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Ende der Telefon-AU: „Irrsinn, der für Millionen zusätzliche Arztbesuche sorgt“


Die vorgestellten Pläne der Bundesregierung für strengere Regeln bei Krankschreibungen stoßen auf breite Kritik. Künftig soll als gesetzliche Regel eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) bereits ab dem ersten Krankheitstag vorgelegt werden – vorgeschrieben ist eine ärztliche Bescheinigung bisher erst ab dem vierten Tag. Zudem soll es die Telefon-AU künftig nicht mehr geben. Begründet wird die Verschärfung mit dem Ziel, hohe Fehlzeiten in Unternehmen zu senken.

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Besonders scharf reagiert die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH). Deren Vorstandsvorsitzende Dr. Bettina Schultz nennt die Abschaffung der Telefon-AU und die AU-Pflicht ab dem ersten Krankheitstag „Irrsinn“. Millionen zusätzliche Praxisbesuche seien zu erwarten, vielfach ohne medizinische Notwendigkeit. Dadurch würden Personal und Wartezimmer weiter belastet; längere Wartezeiten für andere Patienten seien die Folge. „Unsere Hausarztpraxen arbeiten vielerorts bereits an ihrer Kapazitätsgrenze. Wer jetzt Millionen zusätzlicher Praxisbesuche auslöst, verschärft die Probleme, statt sie zu lösen“, sagte Schultz.

Auch die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe kritisiert die Pläne. Sie spricht von „mehr Verwirrung statt Klarheit“ und wirft der Politik vor, die tägliche Versorgungsrealität völlig auszublenden. Eine „absurde AU-Pflicht ab Tag eins“ sorge für Millionen zusätzlicher Praxiskontakte, obwohl die Praxen bereits maximal ausgelastet seien. MEDI Baden-Württemberg warnt zudem vor weiterer Überregulierung. „Die Politik verspricht, uns durch Bürokratieabbau zu entlasten, und legt am Ende mit diesen Planungen wieder eine Schippe drauf“, so Dr. Michael Eckstein, stellvertretender Vorsitzender von MEDI Baden-Württemberg und Hausarzt im Rhein-Neckar-Kreis.

„Wir fordern die Politik auf, die Entscheidung über die Ausstellung einer Krankschreibung grundsätzlich den Ärztinnen und Ärzten zu überlassen. Wir kennen unsere Patientinnen und Patienten am besten und sind medizinisch dafür ausgebildet. Wir wissen genau, wem wir telefonisch eine AU ausstellen können und wen wir in der Praxis sehen müssen“, so die Hausärztin Dr. Cathérine Hetzer-Baumann von MEDI. Zudem solle die Politik Ursachen der Krankschreibungen prüfen und die Bevölkerung, gerade in Krisenzeiten, durch Präventionsangebote unterstützen sowie die Gesundheitskompetenz verbessern.

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Die Vorsitzenden des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands, Prof. Nicola Buhlinger-Göpfarth und Dr. Markus Blumenthal-Beier, halten die Beschlüsse für eine „absolute Katastrophe“. „Das wird eine Welle von Menschen in unsere Praxen spülen – in vielen Fällen ohne medizinische Notwendigkeit, sondern aus rein administrativen Gründen. Während sich also die Infektfälle, die nur ein, zwei Tage im Bett gebraucht hätten, in unseren Wartezimmern stapeln, werden die dringlichen Fälle warten müssen, weil wir nicht hinterherkommen! Diese Regelung ist der bürokratische Super-GAU für die Hausarztpraxen“, so Buhlinger-Göpfarth.

Ebenfalls gegen die Pläne stellt sich die Bundesärztekammer: „Die telefonische Krankschreibung hat sich in der Praxis bewährt“, betonte der Vorstand der Bundesärztekammer. Sie erspare Patienten mit leichten Infekten den Weg in die Arztpraxis und verhindere damit, dass sie dort andere ansteckten. Besonders kritisch sei, dass dies nun mit einer Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag zusammenfalle. In der Kombination müssten künftig Patienten mit einer leichten Erkrankung für ein Attest persönlich in die Arztpraxis kommen. Gerade in der Erkältungs- und Grippesaison werde das die Wartezimmer weiter füllen und die ohnehin an der Kapazitätsgrenze arbeitenden Praxisteams zusätzlich belasten.

Datenbasierte Einordnungen sprechen ebenfalls gegen die Pläne. Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) verwies Anfang des Jahres darauf, dass der Anstieg der AU-Zahlen primär auf Meldeeffekte durch die 2022 eingeführte elektronische Krankmeldung sowie ein erhöhtes Infektionsgeschehen zurückgeht – und nicht auf die Telefon-AU. Diese macht laut Zi jährlich nur zwischen 0,8 und 1,2 Prozent aller AU-Fälle aus und kann den starken Anstieg der Meldungen damit nicht erklären. Zudem sei die Zahl der AU-Meldungen 2025 laut Gematik-Daten sogar wieder um neun Prozent zurückgegangen – ein Aspekt, der in der Debatte kaum beachtet werde.

Auch aus Sicht der Krankenkassen bringt die Maßnahme daher nichts. Die Abschaffung der Telefon-AU sei keine Maßnahme, die den Krankenstand senke, sondern „reine Symbolpolitik“, erklärte die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Dr. Carola Reimann. Zudem sei nicht nachvollziehbar, was die verpflichtende Vorlage der AU-Bescheinigung ab dem ersten Tag mit dem erklärten Ziel der Entbürokratisierung zu tun haben solle.

Der Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung nannte die Vorhaben eine „Zumutung“. Es grenze an Irrsinn, Abertausende Menschen zusätzlich zum reinen Ausfüllen von Zetteln in die Praxen zu jagen, kritisierte die KBV. „Wer hustet, eine Magen-Darm-Infektion hat, gehört ins Bett – und nicht in die übervolle Praxis“, sagte KBV-Chef Andreas Gassen. Im Januar hatte Gassen die Debatte um die Abschaffung der Telefon-AU noch befeuert, allerdings im Zuge einer dreitägigen Karenzzeit, in der gar keine Krankschreibung nötig gewesen wäre. Sein Ziel war, die Praxen von Bagatell-AUs zu entlasten. Die nun geplante AU-Pflicht ab dem ersten Tag läuft dieser Idee genau entgegen.


(mack)



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Probefahrt mit dem Lynk & Co 02: Der Preis bleibt Argument Nummer 1


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It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Ein großer Traum ist geplatzt: Viele Autohersteller wollten Händler maximal noch als Vermittler sehen, manche nicht einmal mehr als das. Im Idealfall sollte der Vertrieb allein über das Netz Gewinne an die Hersteller binden, statt den Erlös teilen zu müssen. Zumindest aktuell und auf den deutschen Markt scheint das Experiment vorerst beendet zu sein: Ohne eine Händlerstruktur wird es schon für die Großen in der Branche nicht einfach, wenig bekannte Marken wie Lynk & Co haben ohne Ansprechpartner in der Fläche kaum eine Chance, einen nennenswerten Absatz zu generieren. Dabei lohnt sich ein Blick auf solche Anbieter für kostenbewusste und risikobereite Interessenten durchaus, wie eine Proberunde mit dem Lynk & Co 02 zeigt.

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Anfang Juli 2026 hat Lynk & Co in Deutschland 20 Händler unter Vertrag, die in der Regel noch weitere Marken verkaufen. Bei den aktuellen Absatzzahlen ist das anders schlicht nicht möglich, denn irgendwer muss Rechnungen begleichen können. Die Verteilung ist noch recht ungleichmäßig. Am dichtesten ist sie in Nordrhein-Westfalen, in den östlichen fünf Bundesländern gibt es nur zwei. In der Hauptstadt gibt es keinen Händler. Interessenten können also je nach Wohnort einen Lynk & Co in der Nähe oder eine Anfahrt von mehr als 150 km vor sich haben. Sollte der Vertragspartner in ein paar Jahren aufgeben, kann das unter Umständen ziemlich unangenehm werden. Es gehört also eine gewisse Lust am Risiko zu einem solchen Kauf.


Lynk & Co 02

Lynk & Co 02

Der Lynk & Co 02 ist mit 4,46 m etwa so lang wie ein Skoda Elroq.

(Bild: Lynk & Co)

Dessen ist sich natürlich auch Lynk & Co bewusst und zieht die üblichen Magnete aus der Tasche. Der 02, der sich die technische Basis mit Volvo und Smart teilt, ist schon in der Basisausführung für knapp 36.000 Euro ordentlich ausgestattet. Dinge wie ein großes Glasdach, ein komplett ausgestattetes Infotainmentsystem und allerlei Assistenten sind inklusive. Seltsam erscheint die Entscheidung, diese Ausführung nur in drei Farben anzubieten und ihm die Wärmepumpe vorzuenthalten. Für die Version „More“, die 4000 Euro Aufpreis kostet, steht dann eine vierte Farbe zur Wahl: rot. Die dann gereichte Ausstattung umfangreich zu nennen, wäre schamlos untertrieben: Elektrisch verstellbare Kunstledersitze, Soundsystem von Harman/Kardon und eine 360-Grad-Kamera-Perspektive gehören dann dazu. Wer das näher einordnen mag, kann sich zum Vergleich einen ähnlichen Umfang in einen Peugeot e-3008 konfigurieren. Der Unterschied beim Listenpreis ist fünfstellig.

Außen mag das Heck noch eine gewisse Eigenständigkeit ausstrahlen, vorn und auch im Innenraum wirkt der 02 wie so viele chinesische Anbieter austauschbar. Fast die komplette Bedienung wird auf den Bildschirm verlagert, was vom Nutzer die Bereitschaft erfordert, sich damit eingehend zu beschäftigen. Nicht alles in der Menüstruktur erschließt sich sofort, und manch ein Zeichen im Kombiinstrument dürfte gern etwas größer sein. Die Verarbeitung scheint okay zu sein, bei der Materialauswahl spart der Hersteller an einigen Stellen spürbar. Hartplastik trifft immer wieder auf bespannte Oberflächen. Die breite Mittelkonsole mit zwei Ladeschalen für Smartphones und einem filigranen Luftausströmer aus Metall haben uns jedoch gefallen.


Eine eigenständige Innenraumgestaltung hat der Lynk & Co 02 nicht zu bieten. (Bild:

Lynk & Co

)

Die Sitze vorn sind ausreichend bequem, hinten gibt es das Raumangebot, was der Kunde von einem 4,46 m langen E-SUV mit 2,76 m Radstand erwarten kann. Nicht allzu üppig sind die beiden Kofferräume. Der vordere fasst gerade einmal 15 Liter, der hintere 410 – beides ist für die Fahrzeuggröße eher knapp geschnitten. Die maximale Anhängelast liegt bei 1600 kg.

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Die Fahrwerksabstimmung des 02 ist komfortabel ausgelegt und vermeidet jegliche sportliche Ambitionen. Die Lenkung arbeitet sehr leichtgängig und liefert nicht viel Rückmeldung. Der tiefe Schwerpunkt trägt dazu bei, dass es auch bei flotter Kurvenfahrt keine große Seitenneigung gibt. Gelungen ist auch die Abstimmung der Bremse, die sich gut dosieren lässt. Mit seiner guten Übersichtlichkeit und zusätzlichen Kameras rundum lässt sich das Auto bequem einparken.

Der 02 wiegt leer 1820 kg, doch beim Beschleunigen ist von dieser Masse wenig zu spüren. Der E-Motor im Heck leistet 200 kW und bietet 343 Nm Drehmoment, was ausreicht, um das SUV in 5,5 Sekunden auf 100 km/h zu beschleunigen. Schluss ist bei 180 km/h. Beides beschreibt wieder einmal nur unzureichend den Fahreindruck: es geht bei Bedarf flott voran, auch bei höherem Tempo legt der 02 zügig zu. Das mag unter den Elektroautos nicht herausragen, unter vergleichbar teuren Verbrennern aber sehr wohl. Wer subjektiv mithalten wollte, müsste erheblich mehr Geld in die Hand nehmen.

Es gibt nur den einen Antrieb und auch nur eine Batterie. Sie setzt auf NMC-Zellen, die sich vorkonditionieren lassen. Der Energiegehalt liegt bei 66 kWh. Im WLTP gibt der Hersteller je nach Ausstattung eine Reichweite zwischen 435 und 445 km an. Bemerkenswerterweise liegt die teure Version vorn, sowohl in der Reichweite wie auch beim Verbrauch. Der Unterschied ist mit 17,1 (More) zu 17,6 kWh/100 km (Basismodell Core) nicht riesig, aber eben da. Dabei installiert der Hersteller in der Nobelvariante 245/45 R20, im Basismodell etwas schmalere 235/50 R19.

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Einen Unterschied zwischen den Ausstattungslinien macht Lynk & Co auch beim Laden mit Wechselstrom. Das Basismodell kann dort nur 11 kW entgegennehmen, die teure Version 22. An Gleichstrom laden beide mit maximal 150 kW und reizen damit die Möglichkeiten eines 400-Volt-Systems mit 500 Ampere nicht aus. Ohnehin sagt dieser Wert nur wenig über den Alltag aus. Es dauert unter idealen Bedingungen eine halbe Stunde, um den Ladestand von 10 auf 80 Prozent zu heben. In dieser Zeit werden also rund 46 kWh mit durchschnittlich 92 kW nachgeladen. Das ist in diesem Umfeld kein Spitzenwert mehr, allerdings auch nicht unterdurchschnittlich.


Lynk & Co 02

Lynk & Co 02

Der Lynk & Co 02 bietet ein ausgezeichnetes Preis-Leistungs-Verhältnis.

(Bild: Lynk & Co)

Im Prinzip lässt sich das auf das gesamte Auto übertragen: Der Lynk & Co ragt technisch und auch unterwegs nirgendwo weit heraus, sieht man einmal von seinem ausgezeichneten Preis-Leistungs-Verhältnis ab. Er bietet ausreichend Platz, ist passabel verarbeitet, beschleunigt sehr flott und lädt so schnell wie die meisten Konkurrenten. Die Serienausstattung ist umfangreich, und selbst für das Design werden sich sicherlich Befürworter finden lassen. Was dem Lynk & Co 02 vielleicht fehlt, ist ein Punkt, warum es ausgerechnet genau dieses Auto sein soll. Viele Konkurrenten haben eine Stammkundschaft, auf die sie bauen können, solange sie wenigstens halbwegs liefern, was erwartet wird. Ein Neueinsteiger aber muss Kunden erobern, und beim 02 fehlt ein wenig das gewisse Etwas für diese Auseinandersetzung.

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(mfz)



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Rebellion im Kino: Außer Atem und Nouvelle Vague im Heimkino-Test


In der über hundertjährigen Geschichte des Kinos gab es immer wieder Bewegungen, die mit etablierten Regeln und Traditionen brachen: Ende der 60er Jahre etwa das New Hollywood oder Mitte der 90er Jahre die Dogma-Bewegung. Den wichtigsten und tiefsten Schnitt vollzog jedoch die französische Nouvelle Vague. Um 1960 herum warfen Regisseure wie Claude Chabrol, François Truffaut und Jean-Luc Godard den schwerfälligen Apparat der Studioproduktionen über den Haufen, ließen Kulissen und Scheinwerfer hinter sich und gingen mit leichten Kameras auf die Straße.


Film-Rezensionen

Film-Rezensionen

Ob Blockbuster oder Klassiker: Jenseits der Streaming-Dienste blüht das Geschäft mit hochwertigen Film-Restaurationen, die in 4K auf UHD Blu-rays veröffentlicht werden. Woche für Woche testen wir die interessantesten Discs, decken Hintergründe zur Produktion und inhaltliche Besonderheiten auf und vergleichen die Bild- und Tonqualität der Discs und Streams.

Der wichtigste Meilenstein war „Außer Atem“, den Jean-Luc Godard 1960 in Paris drehte. Ein guter Film braucht manchmal kaum mehr als etwas Crime, eine lose Idee und zwei faszinierende Hauptdarsteller. Die fand Godard in Jean Seberg und Jean-Paul Belmondo. 65 Jahre später lässt Richard Linklater den Geist von damals in „Nouvelle Vague“ wieder aufleben und erzählt von jenem Dreh, bei dem aus Geldmangel, Trotz und Improvisation Filmgeschichte wurde.

Beide Filme sind nun fürs Heimkino erschienen: Außer Atem in einer 4K-Restauration auf Ultra HD Blu-ray Disc (UHD) und Nouvelle Vague auf Blu-ray Disc. Bevor wir ab Seite 3 auf die technischen Details der Bild- und Tonqualität eingehen und die neuen Veröffentlichungen mit den günstigeren Streaming-Angeboten vergleichen, blicken wir auf den radikalen Aufbruch der französischen Filmemacher und wie Original und Hommage zu einem stimmigen Double Feature ineinandergreifen.


Das war die Leseprobe unseres heise-Plus-Artikels „Rebellion im Kino: Außer Atem und Nouvelle Vague im Heimkino-Test“.
Mit einem heise-Plus-Abo können Sie den ganzen Artikel lesen.



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MedicubeX-CEO: „Viele Menschen wollen überraschenderweise einen Papierausdruck“


Aufgrund der anstehenden Reformen im Gesundheitswesen entstehen derzeit zahlreiche Konzepte, um medizinisches Personal zu entlasten und standardisierte Abläufe zu digitalisieren. Dazu gehören sprachgestützte Anamnesesysteme, wie das von SymptoX, das Patientendaten per Sprache erfasst und in die Primärsysteme von Arztpraxen und Kliniken überträgt, Telemedizin-Kabinen wie DoctorBox, das mit dem Symtpomchecker Xund kooperiert, oder die französische La Box Médicale sowie Forschungsprojekte, etwa die Telemedizin-Kabine „Kabine“ der RWTH Aachen.

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Vili Kostamo

Vili Kostamo

Der finnische Arzt Vili Kostamo ist Chef von MedicubeX.

(Bild: MedicubeX)

Die Box des finnischen Unternehmens MedicubeX wird inzwischen in unterschiedlichen Versorgungsszenarien eingesetzt. Im Gespräch mit heise online erläutert Gründer und CEO Vili Kostamo die verschiedenen Einsatzbereiche, die Zusammenarbeit mit den Universitätskliniken Frankfurt, Leipzig und Schleswig-Holstein sowie den aktuellen Stand der KI-gestützten Risikobewertung.

heise online: Vor etwa zwei Jahren haben wir zuletzt miteinander gesprochen. Was hat sich seitdem verändert?

Vili Kostamo: Eine ganze Menge. Wir haben sämtliche Boxen der damaligen Generation durch neue Modelle ersetzt. Die Technik wurde weiterentwickelt, wir haben neue Funktionen ergänzt und die Sprachunterstützung ausgebaut.

Auch geschäftlich ist viel passiert. Ende vergangenen Jahres haben wir in Finnland unseren ersten größeren öffentlichen Auftrag für unsere Lösung gewonnen. Außerdem kooperieren wir inzwischen mit Terveystalo, dem größten privaten Gesundheitsdienstleister in Finnland.

Mit dem Universitätsklinikum Frankfurt arbeiten wir seit rund einem Jahr zusammen, auch als Partner in Forschung und Entwicklung. Dort liegt der Schwerpunkt auf Prävention und Früherkennung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

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Vor rund einer Woche hat außerdem das Universitätsklinikum Leipzig seine Partnerschaft mit uns bekannt gegeben. Die Kooperation ist Teil des neu gegründeten MITCenter (Zentrum für medizinische Innovation und Technologie), das medizinische Innovationen schneller in die klinische Praxis bringen soll. MedicubeX gehört zu den ersten Projekten des MITCenters und ist Teil des Konzepts „Zukunftspraxis Mitteldeutschland“. Dort erfassen Patienten wichtige Vitalparameter selbst, bevor sie ärztlich untersucht werden.

Und jetzt hat das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) eine Zusammenarbeit im Bereich der Notfallversorgung angekündigt. Darauf kommen wir später sicher noch zurück, denn das ist ein ganz anderer Anwendungsfall.

Damit deckt die Box inzwischen drei sehr unterschiedliche Einsatzgebiete ab: Prävention und Screening in Frankfurt, neue ambulante Versorgungskonzepte in Leipzig und die Notfallversorgung am UKSH.

Ist die Box selbst größer geworden?

Nein, die Abmessungen sind unverändert. Die Möglichkeiten der Plattform haben sich aber deutlich erweitert.

Wir sprachen damals auch über Interoperabilität. Sie sagten, dass noch eine Schnittstelle fehle, um Patientendaten in Primärsysteme zu übertragen. Ist das inzwischen umgesetzt?

Ja, das hat sich deutlich verbessert. Wir arbeiten mit dem US-Unternehmen InterSystems zusammen und deren Integrationsplattform „IRIS for Health“ für den Datenaustausch mit den Systemen unserer Kunden.

Grundsätzlich speichern wir die Daten der Endnutzer nicht selbst. Unsere Kunden – also Krankenhäuser und andere Gesundheitseinrichtungen – sind ohnehin verpflichtet, diese Daten vorzuhalten und verfügen bereits über entsprechende Systeme.

Bereits heute bestehen mehrere Integrationen. Dank IRIS können wir die ausgehenden Daten so anpassen, dass sie genau den Anforderungen des jeweiligen Zielsystems entsprechen. Das verkürzt den Aufwand für neue Integrationen erheblich.

Sind Sie damit bereits auf den Europäischen Gesundheitsdatenraum vorbereitet?

In gewisser Weise schon. Finnland verfügt seit vielen Jahren mit Kanta über ein nationales Patientenakten-System. Deshalb haben wir auf diesem Gebiet bereits Erfahrung.

Unsere Daten werden zunächst in das elektronische Patientenaktensystem des jeweiligen Kunden übertragen. Dieses kommuniziert anschließend mit der nationalen Infrastruktur. Nach demselben Prinzip wird künftig auch der European Health Data Space funktionieren.

Die Krankenhaussysteme selbst müssen diese Anforderungen erfüllen. Unsere Aufgabe bleibt unverändert: Wir übermitteln die Messdaten in die elektronische Patientenakte. Wir übertragen keine Daten direkt an nationale oder europäische Plattformen.

Sie sind also im Grunde Auftragsverarbeiter, während Krankenhaus oder Praxis für die Daten verantwortlich bleiben.

Genau.

Cybersicherheit ist zuletzt stark in den Fokus gerückt. In Deutschland gab es mehrere Cyberangriffe auf Gesundheitseinrichtungen. Haben Sie dieses Thema von Anfang an berücksichtigt? Wie gut ist Ihre Plattform geschützt?

Natürlich. Grundsätzlich gibt es zwei Szenarien. Innerhalb von Krankenhäusern können wir direkt mit dem internen Netzwerk verbunden werden. Dann bleiben sämtliche Daten hinter der Firewall des Krankenhauses und unter der Kontrolle der IT-Abteilung des Kunden.

Außerhalb von Kliniken, etwa in Unternehmen oder sozialen Einrichtungen, verfügen die Boxen über eigene, abgesicherte Mobilfunkverbindungen. Diese verwalten wir selbst. Die Geräte hängen also nie einfach ungeschützt im öffentlichen Internet.

Wenn Daten über das Internet übertragen werden, sorgen technische Schutzmaßnahmen dafür, dass die Kommunikation zwischen den Boxen, unserem zentralen IRIS-Server und den Zielsystemen des Kunden abgesichert ist.

Aus Sicherheitsgründen möchte ich die technischen Details nicht öffentlich erläutern. Entscheidend ist aber, dass diese Verbindungen immer kontrolliert werden – entweder durch uns oder durch die IT-Abteilung des Kunden.

Spielt KI bereits eine Rolle auf Ihrer Plattform?

Bereits heute nutzen wir klassische Algorithmen zur Auswertung von EKGs und Atemmustern. Außerdem integrieren wir Software von Partnerunternehmen, die diese Messdaten mit zusätzlichen Fragebögen kombiniert und weiter analysiert.

Wir versuchen nicht, alles selbst zu entwickeln. Wo spezialisierte klinische Software sinnvoll ist, binden wir sie in unsere Plattform ein. Wir verstehen uns als Plattform und wollen bestehende Speziallösungen nicht ersetzen.

Als Nächstes bringen wir ein Softwarepaket heraus, das alle verfügbaren Messdaten zusammenführt und daraus das Risiko berechnet, innerhalb der nächsten zehn Jahre einen Schlaganfall, Herzinfarkt, eine Herzinsuffizienz oder Diabetes zu entwickeln.

Das Grundprinzip ist ähnlich wie bei den Modellen SCORE2 oder dem Framingham-Risikoscore. Diese Modelle benötigen normalerweise Cholesterinwerte und damit eine Blutuntersuchung.

Unser Ziel ist es dagegen, Menschen mit erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko zu identifizieren, ohne dass dafür eine Blutprobe erforderlich ist. Die Software soll abschätzen, ob jemand im Vergleich zu gleichaltrigen Personen ein höheres oder niedrigeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen hat.

Diese Lösung ist zum Patent angemeldet und wird derzeit wissenschaftlich validiert. Wir wollen sie als Software as a Medical Device auf den Markt bringen. Bereits installierte MedicubeX-Stationen erhalten die neue Funktion per Software-Update.

Wie wurde das Modell entwickelt?

Es basiert auf Machine-Learning-Verfahren und Biobankdaten von mehr als 100.000 Menschen mit langfristiger Nachbeobachtung. Die wissenschaftlichen Veröffentlichungen dazu bereiten wir gerade vor.

Unsere interne Validierung hat bislang sehr vielversprechende Ergebnisse geliefert. Als Nächstes folgen eine externe Validierung und die Publikation. Das ist auch Teil unserer Vereinbarung mit der Biobank.

Risikovorhersagen sind immer ein sensibles Thema. Wie individuell sind diese Einschätzungen, und wie vermeiden Sie den Eindruck, die Zukunft eines Menschen sei damit vorbestimmt?

Natürlich behaupten wir nicht, dass jemand eine bestimmte Erkrankung mit Sicherheit bekommen wird. So soll das keinesfalls verstanden werden. Unser Ziel ist Prävention. Gerade im Bereich der Herz-Kreislauf-Medizin gibt es noch viel ungenutztes Potenzial. Nehmen wir Bluthochdruck: Selbst in Ländern mit sehr guten Gesundheitssystemen wird er häufig nicht optimal behandelt.

Natürlich sollten Menschen mit erhöhtem Risiko ihren Lebensstil verbessern. Gleichzeitig wissen wir, dass das im Alltag oft schwerfällt. Manchmal können aber schon vergleichsweise einfache Maßnahmen – etwa eine konsequente Behandlung von Bluthochdruck, den wir zuverlässig erkennen können – das Herz-Kreislauf-Risiko deutlich senken.

Gibt es bereits Studien, die Ihren Ansatz bestätigen?

Das hängt davon ab, welchen Teil Sie meinen. Die einzelnen Messverfahren an sich sind medizinisch zertifiziert. Wenn das EKG beispielsweise eine Herzrhythmusstörung zeigt, kann ein Arzt diese diagnostizieren. Das gilt ebenso für Blutdruck, Sauerstoffsättigung und die anderen Parameter.

Für den neuen Risikoalgorithmus veröffentlichen wir eigene Validierungsstudien. Bei der Entwicklung haben wir mit VTT zusammengearbeitet, dem staatlichen finnischen Forschungszentrum für Technik.

Derzeit entwickeln viele Unternehmen Gesundheitskioske, KI-Symptomchecker oder Telemedizin-Kabinen. Was unterscheidet MedicubeX von diesen Ansätzen?

Alles, was wir messen, basiert auf medizinisch zertifizierten Verfahren. Unser Blutdruckmessgerät ist ein Medizinprodukt in diagnostischer Qualität. Das gilt ebenso für EKG, Sauerstoffsättigung und die übrigen physiologischen Messungen.

Viele Anbieter werben damit, allerlei Werte allein mit einer Kamera bestimmen zu können. Liest man das Kleingedruckte, stellt man jedoch oft fest, dass diese Verfahren gar nicht für klinische Entscheidungen zugelassen sind. Das ist ein wesentlicher Unterschied.

Außerdem entwickeln wir keinen eigenen Symptomchecker. Stattdessen arbeiten wir mit Unternehmen zusammen, die entsprechende Software anbieten. Für uns ist das kein Entweder-oder. Strukturierte Fragebögen in Kombination mit objektiven physiologischen Messungen liefern deutlich mehr Nutzen als jeder Ansatz für sich allein.

Es gibt außerdem zahlreiche Telemedizin-Kabinen auf dem Markt. Manche verfügen sogar über mehr Messgeräte als wir. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass diese Systeme meist für klassische Telemedizin ausgelegt sind. Sie setzen voraus, dass auf der anderen Seite einer Videoverbindung medizinisches Personal den Patienten durch die Untersuchung führt.

Unsere Philosophie war von Anfang an eine andere: Alles funktioniert im Selbstbedienungsbetrieb. Niemand muss den Nutzer anleiten oder überwachen. Es werden keine Einwegmaterialien benötigt, und medizinisches Personal muss die einzelnen Schritte nicht begleiten. Unser Ziel war nie, Ärzte oder Pflegekräfte zu ersetzen, sondern alle Prozesse zu automatisieren, die vor ihrer eigentlichen Arbeit automatisiert werden können.

Das bedeutet: Während der Messungen ist gar kein medizinisches Personal beteiligt?

Genau. Die medizinischen Fachkräfte kommen erst anschließend ins Spiel, wenn es sinnvoll ist.

Sie haben außerdem eine neue Hardware-Komponente erwähnt.

Ja. Vor einigen Wochen haben wir in London die nächste Generation unserer Plattform vorgestellt. Zum ersten Mal haben wir dort ein laserbasiertes digitales Stethoskop gezeigt, das direkt in die Box integriert ist.

Eine Kamera hilft dem Nutzer zunächst dabei, die richtige Position einzunehmen. Anschließend zeichnet ein Laser die Herztöne an der Halsschlagader auf. Dabei handelt es sich um ein völlig neues Medizinprodukt. Die Hardware funktioniert bereits, befindet sich aber noch im Zulassungsverfahren.

Sobald das digitale Stethoskop zertifiziert ist, betrachten wir die Box im Bereich der Herz-Kreislauf-Diagnostik als weitgehend vollständig ausgestattet. Bereits heute messen wir Blutdruck, EKG, Haut-AGEs als Marker der Stoffwechselgesundheit sowie das Körpergewicht. Mit dem digitalen Stethoskop wird zusätzlich eine Beurteilung der Herzklappenfunktion möglich. Damit erhalten wir im Selbstbedienungsbetrieb eine sehr umfassende Datengrundlage zur Herz-Kreislauf-Gesundheit.

Sie haben MedicubeX mit einem Schweizer Taschenmesser verglichen. Warum?

Ursprünglich stand die Prävention im Mittelpunkt. Heute wird dieselbe Plattform für Herz-Kreislauf-Screenings, betriebliche Gesundheitsvorsorge, neue ambulante Versorgungskonzepte, Notaufnahmen und Forschungsprojekte mit Universitätskliniken eingesetzt. Darauf bin ich besonders stolz.

Der Einsatz am UKSH ist interessant, weil er in einer Notaufnahme stattfindet. Wie fügt sich die Box in den Ablauf dort ein?

In Deutschland wird derzeit intensiv darüber diskutiert, wie Patienten beim Eintreffen in der Notaufnahme möglichst schnell eingeschätzt werden können. Ziel ist es, früh zu entscheiden, welcher Behandlungsweg für sie der richtige ist. Hier sehen wir einen sehr passenden Einsatzbereich für unsere Lösung.

Bei erwachsenen Patienten, die bei Bewusstsein und gehfähig sind, können wir nahezu alle Messungen automatisieren, die üblicherweise im Rahmen der Ersteinschätzung erfolgen. Die medizinische Entscheidung trifft selbstverständlich weiterhin das Fachpersonal – das bleibt immer menschliche Verantwortung. Wir können jedoch den Großteil der relevanten Informationen bereits erfassen, bevor der Patient überhaupt von der Triage-Pflegekraft gesehen wird.

Unsere Aufgabe besteht darin, alle benötigten Informationen möglichst schnell zu erfassen und unmittelbar bereitzustellen. Die Box unterstützt den klinischen Ablauf, ersetzt aber nicht die medizinische Beurteilung.

Sie soll Ärzte und Pflegekräfte also nicht ersetzen?

Absolut nicht. Die medizinische Entscheidung wird immer von qualifiziertem Fachpersonal getroffen. Wir automatisieren lediglich die routinemäßigen Messungen und deren Dokumentation, die davor anfallen.

Noch eine praktische Frage: Ihre Boxen stehen an öffentlich zugänglichen Orten. Gibt es Probleme mit Vandalismus?

Bislang gab es keine nennenswerten Schäden durch Vandalismus. In Helsinki werden einige Boxen beispielsweise gezielt von Menschen mit Alkohol-, Drogen- oder psychischen Erkrankungen genutzt, weil diese Gruppen häufig ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko haben. Selbst dort war Vandalismus bislang kein ernsthaftes Problem.

Falls doch einmal etwas beschädigt wird, haben wir die Box so konstruiert, dass einzelne Gehäuseteile ausgetauscht werden können, ohne das komplette Gerät ins Werk zurückschicken zu müssen.

Und wie sieht es mit der Hygiene aus? Tausende Menschen nutzen dieselbe Kabine.

Auch daran haben wir intensiv gearbeitet. Die neue Generation verfügt über eine automatische UV-Desinfektion. Die Box erkennt, wenn ein Nutzer den Innenraum verlassen hat. Anschließend verriegelt sie sich selbst und desinfiziert den Innenraum mit UV-Licht. Nach Abschluss des Vorgangs steht sie wieder zur Verfügung. Diese Funktion gab es in der vorherigen Generation noch nicht. Nach unserem Kenntnisstand bietet derzeit kein anderes System eine vergleichbare Lösung.

Abgesehen von der regulären Reinigung durch den Betreiber haben wir erlebt, dass Boxen von 2.000 bis 3.000 Personen genutzt wurden, bevor eine technische Wartung erforderlich war.

Ich hatte damals eine Art Kassenzettel mit den Informationen zum Gewicht und ähnlichem erhalten. Bekommen Patienten weiterhin einen Ausdruck ihrer Ergebnisse oder läuft das inzwischen nur noch digital?

Langfristig setzen wir ganz auf die digitale Datenübertragung. Dort, wo unsere Systeme bereits an die Krankenhaus-IT angebunden sind, ist das heute schon möglich.

Eine Sache hat uns allerdings überrascht: Viele Menschen wünschen sich nach wie vor einen Papierausdruck. Selbst wenn alle Daten digital verfügbar sind, möchten viele Nutzer etwas Greifbares in der Hand haben. Deshalb bieten wir derzeit weiterhin beide Möglichkeiten an.

Dieses Interview wurde ursprünglich auf Englisch geführt.


(mack)



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