Datenschutz & Sicherheit
Kommentar: Neue Windows-Regeln – fraglich für die Sicherheit, nervig für Nutzer
Microsoft hat umfassende Änderungen an der Windows-Sicherheitsarchitektur angekündigt, die auf den ersten Blick nach einem Fortschritt klingen – bei genauerem Hinsehen aber erhebliche Schwachstellen offenbaren. Künftig sollen zwei neue Mechanismen für mehr Transparenz und Kontrolle sorgen: der „Windows Baseline Security Mode“ und erweiterte Nutzerberechtigungen unter dem Label „User Transparency and Consent“. Beide Ansätze werfen jedoch zentrale Fragen auf, die Microsoft bislang unbeantwortet lässt.
Weiterlesen nach der Anzeige

Moritz Förster schreibt seit 2012 für die iX und heise online. Er betreut neben dem iX-Channel den Bereich Arbeitsplatz.
Der neue Baseline Security Mode soll standardmäßig nur noch signierte Anwendungen, Dienste und Treiber zur Ausführung zulassen. Aus Sicht vieler Security-Beauftragten mag das eine sinnvolle Maßnahme gegen Schadsoftware sein, sie nimmt den Anwendern aber in hohem Maß die Freiheit, ihren Windows-PC nach eigenem Belieben zu nutzen – wäre da nicht das Opt-out-Modell. Nutzer und IT-Administratoren können für einzelne Apps Ausnahmen definieren und damit die Schutzfunktion gezielt aushebeln.
Genau aufgrund dieser Möglichkeit verbleibt aus Security-Sicht jedoch ein potenzielles Einfallstor: Wird ein System einmal kompromittiert, können Angreifer diese Ausnahmen prinzipiell manipulieren oder selbst definieren. Am Ende kann Microsoft im Drahtseilakt zwischen Sicherheit und Nutzerfreundlichkeit also keine Seite richtig befriedigen. Der Blick über den Tellerrand zeigt, dass Apples vergleichbares Vorgehen bei macOS bei Anwendern nur bedingt gut ankommt.
Microsofts Ankündigung bleibt zudem vage, was die technische Umsetzung betrifft. Der Konzern spricht von „Runtime Integrity Safeguards“, ohne zu konkretisieren, wie sich diese von bestehenden Mechanismen wie Smart App Control unterscheiden. Letzteres nutzt Cloud-basierte Reputationsprüfungen und maschinelles Lernen, um verdächtige Software vor dem Start zu blockieren. Der Baseline Security Mode soll anscheinend primär breiter ansetzen und auch Dienste sowie Treiber zur Laufzeit überwachen – doch wie genau diese Prüfung ablaufen soll, gibt Microsoft bislang nicht bekannt.
Fragmentierung und Legacy-Probleme vorprogrammiert
Bereits sicher ist hingegen, dass die Situation für Unternehmens-IT und Organisationen mit älteren Anwendungen besonders problematisch wird. Unsignierte Legacy-Software wird unter dem neuen Regime blockiert, sofern Administratoren nicht manuell Ausnahmen konfigurieren. Das bedeutet erheblichen Verwaltungsaufwand für etliche IT-Abteilungen – und das Risiko einer fragmentierten Anwendungslandschaft. Hinzu kommt: Entwickler, die keine Ressourcen für die Code-Signierung aufbringen können oder wollen, werden faktisch von einem breiten Teil der Windows-Nutzerbasis ausgeschlossen. Besonders hart trifft das Open-Source-Projekte und Entwickler, die sich teure Code-Signing-Zertifikate von Microsoft nicht leisten können oder wollen.
Microsoft plant eine schrittweise Einführung, ohne konkrete Zeitpläne oder Meilensteine zu nennen. Sollen die neue Security-Maßnahmen schnell greifen, wäre ein Start bereits mit der Windows Insider Preview Mitte 2026 denkbar, zum Beispiel in Version 26H2 – oder einem künftigen Windows 12. Welche konkreten APIs und Tools der Konzern Entwicklern zur Verfügung stellen wird, um ihre Software anzupassen, bleibt ebenfalls unklar. Microsoft verweist lediglich auf kommende Blogbeiträge und Feedback-Kanäle – eine auffallend dünne Informationsbasis für eine derart weitreichende Änderung in Windows.
Weiterlesen nach der Anzeige
Berechtigungsabfragen nach Smartphone-Vorbild
Genauso zweischneidig ist das zweite neue zweite Security-Standbein: erweiterte Berechtigungsabfragen, wie sie von iOS und Android bekannt sind. Apps sollen künftig Nutzer um Erlaubnis fragen, bevor sie auf Dateien, Kamera oder Mikrofon zugreifen. Während macOS oder mobile Betriebssysteme seit Jahren granulare Berechtigungen durchsetzen, hinkt Windows in dieser Hinsicht tatsächlich deutlich hinterher.
Doch auch hier droht ein altbekanntes Problem: Prompt Fatigue, die Ermüdung durch zu viele Berechtigungsabfragen. Microsoft verspricht „klare und umsetzbare Prompts“, liefert aber keine Details, wie das Betriebssystem eine Überflutung der Nutzer mit Pop-ups vermeiden soll. Zudem bleibt offen, wie das System mit KI-Agenten umgeht, die zunehmend autonom agieren. Microsoft erwähnt „höhere Transparenzstandards“ für solche Anwendungen – freilich ohne deren Umsetzung zu erläutern.
Performance-Einbußen und Datenschutzbedenken
Obendrein dürften die geplanten Runtime-Checks die Systemleistung negativ beeinträchtigen, besonders auf Rechnern mit vielen installierten Anwendungen. Oder auf ohnehin altersschwachen PCs in etlichen Büros. Jede Prüfung kostet Rechen- und obendrein noch Arbeitszeit – ein Overhead, den Microsoft bislang nicht quantifiziert.
Auch datenschutzrechtlich wirft die erweiterte Überwachung von App-Aktivitäten Fragen auf. Um Transparenz herzustellen, muss das Betriebssystem kontinuierlich erfassen, welche Anwendung auf welche Ressourcen zugreift. Diese Telemetriedaten könnten bei einer Übertragung in die USA problematisch werden, insbesondere im Kontext der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). Microsoft äußert sich nicht dazu, wie diese Daten gespeichert, verarbeitet oder möglicherweise übertragen werden.
Sollte also bei Windows alles so bleiben wie gehabt? Nein – aber gerade das offene System hat den PC vor langer Zeit zum Erfolg geführt. Nutzer durften installieren und ausführen, was sie wollten. Im Gegensatz zur vorigen Computer-Welt in Unternehmen. Dass Sicherheit heute eine größere Rolle spielen muss, ist unbestritten. Doch statt sie durch Abschottung und Nutzergängelung zu erreichen, wären ein besseres Design des Systems selbst und vor allem verlässliche Updates der richtige Weg.
(fo)
Datenschutz & Sicherheit
EU-Kommission: Cyberangriff auf Cloud-Dienste | heise online
Cyberkriminelle haben die Europäische Kommission attackiert. Dabei könnten sie auch eine große Menge an Daten erbeutet haben. Die EU untersucht noch die vollständigen Auswirkungen des Vorfalls.
Weiterlesen nach der Anzeige
Laut der Kommission ereignete sich der Angriff schon am Dienstag. Demnach sei ein Webauftritt der EU-Kommission auf der EU-eigenen Plattform europa.eu betroffen gewesen, aber keine internen Systeme der Kommission. „Frühe Ergebnisse unserer laufenden Untersuchung deuten darauf hin, dass Daten von diesen Websites stammen“, erklärte die Kommission. Andere EU-Einrichtungen, die von dem Vorfall betroffen sein könnten, will die Kommission unterrichten. Dass auch vermeintlich sichere Infrastrukturen zum Ziel werden, zeigte sich erst kürzlich, als Angreifer Zugriff auf Nutzerdaten bei Cloud Imperium Games erlangten.
Etwas mehr Details veröffentlichte bereits das Portal bleepingcomputer, das Informationen von einem der beteiligten Bedrohungsakteure erhalten haben will. Demnach traf der Angriff mindestens einen der Amazon-Web-Services-Accounts (AWS-Accounts) der Kommission. Bei Amazon habe es aber keinen Sicherheitsvorfall gegeben und alle Dienste würden weiter funktionieren wie vorgesehen, teilte ein Amazon-Sprecher Bleepingcomputer mit.
Screenshots sollen Zugriff auf Mailserver zeigen
Wie Bleepingcomputer von dem mutmaßlichen Angreifer erfahren haben will, wurden bei dem Angriff 350 Gigabyte an Daten erbeutet, inklusive mehrerer Datenbanken. Die Glaubwürdigkeit ist allerdings noch fraglich: Als Beleg führte er mehrere (nicht öffentliche) Screenshots an, auf denen der Zugriff auf Informationen der Kommission sowie auf einen ihrer E-Mail-Server zu sehen sein soll. Das würde der Darstellung der EU-Kommission, es seien keine internen Systeme betroffen, widersprechen. Details zum Vorgehen teilte er nicht.
Das Ziel der Angreifer sei demnach nicht, die Kommission zu erpressen. Allerdings wollen sie zeitnah einige der Daten veröffentlichen. Welche Daten mutmaßlich erbeutet wurden, ist zum aktuellen Zeitpunkt noch unklar. Die EU reagierte in der Vergangenheit bereits mit harten Maßnahmen auf solche Vorfälle und sanktionierte iranische sowie chinesische Staatshacker wegen Angriffen auf europäische Einrichtungen. Im aktuellen Fall wird der Angriff auf Daten der EU noch keinem staatlichen Akteur zugeordnet.
Lesen Sie auch
(nen)
Datenschutz & Sicherheit
Berichte über Cyberangriff auf FBI-Direktor Kash Patel durch Iran-Hacker
Der Direktor der US-Bundespolizeibehörde FBI, Kash Patel, ist Medienberichten zufolge Opfer eines Cyberangriffs geworden. Eine Gruppe mit Verbindungen zum Iran habe den Cyberangriff für sich reklamiert, schrieb unter anderem die „New York Times“. Demnach wurden Fotos und Dokumente von Patels privatem E-Mail-Konto auf einer Webseite mit dem Namen „Handala“ veröffentlicht. Laut „New York Times“ wurde die Seite allerdings von einem russischen Server aus betrieben.
Weiterlesen nach der Anzeige
Dem Federal Bureau of Investigation (FBI) sei bekannt, dass Angreifer es auf die persönlichen E-Mail-Daten von Direktor Patel abgesehen hätten, teilte ein Sprecher mit. „Die Informationen sind nicht aktuell und enthalten keine Daten aus der Regierung“, teilte ein Sprecher der Behörde mit. Demnach setzt das Außenministerium eine Belohnung von bis zu zehn Millionen US-Dollar für Hinweise aus, die zur Identifizierung des iranischen „Handala Hack Teams“ führen.
US-Regierung ging vergangene Woche gegen iranische Cyberkriminelle vor
Wie CNN berichtete, stammen die E-Mails aus dem Zeitraum von etwa 2011 bis 2022. Dabei gehe es vor allem um persönlichen und geschäftlichen Mailverkehr. Patel ist seit etwas mehr als einem Jahr Direktor der Sicherheitsbehörde.
Erst vergangene Woche hatte das Justizministerium einen Schlag gegen iranische Cyberkriminelle verkündet: Mehrere Webseiten, die mit den iranischen Geheimdiensten in Verbindung stehen sollen, wurden demnach gesperrt. Auch in diesem Kontext fiel der Name Handala. Eine Seite mit dem Namen habe in diesem Jahr etwa einen Cyberangriff auf ein Medizintechnikunternehmen mit Sitz in den USA für sich reklamiert.
Lesen Sie auch
(nen)
Datenschutz & Sicherheit
Die Woche, als Tausende gegen digitale Gewalt auf die Straße gingen
Liebe Leser*innen,
diese Woche habe ich mich vor allem mit digitaler Gewalt beschäftigt. Seit ungefähr sieben Jahren recherchiere ich dazu. Noch nie war das öffentliche Interesse daran so überwältigend. In mehreren deutschen Städten sind Tausende Menschen auf die Straßen gegangen. Die Protestwelle breitet sich immer noch weiter aus.
Den Stein ins Rollen gebracht hat ein Spiegel-Bericht über die Erfahrungen von (nicht nur digitaler) sexualisierter Gewalt der Schauspielerin Collien Fernandes. Der Artikel kann einen umhauen. Dennoch glaube ich, allein durch den Spiegel-Bericht lassen sich die heftigen Reaktionen in Politik und Medien, Zivilgesellschaft und Promi-Welt nicht erklären.
Ein weiterer, wichtiger Faktor dürfte eine über sehr lange Zeit aufgestaute Wut sein. Weil Übergriffe – vor allem von Männern gegenüber Frauen – in der digitalen und physischen Welt wie selbstverständlich immer weiter gehen. Weil nach wie vor viele Frauen praktisch täglich verschiedene Ausdrucksformen der Gewalt erleben müssen wie tausende Nadelstiche.
Dagegen unternehmen ließe sich eine Menge. Im Februar habe ich mich mit Kolleginnen unter Fachleuten umgehört, was Betroffene digitaler Gewalt am dringendsten brauchen. Das Ergebnis ist eine Liste aus sehr konkreten, praktischen Forderungen. Es geht um Geld fürs Hilfesystem, von ersten Anlaufstellen über Frauenhäuser bis hin zu Polizei und Justiz. Es geht um internationale Regelwerke wie die Istanbul-Konvention, die längst beschlossen sind, aber immer noch nicht sauber umgesetzt.
Woran hakt es eigentlich? Mir fallen spontan eine Menge Gründe ein, aber keiner davon macht mich so wütend, wie dieser: Weil zu viele mächtige Männer nach wie vor einen Scheiß darauf geben, wenn Frauen (und andere marginalisierte Menschen) Bedürfnisse anmelden.
Kultur sexueller Fremdbestimmung
Im Bundestag wurde Kanzler Friedrich Merz (CDU) gebeten, sich zur aktuellen Debatte um sexualisierte Gewalt gegen Frauen zu äußern. Statt die männliche Tätergruppe klar zu benennen, ist der Kanzler dem Thema ausgewichen und hat auf rassistische und menschenfeindliche Weise gegen angeblich kriminelle Ausländer*innen gehetzt. Selbst der ansonsten nobel-zurückhaltende Deutschlandfunk kommentierte: „Friedrich Merz zeigt sich als politischer Repräsentant eines patriarchalen Systems.“ Das ist die öffentlich-rechtliche Version eines erhobenen Mittelfingers.
Nicht nur der Kanzler verweigert sich, das schiere Problem anzuerkennen. Das sehe ich gerade jeden Tag. Denn uns erreichen in Folge unserer jüngsten Artikel über den Fall Fernandes Kommentare von Lesern, die in der Debatte um mehr Schutz für Betroffene augenscheinlich eine Bedrohung sehen – und zwar eine Bedrohung für die Fortsetzung ihrer eigenen, ungestörten Gewaltausübung.
Nicht-einvernehmliche sexualisierte Deepfakes härter unter Strafe zu stellen, das finden einige Männer offenbar skandalös. Sie halten es für ihr gutes Recht, andere, vor allem Frauen, nach Belieben zum Sexobjekt zu machen. Motto: „Das lass ich mir nicht nehmen.“ Mit solchen Deepfakes und anderen Formen bildbasierter Gewalt werden Bilder zur Beute und zum Machtsymbol, zu Trophäen und Sammlerstücken. Es ist Objektifizierung und Entmenschlichung par excellence, geschützt durch eine extradicke Schicht Nachdenkverweigerung.
Nochmal, woran hakt es beim Schutz vor sexualisierter Gewalt? Es hakt nicht nur an mangelndem Geld und Personal im Hilfesystem für Betroffene, an Lücken im Strafrecht oder an einem Bundeskanzler, der patriarchale Gewalt ausübt, statt sie zu bekämpfen. Das Problem beginnt bereits in der tief verwurzelten Kultur sexueller Fremdbestimmung, die wahrscheinlich auch in der Kommentarspalte dieses Artikels ihre Spuren hinterlassen wird, wenn ich sie nicht moderiere.
Nun gibt es durch den Fall Fernandes ein bisher beispielloses Momentum für den Kampf gegen (digitale) sexualisierte Gewalt in Deutschland. Das Beispiel Spanien mit seinem umfassenden Schutzsystem macht vor: Erreichen lässt sich einiges, selbst innerhalb des Patriarchats. Wie es in Deutschland weitergeht, werdet ihr in den nächsten Wochen bei uns lesen.
Euch ein gutes Wochenende
Sebastian
Wir sind communityfinanziert
Unterstütze auch Du unsere Arbeit mit einer Spende.
-
Künstliche Intelligenzvor 3 MonatenSchnelles Boot statt Bus und Bahn: Was sich von London und New York lernen lässt
-
Künstliche Intelligenzvor 1 Monat
Top 10: Die beste kabellose Überwachungskamera im Test – Akku, WLAN, LTE & Solar
-
Social Mediavor 4 WochenCommunity Management und Zielgruppen-Analyse: Die besten Insights aus Blog und Podcast
-
Social Mediavor 2 MonatenCommunity Management zwischen Reichweite und Verantwortung
-
UX/UI & Webdesignvor 2 MonatenEindrucksvolle neue Identity für White Ribbon › PAGE online
-
Künstliche Intelligenzvor 3 MonatenAumovio: neue Displaykonzepte und Zentralrechner mit NXP‑Prozessor
-
Künstliche Intelligenzvor 3 MonateneHealth: iOS‑App zeigt Störungen in der Telematikinfrastruktur
-
Apps & Mobile Entwicklungvor 3 MonatenX3D² bestätigt: Der AMD Ryzen 9 9950X3D2 mit doppeltem 3D V-Cache kommt!
