Künstliche Intelligenz
Softwareentwicklung: Abstraktion ist überbewertet | heise online
Kaum ein Prinzip genießt in der Softwareentwicklung so viel Ansehen wie die Abstraktion. Wer abstrahiert, gilt als vorausschauend. Wer Gemeinsamkeiten erkennt und zusammenführt, gilt als erfahren. Wer Code dupliziert, gilt als nachlässig. Sei es in Code-Reviews, in Architektur-Diskussionen oder in Vorstellungsgesprächen: Abstraktion ist der Maßstab, an dem sich guter Code messen lassen muss. Zumindest wird das häufig so vermittelt.
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Golo Roden ist Gründer und CTO von the native web GmbH. Er beschäftigt sich mit der Konzeption und Entwicklung von Web- und Cloud-Anwendungen sowie -APIs, mit einem Schwerpunkt auf Event-getriebenen und Service-basierten verteilten Architekturen. Sein Leitsatz lautet, dass Softwareentwicklung kein Selbstzweck ist, sondern immer einer zugrundeliegenden Fachlichkeit folgen muss.
Ich habe das selbst lange geglaubt. Ich habe abstrahiert, wo es ging, habe Gemeinsamkeiten gesucht, wo keine waren, und habe mich gut dabei gefühlt. Erst mit den Jahren habe ich gelernt, dass das Gegenteil oft näher an der Wahrheit liegt: Dass viele Abstraktionen Code nicht besser machen, sondern schlechter. Dass sie Kopplung erzeugen, wo Unabhängigkeit sein sollte. Und dass eine falsche Abstraktion langfristig teurer ist als gar keine.
DRY bedeutet nicht, was die meisten glauben
Wenn Entwicklerinnen und Entwickler über Abstraktion sprechen, fällt früher oder später das Akronym DRY: „Don’t Repeat Yourself“. Es ist eines der meistzitierten Prinzipien der Softwareentwicklung, und es wird fast überall als technische Anweisung verstanden: „Dupliziere keinen Code“. Es gibt sogar Tools, die Codebasen nach Copy-&-Paste-Mustern durchsuchen und Alarm schlagen, wenn zwei Blöcke zu ähnlich aussehen.
Das Problem: Diese Interpretation hat mit dem, was die Autoren des Prinzips gemeint haben, wenig zu tun. DRY stammt aus dem Buch „The Pragmatic Programmer“ von David Thomas und Andrew Hunt. Dort wird ausdrücklich gesagt, dass es nicht um technische Duplikation geht, sondern um fachliche: Ein fachliches Konzept soll nicht an mehreren Stellen im System implementiert sein, weil das zu Inkonsistenzen bei Geschäftsregeln führt. Hunt und Thomas bringen in ihrem Buch sogar ein explizites Beispiel für technische Duplikation und stellen klar, dass das keine Verletzung von DRY sei!
Das hindert die Branche aber nicht daran, DRY weiterhin als „kopiere keinen Code“ zu verkaufen. Und genau das führt zu einer der häufigsten Formen falscher Abstraktion: Technisch ähnlicher Code wird zusammengeführt, obwohl er fachlich völlig unterschiedliche Dinge repräsentiert.
Um ein Beispiel zu nennen, das viele so oder so ähnlich kennen dürften: Stellen Sie sich vor, eine Anwendung verfügt über eine User-Klasse. Diese Klasse wird für die Persistenz verwendet, für die HTTP-API und für die Fachlogik. Drei verschiedene Kontexte, aber nur eine Klasse, weil die Felder dieselben sind. Wer braucht schon drei User-Klassen?
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Die Antwort zeigt sich spätestens nach ein paar Monaten: Für die Persistenz und die API braucht man JSON-Annotationen. Plötzlich trägt die Fachlogik-Klasse Annotationen, die ihr völlig egal sein sollten. Dann ändert sich das Persistenzformat, aber die Annotationen lassen sich nicht einfach anpassen, weil das die API brechen würde. Also fügt man weitere Annotationen hinzu. Dann kommt ein internes Feld dazu, das über die API jedoch nicht sichtbar sein soll. Also braucht man Logik, die bestimmte Felder ausblendet. Und so wächst die Klasse nach und nach zu einer immer größeren Müllhalde, auf der sich immer mehr Sonderfälle und Ausnahmen ansammeln.
Die Lösung wäre so einfach gewesen: drei separate Klassen, eine pro Kontext. Ja, das bedeutet, zwischen ihnen mappen zu müssen. Ja, das ist ein wenig mehr Tipparbeit. Aber jede Klasse existiert aus einem eigenen Grund, ist unabhängig von den anderen evolvierbar, und der Code ist explizit und nachvollziehbar. In der Sprache der Softwarearchitektur: niedrige Kopplung und hohe Kohäsion. Nicht zufällig sind das die beiden grundlegenden Prinzipien guter Architektur. Und nicht zufällig verletzt die zusammengeführte User-Klasse beide.
Viele Entwicklerinnen und Entwickler wehren sich gegen diesen Ansatz. Es wird argumentiert: Drei Klassen für dasselbe Konzept, das sei zu viel Aufwand und zu viel Redundanz. Aber die drei Klassen existieren aus unterschiedlichen Gründen. Sie haben unterschiedliche Lebenszyklen, unterschiedliche Änderungsgründe, unterschiedliche Abhängigkeiten. Sie gehören nicht zusammen, auch wenn sie ähnlich oder (zunächst) sogar gleich aussehen.
Das Muster dahinter ist immer dasselbe: Technische Ähnlichkeit wird mit fachlicher Zusammengehörigkeit verwechselt. Die resultierende Abstraktion erzeugt eine Kopplung zwischen Dingen, die nichts miteinander zu tun haben. Änderungen an einem Kontext ziehen Änderungen in einem anderen nach sich, oder man muss den jeweiligen Kontext durch die Abstraktion hindurchschleifen, was die Komplexität weiter erhöht. Und all das nur, weil jemand irgendwann gesagt hat: „Das sieht doch fast gleich aus, das kann man zusammenfassen.“
Wenn Frameworks das Denken übernehmen
Falsche Abstraktionen entstehen jedoch nicht nur durch missverstandene Prinzipien. Sie werden auch von Frameworks geliefert, fertig verpackt und als Feature beworben. Das Versprechen lautet: „Sie müssen das Darunterliegende nicht verstehen. Wir kümmern uns darum. Konzentrieren Sie sich auf Ihre Geschäftslogik.“
Das klingt verlockend, und es funktioniert. Solange man auf dem getrampelten Pfad bleibt, ist alles in Ordnung. Die Dokumentation beschreibt den Happy Path, die Tutorials führen durch den Happy Path, die Community beantwortet Fragen zum Happy Path. Das Problem beginnt, wenn man davon abweichen muss. Und in realen Projekten muss man das früher oder später immer.
Nehmen Sie React als Beispiel: JSX ist eine Abstraktion, die es erlaubt, HTML-ähnliche Syntax in JavaScript zu schreiben. Die meisten React-Entwicklerinnen und -Entwickler nutzen JSX täglich, aber nur wenige können erklären, was dabei eigentlich passiert. Wie wird aus JSX am Ende JavaScript, das der Browser versteht und ausführen kann? Welche Transformationsschritte sind involviert? Warum darf eine Render-Funktion nur einen einzigen Root-Knoten zurückgeben und nicht mehrere?
Die Antwort auf die letzte Frage ist aufschlussreich: In JSX wird jedes Element in einen Funktionsaufruf (sinngemäß: createElement) übersetzt, das heißt, die Render-Funktion gibt das Ergebnis dieses Funktionsaufrufs zurück. Und da eine Funktion in JavaScript nur einen Rückgabetyp haben kann, kann eine Render-Funktion naturgemäß nicht mehrere Elemente auf oberster Ebene zurückgeben – auch wenn sich das in JSX zunächst wie eine valide HTML-Struktur liest.
Wer versteht, was unter der Haube passiert, für den ist die Einschränkung selbstverständlich. Für alle anderen ist sie eine willkürliche Regel, die man auswendig lernt, ohne sie zu begreifen.
Solange alles funktioniert, fällt das fehlende Verständnis nicht auf. Doch sobald man auf ein Problem stößt, das nicht auf dem Happy Path liegt, ändert sich die Situation. Man versteht nicht nur das Problem nicht, sondern auch das Werkzeug nicht, mit dem man es lösen müsste. Statt mit dem Framework zu arbeiten, arbeitet man gegen es. Das ist der Moment, in dem die Abstraktion leckt.
TypeScript ist nur so gut wie das JavaScript-Verständnis dahinter
Dasselbe Muster zeigt sich auf einer anderen Ebene auch bei Programmiersprachen beziehungsweise Compilern, beispielsweise TypeScript. TypeScript ist eine Abstraktion über JavaScript, die statische Typisierung hinzufügt. Das Versprechen: mehr Sicherheit, bessere Tooling-Unterstützung, weniger Laufzeitfehler. Und dieses Versprechen löst TypeScript in vielen Fällen auch ein.
Was TypeScript nicht einlöst, ist das implizite Versprechen, dass man JavaScript nicht mehr verstehen müsse. Viele Entwicklerinnen und Entwickler steigen heute direkt mit TypeScript ein, ohne je ernsthaft JavaScript geschrieben zu haben. Sie lernen TypeScript-Syntax, TypeScript-Pattern, TypeScript-Tooling. JavaScript ist für sie eine Art Kompilierungsziel, das man nie direkt anfasst.
Das funktioniert, bis es nicht mehr funktioniert. Viele der Einschränkungen und vermeintlich seltsamen Verhaltensweisen von TypeScript ergeben nur dann Sinn, wenn man JavaScript versteht. Warum verhält sich das Typsystem in bestimmten Fällen unerwartet? Warum gibt es Design-Entscheidungen, die auf den ersten Blick unlogisch wirken? Die Antwort ist fast immer dieselbe: Weil TypeScript abwärtskompatibel zu JavaScript sein will und muss, und es anders schlicht nicht funktioniert.
Wer JavaScript kennt, versteht diese Entscheidungen. Wer JavaScript nicht kennt, steht vor einer Wand aus unerklärlichen Regeln. Die Abstraktion verdeckt genau das Wissen, das man braucht, wenn sie an ihre Grenzen stößt. Und das Paradoxe daran: Auch die meisten Entwicklerinnen und Entwickler, die JavaScript nutzen, kennen JavaScript zu wenig. Die Sprache hat einen Ruf als einfach, der täuscht. Unter der Oberfläche verbergen sich Konzepte, deren Verständnis erheblich dabei hilft, sowohl JavaScript als auch TypeScript besser einzusetzen.
Auch KI abstrahiert, und auch KI leckt
Die jüngste Iteration desselben Musters liefert die künstliche Intelligenz. KI-basierte Coding-Assistenten und -Agenten versprechen, die Softwareentwicklung grundlegend zu vereinfachen. Sie generieren Code, vervollständigen Funktionen, schlagen Architekturen vor, schreiben Tests. Das Versprechen ist vertraut: „Sie müssen sich nicht um die Details kümmern. Die KI übernimmt das. Konzentrieren Sie sich auf die großen Zusammenhänge.“
Das klingt nach demselben Versprechen, das Frameworks seit Jahren geben. Und es funktioniert auf dieselbe Weise: hervorragend auf dem Happy Path. Solange die Anforderungen im Bereich dessen liegen, wofür ausreichend Trainingsmaterial existiert, liefert KI beeindruckende Ergebnisse. In Sekunden entsteht Code, der kompiliert, Tests besteht und auf den ersten Blick korrekt aussieht.
Die Probleme beginnen, wenn die Anforderungen exotischer werden. Wenn die Kombination aus Technologien, Randbedingungen und fachlichen Regeln so spezifisch ist, dass kein Trainingsmaterial dafür existiert. Oder wenn der generierte Code subtile Fehler enthält, die man nicht erkennt, weil man nie gelernt hat, wie der Code unter der Haube funktioniert. Ein Off by One Error in einer Schleife, eine Race Condition in asynchronem Code, ein falsch gesetzter Index in einer Datenbankabfrage: Solche Fehler fallen nur auf, wenn man den Code tatsächlich liest und versteht. Wer das nicht macht, weil die KI es vermeintlich übernimmt, hat ein Problem, das er möglicherweise erst Monate später bemerkt.
Noch bedenklicher ist der schleichende Verlust von Kompetenz. Wer jahrelang Code von Hand geschrieben hat und nun KI einsetzt, verfügt über das Wissen, die Ergebnisse zu beurteilen. Wer aber nie ohne KI gearbeitet hat oder das eigene Wissen nicht mehr pflegt, verliert genau die Fähigkeit, die nötig wäre, um die Grenzen der Abstraktion zu erkennen.
Das Muster ist immer dasselbe. Eine Abstraktion verspricht Einfachheit. Sie löst dieses Versprechen ein, solange alles nach Plan läuft. Und sie versagt genau dann, wenn man sie am dringendsten brauchte: in den Situationen, die vom Plan abweichen. Joel Spolsky hat das 2002 in seinem Artikel „The Law of Leaky Abstractions“ auf den Punkt gebracht: Alle nichttrivialen Abstraktionen sind bis zu einem gewissen Grad undicht. Das galt für Frameworks, es galt für Programmiersprachen, und es gilt für KI.
Nicht jede Abstraktion ist schlecht
Nach vier Negativbeispielen wäre es leicht, den Schluss zu ziehen, dass Abstraktion grundsätzlich schädlich ist. Das wäre falsch. Es gibt nämlich durchaus sinnvolle Abstraktionen, die funktionieren, und das seit Jahrzehnten.
Das vielleicht beste Beispiel stammt aus der Unix-Welt: „Everything is a file“. Das bedeutet: In Unix sind Dateien, Geräte, Pipes und Sockets über dasselbe Interface ansprechbar: open, read, write, close. Diese Abstraktion ist inzwischen über fünfzig Jahre alt und funktioniert noch immer hervorragend. Sie ist zu einem Fundament geworden, auf dem ganze Ökosysteme aufbauen.
Was macht diese Abstraktion anders als die gescheiterten Beispiele? Erstens ist sie minimal. Sie versteckt nicht zu viel, sondern genau so viel, wie nötig ist, um eine gemeinsame Schnittstelle zu bieten. Zweitens basiert sie auf einem tiefen Verständnis des Problems. Die Unix-Entwickler haben nicht zuerst abstrahiert und dann geschaut, was man damit machen kann. Sie haben erst verstanden, was sie brauchen, und dann die kleinstmögliche gemeinsame Abstraktion gefunden. Und drittens: Wenn sie leckt (und das tut sie), ist das Leck nachvollziehbar, weil die Abstraktion dünn genug ist, um hindurchzuschauen.
Genau das unterscheidet eine gelungene Abstraktion von einer gescheiterten. Gelungene Abstraktionen setzen Verständnis voraus und machen es nicht überflüssig. Sie entstehen aus Erfahrung, nicht aus Annahmen. Und sie respektieren, dass die Kopplung niedrig und die Kohäsion hoch bleiben muss.
Erst verstehen, dann vielleicht abstrahieren
Was lässt sich aus all dem lernen? Joel Spolsky hat neben dem Artikel zu den leckenden Abstraktionen noch einen zweiten Artikel geschrieben, der hierher gehört: „Back to Basics“. Darin kritisiert er, dass zu vielen Entwicklerinnen und Entwicklern die Grundlagen fehlen (und das war, wohlgemerkt, bereits 2001). Dass die Meinung vorherrsche, die Garbage Collection werde es schon richten, ohne dass man verstanden hat, was ein Stack und was ein Heap ist, wann was verwendet wird und welche Auswirkungen das hat.
Natürlich muss man nicht in allem Expertin oder Experte sein, das ist allein aufgrund der Menge an Themen auch gar nicht machbar. Aber die Grundlagen des eigenen Werkzeugs zu verstehen ist keine optionale Zusatzqualifikation, sondern die Voraussetzung dafür, die Abstraktion über diesem Werkzeug sinnvoll nutzen zu können. Wer nicht weiß, wie JavaScript funktioniert, wird an TypeScript scheitern. Wer nicht versteht, was JSX unter der Haube tut, wird an React scheitern. Wer nicht in der Lage ist, Code selbst zu beurteilen, wird an KI scheitern.
Mein Rat lautet daher nicht, auf Abstraktion grundsätzlich zu verzichten. Mein Rat lautet, mit Abstraktion zu warten, also nicht mit einer Abstraktion starten, sondern alles erst einmal explizit machen. Jede Klasse, jede Funktion, jede Schnittstelle so schreiben, dass sie für sich allein verständlich ist. Code wird nur einmal geschrieben, aber viele Male gelesen. Lesbarkeit, Nachvollziehbarkeit und Verständlichkeit sind wichtiger als drei Zeilen weniger Tipparbeit.
Erst wenn man genau weiß, wie sich die Anforderungen verhalten, welche Teile sich tatsächlich gemeinsam ändern und welche nur zufällig ähnlich aussehen, dann und nur dann kann man über Abstraktion nachdenken. Und selbst dann lohnt sich die Frage: Brauche ich die Abstraktion wirklich? Oder mache ich den Code damit nur kürzer, aber nicht besser? Senkt die Abstraktion die Kopplung und erhöht die Kohäsion, oder bewirkt sie das Gegenteil?
Viele der besten Codebasen, die ich in über 30 Jahren Berufserfahrung gesehen habe, zeichneten sich nicht durch clevere Abstraktionen aus, sondern durch Klarheit. Durch Code, den man lesen und verstehen konnte, ohne erst drei Indirektionsebenen nachzuverfolgen. Durch explizite Strukturen, die auf den ersten Blick verrieten, was sie taten und warum. Das ist die wahre Kunst der Softwareentwicklung, und abschließend kann man sagen: Abstraktion ist überbewertet, Verständnis nicht.
(rme)
Künstliche Intelligenz
TSMC: Chipmangel ist gekommen, um zu bleiben
Der Chiphersteller TSMC (Taiwan Semiconductor Manufacturing Co.) kann die Nachfrage nach seinen Erzeugnissen nur teilweise befriedigen. Grund ist die enorme Nachfrage nach Hardware für Künstliche Intelligenz (KI). Daher investiert TSMC in neue Produktionsanlagen, sowohl auf der Insel als auch im Ausland. Das wirkt allerdings nicht von heute auf morgen. „Es wird lange dauern, bis wir die Nachfrage unserer Kunden bedienen können”, sagte TSMC-CEO Che-Chia Wei bei seiner Aktionärsversammlung in der Stadt Hsinchu am Donnerstag (Ortszeit).
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Zum einen fährt TSMC sein Halbleiterwerk im US-Bundesstaat Arizona hoch, zum anderen lastet es alle bestehenden Werke so gut wie möglich aus. Das steigert sichtlich die Produktionsmenge: Im ersten Quartal 2025 hat das Unternehmen 3,3 Millionen Wafer belichtet, im Jahresschlussquartal knapp vier Millionen und im ersten Quartal 2026 schon fast 4,3 Millionen. Das sind jeweils 300-mm-Wafer oder deren Äquivalent, umgerechnet aus dem Output alter Produktionslinien mit 200-mm-Wafern.
TSMC ist das größte Unternehmen Taiwans und produziert im Auftrag zahlreicher Kunden. Bislang war Apple der größte Abnehmer, doch dürfte Nvidia dieses Jahr der wichtigste Kunde werden. Auch Konkurrent AMD lässt KI-Chips von TSMC herstellen. Dessen Management erwartet, dass der Umsatz des laufenden Jahres mehr als 30 Prozent höher ausfallen wird als 2025.
Bei extremer Nachfrage liegen extreme Preiserhöhungen nahe. Doch so etwas lehnt Wei ab. Für ihn sei stabile Geschäftsentwicklung vorrangig, erklärte der Konzernchef seinen Aktionären laut Bloomberg. TSMCs jüngsten Quartalszahlen weisen durchaus gestiegene Margen aus, was auf höhere Preise schließen lässt, aber nicht auf enorme Preissprünge, die beispielsweise den Markt für Arbeitsspeicher zeichnen. Auch den kaufen Betreiber von KI-Rechenzentren schon im Voraus auf. TSMC-Aktien haben seit Jahresbeginn zirka 38 Prozent zugelegt, im Jahresabstand hat sich ihr Kurs mehr als verdoppelt.
(ds)
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Digital Markets Act: Teilerfolg für Meta vor dem EU-Gericht
Meta hat im Ringen um die EU-Regeln für Digitalplattformen einen Teilerfolg erzielt. Das Gericht der Europäischen Union (EuG) hat am Mittwoch einen Beschluss der EU-Kommission teilweise für nichtig erklärt. Die Brüsseler Wettbewerbshüter klassifizierten den Facebook-Mutterkonzern im September 2023 auf Basis des Digital Markets Acts (DMA) als sogenannten Torwächter (Gatekeeper). Diese Einstufung kippte EuG für den hauseigenen Kleinanzeigendienst Marketplace. Für den Kommunikationsdienst Messenger bleibt sie dagegen bestehen.
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Meta hatte gegen beide Benennungen geklagt. Der Plattformbetreiber betrachtet die betroffenen Dienste nicht als eigenständige, kritische Zugangstore für Geschäftskunden.
In seiner Begründung zur Aufhebung des Marketplace-Status sparte das Gericht nicht mit Kritik an der Kommission. Die Luxemburger Richter warfen der ihr einen Rechtsfehler vor. Sie habe sich bei ihrer Bewertung stur auf Daten der letzten drei Jahre vor der Benennung gestützt und dabei wesentliche regulatorische und tatsächliche Änderungen ignoriert, die Meta bereits Ende Juli 2023 eingeführt hatte. Ein Sprecher des US-Konzerns begrüßte das Urteil dementsprechend: Die Entscheidung bestätige, dass der Marketplace von vornherein nicht habe benannt werden dürfen.
Versäumte Analyse und mangelhafte Begründung
Das EuG hebt hervor, dass die Rechtmäßigkeit eines EU-Rechtsakts immer anhand der tatsächlichen Umstände zum Zeitpunkt seines Erlasses beurteilt werden müsse. Genau hier habe die Kommission versagt, da sie weder eine konkrete Analyse der von Meta vorgenommenen Änderungen vorgelegt noch deren Auswirkungen auf die Einstufung als Online-Vermittlungsdienst fundiert erläutert habe. Um als solcher zu gelten, muss ein Dienst es Unternehmen nachweislich ermöglichen, Verbrauchern direkt Produkte oder Dienstleistungen anzubieten. Die Argumente der Kommission in dem Beschluss blieben in diesem Punkt laut der Entscheidung rein hypothetisch und unvollständig.
In der Praxis hat das Urteil in der Rechtssache T-1078/23 für das operative Geschäft des Marketplace aber nur noch symbolische Bedeutung. Die Kommission hob die Gatekeeper-Einstufung für den Kleinanzeigendienst bereits im April 2025 offiziell auf. Meta hatte zuvor zusätzliche Überwachungswerkzeuge implementiert, um die kommerzielle Nutzung durch Firmen einzudämmen. Diese Maßnahmen führten dazu, dass die Zahl der aktiven Geschäftskunden in der EU auf unter 10.000 sank. Das ist weit unter dem Schwellenwert des DMA.
Messenger bleibt im Visier
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Nicht erfolgreich verlief das Verfahren für Meta dagegen mit Blick auf den Messenger. Hier bestätigten die Richter die Auffassung der Kommission in vollem Umfang und wiesen die Argumente des Betreibers ab. Sie stellten fest, dass es sich beim Messenger um einen vom sozialen Netzwerk Facebook getrennten, nummernunabhängigen, interpersonellen Kommunikationsdienst handelt. Meta hatte argumentiert, die Dienste seien tief miteinander integriert. Das EuG verwies indes darauf, dass der Messenger über eigenständige Apps angeboten und unabhängig von Facebook genutzt werden könne. Ferner bewerbe der Konzern gezielt spezifische Werkzeuge, die Unternehmen die direkte Kontaktaufnahme mit Nutzern erlauben.
Auch den Einwand Metas, die Kommission habe die Nutzerzahlen falsch berechnet, ließ das Gericht nicht gelten. Bei der Ermittlung, ob die quantitativen Schwellenwerte des DMA erreicht werden, durften die Brüsseler Beamten korrekterweise alle Endnutzer heranziehen und mussten nicht nur jene zählen, die den Messenger exklusiv ohne Facebook-Konto nutzen. Da Meta keine ausreichenden Argumente vorbringen konnte, um die gesetzlichen Vermutungen des DMA zu entkräften, war die Kommission auch nicht zu einer speziellen Marktuntersuchung verpflichtet.
Meta kündigte an, die Optionen für eine Beschwerde gegen diesen Teil des Urteils beim Europäischen Gerichtshof genau zu prüfen. 2025 verhängte die EU bereits ein Bußgeld von 200 Millionen Euro gegen Meta wegen Wettbewerbsverstößen. Dagegen wehrt sich das Unternehmen ebenfalls vor Gericht.
(mho)
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Forscher finden Hinweis auf Protoplaneten in extrem seltenem Meteorit
In der Frühzeit des Sonnensystems umkreiste ein größerer Himmelskörper die Sonne – bis er eines Tages mit einem anderen kollidierte. Forscher der University of Colorado Boulder (CU Boulder) haben einen Überrest dieses Protoplaneten ausgemacht: in Form eines äußerst seltenen Meteoriten.
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Northwest Africa (NWA) 12774 heißt der Meteorit, der 2019 in der Sahara gefunden wurde. Das Team um den Geowissenschaftler Aaron Bell hat ihn untersucht und ist zu dem Schluss gekommen, dass es sich um das Trümmerteil eines Protoplaneten handelt, der wenige Millionen Jahre nach der Entstehung des Sonnensystems entstanden ist. Ein Protoplanet ist der Vorläufer eines Planeten; es ist das zweite Entwicklungsstadium nach den Planetesimalen.

Eine 4 Zentimeter große, 5,6 Gramm schwere Scheibe des Meteoriten NWA 12774
(Bild: John Kashuba)
„Es ist unglaublich zu denken, dass es da einst einen Himmelskörper von dieser Größe gab“, sagte Bell. „Wir wissen von seiner Existenz nur, weil einige Fragmente davon zufällig auf der Erde gelandet sind. Diese Meteoriten sind der Beweis für einen komplett anderen Weg, wie sich frühe Planeten entwickelten.“
Gestein aus der Frühzeit des Sonnensystems
NWA 12774 ist ein Angrit, ein vulkanisches Gestein, das sich in der Frühzeit des Sonnensystems gebildet hat, also vor rund 4,5 Milliarden Jahren. Es ist äußerst selten: Gerade mal 68 der rund 80.000 auf der Erde gefundenen Meteoriten sind Angrite.
Das Besondere an Angriten ist die chemische Zusammensetzung: Sie enthalten kaum Siliziumdioxid, das der Hauptbestandteil der Gesteinsplaneten in unserem Sonnensystem ist. NWA 12774 enthielt zudem Klinopyroxen, einen Mineralkristall, der häufig in der Erdkruste und im Erdmantel vorkommt.
Der Klinopyroxen von NWA 12774 weist jedoch einen außergewöhnlich hohen Gehalt an Aluminium auf. Diese Kombination kann sich nur unter sehr hohem Druck tief unten gebildet haben: Die Forscher rekonstruierten die Bedingungen und fanden heraus, dass es mindestens 17.500 bar gewesen sein müssen. Zum Vergleich: Auf dem Grund des Marianengrabens, der tiefsten Stelle der Erde, herrscht ein Druck von etwa 1000 bar.
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Bisher gingen Forscher davon aus, dass Angrite von Asteroiden stammen. Diese Himmelskörper sind zu klein für die Bedingungen, unter denen dieser Meteorit entstand. Um einen solchen Druck im Innern zu erzeugen, musste der Himmelskörper einen Radius von mindestens 1000 Kilometern gehabt haben.
Kristalle mit scharfen Kanten
Bei ihren Untersuchungen stießen die Forscher auf eine weitere Besonderheit: Die Kristalle im Inneren von NWA 12774 haben immer noch scharfe Kanten sowie feine chemische Strukturen auf, die darauf hindeuten, dass sie in relativ geringer Tiefe entstanden. Wären sie in größerer Tiefe entstanden, wären diese Strukturen nicht mehr vorhanden.
Das Team korrigierte die Größe des Himmelskörpers deshalb noch einmal nach oben: Sein Radius könnte größer als 1800 Kilometer gewesen sein – und damit in etwa so groß wie der Erdmond, vielleicht sogar so groß wie der Mars, dessen Radius 3300 Kilometer beträgt.
Bell hält es für möglich, dass der von ihnen identifizierte Protoplanet nicht der einzige in unserem Sonnensystem war. „In den Archiven liegen noch viele Meteorite, die noch nicht gründlich untersucht wurden, es gab wahrscheinlich noch mehr solcher Protoplaneten, von denen wir nichts wissen.“ ,
Das Team um Bell stellt seine Ergebnisse in der Fachzeitschrift Earth and Planetary Science Letters vor.
(wpl)
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