Künstliche Intelligenz
VR hat laut Meta mehr Nutzer denn je – aber das Problem liegt woanders
Meta hat auf der Entwicklerkonferenz GDC einen Einblick in den aktuellen Stand des Quest-Ökosystems gegeben, dem bei weitem größten VR-Marktplatz.
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Entgegen aller Untergangsszenarien betonte der Spielechef Chris Pruett bei einem Vortrag, dass Virtual Reality weiterhin wachse: 2025 habe das Quest-Ökosystem die bislang höchste Zahl an individuellen Nutzern erreicht. „Die Gerüchte über den Tod von VR sind stark übertrieben“, schrieb Pruett in einem Blogbeitrag, der auf seinen GDC-Vortrag vom Mittwoch folgte.
Das Nutzerwachstum allein ist jedoch noch kein Grund zum Jubeln. Dass ein Ökosystem mit der Zeit wächst, statt schrumpft, ist das Mindeste, was man erwarten darf. Und zur tatsächlichen Zahl aktiver VR-Nutzer schweigt Meta auch nach mehr als zehn Jahren. Ein Umstand, der Bände spricht.
Unklar bleibt auch, wie häufig und intensiv Menschen ihre Quest-Headsets heutzutage nutzen. Erst solche Metriken zeigen, wie vital ein Ökosystem wirklich ist.
Bei den Software-Erlösen hat sich im vergangenen Jahr nicht viel getan: Nachdem der Umsatz in 2024 noch um 12 Prozent gestiegen war, hat er 2025 nur leicht zugelegt, sagt Pruett. Dass die langjährige Meta-Führungskraft keine Zahl nennt und stattdessen auf das ohnehin langsame Wachstum der Spieleindustrie verweist, lässt nichts Gutes vermuten.
Ein Ökosystem im Umbruch
Schon im vergangenen Jahr räumte Meta ein, dass es um das Ökosystem nicht zum Besten bestellt ist: Die Enthusiasten, die Meta Quest 2 einst zum Erfolg verholfen haben, beteiligen sich heute deutlich weniger am Ökosystem und geben nicht mehr so viel Geld aus wie noch vor einigen Jahren. An ihre Stelle sind Teenager getreten, die inzwischen die aktivste Nutzergruppe darstellen, jedoch längst nicht so kaufkräftig sind und sich eher für meme-getriebene Free-to-Play-Spiele als für aufwendig produzierte VR-Titel vom Schlage eines „Batman Arkham Shadow“ oder „Marvel’s Deadpool VR“ (beides Meta-Produktionen) interessieren.
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„Großbudgetierte AAA-Spiele mit Hollywood-artiger Inszenierung sind für den heutigen Markt schlicht zu teuer“, räumt Pruett ein und sagt zugleich, dass Premium-Apps und nicht Mikrotransaktion der größte Umsatztreiber sind.
Das hinter den Erwartungen zurückbleibende Wachstum des Ökosystems veranlasste Meta Anfang des Jahres zu einer radikalen Schrumpfkur: Rund 1.500 Mitarbeiter der VR-Abteilung wurden entlassen, zudem schloss das Unternehmen fast alle First-Party-Spielestudios.
Die Sparmaßnahmen gingen mit einem strategischen Kurswechsel einher: Meta Quest soll sich künftig wieder stärker auf klassische VR-Erlebnisse konzentrieren, statt auf das von vielen Nutzern ungeliebte Metaverse. Zu diesem Zweck soll weiter Geld in VR-Spiele fließen, allerdings in die von Drittentwicklern statt in Eigenproduktionen. Im vergangenen Jahr half Meta bei der Veröffentlichung von rund 140 Spielen, und 2026 sollen es noch mehr werden, sagte Pruett auf der GDC.
Ob Meta mit dieser Rückkehr zu alten Werten frühere Nutzer zurückgewinnen und zum Geldausgeben bewegen kann, ist fraglich. Zumal das Unternehmen eigene Spieleproduktionen eingestampft hat und VR-Hardware künftig teurer anbieten will.
Meta wettet auf Zielgruppen, die es noch gibt
Statt auf die nur langsam wachsende Gruppe der Enthusiasten zu bauen, setzt Meta auf weitere Investitionen – und das Prinzip Hoffnung.
Das Unternehmen vermutet, dass sich die zahlreichen Teenager, die mit VR aufwachsen und diese als natürlichen Teil ihrer Unterhaltungswelt betrachten, zu zahlungskräftigen Kernnutzern von morgen entwickeln könnten. „Meine Vermutung – und es ist nur eine Vermutung – lautet, dass Anspruch, Feinschliff und Qualität für ein junges Publikum wichtiger werden, je älter es wird“, schreibt Pruett im Hinblick auf die Gruppe der ersten „VR-Natives“.

Tomislav Bezmalinović ist fasziniert von Computerbrillen aller Art. Seit 2025 schreibt er für heise online über die neuesten Trends im Bereich Smart Glasses, VR-Headsets und AR-Brillen.
Eine weitere hypothetische Zielgruppe, auf die Meta wettet, sind medienaffine Erwachsene. Das Unternehmen erwartet, dass diese Kohorte in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnt. Sie sollen VR-Brillen zunächst als Fernseherersatz kaufen, um Filme und Serien zu schauen, dabei aber auch VR-Spiele entdecken, die auf Handtracking statt auf Controller setzen.
Metas nächste beiden VR-Brillen dürften genau auf diese beiden Zielgruppen zugeschnitten sein: eine ultraleichte VR-Brille für Medienkonsumenten, die ohne Controller auf den Markt kommen könnte und laut jüngsten Berichten 2027 erscheinen soll, sowie eine darauffolgende Meta Quest 4 für erwachsene VR-Enthusiasten und erwachsen gewordene VR-Natives. Offiziell bestätigt ist nur, dass Meta an zwei neuen VR-Brillen arbeitet.
In der VR-Branche bleibt alles beim Alten
Herangereifte VR-Natives und medienaffine Erwachsene als künftige Wachstumstreiber des Quest-Ökosystems: Beide Gruppen existieren bislang vor allem in den Köpfen der Unternehmensführung. Ob sie tatsächlich eine Rolle spielen werden und Meta Quest wieder zum Erfolg verhelfen können, muss sich in den kommenden Jahren zeigen.
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Vorerst bleibt alles beim Alten: Meta investiert weiter kräftig in Hardware und Inhalte und versucht, neue Nutzergruppen zu erschließen. Meta bleibt damit der bei weitem größte Investor in Virtual Reality, ohne den die VR-Branche kaum vorstellbar wäre.
Metas größte Konkurrenten zögern derweil: Die Zukunft der Apple Vision Pro ist derzeit ungewiss, Samsung Galaxy XR hat seit seinem Erscheinen kaum Software-Updates erhalten und ist weiterhin auf die USA und Südkorea beschränkt, und von Sony hört man keinen Mucks in Richtung einer Playstation VR 3. Immerhin wollen ByteDance und Valve noch in diesem Jahr mit Project Swan und Steam Frame zwei neue VR-Brillen auf den Markt bringen.
(tobe)
Künstliche Intelligenz
Kommentar: Die beste Werbung für alternative KI-Hersteller
Die US-Regierung verbietet ausländischen Staatsangehörigen den Zugriff auf Anthropics KI-Modelle Fable 5 und Mythos 5, das Unternehmen musste beide weltweit abschalten. Während die Trump-Administration weiter internationales Vertrauen verspielt, indem sie wieder einmal ihre autoritären Züge zur Schau trägt, dürfte der Schaden auf der Seite der Nutzenden überschaubar sein. Denn schon vorher hat Anthropic die Anwendung von Fable 5 auf intransparente Weise massiv eingeschränkt.
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Im Weißen Haus hatte es Bedenken über einen möglichen Jailbreak gegeben – also einen Trick, der hilft, die gefährlichen Kräfte von Fable 5 zu entfesseln, indem er die eingebauten Schutzmechanismen umgeht. Nach der Darstellung von Anthropic sei aber kein Weg bekannt, das Modell zu etwas zu bringen, das nicht auch mit anderen Modellen machbar sei, etwa ChatGPT 5.5. Bei der aktuellen Flut von KI-generierten Cybersicherheitslücken für manche Sicherheitsverantwortliche vielleicht eher ein kleiner Trost. Zwar gibt es bei Fable 5 eine Vorgeschichte: Das Modell ist eine Variante des Anthropic-Modells Mythos, das in kürzester Zeit in nahezu jeder Software gefährliche Sicherheitslücken erkennt. Diese neue Qualität hatte weltweit für Schreckenszenarien gesorgt. Fable 5 weigert sich, Prompts aus den Bereichen Biologie, Chemie, Cybersicherheit und Wissensdestillation zu beantworten.
Doch mit der jetzigen Argumentation der US-Regierung ließe sich nahezu jedes KI-Modell der Welt verbieten. Denn für jedes Modell lassen sich theoretisch Wege finden, dessen Safeguards zu umgehen, auch bei Heise haben wir das schon erfolgreich getestet. Natürlich kommt es stark auf das Modell an, ob am Ende eine schlecht gemachte Malware oder gar die Herstellungsanleitung für chemische Kampfstoffe steht. Auch wenn letzteres ohnehin niemals in Umlauf gebracht werden sollte, auch nicht als „jailbreakbarer“ Inhalt eines LLMs, wirkt die Argumentation der US-Regierung willkürlich. Sie ist als weitere Episode in ihrem schon länger währenden Streit mit Anthropic zu betrachten. Der KI-Hersteller verbietet die Nutzung seiner Modelle für autonome Waffensysteme des US-Militärs, dafür gab es Sanktionen.
„Fable 5 pur“ hätte es ohnehin nicht gegeben
Durch den jetzigen dreisten Zug der US-Regierung ist weniger verloren, als es scheinen mag. Fable 5 war vor wenigen Tagen im Pro-Tarif von Anthropic verfügbar geworden, jedoch mit zwei großen Einschränkungen. Zum einen sollte Fable 5 nur bis zum 22. Juni in dem Abo enthalten sein, bevor das Modell nur noch per API und mit tokengebundener Abrechnung – und damit deutlich teurer – verfügbar sein sollte. Als Grund nennt Anthropic fehlende Kapazität, die erst durch neue Rechenzentren aufgebaut werden müsse. Für den Consumer-Bereich war ein schnelles Ende also ohnehin absehbar, auch wenn Anthropic versprach, Fable 5 irgendwann ins Abo zurückzubringen.
Zum anderen hat Anthropic die Fable 5-Nutzung durch die Hintertür massiv gedrosselt: Fable 5 schaltete sich regelmäßig im Hintergrund auf das nächst schwächere Anthropic-Modell Claude Opus 4.8 um. Ohne, dass dies für Anwender erkennbar war. Als Begründung nennt Anthropic eine Schutzmaßnahme gegen Wissensdestillation, also das Training eines KI-Modells mit einem anderen. Fable 5 soll eigenständig erkennen, wann es für solches Training eingesetzt wird und dann zu Opus 4.8 wechseln. Und das soll wohl recht häufig passieren, wie die Kollegen des Heise-Videomagazins c’t 3003 vernommen haben. Anthropic hat zwar jüngst noch angekündigt, hier transparent zu werden, aber für Kunden heißt es trotzdem: Sie bezahlen zwar für Fable 5, kaufen am Ende aber einen unkontrollierbaren Modell-Mix. Diese Tatsache betrifft vor allem die professionellen Anwender im Coding-Bereich. In Anthropics Benchmark-Vergleich ist Fable 5 deutlich stärker als etwa Opus 4.8 oder ChatGPT 5.5.
Ein Weckruf mit gutem Timing
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Bessere Werbung hätte die US-Regierung für europäische KI-Anbieter gar nicht machen können. Sie demonstriert, wie schnell das Produkt eines Herstellers, von dem sich weltweit Unternehmen abhängig machen, einfach so abgeschaltet werden kann. Wenn man so will, dann sogar mit gutem Timing. Viele deutsche IT-Entscheider stehen gerade am Anfang von Projekten, die KI-Agenten und entsprechende Infrastruktur in die Organisation bringen sollen. Sie können ihre Lehren aus der Fable 5-Affäre ziehen. Eine sollte sein: Wir sollten an unserer Unabhängigkeit von Big-Tech-KI arbeiten, so gut es geht und wir können das auch.
Unter der Haube einer agentischen KI-Anwendung, insbesondere wenn sie ganz oder in Teilen selbst gebaut wird, steckt oft eine Vielzahl von Modellen. Denn jedes Modell bringt individuelle Stärken für bestimmte Arbeitsschritte mit. Klar, Modellfamilien wie Mistral können mit den Produkten von OpenAI oder Anthropic aktuell nicht mithalten. Aber: Für einzelne Schritte in einem Workflow könnten sie durchaus eine Alternative sein. Wer darauf setzt, kann seine Abhängigkeit natürlich nicht ganz auflösen, aber zumindest eindämmen. Und er hilft alternativen KI-Anbietern, bessere Produkte zu schaffen. Über die Zeit könnten so mehr und mehr Anwendungsfälle für KI-Modelle entstehen, die nicht den Launen eines Staatsoberhaupts unterliegen.
(nen)
Künstliche Intelligenz
Drei freie Office-Suiten gegen Microsoft 365 – und ihre Technik im Vergleich
Wer über Euro-Office, Collabora Online und die neuen LibreOffice-Pläne der Document Foundation spricht, vergleicht nicht einfach drei Bedienoberflächen. Der eigentliche Unterschied liegt tiefer – denn wo soll eine Web-Office-Suite überhaupt laufen? Alle Antworten sind legitim: im Browser, auf einem zentralen Server oder als weitgehend unveränderte Desktop-Anwendung, die per WebAssembly in den Browser wandert.
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Diese Architekturfrage ist mehr als ein Implementierungsdetail. Sie entscheidet darüber, wie viel Serverleistung eine Organisation braucht und wie gut sich eine Lösung skalieren lässt – und zieht nach sich, welche Dateiformate im Zentrum stehen. Sie bestimmt auch, wie sich die Anwendung bei schlechter Verbindung anfühlt und wie viel Nähe zur klassischen Desktop-Office-Welt erhalten bleibt. Für Behörden, Schulen und Unternehmen, die jetzt Alternativen zu Microsoft 365 oder Google Workspace suchen, können diese Unterschiede entscheidend für ihre Wahl sein.
Die drei Kandidaten stehen für drei technische Linien. Euro-Office ist ein Fork von OnlyOffice und damit ein von Grund auf fürs Web entwickelter Editor mit Document Server, JavaScript-Oberfläche und Rendering über das Canvas-Element von HTML5. Collabora Online baut auf der Technik von LibreOffice beziehungsweise Collabora Office auf, lässt die eigentliche Office-Engine aber auf dem Server laufen und überträgt nur die fertig gerenderten Dokumentbereiche in den Browser. Die Document Foundation wiederum skizziert für LibreOffice einen dritten Weg: Die bestehende Codebasis soll mit Qt 6 und WebAssembly direkt im Browser und später auf Mobilgeräten laufen. Möglichst viel Rechenarbeit soll dabei auf dem Endgerät stattfinden statt im Rechenzentrum.
Euro-Office: web-natives Office aus der OnlyOffice-Welt
Euro-Office entsteht aktuell im Umfeld europäischer Anbieter wie Nextcloud, Ionos und Proton und soll eine souveräne Office-Komponente für Plattformen wie Nextcloud, Proton, XWiki oder OpenProject liefern. Eine vollständige Cloud- oder Groupware-Plattform ist es allerdings nicht. Euro-Office selbst bringt weder eigenen Dateispeicher noch Benutzerverwaltung oder ein Freigabesystem mit. Es ist eine eingebettete Editor-Komponente. Navigation, Rechte, Dateiablage, Versionierung und Freigaben übernimmt die Plattform drumherum.
Das ist aus OnlyOffice vertraut. Im Kern arbeitet ein Document Server, der zwischen Browser und Speicherplattform vermittelt. Bindet man Euro-Office in Nextcloud ein, muss dieser Server sowohl für Nextcloud selbst als auch für die Endgeräte erreichbar sein. Der Browser lädt die Editor-Oberfläche vom Document Server. Der Document Server holt das Dokument von Nextcloud, verwaltet die Bearbeitungssitzung und meldet später Statusänderungen und Speichervorgänge zurück. Die Anbindung arbeitet mit konfigurierten internen und externen Serveradressen, Callback-URLs und JWT zur Absicherung.
Im Browser setzt Euro-Office auf eine native Web-Oberfläche mit JavaScript und einem HTML5-Canvas. Der Editor stellt Dokumente also nicht als gewöhnliche HTML-Seite mit editierbaren Absätzen dar, sondern zeichnet sie kontrolliert. Bei Office-Dokumenten zahlt sich das aus, denn Seitenumbrüche, Tabellen, Kopf- und Fußzeilen, frei platzierte Objekte und Folienlayouts reagieren empfindlich auf kleinste Darstellungsunterschiede. Ein Canvas-basierter Editor steuert Layout, Text und Objekte selbst, statt sich auf das Layout des Browsers zu verlassen.
Der Document Server bleibt trotzdem zentral. Er kümmert sich um Sitzungen, Konvertierung, Speicherung und die gemeinsame Bearbeitung. Öffnen mehrere Nutzer dasselbe Dokument mit demselben Dokument-Schlüssel, landen sie in derselben Sitzung. Der Editor schickt Änderungen an den Bearbeitungsdienst, der sie an die übrigen Teilnehmer verteilt. Kommentare, Änderungsverfolgung, Chat und verschiedene Modi für das gemeinsame Bearbeiten sind bereits Teil dieses Modells.
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Der praktische Vorteil von Euro-Office liegt damit auf der Hand: Es ist für moderne Web-Office-Szenarien gebaut. Es eignet sich vor allem für Organisationen, die schon eine Plattform wie Nextcloud betreiben und eine browserbasierte Office-Komponente mit gemeinsamer Bearbeitung benötigen. Hinzu kommt die starke Ausrichtung auf die Microsoft-Office-Formate, die bereits OnlyOffice mitbringt. In der Praxis ist das für viele Unternehmen ein Pluspunkt, denn ihr Alltag besteht oft aus DOCX-, XLSX- und PPTX-Dateien.
Genau hier liegt aber auch der Streitpunkt. OnlyOffice arbeitet traditionell OOXML-zentriert und konvertiert andere Formate zum Bearbeiten häufig in die Microsoft-Pendants. Euro-Office kündigt zwar eine Unterstützung offener Standards an, und Nextcloud nennt die vollständige ODF-Unterstützung als wichtiges Ziel für die weitere Entwicklung. Im Ausgangspunkt spielt Euro-Office seine Stärken aber bei Microsoft-Formaten aus. Wer ODT, ODS und ODP verbindlich als Primärformate durchsetzen will, sollte genau prüfen, ab wann er eine vollständige Kompatibilität benötigt.
Collabora Online: LibreOffice als Serverdienst
Collabora Online kommt aus einer anderen Richtung. Collabora nutzt die Technik von LibreOffice und Collabora Office und überführt sie in eine Serverarchitektur. Die eigentliche Office-Engine läuft nicht im Browser, sondern auf dem Collabora-Server. Der Browser dient als interaktive Oberfläche. Außerdem ist die Software etabliert und wird bereits von vielen Organisationen produktiv eingesetzt.
Unter der Haube besteht Collabora Online unter anderem aus einem Web Services Daemon, der externe Verbindungen annimmt, aus isolierten Prozessen, die Dokumente laden und rendern, und aus der JavaScript-Oberfläche im Browser. Die Kommunikation läuft über WebSockets. Der Client schickt Tastatur-, Maus-, Scroll-, Zoom- und UNO-Kommandos an den Server. Der Server berechnet den Dokumentzustand und liefert die gerenderten Bereiche zurück.
Diese Bereiche heißen in der Collabora-Dokumentation Tiles, also Kacheln. Der Client fordert die sichtbaren Bereiche an, der Server liefert Bildkacheln oder nur die Differenz zu bereits übertragenen Kacheln. Ändert sich ein Teil des Dokuments, markiert der Server die betroffenen Bereiche als ungültig und sendet neue Inhalte. Architektonisch ist Collabora Online damit eher ein interaktives, ferngesteuertes LibreOffice als eine Office-Anwendung, die komplett im Browser läuft.
Klingt umständlich, hat aber große Vorteile. Weil der LibreOffice-Kern auf dem Server arbeitet, greift Collabora auf die über Jahre gewachsene Dokumentlogik, die Importfilter und die Layout-Engine zurück. Für ODF-Dokumente ist das besonders wichtig. Collabora ist derzeit der produktiv verfügbare Kandidat, wenn eine Organisation Office im Browser einsetzen, aber nahe an LibreOffice und am Open Document Format bleiben will. Auch komplexe Dokumente aus LibreOffice lassen sich so zuverlässig korrekt darstellen.
Der Preis ist die Serverlast. Collabora Online ist ein zustandsbehafteter Dienst. Bei der gemeinsamen Bearbeitung müssen alle Verbindungen zu einem Dokument auf demselben Server oder Pod landen. Das erschwert die horizontale Skalierung im Vergleich zu statischen Webanwendungen. In größeren Installationen müssen WebSockets, Reverse Proxy, TLS, WOPI-Anbindung, Lastverteilung und Ressourcengrenzen sauber zusammenspielen, und der Datenverkehr eines Dokuments muss zuverlässig beim richtigen Prozess ankommen.
Für Administratoren bedeutet Collabora deshalb mehr klassische Serverarbeit als Euro-Office oder der geplante Ansatz der Document Foundation. Der Collabora-Server ist eine zentrale und sensible Komponente. Er lädt Dokumente, verarbeitet und rendert sie und speichert Änderungen über die angebundene Plattform zurück. Er braucht CPU, Arbeitsspeicher und eine stabile Verbindung zu Speicherplattform und Browsern. Bei vielen gleichzeitigen Nutzern oder sehr großen Dokumenten wird das spürbar.
Für Anwender kann sich Collabora sehr nah an LibreOffice anfühlen. Das ist praktisch für Desktop-Umsteiger, bei schwacher Serverausstattung oder hoher Latenz kann die Bedienung – also Scrollen, Zoomen und die Reaktion auf Eingaben – aber träge wirken.
LibreOffice Web und Mobile: die Local-First-Wette der TDF
Die Pläne der Document Foundation für LibreOffice im Web und auf dem Smartphone setzen genau an diesem Punkt an. Die TDF beschreibt ihre Strategie ausdrücklich als Planungs- und Entwicklungsvorhaben, nicht als fertige technische Spezifikation oder Produktankündigung. Es gibt einen funktionierenden, aber noch rohen Prototyp auf Basis von Qt 6 und WebAssembly. Daraus soll langfristig eine webfähige LibreOffice-Version entstehen, die möglichst viel der bestehenden Codebasis weiterverwendet.
Der Unterschied zu Collabora ist grundlegend. Collabora bringt LibreOffice-Technik auf den Server und macht sie über den Browser bedienbar. Die TDF will LibreOffice selbst in den Browser bringen. WebAssembly dient dabei als Laufzeitformat für Code, der ursprünglich nicht in JavaScript geschrieben wurde. Eine große C++- und Qt-Anwendung wie LibreOffice lässt sich so in ein Browser-Binärformat übersetzen. Der Browser wird dann zur Laufzeitumgebung für eine weitgehend native Anwendung.
Das Ziel ist eine Local-First-Architektur, bei der die Hauptarbeit auf dem Endgerät liegt. Die TDF verweist auf steigende Hosting- und Energiekosten und argumentiert, viele kleine Cloud-Betreiber sollten nicht unnötig viel Rechenarbeit im Rechenzentrum leisten. Laufen Layout, Dokumentlogik und der Großteil der Bearbeitung lokal, kann der Server schlank bleiben. Er müsste dann primär den Anwendungscode ausliefern, Dateien bereitstellen, Rechte verwalten und die gemeinsame Bearbeitung koordinieren.
Das klingt attraktiv, schafft aber neue technische Probleme. Eine Office-Suite wie LibreOffice ist groß. Wandert sie per WebAssembly in den Browser, müssen Code, Laufzeit und Ressourcen geladen, kompiliert und initialisiert werden. Der erste Start kann länger dauern als bei einer eigens fürs Web gebauten App. Außerdem verschieben sich die Anforderungen vom Server auf den Client. Prozessor, Arbeitsspeicher, Browserfunktionen und Akkulaufzeit werden wichtiger. Auf aktuellen Firmen-Notebooks funktioniert das natürlich problemlos, doch auf älteren Thin Clients, Schulgeräten oder Smartphones könnte es schwieriger werden.
Hinzu kommen die Grenzen der Browser-Sandbox. Eine Desktop-Anwendung greift selbstverständlich auf das lokale Dateisystem, die Zwischenablage, das Drucksystem und Betriebssystemfunktionen zu. Im Browser ist all das eingeschränkt oder anders gelöst. Dateien liegen in virtuellen Dateisystemen oder lassen sich nur über Browser-Schnittstellen öffnen. Der Zugriff auf die Zwischenablage unterliegt Sicherheitsregeln. Für Multithreading und SharedArrayBuffer sind unter Umständen spezielle HTTP-Header nötig. Ein LibreOffice in WebAssembly ist deshalb kein einfach neu kompiliertes Desktop-LibreOffice, sondern muss an das Sicherheitsmodell des Webs angepasst werden.
Auch die Bedienung ist eine Herausforderung. LibreOffice auf dem Desktop ist mächtig, mit Menüs, Dialogen, Symbolleisten, Kontextmenüs und vielen Spezialfunktionen. Im Browser und erst recht auf dem Smartphone braucht es eine responsive Oberfläche und kürzere Bedienwege. Die TDF nennt deshalb auch Arbeiten an der Oberfläche und an mobilen Builds als eigene Ziele. Für Android und iOS sollen zunächst lauffähige Builds auf Emulatoren entstehen. Das ist ein wichtiger Schritt, aber weit entfernt von ausgereiften mobilen Apps.
Bei der Kollaboration steht LibreOffice Web ebenfalls am Anfang. Die TDF plant zunächst eine Client-Server-Architektur mit einer maßgeblichen zentralen Instanz für den Dokumentzustand. Für die Entwicklung sollen direkte TCP/IP-Verbindungen zwischen LibreOffice-Instanzen dienen, später soll ein Document Server die Zusammenarbeit koordinieren. Eine Peer-to-Peer-Lösung gilt als langfristig interessant, ist aber eher Forschungsthema als eine konkrete Produktfunktion. Damit unterscheiden sich die Pläne klar von Euro-Office und Collabora, die das gemeinsame Bearbeiten heute schon produktiv beherrschen.
Drei Einsatzprofile für Unternehmen
Ihre Organisation will weg von Microsoft 365 und staunt nun über das freie Office-Chaos? Nicht so wild, denn aus Unternehmenssicht gibt es am Ende drei sehr unterschiedliche Ansätze, die Ihre Entscheidung deutlich vereinfachen sollten.
Euro-Office ist der pragmatische Ansatz für Organisationen, die eine moderne Web-Office-Komponente in Nextcloud oder vergleichbaren Plattformen brauchen und viel mit Microsoft-Office-Dateien arbeiten. Die Architektur ist auf den Browser und die gemeinsame Bearbeitung ausgelegt, der Betrieb verlangt einen Document Server. Die erste allgemein verfügbare Version macht den Umstieg jetzt praktisch möglich.
Collabora Online ist der reife Kandidat für alle, die heute produktiv ein LibreOffice-nahes Office im Browser einsetzen wollen. Es passt besonders gut zu ODF-Strategien, zu Behörden und zu Plattformen wie Nextcloud oder ownCloud. Der größte Vorteil ist die Nähe zur Dokumentlogik von LibreOffice. Der größte Nachteil bleibt die hohe Serverlast. Für große Installationen sind Lasttests mit echten Dokumenten und realistischen Nutzerzahlen Pflicht.
LibreOffice Web und Mobile ist dagegen keine kurzfristige Option, sondern eine Wette auf die Architektur. Geht sie auf, liefert sie womöglich die eleganteste Antwort auf mehrere Probleme zugleich: eine gemeinsame freie Codebasis für Desktop, Browser und Mobilgeräte, ODF als natürliches Hauptformat und geringere Serverkosten durch lokale Verarbeitung. Diese Vorteile müssen aber erst technisch eingelöst werden. Tempo, Paketgröße, Speicherbedarf, Browser-Integration, mobile Bedienung und gemeinsame Bearbeitung sind offene Baustellen.
(fo)
Künstliche Intelligenz
Palantir scheitert weitgehend mit Gegendarstellungen gegen „Republik“-Recherche
Der US-Datenanalyse-Konzern Palantir ist mit seinem Versuch, beim Schweizer Online-Magazin „Republik“ eine umfassende Gegendarstellung zu erzwingen, weitgehend gescheitert.
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Das Handelsgericht des Kantons Zürich wies in seinem Urteil vom 4. Juni 2026 (PDF) 22 von 23 geforderten Gegendarstellungen ab, wie die „Republik“ am Samstag bekanntgab.
Hintergrund sind zwei Recherchen, die die „Republik“ gemeinsam mit dem WAV-Recherchekollektiv im Dezember 2025 veröffentlicht hatte (Teil 1 und Teil 2). Grundlage für die Klage waren 59 Gesuche nach dem Schweizer Öffentlichkeitsgesetz. Die Beiträge dokumentierten sieben Jahre weitgehend erfolgloser Akquisebemühungen Palantirs bei Schweizer Bundesbehörden sowie die Rolle Zürichs als europäische Drehscheibe des Konzerns.
Eine erfolgreiche Gegendarstellung
Erfolg hatte Palantir nur bei einer Tatsachenbehauptung zur Software „Foundry“. Die „Republik“ hatte geschrieben, Foundry sei „ursprünglich auch für die USA entwickelt, für die ‚Aufstandsbekämpfung‘ in Afghanistan und im Irak“. Diese Passage musste die „Republik“ innerhalb von fünf Werktagen mit folgender Gegendarstellung versehen:

Die „Republik“ hat die Gegendarstellung veröffentlicht, unterstreicht aber, dass die Redaktion an ihrer Darstellung festhält.
(Bild: Republik)
Das Gericht begründete die Zulassung damit, dass es sich um eine konkrete, dem Beweis zugängliche Tatsachenbehauptung handle – im Gegensatz zu den übrigen 22 beanstandeten Passagen. Die „Republik“ hat dem Text bereits den Vermerk „Die Redaktion hält an ihrer Darstellung fest“ gegenübergestellt.
Werturteile statt Tatsachen
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Das Schweizer Gegendarstellungsrecht erfasst laut Urteil nur überprüfbare Tatsachenbehauptungen, nicht aber Werturteile oder Schlussfolgerungen. An dieser Abgrenzung scheiterte Palantir wiederholt. Die Bezeichnungen „Überwachungstechnologie“, „Überwachungstool“ und „tödliche Kriegswaffe“ wertete das Gericht als zulässige Schlussfolgerungen aus den unbestrittenen Funktionen der Software. Bei der Bezeichnung „tödliche Kriegswaffe“ verwies es auf von der „Republik“ eingereichte Originalzitate von Palantir-CEO Alex Karp, wonach Palantir da sei, „um zu stören und nötigenfalls Feinde zu erschrecken und gelegentlich auch zu töten“.
Auch die zugespitzte Sprache der Recherche hielt der Prüfung stand. Formulierungen wie „große Verkaufskampagne“, „hartnäckig“ und „abgeblitzt“ stufte das Gericht als subjektive Wertungen ein, die auf unbestrittenen Tatsachen beruhen – namentlich, dass in sieben Jahren keine Zusammenarbeit zwischen Palantir und Schweizer Bundesbehörden zustande kam. Die Zusammenfassung eines internen Armee-Berichts, der dazu rate, „auf Lösungen von Palantir zu verzichten“, ließ das Gericht ebenfalls gelten: Aus dem Artikel gehe hervor, dass es um eine generelle Prüfung gehe, nicht um ein konkretes Angebot.
Eine zweite Hürde war die unmittelbare persönliche Betroffenheit. Zur Beschreibung der US-Einwanderungsbehörde Immigration and Customs Enforcement (ICE) als Organisation, die „Jagd auf Migrantinnen“ mache, stellte das Gericht fest: Selbst wenn diese Formulierung wertend zugespitzt sei, richte sie sich gegen die ICE als staatliche Behörde, nicht unmittelbar gegen Palantir.
Wachsender politischer Druck
Schon die Klageeinreichung im Februar hatte der ursprünglichen Berichterstattung zusätzliche Aufmerksamkeit verschafft. Das Urteil fällt in eine Phase wachsenden politischen Drucks auf Palantir. In Großbritannien stoppte Londons Bürgermeister Sadiq Khan im Mai einen 50 Millionen Pfund schweren Vertrag der Metropolitan Police mit Palantir. Zugleich wächst dort die Kritik am Einsatz beim staatlichen Gesundheitsdienst NHS, wo Bürgerrechtsorganisationen wie Medact und Amnesty International die Kündigung des Vertrags fordern.
In Deutschland hat sich das Bundesamt für Verfassungsschutz für die französische Palantir-Alternative ChapsVision entschieden, und Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) will die Abhängigkeit von US-Anbietern wie Microsoft und Palantir gezielt reduzieren. In Niedersachsen lehnen SPD und Grüne den Einsatz der Software weiterhin ab, und auch in Baden-Württemberg wird ein Ausstieg diskutiert.
Parallel positioniert sich der Konzern zunehmend als politischer Akteur mit einem 22-Thesen-Manifest, das unter anderem KI-Waffen, Wehrpflicht und eine engere Verzahnung von Silicon Valley und Staatsapparat fordert.
Das Urteil vom 4. Juni ist bisher nicht rechtskräftig: Palantir kann innerhalb von 30 Tagen Beschwerde beim Schweizerischen Bundesgericht einlegen. Eine Antwort auf die Anfrage von heise online, ob Palantir von dieser Möglichkeit Gebrauch machen wird, steht noch aus.
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