Digital Business & Startups
Warum günstige Payment-Angebote oft kostspielig werden
Das Angebot klang verlockend: keine Grundgebühr, niedrige Transaktionskosten und sofortige Bereitstellung. Durchaus verständlich, dass ein umtriebiger Gastronom direkt den Vertrag für ein EC-Terminal unterschrieb. Drei Monate später folgt jedoch das böse Erwachen in Form erheblicher Zusatzgebühren für den Support, versteckter Servicekosten bei Störungen und einer Vertragsbindung, die sich automatisch um weitere zwei Jahre verlängert. Aus dem vermeintlichen Schnäppchen wird schnell eine ungeahnte finanzielle Belastung.
Hierbei handelt es sich keinesfalls um ein Einzelschicksal. Viele Unternehmer haben bereits ähnliche Erfahrungen mit der Payment-Branche gemacht. Zwischen verlockenden Angeboten und der tatsächlichen Realität klafft oft eine erhebliche Lücke, die Geschäftskunden teuer zu stehen kommt.
Eine Branche im Schatten: Intransparenz als Geschäftsmodell
Im Bereich Zahlungsdienstleistungen wird regelmäßig mit Geschäftspraktiken operiert, die von mangelnder Transparenz profitieren. Dabei setzen die Anbieter bewusst auf komplizierte Vertragsstrukturen und unvollständige Kostenaufstellungen, um potentielle Kunden gewinnen und möglichst langfristig binden zu können.
Besonders typisch sind gestaffelte Gebührenmodelle, die erst bei genauerer Betrachtung ihre wahren Kosten offenbaren. Während die beworbenen Grundkonditionen attraktiv erscheinen, verstecken sich die eigentlichen Kosten in Zusatzleistungen, die im Geschäftsalltag unverzichtbar sind: Support bei Ausfällen, Software-Updates, Schulungen für Mitarbeiter oder auch simple Rückfragen bei der Hotline.
Ein ebenfalls verbreitetes Vorgehen ist die Vermischung von Hardware- und Servicekosten. Zunächst als kostenlose Gerätebereitstellung beworben, entpuppt sich diese später als langfristige Miet- oder Leasingverpflichtung mit deutlich überhöhten monatlichen Raten. Zudem entstehen zwar durch das Erstgerät häufig keine Kosten, jedoch wird ein Austausch bei Defekt mit bis zu 500 Euro abgerechnet. Die rechtlichen Rahmenbedingungen werden dabei geschickt ausgenutzt, ohne gegen geltende Gesetze zu verstoßen.
Derartige Strukturen finden sich nicht zufällig, sie sind vielmehr systematisch angelegt und basieren darauf, dass Geschäftskunden beim Vertragsabschluss selten die Zeit oder das Fachwissen haben, um alle Inhalte zu durchleuchten. Der Druck, schnell eine funktionierende Payment-Lösung zu implementieren, spielt den Anbietern dabei in die Hände, insbesondere vor dem Hintergrund, dass der Preis auf den ersten Blick günstig erscheint.
Konsequenzen einer falschen Wahl: Versteckte Kosten im Detail
Unseriöse Angebote für Payment-Lösungen offenbaren die tatsächlichen Aufwendungen meist erst im laufenden Betrieb. Die Kunden befinden sich entsprechend in einer Abhängigkeit, da sie auf funktionierende Zahlungssysteme angewiesen sind und kurzfristig keine Alternativen haben. Eine detaillierte Analyse typischer Kostenfallen zeigt das Ausmaß dieser Problematik:
Servicegebühren: Zahlreiche Anbieter berechnen für jede Art von Kundenbetreuung gesonderte Gebühren. Telefonsupport kostet pro Minute, E-Mail-Anfragen werden pauschal fakturiert und für die Erledigung von Reklamationen fallen “Bearbeitungsgebühren” an. Was ursprünglich als kostenloser Service beworben wurde, entwickelt sich zu einem lukrativen Zusatzgeschäft.
Hardware-Fallen: Terminals, die als “kostenlos” oder “günstig” angepriesen werden, erweisen sich als überteuerte Mietgegenstände. Monatliche Raten summieren sich über die Vertragslaufzeit auf Beträge, die weit über dem Marktwert der Hardware liegen. Zusätzlich sind diese Geräte oft an spezielle Software gebunden, was den Wechsel zu anderen Anbietern erschwert oder gar unmöglich macht.
Vertragsverlängerungen: Klauseln zur automatischen Laufzeitverlängerung sind ebenfalls weit verbreitet. Verträge, die ursprünglich für 12 Monate abgeschlossen wurden, dehnen sich stillschweigend auf weitere 24 Monate aus, sofern nicht rechtzeitig gekündigt wird. Dabei sind die Fristen oft ungewöhnlich lang – teilweise bis zu 6 Monate vor Vertragsende.
Versteckte Transaktionskosten: Neben den beworbenen Grundgebühren fallen vielfach zusätzliche Kosten an: Wochenend-Zuschläge, Beiträge für bestimmte Kartentypen, Posten für Rückbuchungen oder Chargebacks. Diese weiteren Aufwendungen können die ursprünglich kalkulierte Summe für die Zahlungsdienstleistung um 30-50 % erhöhen. Ein konkretes Rechenbeispiel verdeutlicht die Dimension: Ein Restaurant mit einem monatlichen Kartenumsatz von 10.000 Euro zahlt bei einem seriösen Anbieter etwa 180 Euro an Gebühren. Bei einem Lockangebot können sich die tatsächlichen Kosten durch Zusatzgebühren auf über 300 Euro belaufen – eine Mehrbelastung von 1.440 Euro pro Jahr.
Das Gegenmodell: Klar, fair und nahbar
Im Gegensatz zu den zuvor aufgeführten Praktiken rate ich zu Transparenz und echter Kundenorientierung in der Branche. Im Mittelpunkt sollten demnach folgende Prinzipien stehen:
Persönliche Betreuung statt Anonymität: Jeder Kunde muss einen festen Ansprechpartner haben, der ihn und sein Arbeitsumfeld kennt. Diese persönliche Bindung schafft Vertrauen und ermöglicht individuell angepasste Lösungen. Bezahldienste müssen mitunter auch mitten in der Nacht funktionieren, entsprechend bedarf es einer flexiblen Betreuung.
Kostenlose Vor-Ort-Beratung: Statt Verkaufsgespräche am Telefon führt das Team persönliche, unverbindliche Beratungstermine direkt vor Ort beim Interessenten durch. Dabei werden die individuellen Gegebenheiten analysiert und passende Lösungen entwickelt – ohne Zeitdruck oder versteckte Verkaufsabsichten. Mein eigener Ansatz dabei: “Ich sehe mich eher als Makler für Payment-Lösungen denn als Verkäufer.”
Sofortige Einsatzbereitschaft: Lange Wartezeiten auf Lieferung, Installation oder Freischaltung führen zu Frust. Die Bereitstellung von – selbstverständlich vorab eingehend getesteten und vorkonfigurierten Geräten – ist heutzutage ein Muss.
Transparente Erfolgspartnerschaft: Der Zahlungsdienstleister verdient nur dann, wenn beim Kunden Umsatz generiert wird. Dieses Prinzip schafft eine echte Interessensgemeinschaft und verhindert unseriöse Praktiken mit versteckten Kosten.
Faire Vertragsbedingungen: Laufzeiten und Kündigungsfristen sollten transparent und kundenfreundlich gestaltet sein. Es existieren keine Strafgebühren bei berechtigten Kündigungen und keine versteckten Bindungsklauseln.
Unter Einhaltung dieser Prinzipien wird auf langfristige Kundenbeziehungen gesetzt, nicht auf schnelle Gewinnmaximierung mittels Intransparenz.
Orientierung für Entscheider: Die Checkliste vor Vertragsabschluss
Unternehmer, die eine Payment-Lösung suchen, sollten vor Vertragsabschluss die infrage kommenden Anbieter systematisch prüfen und vergleichen. Ich empfehle, folgende Checkliste abzuarbeiten:
Vertragsbedingungen: Wie lang ist die Mindestlaufzeit? Welche Kündigungsfristen bestehen? Gibt es Klauseln hinsichtlich automatischer Vertragsverlängerungen? Bei seriösen Anbietern gelten überschaubare Laufzeiten und kundenfreundliche Kündigungsmöglichkeiten. Kostenstruktur: Sind alle Kosten transparent aufgelistet? Gibt es versteckte Gebühren für Support, Updates oder Service? Werden zusätzliche Abgaben für bestimmte Transaktionsarten eingefordert? Eine integre Kostenaufstellung sollte alle möglichen Gebühren enthalten.
Service-Level: Wie ist der Support organisiert? Existieren persönliche Ansprechpartner oder nur anonyme Hotlines? Wie schnell wird bei Ausfällen reagiert? Werden Service-Leistungen extra fakturiert?
Hardware-Konditionen: Werden die Geräte verkauft, vermietet oder im Leasing überlassen? Welche monatlichen Kosten entstehen? Funktionieren die Terminals auch mit anderen Anbietern oder sind sie an eine spezielle Software gebunden?
Referenzen und Erfahrungen: Wie lange ist der Anbieter am Markt? Gibt es Referenzen aus der kundeneigenen Branche? Wie fallen Bewertungen Dritter aus?
Eine gründliche Prüfung dieser Punkte kann teure Fehler vermeiden und langfristig viel Geld sparen.
Vertrauen durch Verlässlichkeit
Die Payment-Branche ist geprägt von Intransparenz und Tricks, die Geschäftskunden teuer zu stehen kommen können. Vermeintliche Schnäppchen entpuppen sich oft als Kostenfallen, die das Budget dauerhaft erheblich belasten.
Doch es gibt Alternativen: Anbieter, die auf Transparenz, persönlichen Service und faire Vertragsbedingungen setzen, gewährleisten langfristig die kostengünstigere und verlässlichere Lösung.
Entscheidend ist, vor Vertragsabschluss genau hinzuschauen, da es sich bei einer Payment-Lösung um ein nachhaltiges Investment in den eigenen Betrieb handelt. Zudem darf das Vertrauen in den zukünftigen Dienstleister und den Service nicht fehlen. Getreu dem Motto “Ein Gerät, das funktioniert, ist gut. Ein Partner, der da ist, wenn es einmal nicht funktionieren sollte, ist besser.”
Über den Autor
Martin Damaszek ist Gründer der Future Payments GmbH.
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Drei Stunden vor der Eröffnung brennt alles nieder – und dann passiert das Unerwartete
Die Eröffnungfeier eines jungen Startups endet im Feuerwehreinsatz: der Popup-Store steht in Flammen, die Brandursache unklar. Kurz darauf folgt die nächste Hiobsbotschaft: Die Versicherung zahlt nicht.
Eigentlich begann der 14. November für Joost Meyer und seinen Co-Founder Federico Garrido wie geplant. Es war der große Eröffnungstag, auf den sich beide schon lange vorbereitet hatten. „Alles war bereit, sogar die Klebebuchstaben am Popup-Store waren angebracht“, erzählt Meyer.
Meyer stand im Flur, bereit, sich auf den Weg zu machen, als plötzlich das Telefon klingelte. Die Vermieterin sagte, im Dahmengraben – der Straße ihres Popup-Stores – brenne es. Wie schlimm es war, wussten die beiden Gründer zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg.
„Als wir stadteinwärts fuhren, stieg eine Rauchsäule auf. Ich dachte nur: Wenn das wir sind, dann sind wir am Arsch“, erzählt Meyer.
Von der Forschung ins echte Leben
Sein Unternehmen Willowprint ist ein Spin-off der RWTH Aachen. Nach vier Jahren Forschung an der Universität erhielten Meyer und Garrido ihre erste Förderung durch das Land NRW – mit dem Auftrag, aus Theorie Praxis zu machen.
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Der Popup-Store in der Aachener Innenstadt sollte der erste große Schritt sein: Ein Begegnungsraum, in dem Forschung, Startup-Kultur und Gesellschaft aufeinandertreffen. „In der Gegend sind viele junge, kreative Köpfe unterwegs. Wir wollten etwas Positives beitragen und sichtbarer werden“, sagt Meyer. Schon in den ersten Tagen, als Garrido den Roboterarm kalibrierte, hätten kleine Kinder sich die Nase an der Scheibe plattgedrückt, wie er erzählt.
3D-Druck ohne Plastik
Inmitten der Aachener Fußgängerzone wollten die Gründer zeigen, woran sie arbeiten: 3D-Druck ohne Plastik. Statt geschmolzenem Kunststoff verarbeitet Willowprint eine Paste aus Holzfasern und natürlichen Bindemitteln, die recyclebar und biologisch abbaubar ist. Schicht für Schicht wird das Material aus einer Kartusche gepresst und trocknet an der Luft zu festem Holzwerkstoff. Das Ergebnis fühlt sich nicht nur wie Holz an, es verhält sich auch so.
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Die gedruckten Teile lassen sich sägen, schleifen oder verschrauben. Das Material kann zermahlen und erneut verwendet werden, und erst wenn das nicht mehr gewollt ist, lässt es sich kompostieren. Willowprint will damit ein Grundproblem des 3D-Drucks lösen: die Plastiklastigkeit.
Zurück zum 14. November. Am Dahmengraben angekommen, schlägt ihnen eine dichte Rauchwolke entgegen. Den lang ersehnten, speziell für den 3D-Druck angefertigten Roboterarm, angeschafft mit der NRW-Förderung, können sie vor lauter Qualm nicht sehen. „Der untere Meter im Laden war frei. Darüber stieg der Rauch auf, und die Feuerwehr war im Großeinsatz“, so Meyer. Unklar ist zunächst auch, wie es um den Hinterraum steht, in dem Willowprint wichtige Materialien lagerte.
Zum Glück sei niemandem etwas passiert, betont Meyer. „Aber es war trotzdem ein Alptraum, weil wir drei Stunden vor unserem Startup-Baby standen und hilflos zuschauen mussten, wie es runterbrannte.“
Wer trägt die Schuld?
Mittags dürfen die beiden endlich in den beschädigten Store. Alles ist verrußt und niedergebrannt, die Materialien im Hinterraum komplett zerstört. Lediglich der Roboterarm in der Raummitte überstand den Brand. „Dieser orange Roboterarm, das Herzstück unseres Unternehmens, leuchtete richtig in dem niedergebrannten Raum.“
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Wie geht man als Gründer mit so einem Schock um? Was machten Meyer und Garrido in den Stunden nach dem Brand? „Wir haben erst einmal eine Krisensitzung gemacht. Bis die Brandursache geklärt war, waren wir sowieso handlungsunfähig“, erzählt Meyer. Doch die Sitzung habe wenig Erkenntnis gebracht, denn alle standen unter Schock. Ein befreundeter Unternehmer sicherte danach die Brandstelle mit OSB-Platten. Ab dann hieß es erstmal abwarten.
Hinzu kommt anfangs der Druck, der großen Frage: Wer trägt die Schuld? Ist Willowprint mitverantwortlich? Oder war es ein Kurzschluss? „Eigentlich waren wir uns sicher, dass wir am Vortag alles ausgesteckt und kontrolliert haben, aber sicher sein kann man sich nie“, so Meyer.
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Es folgen Tage des Putzens und Aufräumens. Das Team reinigt den Raum bis in die letzte Ecke und poliert den Roboterarm in der Hoffnung, dass er noch funktioniert. „Wir haben stundenlang den Ruß von den Platinen mit Q-Tips entfernt und den Roboter geschrubbt. Von außen sah er großartig aus. Aber ob er innen auch funktioniert, mussten wir da noch herausfinden“, sagt Meyer.
Versicherung übernimmt Schaden nicht
Kurze Zeit später gibt es die Ergebnisse einer gutachterlichen Untersuchung. Die Brandursache steht endgültig fest: Defekt in der Hauselektrik, Willowprint trägt keine Schuld. Zuerst breitet sich Erleichterung aus, aber mit dem Ende der Aufräumarbeiten kommt die nächste schlechte Nachricht: Die Versicherung zahlt nicht. Sie haftet zwar für das Gebäude, nicht aber für das Inventar der Mieter.
Meyer sei immer davon ausgegangen, dass die Versicherung zahle. „Das war der absolute Tiefpunkt. Ein Schlag in die Magengrube“, erinnert er sich.
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Drei Monate später herrscht wieder Aufbruchstimmung
Heute steht Willowprint vor einem Neustart. „Alles ist bereit. Wir haben den Mietvertrag für eine neue Industriehalle unterschrieben“, sagt Meyer. Dennoch trauert er dem Popup-Store in der Innenstadt nach. „Dort herrschte einfach eine gewisse Aufbruchsstimmung. Jetzt sind wir in einem Industriegebiet, mit nicht so viel Begegnungsraum, aber dafür passt alles andere.“
Auch auf finanzieller Ebene gab es gute Nachrichten für das junge Startup: Anfang Februar überreichte NRW-Landesumweltminister Oliver Krischer Willowprint im Rahmen einer Preisverleihung der NRW-Förderung „Grüne Gründung“ einen 600.000 Euro Scheck. Eine Finanzspritze, die das Startup bitter nötig hatte.
Denn der finale Sachschaden, der nicht von der Versicherung gedeckt war, belief sich laut Meyer auf rund 90.000 Euro. Allein die im Hinterraum verstauten neuen Materialien hatten einen Wert von 15.000 Euro. Dank der Förderung sei nun die finanzielle Basis gesichert und die Forschung könne endlich weitergehen, so Meyer.
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Mittlerweile blickt er zuversichtlich nach vorne: „Wir können jetzt endlich wieder loslegen – mit finanzieller Sicherheit, in Ruhe unser Projekt vorantreiben und Neues ausprobieren.“
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Wenn jeder mit KI alles bauen kann, gewinnt nur noch der, wer verkaufen kann
Unser KI-Experte und Kolumnist Fabian Westerheide ist sicher, dass CTOs bald nicht mehr die teuersten Leute im Startup sein werden – es braucht bessere Verkäufer
Fabian Westerheide ist Gründungspartner des KI-fokussierten Venture-Capital-Investors AI.FUND und investiert seit 2014 privat über Asgard Capital in KI-Unternehmen. Westerheide berät öffentliche und private Institutionen strategisch im Bereich KI und lädt jährlich zur KI-Konferenz Rise of AI nach Berlin ein.
Der Krankenpfleger, der ohne eine Zeile Code zu schreiben eine App baut: Das ist die aktuelle Lieblingsanekdote der Tech-Optimisten. Schaut her, die Demokratisierung der Software! Jeder kann jetzt Creator sein!
Ich lese diese Geschichte allerdings anders. Nicht als Feelgood-Story, sondern als Warnschuss. Denn was hier passiert, ist eine massive Inflation. KI macht die Umsetzung von Software radikal billig. Und was billig ist, taugt nicht mehr als Signal für Exzellenz.
Das stellt die Kalkulation der Startup-Welt auf den Kopf – und verändert, wofür wir Geld ausgeben.
Das Ende der CTO-Hegemonie
Schauen wir auf die letzten zehn Jahre zurück: Wer war die teuerste Person im Raum? Der CTO. Was war der größte Block in der Burn-Rate? Das Entwickler-Team. Der Hauptgrund für eine Seed-Runde war meist simpel: Wir brauchen Geld, um Techies zu bezahlen, die das Produkt überhaupt erst bauen. „Erfinder-Typen“ wurden finanziert, um Prototypen zu liefern. Diese Ära endet gerade.
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Wenn heute ein Junior-PM mit Claude oder GPT-4 an einem Wochenende einen Prototyp baut, implodieren die Entwicklungskosten. Der „Builder“ ist nicht mehr das Nadelöhr. Doch das Geld, das wir beim Coden sparen, verschwindet nicht. Es verschiebt sich nur. Und zwar massiv.
Code wird billig, Kunden werden teuer
Wohin fließt das Kapital heute? Entweder in GPUs (für die wenigen, die wirklich Infrastruktur bauen und skalieren). Oder – und das betrifft 99 Prozent der Gründer – in den Vertrieb.
Wir erleben gerade eine brutale Rückkehr zur Realität. Der Traum von „Product-led Growth“, bei dem sich die KI-Software viral verbreitet und selbst verkauft, platzt für viele B2B-Startups. Die Realität ist: SaaS wird wieder zu dem, was es vor dem Hype war – hartes B2B-Geschäft. Fast schon Projektgeschäft. Nix mit „KI verkauft alles“. Da draußen herrscht Lärm. Weil jeder bauen kann, wird der Markt mit Lösungen geflutet. Um da durchzudringen, reicht keine Landingpage. Du brauchst Sales-Teams, du brauchst Account Manager, du brauchst Handarbeit.
Die Marge, die wir durch KI in der Entwicklung gewonnen haben, verlieren wir gerade im Vertrieb wieder.
Das Interface-Problem: Seid ihr Firma oder Fassade?
Das führt zu einer Welle von Startups, die ich als „KI-Fassaden-Firmen“ bezeichnen würde. Sie sehen aus wie Tech-Companies, sind aber oft nur dünne Interfaces über amerikanische API-Schnittstellen. Sie lösen Probleme, ja. Aber sie haben keine strategische Tiefe. Das Risiko dabei: Wenn dein Produkt im Kern nur eine API-Abfrage ist, sind deine Eintrittsbarrieren gleich null. Du konkurrierst nicht mehr nur mit anderen Startups, sondern mit jedem, der am Wochenende ein neues KI-Modell ausprobiert. Jeder kann gründen. Das war nie leichter. Aber fast niemand kann skalieren. Das war nie schwerer.
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Investoren müssen umlernen: Demo vs. Business
Das Problem betrifft auch meine Seite des Tisches. Viele Investoren lassen sich noch immer von glänzenden Demos blenden. Wir sind konditioniert darauf, einen „technischen Fortschritt“ zu finanzieren. Aber heute ist die Demo Commodity. Investoren müssen aufhören, die besten Bastler zu finanzieren, und anfangen, die besten Verkäufer zu suchen. Wir müssen Teams finanzieren, die nicht nur verstehen, wie man ein LLM anbindet, sondern wie man einen Enterprise-Kunden durch einen 12-monatigen Sales-Cycle führt.
Fazit: Zurück zum Kaufmann
Die Party für reine Coder ist vorbei. Das klingt hart, ist aber eine Chance. KI macht das Handwerk billig. Aber sie macht den Marktzugang teuer. Wer heute gründet, braucht mehr als ein technisches „Kunststück“. Er muss verstehen, dass wir in eine Phase eintreten, in der die technische Exzellenz Hygienefaktor ist – und Vertriebs-Exzellenz der einzige verbleibende Burggraben. Das Startup der Zukunft besteht vielleicht nur noch aus zwei Leuten: Einer bedient die KI. Der andere kann verdammt gut verkaufen. Und ich wette, der Zweite wird bald der Teurere sein.
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Diese zwei Schüler gehen nach dem Unterricht ins Büro – warum?
Während andere mit 17 nach der Schule entspannen können (nach Hausaufgaben natürlich), beginnt bei Jonathan Burchard und Maximilian Zimmermann erst der richtige Arbeitstag.
„Wir gehen direkt nach der Schule ins Büro, arbeiten bis 10 und dann geht es nochmal nach Hause und vielleicht nochmal bis 0 oder 1 Uhr arbeiten. Je nachdem, wie die Deadlines gerade sind“, erzählt Jonathan Gründerszene. Das Büro ist Teil eines Accelerator-Spaces, den sie im ersten Jahr kostenlos nutzen können. Am Wochenende sei der Vorteil, „dass wir da deutlich früher anfangen können“.
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Die Idee, die aus der Sorge um die Oma entstand
Die Geschichte ihres Startups beginnt nicht mit einer Vision für den Milliardenmarkt, sondern mit einem Gedanken, den viele Familien kennen: Was, wenn Oma oder Opa stürzt?
„Uns ist aufgefallen, dass sich unsere Eltern Sorgen machen, dass die Oma auf der Treppe stürzt“, sagt Maximilian. „Da haben wir uns gedacht, okay, das ist wirklich ein Problem, welches wir irgendwie lösen wollten.“
Erst dachten sie an Prävention: rutschfeste Matten für Treppen. Doch schnell merkten sie, dass es solche Produkte längst gibt. Doch der entscheidende Punkt war eine andere Frage: Warum nicht eine Lösung bauen, die nicht nur schützt, sondern auch erkennt, wenn etwas passiert?
Sensoren im Teppich und ein Alarm, wenn es ernst wird
Ihre Idee: sensorbasierte Teppichmatten, die Stürze erkennen und automatisch Hilfe rufen. „Dann dachten wir: Es gibt doch diesen Hausnotruf. Dieser wird aber oft einfach abgelehnt“, sagt Maximilian. „Entweder wird er vergessen oder ungern getragen.“ Der Unterschied zum klassischen Hausnotruf: Das System soll unauffällig sein und dadurch eher akzeptiert werden, meinen die Gründer.
Sensoren in den Matten liefern Daten, ein Algorithmus wertet sie aus. Im Ernstfall wird automatisch Alarm ausgelöst und die Notrufzentrale alarmiert, damit rechtzeitig Hilfe kommt.
Ohne Verpflichtungen lässt es sich gründen
Warum machen die beiden Gründer das? „Wir beide haben einfach einen extremen Drive“, sagt Maximilian. „Und da ist es mir eigentlich egal, wie alt ich bin.“ Und: „Das Alter ist ein Vorteil, kein Nachteil.“
Der einzige Haken: Maximilian ist noch nicht voll geschäftsfähig. „Ich darf noch keine Verträge unterschreiben. Das nervt natürlich“, sagt er. Jonathan hingegen ist bereits 18.
Ansonsten sehen sie ihre aktuelle Lebensphase als perfekte Basis für ein Startup. „Wir haben keine Verpflichtungen und können voll und ganz investieren, ohne dass uns jemand über die Schulter schaut”, sagt Maximilian. Die einzige Hürde sei die Schule. Deswegen meinen die beiden Gründer, dass es auch nicht mutig sei, jung zu gründen. Man könne nichts verlieren.
Schule, Büro, Gym – und zwischendurch Freunde
Ihr Alltag ist streng getaktet: Unterricht, direkt danach ins Büro, abends weiterarbeiten. Trotzdem sagen sie: Ganz ohne Privatleben geht es nicht.
„Ein soziales Leben haben wir schon noch“, sagt Jonathan. „Wir treffen uns nach wie vor mit Freunden, aber das hängt immer davon ab, wie viel gerade anliegt.“ Wird es besonders stressig, läuft es anders: „Dann verbringen wir manchmal das ganze Wochenende am Schreibtisch.“
Überraschenderweise sieht Maximilian die Schule nicht nur als Zeitfresser, sondern auch als Vorteil. „Im Gegensatz zu anderen jungen Gründern ist die Schule für mich ein Pluspunkt“, sagt er. „Denn hier treffen wir jeden Tag unsere Freunde.“
Ein weiteres Ritual in deren Alltag: Sport. „Wir versuchen beide, jeden Tag oder zumindest jeden zweiten Tag Sport zu machen, einfach mal zwischendurch“, sagt Maximilian. „Das dient uns als kleine Pause.“ Das Gym liegt praktisch um die Ecke: „Drei Minuten hinlaufen, maximal eine Stunde trainieren und danach wieder an die Arbeit.“
Tiefpunkte? Jede Woche.
Wer so viel arbeitet, kommt irgendwann ins Zweifeln. Jonathan und Maximilian sprechen offen darüber, dass die Euphorie nicht jeden Tag gleich hoch ist. „Wir haben ständig Tiefs“, sagt Maximilian. „Am Anfang gab es sogar einen Moment, da dachten wir: Jetzt fahren wir die Firma gegen die Wand.“
Doch für die beiden gehören solche Momente einfach dazu. „Dann geht es eben bergab und dann fängt man sich wieder“, beschreibt Maximilian das Auf und Ab. Jonathan bringt es wie ein Grundgesetz ihres Gründens auf den Punkt: „Wenn man runterfällt, dann geht’s umso schneller den Berg hinauf.“
In schwierigen Phasen sei das Wichtigste, nicht stehenzubleiben. „Wenn gerade sehr viel los ist, muss man sich trotzdem durcharbeiten“, sagt Jonathan. „Man muss weitermachen und durchziehen.“ Beide hauen Aussagen raus, als wären sie schon Jahrzehnte im Startup-Game.
Lernen, was Schule nicht beibringt
Für Maximilian ist Unternehmertum vor allem ein Crashkurs in Fähigkeiten, die das Klassenzimmer nicht vermittelt. „100 Prozent“, sagt er auf die Frage, ob sie Dinge lernen, die Schule nicht beibringt. „Allein so etwas wie richtige Kommunikation. Wenn du täglich Meetings hast, lernst du automatisch, wie man mit Menschen umgeht und sie überzeugt.“
Dazu kommen harte Business-Skills: „Financial Modeling, sich mit Steuern befassen und solche Dinge lernst du in der Schule nicht“, erklärt Maximilian.
Jonathan ergänzt, dass auch Mentoren eine wichtige Rolle spielen, um nicht überfordert zu werden: „Wir haben mit ganz vielen tollen Leuten mit noch mehr Erfahrung zu tun, die uns sehr unterstützen“, sagt er. „Wir lernen beispielsweise unfassbar viel von unserem Mentor.“
Warum sie das machen: Es fühlt sich nicht wie Arbeit an
Auf die Frage nach ihrer Motivation muss Jonathan kurz überlegen. „Gute Frage. Ich weiß nicht genau, woher das kommt“, sagt er. Vielleicht sei es sogar etwas Banales: „Mit 13 Jahren haben wir Motivations-Talks angeschaut. Dadurch wurden wir schon in diese Richtung geprägt.“
Was er aber sicher weiß: Ihn begeistert das Bauen. „Ein funktionierendes Unternehmen aufzubauen, mit Prozessen, die laufen und funktionieren, macht so viel Spaß, dass es sich gar nicht wie Arbeit anfühlt“, erklärt Jonathan. „Spaß macht vor allem die Journey“, sagt Maximilian. „Wir können Menschen wirklich helfen und im besten Fall sogar Leben retten.“
Ziel: Markteinführung noch dieses Jahr
Die beiden sind längst nicht mehr in der Ideenphase. Sie sprechen über Vertrieb, Technik, Forschung und ein klares Datum. „Unser Ziel ist, das Produkt noch dieses Jahr auf den Markt zu bringen“, sagt Maximilian. Bis dahin gibt es aber noch viel zu tun. „Da ist noch einiges zu erledigen, aber wir sind auf einem richtig guten Weg“, sagt Jonathan.
Tipps für andere junge Gründer: Reden, testen, machen
Wenn Jonathan anderen jungen Gründern einen Rat geben müsste, wäre es klar: „Einfach anfangen.“ Und vor allem: „Nichts für sich behalten, sondern direkt Leuten von der Idee erzählen.“ Die Angst, jemand könnte die Idee klauen, hält er für überschätzt.
„Ideen sind kostenlos“, sagt er. „Es geht darum, sie auch umzusetzen.“ Wer früh darüber spricht, profitiert am meisten: „Wenn du die Idee möglichst schnell an andere Leute heranbringst, bekommst du das wichtigste Feedback, das du überhaupt kriegen wirst.“
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