Künstliche Intelligenz
„Star Trek: Infection“ angespielt: Kampf gegen Mutationen und die Technik
Schon vor neun Jahren bewies das kooperative „Star Trek: Bridge Crew“, wie gut die Reihe zu Virtual Reality passt. „Star Trek: Infection“ vom Entwickler „Played With Fire“ geht einen anderen Weg. Das am 31. März 2026 erschienene VR-Spiel schickt den vulkanischen Sternenflottenoffizier Ferak auf eine verdeckte Mission an Bord der von Wucherungen überzogenen U.S.S. Lumen. Wir sind mit der Meta Quest 3 an mutierten Crewmitgliedern vorbeigeschlichen. Zusätzlich ist auch eine SteamVR-Fassung erhältlich.
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Um die Infektion und eine geheimnisvolle Fracht zu erforschen, muss Ferak zunächst auf das Heranschleichen in der Hocke und seine vulkanischen Fähigkeiten zurückgreifen, darunter natürlich der betäubende Nackengriff. Ähnlich wie in „Horizon: Zero Dawn“ bieten grasähnliche Wucherungen auch hier Deckung. Aufgrund der schwachen KI der Mutanten lässt sich allerdings oft schwer erkennen, aus welchem Grund man denn jetzt schon wieder entdeckt wurde. Zur Not kommt daher der tödlich geschaltete Taser zum Einsatz, dessen knappe Munition zur Survival-Stimmung beiträgt. Seine Betäubungsstufe ist im Ernstfall kaum hilfreich, da sie die Mutanten lediglich kurzzeitig zum Taumeln bringt.
Hilfreich und tödlich
Später mussten wir unsere Arme absichtlich in glitschige Wucherungen stecken oder Früchte zerdrücken, um uns selbst zu infizieren. Nur so konnten wir versperrte Passagen überwinden, indem wir uns mit einer Ranken-Harpune hinüberzogen. Gegner lassen sich ebenfalls auf diese Weise attackieren. Allerdings sollte man die Mutationsfähigkeiten nicht zu exzessiv einsetzen. Ist der Körper zu sehr ausgelaugt, versagt er schließlich komplett. Nach den ersten Stunden ließ sich noch nicht wirklich abschätzen, wie anspruchsvoll diese Mechanik und das Crafting des Gegenmittels später wird. Feraks Verstand leidet ebenfalls unter der Infektion, was sich in surrealen Rückblenden oder Szenenwechseln bemerkbar macht.

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Auch der Tricorder kommt zwischendurch intensiv zum Einsatz: Er wird genutzt, um verstorbene Crew-Mitglieder nach Zugangscodes zu scannen, Schlösser zu knacken oder Sammelobjekte aufzuspüren. Wir empfehlen, auch das Kommunikator-Abzeichen bei Spielstart eingeschaltet zu lassen. So kann man sich im Ernstfall den Weg zum nächsten Missionsziel anzeigen lassen.
Ähnlich wie in „Alien: Rogue Incursion VR“ trägt zwar auch die Erkundung mehrerer Decks zur Motivation bei. In der Praxis sorgen jedoch surreale Rückblenden und Bugs dafür, dass man leicht den Überblick verliert. Mal verhindert ein fehlender Ankerpunkt für die Rankenharpune das Weiterspielen, an anderer Stelle lässt sich im Minispiel plötzlich ein wichtiger isolinearer Computerchip nicht mehr korrekt anordnen. In beiden Fällen half uns immerhin ein Neustart aus der Misere. Auch an anderer Stelle wirkt die Technik nicht zeitgemäß, beispielsweise bei der etwas fummeligen Interaktion mit Gegenständen oder der fehlenden Holster-Kalibrierung von Abzeichen oder Tricorder. So greift man oft mehrmals ins Leere, bis man endlich die gewünschte Ausrüstung in der Hand hält.
Es mangelt am Feinschliff
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Zudem störte ein durchgehendes Ruckeln etwa die Hälfte der Zeit den Spielfluss. Gelegentlich blieb das Spiel sogar für eine Sekunde komplett hängen. Die Schuld daran liegt eindeutig nicht bei der grafischen Qualität: Im Vergleich zu einer Quest-3-Grafikperle wie „Red Matter 2“ wirken die Texturen und die Beleuchtung stumpf, der Text etwas unscharf und auch die Figuren bewegen sich mitunter abgehackt.
Der größte Feind im Spiel ist also die schwache Technik. Das ist schade, denn wenn diese nicht dazwischenfunkt, sorgen das ruhige Tempo und Feraks zunächst noch rationale englische Kommentare (mit optionalen deutschen Untertiteln) für typische Star-Trek-Stimmung. Gerade der Cardassianer Daryal, dem wir schon zu Beginn bei einem Verhör gegenüberstehen, hat uns neugierig gemacht. Natürlich wollen wir auch wissen, welche Rolle der geheimnisvolle Protagonist Ferak dabei spielt. Bei ihm wird schließlich kurz nach der Gegenüberstellung das Virus entdeckt. Neben den gelegentlichen Zwischensequenzen wird die Geschichte hauptsächlich über zahlreiche verstreute Logs in Text- und Audioform erzählt.
Zwischenfazit
Unterm Strich hat „Star Trek: Infection“ also zumindest Potenzial für einen geheimnisvollen Überlebenskampf im All. Ähnlich wie im VR-Spiel „Mixture“ vom selben Entwickler trüben jedoch Mängel beim Feinschliff das Spielerlebnis. Das ständige Ruckeln, die oft hakelige Steuerung und gelegentliche Bugs haben uns schnell die Lust daran verdorben, das Schiff weiter zu erkunden. Wer einen spannungsgeladenen VR-Überlebenskampf im All sucht, sollte lieber zu dem gelungenen „Alien: Rogue Incursion“ greifen. Star-Trek-Fans ohne VR-Brille und mit erzählerischem Anspruch finden immerhin mit „Star Trek: Resurgence“ eine runder inszenierte, moderne Alternative in diesem Universum.
„Star Trek: Infection“ ist am 31. März für Meta Quest 3 (S) und SteamVR erschienen. USK ab 16. Es kostet ca. 27 €. Für unser Angespielt haben wir einige Stunden die Quest-Version gespielt.
(jpw)
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Probefahrt mit dem Lynk & Co 02: Der Preis bleibt Argument Nummer 1
Ein großer Traum ist geplatzt: Viele Autohersteller wollten Händler maximal noch als Vermittler sehen, manche nicht einmal mehr als das. Im Idealfall sollte der Vertrieb allein über das Netz Gewinne an die Hersteller binden, statt den Erlös teilen zu müssen. Zumindest aktuell und auf den deutschen Markt scheint das Experiment vorerst beendet zu sein: Ohne eine Händlerstruktur wird es schon für die Großen in der Branche nicht einfach, wenig bekannte Marken wie Lynk & Co haben ohne Ansprechpartner in der Fläche kaum eine Chance, einen nennenswerten Absatz zu generieren. Dabei lohnt sich ein Blick auf solche Anbieter für kostenbewusste und risikobereite Interessenten durchaus, wie eine Proberunde mit dem Lynk & Co 02 zeigt.
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Lust am Risiko
Anfang Juli 2026 hat Lynk & Co in Deutschland 20 Händler unter Vertrag, die in der Regel noch weitere Marken verkaufen. Bei den aktuellen Absatzzahlen ist das anders schlicht nicht möglich, denn irgendwer muss Rechnungen begleichen können. Die Verteilung ist noch recht ungleichmäßig. Am dichtesten ist sie in Nordrhein-Westfalen, in den östlichen fünf Bundesländern gibt es nur zwei. In der Hauptstadt gibt es keinen Händler. Interessenten können also je nach Wohnort einen Lynk & Co in der Nähe oder eine Anfahrt von mehr als 150 km vor sich haben. Sollte der Vertragspartner in ein paar Jahren aufgeben, kann das unter Umständen ziemlich unangenehm werden. Es gehört also eine gewisse Lust am Risiko zu einem solchen Kauf.

Der Lynk & Co 02 ist mit 4,46 m etwa so lang wie ein Skoda Elroq.
(Bild: Lynk & Co)
Dessen ist sich natürlich auch Lynk & Co bewusst und zieht die üblichen Magnete aus der Tasche. Der 02, der sich die technische Basis mit Volvo und Smart teilt, ist schon in der Basisausführung für knapp 36.000 Euro ordentlich ausgestattet. Dinge wie ein großes Glasdach, ein komplett ausgestattetes Infotainmentsystem und allerlei Assistenten sind inklusive. Seltsam erscheint die Entscheidung, diese Ausführung nur in drei Farben anzubieten und ihm die Wärmepumpe vorzuenthalten. Für die Version „More“, die 4000 Euro Aufpreis kostet, steht dann eine vierte Farbe zur Wahl: rot. Die dann gereichte Ausstattung umfangreich zu nennen, wäre schamlos untertrieben: Elektrisch verstellbare Kunstledersitze, Soundsystem von Harman/Kardon und eine 360-Grad-Kamera-Perspektive gehören dann dazu. Wer das näher einordnen mag, kann sich zum Vergleich einen ähnlichen Umfang in einen Peugeot e-3008 konfigurieren. Der Unterschied beim Listenpreis ist fünfstellig.
Austauschbares Design
Außen mag das Heck noch eine gewisse Eigenständigkeit ausstrahlen, vorn und auch im Innenraum wirkt der 02 wie so viele chinesische Anbieter austauschbar. Fast die komplette Bedienung wird auf den Bildschirm verlagert, was vom Nutzer die Bereitschaft erfordert, sich damit eingehend zu beschäftigen. Nicht alles in der Menüstruktur erschließt sich sofort, und manch ein Zeichen im Kombiinstrument dürfte gern etwas größer sein. Die Verarbeitung scheint okay zu sein, bei der Materialauswahl spart der Hersteller an einigen Stellen spürbar. Hartplastik trifft immer wieder auf bespannte Oberflächen. Die breite Mittelkonsole mit zwei Ladeschalen für Smartphones und einem filigranen Luftausströmer aus Metall haben uns jedoch gefallen.

Lynk & Co
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Die Sitze vorn sind ausreichend bequem, hinten gibt es das Raumangebot, was der Kunde von einem 4,46 m langen E-SUV mit 2,76 m Radstand erwarten kann. Nicht allzu üppig sind die beiden Kofferräume. Der vordere fasst gerade einmal 15 Liter, der hintere 410 – beides ist für die Fahrzeuggröße eher knapp geschnitten. Die maximale Anhängelast liegt bei 1600 kg.
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Die Fahrwerksabstimmung des 02 ist komfortabel ausgelegt und vermeidet jegliche sportliche Ambitionen. Die Lenkung arbeitet sehr leichtgängig und liefert nicht viel Rückmeldung. Der tiefe Schwerpunkt trägt dazu bei, dass es auch bei flotter Kurvenfahrt keine große Seitenneigung gibt. Gelungen ist auch die Abstimmung der Bremse, die sich gut dosieren lässt. Mit seiner guten Übersichtlichkeit und zusätzlichen Kameras rundum lässt sich das Auto bequem einparken.
5,5 Sekunden im Standardsprint
Der 02 wiegt leer 1820 kg, doch beim Beschleunigen ist von dieser Masse wenig zu spüren. Der E-Motor im Heck leistet 200 kW und bietet 343 Nm Drehmoment, was ausreicht, um das SUV in 5,5 Sekunden auf 100 km/h zu beschleunigen. Schluss ist bei 180 km/h. Beides beschreibt wieder einmal nur unzureichend den Fahreindruck: es geht bei Bedarf flott voran, auch bei höherem Tempo legt der 02 zügig zu. Das mag unter den Elektroautos nicht herausragen, unter vergleichbar teuren Verbrennern aber sehr wohl. Wer subjektiv mithalten wollte, müsste erheblich mehr Geld in die Hand nehmen.
Es gibt nur den einen Antrieb und auch nur eine Batterie. Sie setzt auf NMC-Zellen, die sich vorkonditionieren lassen. Der Energiegehalt liegt bei 66 kWh. Im WLTP gibt der Hersteller je nach Ausstattung eine Reichweite zwischen 435 und 445 km an. Bemerkenswerterweise liegt die teure Version vorn, sowohl in der Reichweite wie auch beim Verbrauch. Der Unterschied ist mit 17,1 (More) zu 17,6 kWh/100 km (Basismodell Core) nicht riesig, aber eben da. Dabei installiert der Hersteller in der Nobelvariante 245/45 R20, im Basismodell etwas schmalere 235/50 R19.
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Keine Stärke des 02: Ladeleistung
Einen Unterschied zwischen den Ausstattungslinien macht Lynk & Co auch beim Laden mit Wechselstrom. Das Basismodell kann dort nur 11 kW entgegennehmen, die teure Version 22. An Gleichstrom laden beide mit maximal 150 kW und reizen damit die Möglichkeiten eines 400-Volt-Systems mit 500 Ampere nicht aus. Ohnehin sagt dieser Wert nur wenig über den Alltag aus. Es dauert unter idealen Bedingungen eine halbe Stunde, um den Ladestand von 10 auf 80 Prozent zu heben. In dieser Zeit werden also rund 46 kWh mit durchschnittlich 92 kW nachgeladen. Das ist in diesem Umfeld kein Spitzenwert mehr, allerdings auch nicht unterdurchschnittlich.

Der Lynk & Co 02 bietet ein ausgezeichnetes Preis-Leistungs-Verhältnis.
(Bild: Lynk & Co)
Fazit
Im Prinzip lässt sich das auf das gesamte Auto übertragen: Der Lynk & Co ragt technisch und auch unterwegs nirgendwo weit heraus, sieht man einmal von seinem ausgezeichneten Preis-Leistungs-Verhältnis ab. Er bietet ausreichend Platz, ist passabel verarbeitet, beschleunigt sehr flott und lädt so schnell wie die meisten Konkurrenten. Die Serienausstattung ist umfangreich, und selbst für das Design werden sich sicherlich Befürworter finden lassen. Was dem Lynk & Co 02 vielleicht fehlt, ist ein Punkt, warum es ausgerechnet genau dieses Auto sein soll. Viele Konkurrenten haben eine Stammkundschaft, auf die sie bauen können, solange sie wenigstens halbwegs liefern, was erwartet wird. Ein Neueinsteiger aber muss Kunden erobern, und beim 02 fehlt ein wenig das gewisse Etwas für diese Auseinandersetzung.
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(mfz)
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Rebellion im Kino: Außer Atem und Nouvelle Vague im Heimkino-Test
In der über hundertjährigen Geschichte des Kinos gab es immer wieder Bewegungen, die mit etablierten Regeln und Traditionen brachen: Ende der 60er Jahre etwa das New Hollywood oder Mitte der 90er Jahre die Dogma-Bewegung. Den wichtigsten und tiefsten Schnitt vollzog jedoch die französische Nouvelle Vague. Um 1960 herum warfen Regisseure wie Claude Chabrol, François Truffaut und Jean-Luc Godard den schwerfälligen Apparat der Studioproduktionen über den Haufen, ließen Kulissen und Scheinwerfer hinter sich und gingen mit leichten Kameras auf die Straße.

Ob Blockbuster oder Klassiker: Jenseits der Streaming-Dienste blüht das Geschäft mit hochwertigen Film-Restaurationen, die in 4K auf UHD Blu-rays veröffentlicht werden. Woche für Woche testen wir die interessantesten Discs, decken Hintergründe zur Produktion und inhaltliche Besonderheiten auf und vergleichen die Bild- und Tonqualität der Discs und Streams.
Der wichtigste Meilenstein war „Außer Atem“, den Jean-Luc Godard 1960 in Paris drehte. Ein guter Film braucht manchmal kaum mehr als etwas Crime, eine lose Idee und zwei faszinierende Hauptdarsteller. Die fand Godard in Jean Seberg und Jean-Paul Belmondo. 65 Jahre später lässt Richard Linklater den Geist von damals in „Nouvelle Vague“ wieder aufleben und erzählt von jenem Dreh, bei dem aus Geldmangel, Trotz und Improvisation Filmgeschichte wurde.
Beide Filme sind nun fürs Heimkino erschienen: Außer Atem in einer 4K-Restauration auf Ultra HD Blu-ray Disc (UHD) und Nouvelle Vague auf Blu-ray Disc. Bevor wir ab Seite 3 auf die technischen Details der Bild- und Tonqualität eingehen und die neuen Veröffentlichungen mit den günstigeren Streaming-Angeboten vergleichen, blicken wir auf den radikalen Aufbruch der französischen Filmemacher und wie Original und Hommage zu einem stimmigen Double Feature ineinandergreifen.
Das war die Leseprobe unseres heise-Plus-Artikels „Rebellion im Kino: Außer Atem und Nouvelle Vague im Heimkino-Test“.
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Ende der Telefon-AU: „Irrsinn, der für Millionen zusätzliche Arztbesuche sorgt“
Die vorgestellten Pläne der Bundesregierung für strengere Regeln bei Krankschreibungen stoßen auf breite Kritik. Künftig soll als gesetzliche Regel eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) bereits ab dem ersten Krankheitstag vorgelegt werden – vorgeschrieben ist eine ärztliche Bescheinigung bisher erst ab dem vierten Tag. Zudem soll es die Telefon-AU künftig nicht mehr geben. Begründet wird die Verschärfung mit dem Ziel, hohe Fehlzeiten in Unternehmen zu senken.
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„Irrsinn, der für Millionen zusätzliche Arztbesuche sorgt“
Besonders scharf reagiert die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH). Deren Vorstandsvorsitzende Dr. Bettina Schultz nennt die Abschaffung der Telefon-AU und die AU-Pflicht ab dem ersten Krankheitstag „Irrsinn“. Millionen zusätzliche Praxisbesuche seien zu erwarten, vielfach ohne medizinische Notwendigkeit. Dadurch würden Personal und Wartezimmer weiter belastet; längere Wartezeiten für andere Patienten seien die Folge. „Unsere Hausarztpraxen arbeiten vielerorts bereits an ihrer Kapazitätsgrenze. Wer jetzt Millionen zusätzlicher Praxisbesuche auslöst, verschärft die Probleme, statt sie zu lösen“, sagte Schultz.
„Mehr Verwirrung statt Klarheit“
Auch die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe kritisiert die Pläne. Sie spricht von „mehr Verwirrung statt Klarheit“ und wirft der Politik vor, die tägliche Versorgungsrealität völlig auszublenden. Eine „absurde AU-Pflicht ab Tag eins“ sorge für Millionen zusätzlicher Praxiskontakte, obwohl die Praxen bereits maximal ausgelastet seien. MEDI Baden-Württemberg warnt zudem vor weiterer Überregulierung. „Die Politik verspricht, uns durch Bürokratieabbau zu entlasten, und legt am Ende mit diesen Planungen wieder eine Schippe drauf“, so Dr. Michael Eckstein, stellvertretender Vorsitzender von MEDI Baden-Württemberg und Hausarzt im Rhein-Neckar-Kreis.
Entscheidung über Krankschreibung ist Arztsache
„Wir fordern die Politik auf, die Entscheidung über die Ausstellung einer Krankschreibung grundsätzlich den Ärztinnen und Ärzten zu überlassen. Wir kennen unsere Patientinnen und Patienten am besten und sind medizinisch dafür ausgebildet. Wir wissen genau, wem wir telefonisch eine AU ausstellen können und wen wir in der Praxis sehen müssen“, so die Hausärztin Dr. Cathérine Hetzer-Baumann von MEDI. Zudem solle die Politik Ursachen der Krankschreibungen prüfen und die Bevölkerung, gerade in Krisenzeiten, durch Präventionsangebote unterstützen sowie die Gesundheitskompetenz verbessern.
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Die Vorsitzenden des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands, Prof. Nicola Buhlinger-Göpfarth und Dr. Markus Blumenthal-Beier, halten die Beschlüsse für eine „absolute Katastrophe“. „Das wird eine Welle von Menschen in unsere Praxen spülen – in vielen Fällen ohne medizinische Notwendigkeit, sondern aus rein administrativen Gründen. Während sich also die Infektfälle, die nur ein, zwei Tage im Bett gebraucht hätten, in unseren Wartezimmern stapeln, werden die dringlichen Fälle warten müssen, weil wir nicht hinterherkommen! Diese Regelung ist der bürokratische Super-GAU für die Hausarztpraxen“, so Buhlinger-Göpfarth.
Ebenfalls gegen die Pläne stellt sich die Bundesärztekammer: „Die telefonische Krankschreibung hat sich in der Praxis bewährt“, betonte der Vorstand der Bundesärztekammer. Sie erspare Patienten mit leichten Infekten den Weg in die Arztpraxis und verhindere damit, dass sie dort andere ansteckten. Besonders kritisch sei, dass dies nun mit einer Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag zusammenfalle. In der Kombination müssten künftig Patienten mit einer leichten Erkrankung für ein Attest persönlich in die Arztpraxis kommen. Gerade in der Erkältungs- und Grippesaison werde das die Wartezimmer weiter füllen und die ohnehin an der Kapazitätsgrenze arbeitenden Praxisteams zusätzlich belasten.
Datenlage spricht dagegen
Datenbasierte Einordnungen sprechen ebenfalls gegen die Pläne. Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) verwies Anfang des Jahres darauf, dass der Anstieg der AU-Zahlen primär auf Meldeeffekte durch die 2022 eingeführte elektronische Krankmeldung sowie ein erhöhtes Infektionsgeschehen zurückgeht – und nicht auf die Telefon-AU. Diese macht laut Zi jährlich nur zwischen 0,8 und 1,2 Prozent aller AU-Fälle aus und kann den starken Anstieg der Meldungen damit nicht erklären. Zudem sei die Zahl der AU-Meldungen 2025 laut Gematik-Daten sogar wieder um neun Prozent zurückgegangen – ein Aspekt, der in der Debatte kaum beachtet werde.
Auch aus Sicht der Krankenkassen bringt die Maßnahme daher nichts. Die Abschaffung der Telefon-AU sei keine Maßnahme, die den Krankenstand senke, sondern „reine Symbolpolitik“, erklärte die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Dr. Carola Reimann. Zudem sei nicht nachvollziehbar, was die verpflichtende Vorlage der AU-Bescheinigung ab dem ersten Tag mit dem erklärten Ziel der Entbürokratisierung zu tun haben solle.
Der Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung nannte die Vorhaben eine „Zumutung“. Es grenze an Irrsinn, Abertausende Menschen zusätzlich zum reinen Ausfüllen von Zetteln in die Praxen zu jagen, kritisierte die KBV. „Wer hustet, eine Magen-Darm-Infektion hat, gehört ins Bett – und nicht in die übervolle Praxis“, sagte KBV-Chef Andreas Gassen. Im Januar hatte Gassen die Debatte um die Abschaffung der Telefon-AU noch befeuert, allerdings im Zuge einer dreitägigen Karenzzeit, in der gar keine Krankschreibung nötig gewesen wäre. Sein Ziel war, die Praxen von Bagatell-AUs zu entlasten. Die nun geplante AU-Pflicht ab dem ersten Tag läuft dieser Idee genau entgegen.
(mack)
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