Künstliche Intelligenz ist gesetzt – doch welche Vibes und zusätzlichen Trends prägen das kreative Arbeiten im kommenden Jahr wirklich? PAGE hat Kreative und Designexpert:innen nach ihren Einschätzungen gefragt.
Hurra, der Gegenhype ist da: Während KI weiter durchoptimiert, wächst unter Gestalter:innen und Markenexpert:innen die Sehnsucht nach dem Echten. Kreatives Handwerk, bewusste Imperfektion und menschliche Reibung werden 2026 zum Qualitätsmerkmal. Doch was bedeutet das für die Markenkommunikation? Statt maximaler Reichweite zählt Relevanz – Marken müssen Signale senden, denen Menschen vertrauen können. Das heißt: Klarheit statt Output-Masse, Community-Nähe statt Einheitslook. Parallel dazu verschiebt sich Experience Design grundlegend weg vom Gestalten einzelner Touchpoints hin zu intelligenten Systemen, die adaptiv reagieren und trotzdem human bleiben. Der zentrale Vibe über alle Entwicklungen hinweg: real und menschlich als Gegenbewegung zur KI-Glätte.
Ihre jeweilige Kreations-Perspektive auf das kommende Jahr erklären Mike Zeiler, David Link, Katja Wenger, Oliver Bohl, Sascha Idstein und Christoph Tratberger.
Bild: ARTUS Interactive
Mike Zeiler, UX/UI Lead bei ARTUS Interactive
Design zwischen Hochglanz und Handschrift
Mit dem »Liquid Glass-Designstil« erlaubt Apple dem User-Interface-Design nun wieder mehr Inszenierung. Und plötzlich ist Effekthascherei nicht nur okay, sondern wieder begehrenswert – Apple eben. Flat Design macht damit im kommenden Jahr an einigen Stellen Platz für Tiefe, Licht und Reflektionen und verspricht eine neue Lust am »polished« Look. Spannend wird’s, wenn man das Prinzip nicht einfach kopiert, sondern weiterdenkt: Liquid Glass wirkt heute noch wie ein Versprechen mit Fußnote, denn die Accessibility-Probleme hat Apple teils mit eher unschönen Kniffen gerettet.
Als Gegenbewegung zu diesem High-Fidelity-Ästhetik-Overload und zum generischen KI-Look sehe ich persönlich den »Human Touch«: bewusst unperfekte Illustrationen, krakelige Notizen, handgemachte Texturen, kritzelige Typo – nicht als Retro-Gag und DIY-Punk-Hommage, sondern als menschliches Ausrufezeichen. Diese gezielte Unperfektheit kann in ganz unterschiedlichen Stilwelten funktionieren, von Minimalismus bis Maximalismus. Und sie kann Marken wieder etwas geben, das gerade knapp wird: Charakter, Wärme und Eigensinn.
Bild: cyperfection
David Link, Geschäftsführer bei cyperfection
Der Hype ist nicht KI – der Hype ist wieder Mensch
2026 wird für mich weniger von Technologien geprägt und mehr davon, wie wir Menschen wieder emotional erreichen. KI glättet alles, macht es schneller, effizienter, vergleichbarer. Der eigentliche Gegentrend: Bedeutung zurückbringen. Wir sehen, dass Marken nicht nur Sichtbarkeit brauchen, sondern eine Haltung, die als Referenz funktioniert.
Der wichtigste »Vibe« 2026: clarity creates care. Klare Marken, klare Botschaften, klare Erlebnisse, gerade wenn komplexe Branchen wie Healthcare oder MedTech unübersichtlich werden. Wir arbeiten mit Marken daran, Verhalten zu verändern. Diese Wirkung entsteht nicht durch mehr Output, sondern durch mehr Relevanz. Nicht durch mehr Automation und Performance, sondern durch mutige Entscheidungen, was man weglässt.
Bild: think moto
Katja Wenger, Gründerin & Geschäftsführerin von think moto
Experience Design muss neu gedacht werden
Experience Design stößt in seiner bisherigen Form an Grenzen. Denn wenn Erlebnisse in Echtzeit reagieren, sich kontextuell anpassen und ständig neu formieren, reicht es nicht mehr aus, einzelne Touchpoints zu gestalten.
Der Grund: Künstliche Intelligenz verändert die klassische Logik von linearen Customer Journeys grundlegend. KI macht Experiences adaptiv, situationsabhängig und einmalig. Marken reagieren, lernen und entwickeln sich weiter.
Für Marken geht damit ein Paradigmenwechsel einher: Weg vom Design einzelner Erlebnisse hin zum Aufbau intelligenter Experience-Systeme, die über Räume, Medien und Momente hinweg funktionieren. Kreativität verschiebt sich dabei von der Form zur Haltung, vom Interface zur Systemlogik.
Der Kreativtrend 2026 ist daher kein neuer Stil und kein neuer Kanal. Er ist ein neues Verständnis von Experience Design – human first. AI-backed.
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Oliver Bohl, Geschäftsführer von Triplesense Reply
Marken müssen Signale senden, denen Menschen vertrauen (können)
Ganz selbstverständlich denken wir inzwischen »AI-first«, wenn es darum geht, komplexe Projekte zu realisieren. Den eigentlichen kreativen Unterschied macht aber weiterhin die menschliche Fähigkeit, Ambivalenzen auszuhalten, Haltung zu zeigen und kulturelle Spannungen in starke Bilder, Services und relevante Experiences zu übersetzen. Ergo gilt human-first im Experience-Design.
Für Marken ergeben sich dadurch drei Vibes:
Erstens verschiebt sich der Fokus von kurzlebigen Impulsen hin zu langfristigen Signalen. Marken, die dauerhaft relevant bleiben wollen, müssen nicht perfekt sein, sondern nahbar, verletzlich und ehrlich.
Zweitens wandert Kreativität dorthin, wo echte Beziehungen entstehen: weg von der klassischen Kampagne hin zu kuratierten Räumen, gemeinsamen Projekten sowie Kund:innen als Co-Gestalter der Marke.
Drittens werden Vertrauen und Wahrhaftigkeit zur härtesten Währung in einer Welt voller synthetischer Inhalte. Mit klarer Haltung zu Transparenz und zu einem verantwortungsvollen Einsatz von KI.
Zugleich glaube ich an eine neue Form von »Humanizing Digital«: phygitale Experiences, die sich nicht nach Technologie anfühlen, sondern nach Nähe und Relevanz im Alltag der Menschen.
Bild: huth+wenzel
Sascha Idstein, Creative Director Design bei huth+wenzel
Markenkommunikation: Communitynah statt massentauglich
2026 verabschieden wir uns endgültig vom Marken-Einheitslook. Der Grund: Menschen sind nicht die eine Zielgruppe, sondern Teil von (unterschiedlichen) Communities. Relevanz entsteht in Bubbles, Regionen und Mikro-Kulturen mit eigenen Codes, Tonalitäten und Ästhetiken. Der (Gegen-)Trend lässt sich deshalb so zusammenfassen: communitynah statt massentauglich.
Für Marken heißt das: weniger One-Size-fits-all-Kampagnen, mehr lokale Stories und Formate zum Mitmachen. Co-Creation mit Creator:innen, Partnern, Kund:innen und Teams vor Ort wird wichtiger als reine Absenderkommunikation. Es geht dabei nicht darum, Kontrolle zu verlieren, sondern sie neu zu definieren: nicht alles zentral glätten, sondern Vielfalt orchestrieren. Dafür braucht es klare Leitplanken, die Adaptionen erlauben, und ein Content-System, das schnell, konsistent und dialogfähig ist. Am Ende gewinnt 2026, wer zuhört, Resonanz ernst nimmt und ein Mosaik aus vielen passenden Inhalten baut, das zusammen ein glaubwürdiges Ganzes ergibt.
Bild: Roman Klis
Christoph Tratberger, Executive Creative Director bei Roman Klis
Real + Human: Warum kreatives Handwerk Marken stärkt
Für uns als Brand-Building-Agentur gibt es verschiedene Wachstums-Formeln, mit denen Marken entgegen den Rahmenbedingungen in Polykrisen-Zeit wachsen. Eine der wichtigsten für mich lautet »Real + Human«: Menschen sehnen sich mehr denn je nach dem Echten, nach menschlichen Verbindungen, sie suchen den Kontakt mit Materie, Haltung und Reibung. Auch, wenn andernorts weiterhin AI-Weihnachtstrucks durchs Land fahren: das Echte wird zum neuen Premium. Die Wasserfarbkästen, Tuschefedern und Marker sind zurück auf den Schreibtischen und kreatives Handwerk bereichert viele Projekte.
Wir Kreative bringen so neue Ideen hervor, die sich dem generischen KI-Look entziehen. Von diesen sichtbaren Eigenheiten und kleinen Imperfektionen profitieren wiederrum Marken, denn sie schaffen Profil und Wert.
Eine spannende Entwicklung, auf die ich mich im kommenden Jahr freue!