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Warum KI-Startups gerade der falschen Illusion hinterherlaufen


Warum KI-Startups gerade der falschen Illusion hinterherlaufen

Milliarden für KI-Startups verzerren den Markt: Warum normale Seed-Runden plötzlich klein wirken und warum das die Realität verzerrt – darüber schreibt KI-Experte Fabian Westerheide.
Westerheide/ Getty Images/Kesu01; Collage: Dominik Schmitt/Gründerszene

Fabian Westerheide ist Gründungspartner des KI-fokussierten Venture-Capital-Investors AI.FUND und investiert seit 2014 privat über Asgard Capital in KI-Unternehmen. Westerheide berät öffentliche und private Institutionen strategisch im Bereich KI und lädt jährlich zur KI-Konferenz Rise of AI nach Berlin ein.

Wer dieser Tage über KI-Finanzierungen spricht, landet schnell bei Zahlen, die sich anfühlen wie Science-Fiction: 200 Millionen, 650 Millionen, eine Milliarde. Runden, die scheinbar aus dem Stand entstehen und den Eindruck vermitteln, als habe sich die Logik des Venture-Markts grundsätzlich verändert.

Für Gründer ist genau das gefährlich. Denn solche Finanzierungen erzeugen nicht nur Schlagzeilen, sondern auch falsche Vergleichsmaßstäbe. Plötzlich wirkt eine solide Seed-Runde klein. Ein sauber aufgebauter B2B-Vertrieb langsam. Ein Unternehmen mit echten Kunden fast langweilig. Dabei ist oft genau das Gegenteil richtig.

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Ich beobachte und investiere in KI seit 2014. Mega-Runden kenne ich. Und ich kenne vor allem das Muster dahinter: Diese Fenster gehen auf und sie gehen wieder zu. Meist nach zwei bis drei Jahren. Dann kippt die Stimmung. Dann wird aus „Growth um jeden Preis“ wieder „Show me the numbers“.

Deshalb sollten Gründer die aktuelle Phase nicht romantisieren. Sie sollten sie verstehen. Denn die KI-Mega-Runden sind nicht einfach die neue Normalität. Sie sind ein FOMO-Fenster in einem Markt, der stark nach Winner-takes-most-Logiken funktioniert. Diese Kombination kann echte Champions hervorbringen. Sie produziert aber auch eine Menge teurer Illusionen.

Super-Runden sind oft weniger Business-Logik als Reputationslogik

Es gibt Finanzierungsrunden, die sind faktisch Reputation Investments. Nicht nur für Gründer, sondern auch für VCs. Wer als Fonds im Cap Table eines der großen KI-Namen steht, kauft sich damit nicht nur einen Anteil an einer Firma. Er kauft sich ein Ticket ins Machtzentrum des nächsten Technologiezyklus: Zugang zu Dealflow, Zugang zu Co-Investoren, Zugang zu Talenten, Zugang zu Partnerschaften.

Das kann rational sein. Aber es ist kein Beweis für Product-Market-Fit. Es ist zunächst ein Beweis für Netzwerk, Narrativ und Positionierung.

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Der Fehler beginnt dort, wo Gründer diese Mechanik falsch lesen. Hohe Runde gleich hohe Qualität. Manchmal stimmt das. Oft stimmt es nicht. Manchmal ist es schlicht ein Signalgeschäft. Ein Portfolio-Statement. Ein Markteintrittsschild: Wir sind dabei.

Für Gründer ist das wichtig, weil sie diese Signale nicht mit einem eigenen strategischen Benchmark verwechseln dürfen. Nur weil ein anderes Team Kapital auf Basis von Herkunft, Netzwerk und Marktphantasie einsammelt, heißt das nicht, dass dieselbe Logik für das eigene Unternehmen gilt.

Für wen solche Runden wirklich rational sind

Es gibt allerdings eine kleine Gruppe, bei der solche Super-Runden tatsächlich nachvollziehbar sind: Ausnahmeteams, die schon einmal in der höchsten Liga gespielt haben. Teams aus dem Umfeld der großen KI-Labs. Menschen mit echter Forschungstiefe, Umsetzungskraft und Zugang zu Märkten. Gründer, die nicht nur Modelle verstehen, sondern auch Distribution, Plattformlogik und die Geschwindigkeit, mit der sich Märkte besetzen lassen.

Wenn da jemand sitzt, der nachweislich in der Lage ist, ein Plattformspiel aufzubauen, dann ist die Logik nicht: Wie viel Umsatz macht dieses Unternehmen im nächsten Quartal? Sondern: Kann dieses Team eine zentrale Position in einem Markt einnehmen, der sich gerade neu sortiert?

Solche Wetten sind extrem riskant, aber nicht irrational. Sie sind allerdings selten. Und sie sind nicht der Maßstab für 99 Prozent des Marktes. Genau dort entsteht die Verzerrung: Alle schauen auf die Spitze der Pyramide und halten sie für die Pyramide.

Für alle anderen gilt: Umsatz und Traction schlagen Hype

Für die meisten Gründer gilt eine einfachere und deutlich brutalere Regel: Du bekommst keine Abkürzung geschenkt. Die beste Verteidigung gegen den Zyklus ist kein Pitchdeck. Es ist ein Geschäft.

Nach zehn Jahren im KI-Markt kann ich das sehr klar sagen: Reale Firmen leben länger. Am Ende überleben sie. Ich habe Geld verloren mit Hype-Firmen, die keine Zahlen geliefert haben. Schöne Story, starke Slides, große Vision, aber keine belastbaren Unit Economics, keine Wiederkaufsraten, kein echter Pull aus dem Markt.

Und ich habe Geld verdient mit Startups, die irgendwann zu Firmen wurden: mit Kunden, Verträgen, wiederkehrenden Umsätzen, klaren Budgets auf Kundenseite und einem Produkt, das nicht „nice to have“, sondern „must have“ war.

Hype kann dich bis zur Seed tragen. Reputation kann dir Türen öffnen. Aber spätestens, wenn die Märkte drehen, fragt niemand mehr, wie gut sich dein Narrativ anhört. Dann zählen Kohorten, Churn, Sales-Cycle, Gross Margin, Net Revenue Retention. Dann zählt nicht mehr die Demo. Dann zählt die Frage: Wird aus KI ein Business?

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Was deutsche Gründer jetzt daraus lernen sollten

Für Gründer aus Deutschland ist der wichtigste Perspektivwechsel: Bau eine Firma, nicht nur ein Modell. Viele Teams verwechseln technische Exzellenz mit Marktexzellenz. Das ist nachvollziehbar, weil KI fasziniert. Aber der Markt zahlt nicht für Faszination. Er zahlt für Wirkung.

  1. Das bedeutet erstens: Go-to-Market ab Tag eins. Nicht: Wir bauen erst einmal und verkaufen später. Sondern: Wir verkaufen, während wir bauen. Zehn zahlende Design-Partner sind mehr wert als hundert Demo-Komplimente.
  2. ROI schnell beweisen: Gerade im B2B-Kontext gilt: Wenn ein KI-Produkt nicht in kurzer Zeit Wirkung zeigt, verschwindet es in der Prioritätenliste. Es muss Kosten senken, Qualität erhöhen, Risiken reduzieren oder Zeit sparen. Sonst bleibt es ein Experiment.
  3. Distribution besitzen, nicht nur Technologie: Die nachhaltigen KI-Firmen besitzen nicht nur ein Modell, sondern einen Workflow. Sie sind nah am Prozess, nah an den Daten, nah an der Integration und nah an der Veränderung im Unternehmen. Nicht „wir haben auch ein Modell“, sondern: Wir werden Teil des Standardprozesses.
  4. Kapital-Effizienz als Verhandlungswaffe verstehen: Wer optional ist, bettelt nicht. Wer zeigen kann, dass die Firma auch ohne perfekte nächste Runde wächst, gewinnt Verhandlungsmacht. Und vor allem: Er überlebt den Zyklus.

Das ist besonders für deutsche Gründer relevant. Wir werden im internationalen Vergleich nicht jede Kapitalrunde gewinnen. Aber wir können Unternehmen bauen, die näher an echten industriellen, regulatorischen und operativen Problemen sind. Gerade in B2B, Industrie, Mittelstand, Automatisierung, Compliance, Engineering und Produktivität liegen Felder, in denen Substanz wichtiger ist als Lautstärke.

Was bedeutet das für deutsche VCs?

Auch für Investoren ist die entscheidende Frage nicht: Wie komme ich in den Hype rein? Sondern: Wie baue ich ein Portfolio, das den Stimmungsumschwung überlebt?

Daraus folgen drei Regeln:

  1. Follow-on schlägt FOMO. Wer in Seed investiert, muss vorher wissen, wie die Story in Series B und C weitergehen kann. Nicht als Wunsch, sondern als Plan. Sonst entstehen Portfolios, die in der Mitte verhungern, weil die Musik stoppt, bevor das Unternehmen zu echten Zahlen kommt.
  2. Reputationssignale sind ein Accelerator, aber kein Ersatz für Substanz. Cap-Table-Logos, bekannte Namen, Top-Fonds im Hintergrund. All das kann helfen. Es kann Recruiting beschleunigen, Partnerschaften öffnen und PR verstärken. Aber es ersetzt keine Wertschöpfung. Späte Investoren und Käufer bezahlen am Ende nicht für Logos, sondern für verlässliche Cashflows, Moats und Distribution.
  3. Spezialisierung schlägt Bauchladen. In einem Markt, der sich massiv konzentriert, verlieren Generalisten schneller. Wer gewinnt, hat eine klare These: bestimmte Verticals, bestimmte Workflows, bestimmte Infrastrukturschichten. Und wer in Deutschland investiert, sollte sich ehrlich fragen: In welchem Spiel haben wir strukturelle Vorteile und wo spielen wir nur mit, weil es sich gut anfühlt?

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Die Super-Runden sind ein Fenster, kein Klima

Die Mega-Runden sind real. Aber sie sind ein Fenster, kein Klima. Wenn dieses Fenster zugeht, bleiben zwei Arten von Unternehmen übrig: die mit einem Team, das wirklich die Plattformliga gewinnen kann. Und die, die Umsatz, Traction und echte Kundenbindung haben.

Alles dazwischen war oft nur eine Wette auf Stimmung. Für Deutschland heißt das nicht, dass wir zurückfallen müssen. Es heißt nur: Wir sollten aufhören, die Spitze der Pyramide mit dem gesamten Markt zu verwechseln.

Und Gründer sollten nicht versuchen, amerikanische Mega-Runden zu imitieren, wenn sie dafür nicht die Voraussetzungen haben. Sie sollten die Dinge bauen, die in jeder Marktphase funktionieren: Firmen, die echte Kundenprobleme lösen, Budgets ziehen, Prozesse ersetzen und damit nicht nur einen Hype überstehen, sondern einen Markt prägen.





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Man muss nicht menschlich schwierig sein, um erfolgreich zu werden


Muss man als Gründer ein Arschloch sein, um erfolgreich zu werden? Jason Modemann von Mawave erklärt, warum Angstkultur und Ego langfristig eher Startups schaden.

Man muss nicht menschlich schwierig sein, um erfolgreich zu werden

Mawave-Gründer Jason Modemann schreibt bei Gründerszene über seinen Alltag als Unternehmer.
Mawave / Logo: Gründerszene

Warum werden toxische Menschen oft als besonders starke Unternehmer wahrgenommen? Jason Modemann, CEO der Agentur Mawave, erklärt, warum hohe Standards nichts mit Angstkultur zu tun haben, weshalb direkte Kommunikation oft falsch verstanden wird und warum erfolgreiche Führung nicht automatisch bedeutet, menschlich schwierig zu sein.

Wer heute lange genug in der Startup- oder Unternehmens-Bubble unterwegs ist, hört dieselbe Frage immer wieder: Muss man im Business ein Arschloch sein, um erfolgreich zu sein?

Klar, die Frage wirkt erstmal provokant. Aber sie kommt nicht von ungefähr. Denn die Business-Welt – und vor allem auch LinkedIn – feiert Eigenschaften, die im normalen sozialen Leben eher problematisch sind: extreme Selbstüberzeugung, permanente Leistungsorientierung, emotionale Distanz und die Fähigkeit, andere Menschen zu überzeugen.

Viele der bekanntesten Gründer weltweit werden genau dafür glorifiziert. In fast jeder Steve-Jobs-Doku gibt es beispielsweise diesen einen Satz: Mitarbeiter hätten Angst gehabt, ihm im Fahrstuhl zu begegnen. Trotzdem gilt der Apple-Gründer bis heute als Blaupause des genialen Unternehmers.

Meiner Meinung nach ist diese Sicht auf Erfolg nicht nur moralisch, sondern auch strategisch falsch.

Hohe Standards funktionieren nur, wenn Menschen angstfrei arbeiten können

Viele Gründer glauben, dass maximaler Druck automatisch zu maximaler Leistung führt. Kurzfristig stimmt das manchmal vielleicht sogar: Mitarbeitende arbeiten länger und intensiver und Entscheidungen werden schneller getroffen.

Langfristig produzieren ein permanenter Leistungsdruck und zu hohe Standards aber auch Angst. Und Angst ist fast nie ein guter Nährboden für Kreativität, Loyalität oder gute Entscheidungen. Ganz im Gegenteil: Wenn Mitarbeitende Angst haben, scheitert meist auch die Kommunikation. Probleme werden dann spät oder gar nicht angesprochen, Risiken kleingeredet, Fehler vertuscht.

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Wer bin ich ohne meine Firma?

Natürlich sind hohe Standards wichtig. Aber sie funktionieren nur in einem Umfeld, in dem Menschen Probleme offen ansprechen können, ohne sofort Angst vor Konsequenzen zu haben. Deshalb stelle ich unseren Mitarbeitenden zum Beispiel auch regelmäßig Coffee Chats ein – einfach damit sie wissen, dass sie mit jeder Thematik zu mir kommen können und sich trauen dürfen, Dinge bei mir anzusprechen. 

Direktheit verliert ihren Wert, wenn sie respektlos ist 

Direkte Kommunikation hat eigentlich einen sehr einfachen Zweck: Sie soll Reibung langfristig reduzieren und Probleme schneller lösbar machen. Führungskräfte, die direkt kommunizieren, lassen ihr Gegenüber wissen, woran sie sind und räumen Missverständnisse aus dem Weg.

Das Problem: Viele verwechseln direkte Kommunikation mit emotionaler Härte. Als müsste Kritik automatisch verletzend sein oder als wäre Respekt ein Zeichen von Schwäche. Doch emotionale Härte macht Gespräche oft unnötig persönlich. Dann geht es plötzlich nicht mehr um die eigentliche Sache, sondern darum, wer sich im Raum durchsetzt, wer dominanter wirkt oder wer das letzte Wort hat.

Um das zu vermeiden, versuche ich in der Zusammenarbeit vor allem auf zwei Dinge zu achten: Dass meine Kommunikation zwar direkt, aber auch immer lösungsorientiert ist und ich es wirklich gut mit meinem Gegenüber meine. Und dass Fehler offen angesprochen werden können und ich auch meine eigenen eingestehe. Denn genau dadurch entsteht Vertrauen. Und Vertrauen ist am Ende die Grundlage dafür, dass direkte Kommunikation überhaupt funktioniert.

Man muss nicht menschlich schwierig sein, um außergewöhnlich erfolgreich zu werden.

In meinen Augen braucht es viel mehr Empathie als strategische Fähigkeit. Denn wer Menschen lesen kann, kommuniziert besser. Wer Emotionen versteht, führt Teams stabiler. Wer zuhören kann, trifft oft präzisere Entscheidungen. Und wer kein permanentes Ego-Theater veranstaltet, schafft meistens Umfelder, in denen andere überhaupt erst ihr volles Potenzial entfalten.

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Vielleicht ist genau das die Wahrheit hinter dem Mythos vom psychopathischen Unternehmer: Man muss nicht menschlich schwierig sein, um außergewöhnlich erfolgreich zu werden. Manche waren es einfach trotzdem.

Jason Modemann ist Gründer und Geschäftsführer von der Social Media Agentur Mawave Marketing. Mit 27 Jahren führt er 150 Mitarbeiter. Zu Mawaves Kunden zählen unter anderem Red Bull, Nike und Lidl. Zudem ist er Autor des Buches „Always hungry, never greedy.“





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