Gutes Design braucht zukünftig mehr Reibung als je zuvor › PAGE online
Der iF Design Trend Report 2026 zeigt: Zukunftsweisendes Design braucht bewusste Hindernisse. Der Trend »Skillization« verändert die Rolle von Gestalter:innen: weg von Bequemlichkeit, hin zu »Designing Friction«.
In einer Welt, die zunehmend von Automatisierung, künstlicher Intelligenz und smarter Robotik dominiert wird, ist unser Alltag so komfortabel wie nie zuvor. Das hat einen großen Impact auf die zukünftigen Anforderungen exzellenter Designideen. Denn unsere sogenannte »Convenience Culture« verspricht ein Leben ohne physische Mühe oder großartige mentale Belastungen. Alles soll schneller und einfacher von der Hand gehen.
Aber zu viel Bequemlichkeit macht einen träge. Dies kann unter Umständen auch kognitive Fähigkeiten einschränken. Und das gilt für Gestalter:innen und Verbraucher:innen natürlich gleichermaßen.
Denn wenn smarte Design-Produkte den Konsument:innen jegliche Anstrengung abnehmen und die Zielgruppen durch vorgefertigte, reibungslose Korridore der User-Experience schleusen, verkümmern dann nicht langsam die Kompetenzen hinsichtlich Kritikübung oder das Infragestellen im Allgemeinen?
Zu viel Komfort macht süchtig
Komfort kann sich wie eine Art Sucht verhalten – sie steigert unter Umständen das Verlangen nach noch mehr Entlastung. Die Studienlage hierzu kommt vor allem aus der Psychologie. Aber ohne kognitive und physische Herausforderungen droht der Mensch, in seiner optimierten Umwelt zum vermehrt passiven Konsumenten zu werden. Und der Mangel an Konfrontation macht einen letztlich auch weniger resilient.
Als Antwort auf diese Entwicklung etabliert sich laut iF Design Report 2026 ein Gegentrend: »Skillization«. Für die Gestaltung bedeutet dies: Weg von rein maximaler Bequemlichkeit, hin zu Produkten und Designlösungen, die als Werkzeuge fungieren – sie aktivieren und fordern die User durch bewusste Herausforderungen, um sie beim Erlernen neuer Fähigkeiten zu unterstützen.
Mehr Hindernisse sind gewünscht: Designing Friction
Zukünftige Gestaltungsideen wollen demnach eben nicht Alltagshindernisse eliminieren, im Gegenteil. Sie wollen Reibung produktiv und bewusst einsetzen. Das nennt man »Designing Friction«.
Ziel ist es natürlich nicht, Frustration zu erzeugen, sondern durch gezielte Interaktionshürden Momente der Achtsamkeit zu schaffen, die den Autopiloten im Kopf der User auch mal ausschalten und Raum für bewusste Entscheidungen öffnen.
Kreative stehen vor der zentralen Aufgabe, Produkte, Kampagnen und digitale Schnittstellen so zu gestalten, dass sie die User aktiv herausfordern, anstatt sie nur stumpf zu bedienen.
Vier tragende Säulen im Überblick
Erstens steht die gewollte Nutzeraktivierung im Vordergrund: Probleme werden im Designprozess bewusst als spannende Aufgaben inszeniert. Anstrengung wird wieder spürbar und sensorisch erfahrbar gemacht.
Zweitens müssen Produkte und digitale Schnittstellen echte Offenheit für Selbstwirksamkeit bieten. Sie sollten flexiblen Handlungsspielraum lassen, damit Anwender selbstbestimmt experimentieren und wachsen können.
Drittens wird Technologie zum Kreativpartner auf Augenhöhe. Smarte Werkzeuge integrieren Feedbackschleifen direkt in die Anwendung, sodass die Aneignung von Wissen spielerisch und intuitiv gelingt.
Viertens manifestiert sich dieser Wandel in dynamischen Communitys. Solche Netzwerke organisieren das Lernen kollektiv und schaffen Räume, in denen geteiltes Wissen und gegenseitige Motivation im Vordergrund stehen.
Von Wahnsinn zu Wohnsinn: Darauf setzt die Schwäbisch Hall heute › PAGE online
Das Wort Bausparkasse klingt für die Gen Z nicht gerade wie ein hippes Zukunftsversprechen. Zu sehr ist es mit »schaffe, schaffe Häusle bauen« verbunden, mit Vorort-Idylle und Sesshaftigkeit. Nicht aber in der neuen #MakeItReal-Kampagne, die Ogilvy für Schwäbisch Hall entwickelte.
Bereits im letzten Sommer setzte Ogilvy gemeinsam mit Agencygroup-Partner Social.Lab für Schwäbisch Hall auf #MakeItReal. Die Agentur verwandelte Wohnträume in Legohäuser samt Pixelgame und wandte sich so an die Gen Z. Und das äußerst erfolgreich, wie es von den Kreativen heißt.
Jetzt geht die Kampagne in die zweite Sommer-Runde.
Natürlich ist KI im Spiel. Kaum noch eine Kampagne, die jüngere Generationen anspricht, kommt mehr ohne aus. Erst recht nicht, wenn Fantasie ins Spiel kommen soll.
Und so sind die Wohnträume hier fluffy, cyber und bold, heißt: ordentlich aufgepumpt, mit fliederfarbenem und gelbem Fake-Flokati überzogen, mit prallen Möbeln ausgestattet oder von Neon durchzogen und vor den Fenstern rieselt der Schnee.
Mehr als eine Kampagne
»Von Wahnsinn zu Wohnsinn« heißt die Kampagne, die jetzt die individuellen Wohnideen selbst in den Fokus rückt und junge Menschen auf diese Weise frühzeitig zum Bausparen motivieren möchte.
Auf Social-Media sollen diese zudem anhand kreativer Formate ermutigt werden, »ihre persönlichen Visionen ernst zu nehmen und zu verfolgen«, und in der zweiten Jahreshälfte werden erweiterte Community-Formate hinzukommen.
Darunter die #MakeItReal Roomtour, bei der der Streamer und Musikproduzent Rewinside ungewöhnliche Wohnkonzepte vorstellt und die #MakeItReal Traumhaus Awards.
Denn #MakeItReal soll mehr als eine Kampagne sein: Es soll eine Plattform samt Community werden, auf der Wohnträume geteilt und gefeiert werden.
Kreativität & Community
Es soll ein langfristiger Dialog mit der Gen Z gestartet werden und der Weg zum eigenen Zuhause (das hier keineswegs mehr Eigenheim genannt wird) mit der eigenen Kreativität und mit der Community verbunden werden.
Das scheint ein smarter Weg. Gerade auch, wenn man bedenkt, wie hoch Individualität und auch die ganz individuelle Gestaltung des eigenen Zuhauses gerade gehandelt werden.
Nur muss es immer sofort so KI-crazy werden, wenn es um jüngere Menschen geht?
Das Tempo des Spots bringt es auf jeden Fall in einen guten Rhythmus und wenn man dann die vielen diversen Gen Zs sieht. Und man nur hoffen kann, dass sie nicht KI-generiert sind.
Infografische Zeitreisen, kinetisches Bauhaus-Erbe und Stimmen mit AI › PAGE online
Diese Studentinnen haben beim ADC Talent Award 2026 Nägel gewonnen. Die Projekte zeigen eine schöne Bandbreite, die von interaktiver Produktverpackung bis hin zu historischen Denkanstößen reicht.
Bild: Silberner Nagel in der Kategorie »Experiment > Kreativer Einsatz von Technik« Semesterarbeit, betreut von Marcel Saidov
Über das Projekt »VOXAIPE – Decoded« von Mai Do der Bauhaus-Universität Weimar hatte PAGE bereits berichtet. Dabei stand die Frage im Raum, wie man Stimmen in eine visuelle Form bringen könnte. Das Ergebnis begeistert, denn das digitale, KI-gestützte Typografie-Design-Tool kann menschliche Stimmen in Schrift übersetzen. Dabei hilft ein Large Language Model (LLM), das die Stimmenform sichtbar macht. Dafür analysiert es Klang, Rhythmus, Tonhöhe und Lautstärke.
Was das Projekt so interessant macht, ist die Art und Weise, wie künstliche Intelligenz genutzt wird. Denn hier wird ein Bogen zur Menschlichkeit – der echten Stimme – geschlagen, der wie ein Katalysator wirkt, dass man AI in diesem Zusammenhang akzeptiert. Wie eine kulturelle Brücke, die repräsentiert, wie einzigartig jede Stimme ist, und damit auch jede entstehende variable Buchstabenform.
Neben der Installation gab es übrigens auch ein 228-seitiges Künstlerbuch (s. Bild oben), das den typografischen Verlauf eines mehrminütigen Monologs zeigt. Das Projekt erhielt bei den ADC Talent Awards einen bronzenen Nagel.
Eine infografische Zeitreise
Nina Buschendorf erhielt für »Sexismus gibt es erst seit 23 Stunden« einen silbernen Nagel. In ihrer Masterarbeit macht sie die Geschichte des Sexismus greifbar, indem sie zwei Millionen Jahre Menschheitsgeschichte auf ein einziges Kalenderjahr herunterschrumpft. Das Ergebnis: Systematische Ungerechtigkeit beginnt erst am allerletzten Tag dieses gedachten Jahres – also vor umgerechnet gerade einmal 23 Stunden.
Eine mechanische Installation bewegt eine 55 Meter lange Stoffbahn per Kurbel, während ein begleitendes Leporello-Buch die dramatischen Entwicklungen der letzten 5.000 Jahre im Detail aufschlüsselt.
Bauhaus-Universität Weimar: Silberner Nagel in der Kategorie »Abschlussarbeiten > Experimentelle/Künstlerische Gestaltung« Masterarbeit, betreut von Prof. Burkhart von Scheven und Masihne Rasuli
Kinetisches Bauhaus-Erbe
Xiaoyi Jin bekam ebenso einen Silbernagel für das Projekt »TRIADISCHER GIN«. Mit dieser Semesterarbeit für die Wiegand Manufactur Weimar verwandelt Xiaoyi Jin eine Spirituosenflasche in eine interaktive Bühne. Der Clou: Ein zweischichtiges Lentikular-Etikett erzeugt beim Drehen der Flasche animierte Silhouetten, die auf Oskar Schlemmers »Triadisches Ballett« verweisen. Dazu passt der Subtitle auf dem Etikett: »Ein fließender Tanz der Aromen«.
Bauhaus-Universität Weimar: Silberner Nagel in der Kategorie »Semesterarbeiten > Brand Identity / Brand Design« Semesterarbeit, betreut von Prof. Burkhart von Scheven und Masihne Rasuli
Das sind die Schönsten Deutschen Bücher 2026! › PAGE online
Die 25 Gewinner des wichtigsten deutschen Wettbewerbs für Buchgestaltung, die »Schönsten deutschen Bücher 2026« sind da – und fächern die verschiedensten spannenden Aspekte von Buchdesign auf und Themen, die von Printmaking über bestes Grafikdesign zu Upcycling reichen.
Es ist soweit: Die Stiftung Buchkunst hat die bestgestalteten Bücher des Jahres 2026 gekürt.
Um die 600 Bücher wurden eingereicht und von zwei Juys in einem mehrstufigen Prozess begutachtet.
Zu den insgesamt 14 Juror:innen gehörten Cilly Klotz von Prestel, Antje Birkholz von Fischer Sauerländer und Rainer Arnold vom Hirmer Verlag an.
Es ging um Haptik und Herstellung, um einfache Mittel mit großer Wirkung oder darum, wie Buchgestaltung einen berührt. Satzspiegel, Schrift und Typografie wurden berücksichtigt, Lesbarkeit und das Buch als Objekt mit Vorderseite, Buchrücken und Rückseite, es ging um die Korrespondenz einzelner Gestaltungselemente, um den Umgang mit Text und Bild oder die Doppelseitengestaltung.
Sieben Tage lang trafen auch in diesem Jahr in den beiden Jurys unterschiedliche Kriterien aufeinander und ihre Auswahl zeigt ein spannendes Gesamtbild.
Und das in den Kategorien »Allgemeine Literatur«, »Wissenschaftliche Bücher, Fachbücher, Lehrbücher«, »Ratgeber, Sachbücher«, »Kunstbücher, Fotobücher, Ausstellungskataloge« und »Kinderbücher, Jugendbücher«, in denen jeweils fünf Bücher ausgezeichnet werde. Und zusätzlich natürlich auch der Nachwuchs.
Das sind die Gewinner!
Die Gewinner in der Kategorie Allgemeine Literatur:
Annette Gilbert, Andreas Bülhoff (Hg.): Library of Artistic Print on DemandGestaltung: Lyosha Kritsouk, erschienen bei Spector Books, Leipzig
Kazuo Shinohara: Residential ArchitectureGestaltung: Elektrosmog, erschienen bei Park Books, Zürich
Regina Bittner, Katja Klaus, Philipp Sack (Hg.): Schools of Departure (Reihe, bisher 4 Titel) Gestaltung: Yvonne Tenschert, Offshore, erschienen bei Spector Books, Leipzig
Kashef Chowdhury / URBANA (Hg.): Meditations in EntropyGestaltung: Samuel Bänziger, Rosario Florio, Larissa Kasper, erschienem bei Park Books, Zürich
Luis Adrian Borchardt: Anti-EnvironmentsGestaltung: Luis Adrian Borchardt, erschienen bei einBuch.haus, Berlin /Scheidegger & Spiess, Zürich
Die Gewinner in der Kategorie Ratgeber, Sachbücher:
Steffen Kunkel: Suche nach dem UnbestimmtenGestaltung: Spector Books / Markus Dreßen, erschienem bei Spector Books, Leipzig
Hanna Harms: Wald ohne BäumeGestaltung: Hanna Harms, erschienen im Carlsen Verlag, Hamburg
Julia Blume, Nanne Buurman, Julia Kurz: Bruchstücke, Leerstellen, Blinde FleckenGestaltung: Emil Kowalczyk, Merle Petsch erschienen bei Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig
Markus Frenzl: serien.bookGestaltung: Bureau Sandra Doeller / Sandra Doeller, Merle Petsch, Marcel Backscheider, erschienen im Verlag form, Frankfurt am Main
Konrad Staisch: Das, was da istGestaltung: Konrad Staisch, erschienen im Ankerwechsel Verlag, Hamburg (siehe auch PAGE 01.2026)
Die Gewinner in der Kategorie Kunstbücher, Fotobücher, Ausstellungskataloge:
Museum für Gestaltung Zürich, Sabine Flaschberger, Petra Schmid (Hg.): König HirschGestaltung: Hubertus Design / Kerstin Landis, Jonas Voegeli, erschienen bei Scheidegger & Spiess, Zürich
Daniela Haufe, Detlef Fiedler: cyanGestaltung: cyan / Daniela Haufe, Detlef Fiedler, erschienen bei hesign, Berlin
Beate Fricke (Hg.): Raub und Ruhm. Erbeutetes Erbe im MuseumGestaltung: Kaj Lehmann, erschienen im Vexer Verlag, St. Gallen/Berlin
Stella Rollig, Sergey Harutoonian (Hg.) Ashley Hans Scheirl: In & Out of Painting*Gestaltung: Beton / Benjamin Buchegger, Oliver Hofmann, erschienen bei Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln
Eszter Kondor, Michael Loebenstein, Katharina Müller (Hg.): How to Do Things with VALIE EXPORTGestaltung: Malin Gewinner, erschienen bei Spector Books, Leipzig
Die Gewinner in der Kategorie Kinderbücher, Jugendbücher:
Reto Crameri: MAL PIXEL MALIllustration / Gestaltung: Reto Crameri, erschienen im kunstanstifter verlag, Mannheim
Laura Momo Aufderhaar, Verena Hochleitner: Was tun, wenn…Illustration / Gestaltung: Laura Momo Aufderhaar, Verena Hochleitner, erschienen im kunstanstifter verlag, Mannheim
Jakub Plachý: Schaut, ein Elefant!Illustration / Gestaltung: Jakub Plachý, erschienen bei Rotopol, Kassel
Nina Wehrle: Schluss. Aus. Basta!Illustration: Nina Wehrle Gestaltung: NordSüd Verlag / Theresa Gamper, erschienen im NordSüd Verlag, Zürich
Anna Haifisch: Die Grille in der GeigeIllustration / Gestaltung: Anna Haifisch, erschienen bei Rotopol, Kassel (siehe auch PAGE 01.2026)
Von einer Jury aus Gestalter:innen und Hochschulexpert:innen wurden diese drei Publikationen, die jeweils mit 2.000 Euro dotiert sind, ausgewählt. Kriterium sind besonders innovative, zukunftsweisende Konzepte zur gestalterischen Weiterentwicklung des Mediums Buch.
Yitong Feng: HEIM-WEG-FREMD-WEGGestaltung / Illustration: Yitong Feng, erschienen im Eigenverlag
Celia Joy Homann: Vulvodynie – Schmerz der WeiblichkeitGestaltung / Fotografie: Celia Joy Homann, erschienen im Eigenverlag
Lena Ludwig: Liebhabkondensat – Eine Sammlung von 100 familiären IdiolektenGestaltung: Lena Ludwih, erschienen im Eigenverlag
Am 4. September 2026 schließlich wird zusätzlich zu den 25 Schönsten Deutschen Büchern wird der mit 10.000 Euro dotierte »Preis der Stiftung Buchkunst« vergeben, der von einer Sonderjury von den 25 »Schönsten Deutschen Büchern« ausgewählt wird.
Gleichzeitig wird anlässlich des 60-jährigen Jubiläums der Stiftung Buchkunst auch die Ausstellung »Stiftung Buchkunst: 60 Jahre Schöne Bücher« eröffnet.
Darüber hinaus werden alle prämierten Bücher in den nächsten Monaten auf Buchmessen im In- und Ausland sowie in zahlreichen Ausstellungen in Bibliotheken und Buchhandlungen präsentiert.
Auch die Dauerausstellung im Foyer des Literaturhauses Frankfurt und die Terrassengespräche im Berliner PalaisPopulaire (1. Juli 2026, 19 Uhr Oswald Egger über sein prämiertes Buch »Oskar Fiala und das Prinzip der kleinsten Wirkung«) werden fortgeführt.