiten massiv
Eine neue Studie von IBM kommt zu dem Schluss, dass viele Unternehmen in EMEA zwar über KI-Souveränität sprechen, ihre Abhängigkeiten aber nur unzureichend kennen. Laut der Befragung verstehen nur 10 Prozent der Unternehmen in der Region ihre Verflechtungen über Anbieter, Modelle und Infrastruktur hinweg gut. In Deutschland liegt der Wert bei 13 Prozent. Für den Alltag in der IT heißt das: Viele Organisationen wissen zwar, dass sie von bestimmten KI-Diensten abhängen, können diese Abhängigkeiten aber nicht sauber auflösen oder absichern.
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Besonders deutlich wird das beim Anbieterwechsel. 73 Prozent der befragten Führungskräfte in EMEA sagen, dass es schwierig wäre, den primären KI-Anbieter oder das primäre Modell zu wechseln. In Deutschland liegt der Wert bei 65 Prozent. Gleichzeitig halten 70 Prozent der Befragten in EMEA die Einhaltung von Anforderungen an Datenresidenz und Datensouveränität über verschiedene Regionen hinweg für schwierig. In Deutschland sagen das ebenfalls 70 Prozent.
Wenig Überblick über den KI-Stack
Die Studie beschreibt KI-Souveränität nicht als vollständige Unabhängigkeit, sondern als Fähigkeit, bei Bedarf Kontrolle zurückzugewinnen. Gemeint ist vor allem, Abhängigkeiten sichtbar zu machen, sie zu steuern und Komponenten austauschbar zu halten. Das gilt für den gesamten KI-Stack, also Daten, Modelle, Infrastruktur und Anwendungen. Anders als bei klassischen Enterprise-Systemen endet die Abhängigkeit nicht bei Infrastruktur oder Applikationen, sondern sie reicht bis in die Modellschicht und in die laufenden Dienste hinein.
Genau dort entstehen laut Studie die größten Risiken. 81 Prozent der Befragten in EMEA und 85 Prozent in Deutschland sagen, ein Ausfall des primären KI-Anbieters über sieben Tage hätte schwerwiegende oder kritische Folgen. Im Mittel meldeten die Unternehmen in den vergangenen zwei Jahren sieben KI-bezogene Betriebsstörungen, in Deutschland sechs. In EMEA waren Anbieter-Services die häufigste Ursache, in Deutschland technische Probleme. KI-Ausfälle entstehen also sowohl durch klassische Infrastrukturprobleme, als auch direkt auf Anbieter- und Modellebene.
Multi-Vendor heißt nicht automatisch Kontrolle
Viele Unternehmen setzen bereits auf mehrere Anbieter. Laut Studie beschreiben 73 Prozent ihre KI-Umgebung als bewusst Multi-Vendor-orientiert. In der Praxis ist diese Vielfalt aber oft nicht das Ergebnis einer klaren Strategie, so IBM. Häufig stehen dahinter die organisatorische Aufteilung, regionale Vorgaben und Altlasten aus früheren IT-Entscheidungen. Unabhängige Entscheidungen einzelner Geschäftsbereiche nennen 72 Prozent der Befragten als Treiber, geografische Notwendigkeiten 75 Prozent und Legacy-Komplexität 63 Prozent.
Mehrere Anbieter schaffen nur dann mehr Handlungsfreiheit, wenn Unternehmen ihre KI-Umgebung aktiv steuern. Ohne gemeinsame Standards für Daten, Modelle und Sicherheit steigt die Komplexität. Die Studie verweist darauf, dass 71 Prozent der Befragten in EMEA sogar bereit wären, bis zu 20 Prozent höhere Kosten zu akzeptieren, wenn sie dafür die strategische Flexibilität behalten. In Deutschland liegt der Wert bei 79 Prozent.
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Selektive Souveränität statt Totalumbau
Im Ergebnis setzt die Studie deshalb auf das Konzept der selektiven Souveränität. Gemeint ist damit kein vollständiger Rückzug aus proprietären Umgebungen, sondern gezielte Kontrolle an den Stellen, an denen sie geschäftlich relevant ist. Zum Beispiel wäre ein Transkriptionsdienst anders zu bewerten als ein Modell, das Kreditrisiken, Produktionsentscheidungen oder sicherheitsrelevante Prozesse beeinflusst.
Für die Einordnung schlägt IBM eine Dreiteilung vor: geschäftskritische Systeme, wichtige, aber nicht differenzierende Funktionen und Commodity-Dienste. Bei Tier-1-Systemen, also den wirklich kritischen Anwendungen, geht es laut Studie um schnelle Datenmigration, austauschbare Modelle und getestete Ausweichpfade. Bei weniger wichtigen Funktionen reicht es eher, Abhängigkeiten bewusst zu steuern und Vertrags- sowie Architekturgrenzen sauber zu ziehen. Für einfache Standarddienste kann eine stärkere Anbieterbindung dagegen wirtschaftlich sinnvoll sein.
Der Blick auf die Zahlen zeigt: Unternehmen mit den fortschrittlichsten Kontrollfunktionen schützen laut IBM 55 Prozent mehr operativen Gewinn vor KI-bedingten Störungen. Weltweit erreichen das aber nur 7 Prozent der befragten Organisationen.
Datenresidenz, Modellwechsel und technische Altlasten
Besonders aufwendig bleibt der Wechsel von Daten und Modellen. Laut Studie dauert es im Schnitt 145 Tage, KI-Trainings- und Betriebsdaten in eine andere Umgebung zu verschieben. Weltweit 68 Prozent der Befragten sehen die Einhaltung von Datenresidenz- und Souveränitätsanforderungen über Regionen hinweg als schwierig an. Das ist für viele Unternehmen kein theoretisches Compliance-Problem, sondern ein praktisches Migrationsproblem. Wer Daten nicht sauber exportieren, replizieren oder lokal halten kann, bindet sich an die Architektur des Anbieters.
Ähnlich sieht es bei Modellen aus. 57 Prozent der Befragten sagen, das Austauschen eines Kernmodells würde erhebliche Entkopplung oder sogar einen kompletten Neuaufbau erfordern. Ein Modellwechsel betrifft oft nicht nur das Modell selbst, sondern auch Prompting, Fine-Tuning, RAG-Pipelines, Evaluierung, Sicherheitsfilter und Monitoring – so wird aus einem vermeintlich kleinen Tausch schnell ein größeres Architekturprojekt.
Auch bei der Infrastruktur zeigt sich die Abhängigkeit. 56 Prozent der Befragten sagen, es würde mindestens sechs Monate dauern, zentrale KI-Systeme und Anwendungen zu einem anderen Anbieter zu verlagern. Für die IT bedeutet das: Souveränität entsteht nicht durch ein einzelnes Produkt oder einen einzelnen Vertrag, sondern durch Portabilität, klare Schnittstellen und getestete Ausweichszenarien. Wer diese Grundlagen nicht schafft, bleibt bei Preisänderungen, Modellabkündigungen oder Nutzungsbeschränkungen schnell in einer defensiven Position.
Details zu der Studie finden Interessierte bei IBM, die vollständigen Ergebnisse stehen kostenlos zum Download bereit.
(fo)
Künstliche Intelligenz
Energiewende in Zahlen: Wo wir stehen und wo wir hinwollen
Bis 2030 will Deutschland 80 Prozent des Stromverbrauchs durch erneuerbare Energien decken. Bis 2045 soll es sogar 100 Prozent sein. Bei diesen ambitionierten Zielen stellt sich die Frage, wie das klappen soll.
Die größte Herausforderung ist, dass mehr Anlagen und ausgebaute Leistung nicht automatisch mehr zur Verfügung stehenden Strom bedeuten. Das Stromnetz muss die produzierte Menge aufnehmen, transportieren und notfalls speichern können. Erfüllt es diese Anforderungen nicht, hat man nur die Hälfte des Problems gelöst. Stünde all der Strom zur Verfügung, den man in der Theorie bereits produzieren kann, wäre Deutschland mit der Energiewende schon einen großen Schritt weiter.
- Die Ziele der Energiewende für 2030 und 2045 stellen eine enorme Herausforderung dar.
- Im EU-Vergleich liegt Deutschland über dem Schnitt, aber weit hinter Spitzenreitern wie Norwegen.
- Der Netzausbau ist eine wirksame Bremse gegen teure Redispatch-Kosten.
- Batteriespeicher spielen eine tragende Rolle für eine bessere Netzintegration der Erneuerbaren.
- Produktionskosten für Strom aus erneuerbaren Energien sinken perspektivisch.
Wir zeigen anhand von Daten und Grafiken, wo Deutschland in Bezug auf die Ziele aktuell steht, wie der Weg zur Klimaneutralität aussehen kann und welche Faktoren uns ausbremsen.
Das war die Leseprobe unseres heise-Plus-Artikels „Energiewende in Zahlen: Wo wir stehen und wo wir hinwollen „.
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Künstliche Intelligenz
Hinterland of Things: „Wir müssen vom Erkenntnismodus in den Aktionsmodus“
Trotz ambitionierter Ziele im Koalitionsvertrag sei der Staat „meilenweit davon entfernt“, Start-ups ausreichend zu fördern, sagte Dominik Gross, Mitgründer und Geschäftsführer der Founders Foundation, auf der Konferenz „Hinterland of Things, die in dieser Woche in Bielefeld stattfand. Als Beispiel für die stockende Reformen nannte er die geplante 24-Stunden-Unternehmensgründung, deren bundesweiter Start auf 2029 verschoben worden sei.
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Statt auf den Bund zu warten, stellte Gross den „Bielefelder Shortcut“ vor. Gemeinsam mit dem Start-up Paket der Stadt Bielefeld, der Oberbürgermeisterin Christiane Bauer, der Volksbank Ostwestfalen, dem Teuto Seed Club, The Trailblazers und weiteren Partnern soll in Bielefeld eine Gründung inklusive operativer Gesellschaft, Konto, Steuernummer, Holding-Struktur und einer Förderzusage von bis zu 64.000 Euro innerhalb von 24 Stunden möglich werden. Etwas Ähnliches gibt es in Schleswig-Holstein mit www.startuphafen.sh, andere Bundesländer planen die Initiative „Gründen in 24 Stunden“.
Zudem zeigte Gross Schritte für das neue „Wirtschaftswunder“ aus Europa. Beim Bereich KI plädierte Gross für Spezialisierung – nicht die großen Sprachmodelle, sondern spezifische Modelle machten Europa stärker. Als Robotik-Beispiel nannte er Neura Robotics, dessen Finanzierungsrunde zeige, dass Deutschland noch eine Chance habe; ein Teil der Mittel fließe in sogenannte „Robotic Gyms“, also Trainingsumgebungen für Roboter. Beim Thema Energie forderte er eine Infrastruktur, die sowohl KI als auch Wind und Solar trägt, und verwies auf Start-ups wie Proxima Fusion und TerraLayer.

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.
Deutschland in vielen Bereichen führend
„Im Defense-Tech-Bereich sind wir in Deutschland tatsächlich sogar über den Standort München weltweit führend“, sagte Gross. Das habe damit zu tun, „dass im Defense Dech Bereich oder auf einem Defense Bereich viel von Hardware Richtung Software geht“. Künftig werde es Themen geben wie „Military AI zum Beispiel, Cloud-Systeme, also das heißt, so ein europäisches Palantir ist natürlich ein Wunsch“. Er verwies unter anderem auf Weltraumprojekte und auch auf ERC System, das Notfallmedikamente mit einer Drohne liefert.
„Gründer aus dem Mittelstand sind gleichzeitig auch die Start-ups für den Mittelstand,“ so Gross. Dabei machte er auch auf die Finanzierungslücke gegenüber den USA aufmerksam, wo Firmen wie OpenAI hohe Investitionen erhalten, ohne bereits profitabel zu sein. Gross verwies auf das KI-Unternehmen Anthropic, das im ersten Halbjahr in zwei Runden mehr eingesammelt habe als ganz Europa in einem Jahr an Risikokapital investiere. Anthropic hat eine Finanzierungsrunde von über 65 Milliarden US-Dollar abgeschlossen. Die Bewertung kletterte dadurch in den Bereich von rund einer Billion Dollar. Daraus leitete Gross ab, dass Risikokapital „nicht nur eine Frage der Finanzen, sondern auch eine Frage der wirtschaftlichen und der technologischen Souveränität“ sei.
Aktionsmodus für ein Wirtschaftswunder
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Anlässlich der Konferenz haben wir im Vorfeld mit Gross über den geforderten „Aktionsmodus“ und die Lage von Deutschland für Start-ups gesprochen.
Sie sagen, die Erkenntnisse sind eigentlich alle da. Was meinen Sie damit genau?
Wir haben ja eigentlich alle schon ein Gefühl gehabt, was passiert, wenn Trump Präsident wird. Man hat keine Glaskugel – er ändert seine Meinung täglich –, aber was klar war: Europa muss eigenständiger und unabhängiger werden. Wir müssen in eigene Sicherheitspolitik investieren, es gibt geopolitisch große Herausforderungen. Und das wird auch im Post-Trump-Zeitalter weitergehen.
Es ist nicht zu erwarten, dass man plötzlich sagt, er ist weg und alles ist wieder gewissermaßen wie vorher. Die Zeit bleibt nicht stehen, wir bewegen uns stetig nach vorne und dürfen auch den Blick nicht ausschließlich nach Westen richten, denn die Veränderungen passieren global. Das heißt, dass man in Europa mehr auf sich angewiesen ist, ist eine klare Erkenntnis, die es auch vorher schon gab.
Genauso ist es mit Technologien, natürlich allen voran Künstliche Intelligenz: Dass KI alles oder vieles verändern wird, fällt nicht erst jetzt vom Himmel. Dass wir einen demografischen Wandel haben, ist auch nichts Neues. Wenn wir nicht plötzlich aus dem Land heraus ein riesiges Bevölkerungswachstum haben und die nächste Boomerwelle kommt, ist das relativ klar. Also: Wir kennen die Dynamiken, Veränderungen und Herausforderungen – geopolitisch, technologisch, gesellschaftlich und ökonomisch. Das Einzige, was nicht passiert, ist, dass wir in den Aktionsmodus umgeschwenkt sind. Dass wir gesagt haben: Jetzt haben wir die Erkenntnisse, jetzt setzen wir um.
Woran liegt das? Warum passiert dieser Schritt nicht?
Das ist die eigentliche Kernfrage. Wir haben zum Beispiel seit Jahren die Herausforderung, dass wir an Universitäten und in der Grundlagenforschung zwar stark sind, aber den Transfer in Produkte und Unternehmen nicht gut genug schaffen. Das weiß eigentlich jeder. Das Geld wird ja auch schon bereitgestellt – auch durch die neuen Milliardenpakete. Das ist vielleicht nicht mal das Hauptproblem. Das Hauptproblem ist eher, dass der Staat das Geld nicht immer intelligent einsetzt – aber das ist noch mal eine andere Geschichte. Die Grundfrage lautet: Was machen wir jetzt eigentlich? Womit fangen wir an? Und wie kriegen wir das hin, dass wir dort auch im Sinne eines neuen Wirtschaftswunders die neuen Modelle aufbauen?
Wenn Sie von einem Wirtschaftswunder sprechen, ist das nicht ein bisschen optimistisch angesichts der aktuellen Lage?
Ich plädiere dafür, weniger auf die Misserfolge zu schauen und mehr auf die Erfolge. Wenn man ständig nur um Misserfolge kreist, incentiviert man ja niemanden. Was sind unsere Stärken? Worauf sollten wir setzen? Was sichert uns in der Zukunft den Wohlstand? Dadrauf sollten wir viel mehr Energie verwenden, als Sachen aus der Vergangenheit nochmal wieder aufleben zu lassen.
Ein gutes Beispiel ist das sogenannte Klemmen-Valley. Das gibt es hier in der Region Ostwestfalen-Lippe. Das sind diese ganzen Steckverbindungen. Die stecken in jedem Kraftwerk, in jedem Transformationskasten, in jeder Maschine weltweit. Unternehmen wie Phoenix Contact oder Wago – das sind Hidden Champions, die kaum jemand kennt, die aber enorme wirtschaftliche Wertschöpfung betreiben. Genau das ist die Logik: Wir müssen in bestimmten Bereichen – auch wenn es manchmal Nischen sind – Weltmarktführer sein. Das ist das Gewicht, das wir in die Waagschale werfen können. Und übrigens ein Thema, dass insbesondere in Zeiten von KI eigentlich im Zentrum unserer Diskussionen stehen müsste. Denn Zahlen zeigen: Die großen LLMs werden zwar in Amerika entwickelt, aber in der konkreten Anwendung, da sind wir in Europa und vor allem die Gründerinnen und Gründer voraus. Wir bauen Geschäftsmodelle für konkrete, teilweise nischige, aber reale Anwendungsfälle.
Aber wenn man auf die Solarindustrie schaut – Deutschland war mal führend, und die Wertschöpfung ist trotzdem nach China abgewandert. Warum sollte es diesmal anders laufen?
Das ist de facto so, das stimmt. Zurückblickend ist klar, dass Deutschland dort mitführend war und dass diese Wertschöpfung nach China abgewandert ist. Und es gibt heute ähnliche Analysen zum Beispiel beim Quantencomputing: Deutschland ist gerade noch vorne mit dabei, aber es tut sich schwer, in Dinge zu investieren, die sich nicht sofort kapitalisieren lassen.
Aber ich glaube, wir müssen aufhören, immer nur in den Rückspiegel zu schauen. Niemand hier am Tisch kann sagen, er hat die Glaskugel und sieht, was in der Zukunft funktioniert. Die Frage ist, was wir jetzt tun. Und da gibt es durchaus Bereiche, wo wir noch die Chance haben, wirklich vorne zu sein. Im Bereich KI-Infrastruktur sind wir tatsächlich eines der Länder weltweit, die gerade am meisten investieren, um Rechenzentren aufzubauen.
Trotzdem werden viele der vielversprechenden deutschen Start-ups am Ende ins Ausland verkauft…
Ja, die Abwanderung dieser Wertschöpfung ist definitiv ein Problem. Denn das heißt, dass wir von den Innovationen, die entstehen, nachhaltig nicht mehr so viel haben – außer vielleicht dem Exitgeld, das im best Case wieder ins System gespült würde. Im Sinne eines nachhaltigen Kreislaufes, den wir uns wünschen, ist das ein Kernproblem.
Ich kenne das Modell aus Israel. Israel hat einen richtigen Start-up-Durchlauf, aber keinen Mittelstand. Die werden alle ins Ausland verkauft, und dann machen die Gründer wieder etwas Neues, weil sie diesen unbändigen Hunger haben. Per se also ein Modell, das auch funktionieren kann. In Deutschland brauchen wir beides: den etablierten Mittelstand als Rückgrat unserer Wirtschaft und hungrige Start-ups.
Wie lässt sich das lösen?
Wir können uns ja nicht darüber beschweren, dass andere Länder unsere Start-ups so gut finden. Das wäre das falsche Signal. Was wir brauchen, ist erstens eine höhere Bereitschaft der etablierten Unternehmen hierzulande, in Start-ups zu investieren, mit ihnen zusammenzuarbeiten und auch gemeinsame Projekte und Entwicklungen umzusetzen. Und ja, zur Wahrheit gehört auch, dass wir mehr Kapital in Deutschland aktivieren müssen. Gleichzeitig müssen wir uns auch trauen, und von dem Gedanken, dass es immer der klassische Exit oder ein IPO (Initial Public Offering, Börsengang) sein muss. Das ist mit Blick auf die Summe von Unternehmensgründungen, immer noch der seltenste Fall.
Und zweitens brauchen wir meiner Meinung nach in Europa eine Weiterentwicklung des Kapitalmarktes. Wir haben ein sehr fragmentiertes Börsensystem und in Europa konkurrieren diese Börsen miteinander. Wenn wir den European Market wieder aufbauen wollen, müssten wir eigentlich dahin kommen, gemeinsame Handelsplattformen und harmonisierende Regulierungen zu entwickeln, damit überhaupt auch mal Vergleichbares zustande kommt wie beim Nasdaq. Wenn Mistral als europäisches KI-Unternehmen wirklich groß werden will und den europäischen Markt als Heimatmarkt anstrebt, braucht es dafür auch das entsprechende Kapital. OpenAI wird angeblich hunderte Milliarden Dollar verbrennen, bevor sie Break-even erreichen. Das bekommt man auf dem europäischen Kontinent schlicht nicht zusammen.
Kann Europa da überhaupt noch mithalten? Die US-Tech-Giganten dominieren alles.
Ich halte es ehrlich gesagt nicht für wahrscheinlich, dass das nächste Google oder das nächste Microsoft aus Europa kommt. Das kann ich mir von den Strukturen her nicht vorstellen – in den Größenordnungen von Google, Amazon und Microsoft. Aber wie gesagt, darum darf und muss es uns ja gar nicht einzig und alleine gehen: Eine nächste Generation erfolgreichen, technologischen Mittelstands, Applied AI – das sind die Themen, über die wir uns unterhalten sollten!
Wäre das vielleicht sogar ein Problem der EU-Kommission, die ja schon in Richtung mehr Regulierung geht?
Selbst dann haben Sie natürlich Markt und Infrastruktur. Überlegen Sie mal, Sie würden Microsoft in Europa verbieten. Theoretisch klingt das konsequent, aber Sie würden die deutsche Wirtschaft erst mal brachlegen. Jeder, der irgendwie seinen SharePoint hat, Microsoft 365 und so weiter und es gibt schlicht nichst, um das sofort zu ersetzen. Ich glaube auch nicht, dass das die zielführende Diskussion ist. Wir wollen ja keine abgeschlossenen Wirtschaftsräume schaffen.
Amerika wird als abgeschlossener Wirtschaftsraum nicht funktionieren, Europa auch nicht, China auch nicht, auch wenn es da gewisse Bestrebungen gibt. Es geht eher darum, was wir unter diesen Rahmenbedingungen aufbauen. Wir werden trotzdem Weltmarktführer entwickeln können – vielleicht nicht die alles dominierenden Plattformen, aber in ausreichend vielen Bereichen und Nischen.
Aber ist da nicht die Gefahr, dass am Ende wieder fragwürdige Investoren die vielversprechenden Unternehmen aufkaufen?
Das ist eine berechtigte Frage. Im Defense-Tech-Bereich hilft es, dass die Politik hier Kontinuität schaffen kann. Man weiß, dass in den nächsten zehn Jahren drei- bis vierhundert Milliarden Euro mehr in diesen Sektor fließen werden, weil alle das NATO-Ziel erreichen wollen. Das heißt, es wird nicht nur in amerikanische Systeme investiert, sondern aus der eigenen Wirtschaftslogik heraus entstehen Lösungen in Frankreich, Deutschland, Schweden, den Niederlanden. Die Bundeswehr hat sich ja gerade bewusst dagegen entschieden, Palantir einzusetzen und setzt stattdessen auf eine eigene Lösung. Und ich finde, wir müssen dahin kommen: Wie wettbewerbsfähig kriegen wir eine eigene Lösung hin?
Wenn man auf den Defense-Tech-Bereich schaut, sieht man, dass da schon etwas entsteht: Helsing, Quantum Systems, Stark aus Berlin, Istro – überall entstehen diese Unternehmen. Die Frage ist, wie wir wirtschaftliche Rahmenbedingungen schaffen, damit die hier bleiben können.
Und was ist mit Chips und Halbleitern und der instabilen geopolitischen Lage?
Im Bereich der Halbleiterindustrie ist die Welt abhängig von Taiwan. Und ich würde noch nicht mal so weit gehen zu sagen, Krieg ja oder nein. Ähnliche Szenarien könnten wir uns im Sinne einer Eskalierung vorstellen, ohne dass ein Schuss fällt: dass die wichtigen Chips weltweit nicht mehr in die westlichen Märkte verteilt werden.
Was wäre dann die Antwort darauf?
Nachher kommt es darauf an, was wir eigentlich in die Waagschale werfen können, um nicht von Lieferketten abgeschnitten zu werden. Uns würde ja nur jemand nicht mehr was liefern, wenn unsere Verhandlungspositionen schwach wären, oder wenn wir in der Folge nicht sagen könnten: Dann liefern wir euch die Sachen auch nicht, und eure Probleme werden viel größer. Es gibt ja durchaus schon in der Wirtschaftsstruktur solche Hebel. Das Klemmen-Valley ist so ein Beispiel.
Die Logik muss sein: Wir bauen uns eine wirtschaftliche Power auf, wo wir in bestimmten Bereichen so gut sind – auch manchmal in Nischen –, dass wir Weltmarktführer sind, das kann in den Bereichen wie der Industrie, Robotik und Energie der Fall sein. Das ist das Gewicht, das wir dann auch in solchen Verhandlungen einbringen können. Und das kommt aus dem Hinterland – ob aus dieser Region, aus Heilbronn, aus Nürnberg, aus Oldenburg oder wo auch immer. Das sind genau diese Unternehmen hier, und das werden auch die neuen Start-ups sein, die dafür sorgen, dass wir dieses Gewicht reinbringen können.
Wir müssen einfach anfangen, die Sachen zu machen. Es lohnt sich nicht, weiter zu philosophieren. Die Erkenntnisse haben wir alle. Jetzt geht es darum, was wir eigentlich tun und womit wir anfangen. Die Kombination aus allem, was neu kommt, und den bestehenden Dingen, die wir erhalten können – das ist die Kraft und das Gewicht, das wir einbringen können. Und das ist auch das, was wir mit der Konferenz versuchen widerzuspiegeln: Beispiele auf die Bühne zu stellen, die das verkörpern. Die zeigen, dass es geht. Hier, jetzt, in Deutschland und Europa.
(mack)
Künstliche Intelligenz
Böser Bug: „Unpatchbarer“ SoC-Fehler bis hoch zum iPhone 11
„checkm8“ ist wieder da, nur diesmal für neuere iPhones: Sicherheitsforscher von Paradigm Shift haben mit „usbliter8“ eine BootROM-Lücke in den Apple-Silicon-Chips A12 und A13 entdeckt, von denen sie ausgehen, dass Apple sie nicht beheben kann. Damit wären nicht zu behebende Jailbreaks und andere Angriffsformen bis hoch zum iPhone 11 möglich. Ein Proof-of-Concept-Exploit liegt bereits vor.
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Ein Bug im USB-Controller
Die Idee hinter solchen weitreichenden Sicherheitslöchern liegt darin, dass sie in einem Teil der Hardware eines iPhone liegen, der „fest verdrahtet“ ist, sich also mittels Update oder anderer Maßnahmen nicht stopfen lassen. Das BootROM alias SecureROM ist jener Bereich, den ein iPhone vor jeglicher anderer Software bootet. „usbliter8“ nutzt nun einen Fehler, der im von Apple in seinen A12- und A13-Chip eingebauten USB-Controller steckt, schreibt Paradigm Shift.
Mithilfe spezieller Datenpakete soll es möglich sein, den Speicherpuffer der USB-Controller-Hardware zu manipulieren, um eine Speicherzugriffsausweitung zu erreichen, was dann zum Schreiben von Daten in Bereiche führt, die eigentlich nicht zugänglich sein sollten. „Da diese Sicherheitslücken in unveränderlichem Code liegen, sollten betroffene Nutzer sich bewusst sein, dass die Umstellung auf neuere Hardware nach wie vor die wirksamste Abhilfemaßnahme darstellt.“ Der auf GitHub bereitgestellte Proof-of-Concept-Exploit nutzt ein Waveshare-USB-A-Bord, bei dem eine Hardware-Veränderung (Entfernung eines Kondensators) vorgenommen wurde. Es steckt wiederum in einem Mac oder PC, der Anschluss des iPhone erfolgt über Lightning (Tethered Exploit). Auch andere RP2350-Boards seien nutzbar. Der PoC-Exploit scheint noch kein vollwertiger Jailbreak zu sein, dieser dürfte jedoch schnell folgen.
Welche Geräte betroffen sind
Laut Paradigm Shift betrifft „usbliter8“ aktuell A12 und A13 sowie die Apple-Watch-SiPs S4 und S5. Paradigm Shift vermutet, dass auch der A12X/A12Z angreifbar ist, hat dies aber noch nicht umgesetzt. Beim A11 besteht das Problem hingegen nicht. Die Umgehung der Sicherheitsmaßnahmen beim A13 sei schwieriger als beim A12. Apple selbst soll nicht direkt für die Lücke verantwortlich sein, sondern der USB-Controller-Hersteller Synopsys. Die verwendete Baureihe sei der DWC2.
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Der A12 steckt in iPhone XS, XS Max sowie XR, außerdem iPad mini (5. Generation), iPad Air (3. Generation) und iPad 8, plus Apple TV 4K (2. Generation). A12X und A12Z, für die es später Exploits geben könnte, werden im iPad Pro 11 (1. und 2. Generation), iPad Pro 12,9 (3. und 4. Generation) sowie in Apples Developer Transition Kit (DTKI für die Arbeit an ersten Apple-Silicon-Apps für den Mac verwendet. Der Apple A13 ist im iPhone 11, 11 Pro und 11 Pro Max sowie dem iPhone SE der 2. Generation eingebaut. Hinzu kommen Standard-iPad der 9. Generation und das Apple Studio Display der 1. Generation. In der Praxis heißt dies, dass eine unpatchbare Lücke in vier iPhone-Modellen steckt, die noch für iOS 27 bereit sind: iPhone 11, 11 Pro, 11 Pro Max und SE 2. iPadOS 27 läuft wiederum noch auf drei betroffenen Modellen: iPad der 9. Generation sowie iPad Pro aus dem März 2020 (beide Größen).
(bsc)
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