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Tool Overload: Warum mehr Software euch langsamer macht und Investoren nervös


In meiner Arbeit mit Startups, Scale-ups und VC-/PE-Portfoliounternehmen sehe ich ein wiederkehrendes Muster: Nicht fehlende Digitalisierung ist das Problem, sondern fehlende Architektur. Ein Gastbeitrag von Alina Nauen (torq.partners)

Startups lieben Tools. Ein neues Tool verspricht Transparenz, Geschwindigkeit und Skalierung. Und für jedes Problem gibt es eine Tool-Lösung: Accounting, Invoicing, Spend Management, Human Resources, Business Intelligence, Forecasting, Reporting für Investoren. Trotzdem stehen viele Startups nach wenigen Jahren vor einem paradoxen Ergebnis: Sie haben immer mehr Systeme, aber gleichzeitig weniger Überblick.

In meiner Arbeit mit Startups, Scale-ups und VC-/PE-Portfoliounternehmen sehe ich ein wiederkehrendes Muster: Nicht fehlende Digitalisierung ist das Problem, sondern fehlende Architektur.

Tool Overload ist kein Effizienzproblem, sondern ein Steuerungsrisiko

In der Anfangsphase zählt für Gründer und Gründerinnen Pragmatismus: Eine Excel-Tabelle, ein schlankes Accounting-Tool, ein CRM und dann reicht das erst einmal. Doch mit dem Wachstum steigen die Anforderungen. Investoren erwarten ein belastbares Reporting, der Cash Runway muss jederzeit klar sein, Internationalisierung und Personalplanung kommen hinzu, Prüfungen stehen an.

Was in der Realität häufig passiert: Neue Tools werden eingeführt, um akute Probleme zu lösen. Alte Systeme bleiben parallel bestehen. Schnittstellen sind unvollständig oder werden manuell gepflegt. Und zentrale Kennzahlen werden je nach Tool unterschiedlich definiert. Das Resultat: mehr Daten, aber keine verlässliche Grundlage.

Für Gründer bedeutet das operative Unsicherheit. Für CFOs schwindet die Kontrolle und für Investoren ist es ein klares Warnsignal. Denn wenn Umsatz, Cash und KPIs je nach Quelle variieren, leidet nicht nur die Qualität des Reportings, sondern das Vertrauen insgesamt. 

Automatisierung verstärkt Strukturschwächen 

Technologie ist kein Pflaster. Sie ist ein Verstärker. Wenn wir uns im Finanzbereich die Logik anschauen, können wir diese folgendermaßen herunterbrechen: 

  • Unklare Prozesse + Automatisierung = schnelleres Chaos.
  • Uneinheitliche Stammdaten + BI-Tool = hübsche, aber falsche Dashboards.
  • Unklare Ownership + neue Tools = Schattenprozesse.

Gerade bei der Einführung von Enterprise-Resource-Planning-Systemen (ERP) zeigt sich dieses Spannungsfeld besonders deutlich. Werden sie zu früh eingeführt, überfordern sie Organisation und Datenmodell. Erfolgt die Einführung zu spät, haben Teams längst eigene Workarounds etabliert, auf denen inzwischen kritische Prozesse beruhen.

In beiden Fällen entstehen Übergangsphasen mit:

  • Mehreren Datenquellen für denselben KPI
  • Manuell „abgestimmten“ Reports
  • Forecasts, die eher Meinung als Modell sind

Was VCs wirklich sehen (und was sie misstrauisch macht)

Investoren fragen selten nach der Anzahl eingesetzter Tools. Entscheidend ist etwas anderes: die Konsistenz der Zahlen, die Reproduzierbarkeit der Reports, die Nachvollziehbarkeit von Abweichungen sowie die Geschwindigkeit, mit der Ad-hoc-Fragen beantwortet werden können.

Ein Tool-Stack, der nur vom Finance-Team verstanden wird oder dauerhaft manuelle Korrekturen erfordert, ist nicht skalierbar und das unabhängig davon, wie modern er auf den ersten Blick wirkt.

Besonders deutlich wird das in Due-Diligence- oder Follow-on-Phasen. Was zuvor funktionierte, gerät plötzlich unter Druck: Einfache Fragen benötigen Tage statt Stunden, und Kennzahlen aus Pitch, Monatsreport und Accounting weichen voneinander ab.

Die eigentliche Frage ist nicht „Welches Tool?“, sondern „Wann und wofür?

Die entscheidende Frage für CFOs lautet daher nicht, welches Tool das beste ist. Sondern welches Problem in der aktuellen Unternehmensphase gelöst wird und welches man sich damit womöglich neu schafft.

Eine tragfähige Entscheidungslogik orientiert sich an drei Faktoren: 

  • an der Unternehmensphase und ihrer Komplexität, etwa Teamgröße, Internationalität oder Produktstruktur; 
  • an der Integrationsfähigkeit der Systeme, also klaren Datenflüssen, belastbaren Schnittstellen und eindeutiger Ownership; 
  • sowie an den Anforderungen an Governance, etwa durch Investoren, Audits oder geplante Skalierung.

Nicht jedes Startup braucht früh ein ERP-System. Aber jedes wachsende Unternehmen braucht ein klares Datenmodell, sauber definierte KPIs und eindeutige Verantwortlichkeiten.

Die richtige Reihenfolge: Architektur vor Tool-Auswahl

Erfolgreiche Finance-Setups folgen fast immer derselben Logik. Zunächst werden Prozesse klar definiert: Wer ist wofür verantwortlich, zu welchem Zeitpunkt und mit welchem Ziel. Darauf aufbauend werden KPIs und Datenmodelle festgelegt und eine stabile manuelle Basis geschaffen, auf die Verlass ist.

Erst dann folgt die gezielte Automatisierung. Systeme werden integriert, und schließlich dienen ERP- und Business-Intelligence-Lösungen als belastbares Rückgrat der Finanzorganisation.

Alles andere ist kosmetische Digitalisierung und schadet oft mehr, als dass es nützt. 

Tool-Vielfalt ist kein Fortschritt, sondern ein Signal 

Tool Overload ist kein Zeichen von Innovation, sondern von fehlender Priorisierung. Für Startups und Scale-ups geht es nicht um Verzicht auf Technologie, sondern um bewusste Architektur. Erst wenn Prozesse, Daten und Verantwortlichkeiten klar sind, entfalten Tools ihren Hebel. Und erst dann wird Finance vom Reporting-Blocker zum strategischen Enabler für Founder, Management und Investoren.

Über die Autorin
Alina Nauen ist eine erfahrene Finanzexpertin und Managing Partnerin bei torq.partners, einer Boutique-Beratung für CFO Services, Accounting und Controlling. Als Interim CFO begleitet sie wachstumsstarke Startups und Scale-ups beim Aufbau skalierbarer Finanzstrukturen, fundierter Steuerungssysteme und transparenter Reporting-Prozesse. Mit über zehn Jahren Erfahrung in Finance-Führungsrollen, u. a. in SaaS, E-Commerce und FinTech, verfügt sie über tiefgreifendes Know-how in Finanzierung, Controlling und der Implementierung moderner Tools und Prozesse. Ihren Karriereweg startete sie bei UniCredit und Delivery Hero und sammelte später umfassende Expertise als Projektleiterin und CFO in verschiedenen Unternehmen.

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Foto (oben): Shutterstock



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Kranksein war für mich als Unternehmer ein No-Go


Während in der öffentlichen Debatte über Krankmeldungen diskutiert wird, arbeiten viele Gründer dauerhaft am Limit – ohne Pause, ohne Auszeit. Mawave-CEO Jason Modemann erklärt, wie er persönlich damit umgeht.

Kranksein war für mich als Unternehmer ein No-Go

Mawave-Gründer Jason Modemann schreibt bei Gründerszene über seinen Alltag als Unternehmer.
Mawave / Logo: Gründerszene

Während Bundeskanzler Friedrich Merz darüber diskutiert, ob die Deutschen zu oft krank sind, sieht die Realität bei vielen Gründern ganz anders aus: Die meisten melden sich nie krank. Sie arbeiten permanent am Limit. Hustle ist sowas wie ein Leistungsnachweis. Jason Modemann, CEO von Mawave, erzählt, wie er damit umgeht.

In meiner gesamten Karriere war ich wahrscheinlich keine zehn Tage offiziell krankgemeldet. Und selbst an diesen Tagen habe ich meistens zumindest kurz das Handy in die Hand genommen oder ein paar Mails beantwortet. Wirklich „off“ war ich so gut wie nie.

„Wem wollte ich etwas beweisen?“

Vor allem in den ersten fünf Jahren als Gründer war krank sein für mich ein absolutes No-Go. Ich hatte dieses Gefühl: Wenn ich einen Tag ausfalle, bleibt alles stehen. Wenn ich nicht da bin, verlieren wir Momentum, Wachstum, Kontrolle. Rückblickend denke ich mir: Wem wolltest du da eigentlich etwas beweisen?

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Denn die Wahrheit ist: Die Welt geht nicht unter, wenn man mal ein oder zwei Tage nicht arbeitet. Ein gesundes Unternehmen hält das aus. Wenn es das nicht tut, liegt das Problem nicht an einem Krankheitstag.

Glücklicherweise bin ich selten wirklich krank im medizinischen Sinne. Aber ich merke alle drei, vier Monate sehr deutlich: Jetzt brauche ich einen Cut. Meine Konzentration wird zäher, die Geduld wird kürzer, die Energie weniger.

Bewusst eine Auszeit nehmen

Früher hätte ich solche Anzeichen ignoriert und abgetan. Heute nehme ich das ernst. Das heißt zwar trotzdem nicht, dass ich mich zwei Wochen abmelde und ins Bett lege. Aber ich nehme mich bewusst einen Tag raus: manchmal einfach Spa, manchmal einfach nur etwas Ruhe. Aber zumindest keine Anrufe, keine Mails, kein Slack. Erstaunlicherweise reicht das oft, um zu rechargen und wieder bei 100 Prozent zu sein.

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Denn Hustlen heißt: Immer weitermachen, egal was der Körper sagt. Verantwortung heißt: Etwas dafür tun, langfristig leistungsfähig zu bleiben.

Die Hustle-Kultur ist meiner Meinung nach deshalb genauso problematisch wie die Krankheitsdebatte. Denn beide denken in Extremen. Die eine Seite sagt: Ihr fehlt zu oft. Die andere sagt: Du darfst nie fehlen.

Im Grunde genommen messen aber beide Leistung falsch. Denn am Ende geht es nicht darum, wie viele Krankheitstage man (nicht) hat, sondern konstant zu liefern – ohne sich selbst zu verbrennen. Und dafür braucht es vor allem eines: sich selbst ehrlich zu führen.

Jason Modemann ist Gründer und Geschäftsführer von der Social Media Agentur Mawave Marketing. Mit 27 Jahren führt er 150 Mitarbeiter. Zu Mawaves Kunden zählen unter anderem Red Bull, Nike und Lidl. Zudem ist er Autor des Buches „Always hungry, never greedy.“

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