Das Imposter-Syndrom in der Kreativbranche › PAGE online
»Erkenne deine Imperfektion wertschätzend an. Sie ist ein wichtiger Teil von dir.« Das und mehr rät Christina Keller allen Kreativen, die manchmal an sich selbst zweifeln. Das gilt sowohl für Newbies als auch für erfahrene und erfolgreiche Personen.
Schon mal das Gefühl gehabt, sich selbst überschätzt zu haben – und das objektiv betrachtet zu Unrecht? Das nennt sich »Imposter-Syndrom« und taucht in der Kreativbranche häufiger auf – vor allem bei Frauen.
Christina Keller ist seit Januar 2026 CEO von TBWA Germany, Heimat\TBWA und adam&eve\TBWA sowie Mitglied des GWA-Vorstands. PAGE hat mir ihr über das sogenannte Imposter-Syndrom gesprochen. Dabei hat sie auch konkrete Tipps verraten, das Syndrom in den Griff zu bekommen.
PAGE: Was genau ist das Imposter-Syndrom?
Christina Keller: Das Imposter-Syndrom, auch »Hochstapler-Phänomen« genannt, ist diese innere Stimme, die flüstert: »Du bist gar nicht wirklich qualifiziert. Du verdienst das nicht.« Der Begriff wurde 1978 von den Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes geprägt, als sie hochleistungsfähige Frauen untersuchten, die Schwierigkeiten hatten, ihren eigenen Erfolg anzuerkennen.
Studien zufolge tritt das Imposter-Syndrom bei bis zu 82 Prozent aller Menschen auf. Typische Symptome sind ständige Selbstkritik, Angst vor Fehlern, Herunterspielen von Erfolgen und die Angewohnheit, gute Leistungen eher dem Glück als den eigenen Fähigkeiten zuzuschreiben.
Die Expertin Dr. Valerie Young unterscheidet dabei fünf Typen: Für die Perfektionistin fühlt sich jeder kleine Fehler wie Versagen an. Die Superwoman muss in allen Rollen glänzen – im Job, zu Hause, im Freundeskreis. Das Naturtalent glaubt, echte Begabung bedeutet, dass es immer leichtfallen und schnell gehen muss. Für die Einzelkämpferin dagegen fühlt es sich wie Schwäche an, Hilfe anzunehmen. Und dann ist da noch die Expertin, die alles wissen will und bei Wissenslücken an sich selbst zweifelt. Laut Young erleben die meisten von uns je nach Situation mehrere dieser Typen.
PAGE: Ist das in der Kreativbranche häufig zu beobachten?
Christina Keller: Leider deutet vieles darauf hin, ja. Eine britische Studie hat ergeben, dass fast 87 Prozent der Menschen im Bereich Kunst und Design innerhalb eines Jahres das Imposter-Syndrom erlebt haben – so viele wie in keiner anderen Branche. Auch Erfahrungen von Frauen in Design- und Kreativberufen zeigen: Das Syndrom ist ein ständiger Begleiter – selbst bei den erfahrensten und erfolgreichsten Frauen.
PAGE: Warum – kann man das an irgendwas festmachen?
Christina Keller: Zu den Gründen gehört sicherlich, dass kreative Arbeit sehr subjektiv bewertet wird und öffentlich sichtbar ist – und somit auch vermehrt Kritik ausgesetzt ist. Auch das ständige Vergleichen von Arbeiten und Erfolgen, beispielsweise in Pitchprozessen, spielt eine Rolle. Bei Frauen kommt noch die gesellschaftliche Prägung hinzu: Uns wird beigebracht, bescheiden zu sein, Bestätigung zu suchen und nicht zu sehr aufzufallen. In kreativen Berufen, in denen Sichtbarkeit und Selbstvermarktung wichtig sind, kann das zum Hindernis werden. Zudem kann die Unterrepräsentation von Frauen in Führungspositionen das Gefühl verstärken, außen vor zu sein.
PAGE: Inwiefern macht sich das in deinem eigenen Karriereweg bemerkbar?
Christina Keller: Als ich damals an der besten deutschen Kunsthochschule angenommen wurde, hätte ich eigentlich sehr stolz sein können. Doch ich war Nachrückerin – trotz meines Notendurchschnitts von 1,3. So kam ich erst einige Zeit nach dem Semesterstart an der Hochschule an, als sich längst alle Mitstudierenden zusammengefunden und angefreundet hatten. Obwohl ich zuvor immer zu den Besten gehört hatte, fühlte ich mich dort nicht zugehörig und weniger wert. Dieses Gefühl hat mich lange begleitet. Ich wusste damals nicht, was das Imposter-Syndrom ist, aber ich spürte tiefe Selbstzweifel.
Später in meiner Karriere kamen solche Gefühle immer wieder hoch. Ein Beispiel: Nachdem ich in leitender Funktion bereits für einige Monate erfolgreich tätig war und von meinen Führungskräften sehr positives Feedback auf meine Arbeit erhalten hatte, nahm ich all meinen Mut zusammen und bewarb mich im nächsten Karriereschritt auf eine vakante Management-Position.
Als ich die Stelle dann tatsächlich bekam, gab es viel Zustimmung, Freude und Unterstützung. Aber es gab eben auch vereinzelte Stimmen von Kollegen, die sich verletzt fühlten, weil ihre Bewerbung nicht berücksichtigt wurde, und die sich von mir abwandten. Dies verursachte bei mir ungute Gefühle von Schuld und Zweifel: Hatte ich etwas falsch gemacht? Hatte ich mich überschätzt? Als dann noch ein Gerücht aufkam, man hätte eben ein »weibliches Profil« für die Stelle gesucht, fühlte ich mich wie eine Hochstaplerin. Es dauerte eine Weile, bis diese Stimmen in meinem Kopf leiser wurden und ich mich mit Kraft und Freude voll auf die neue Aufgabe konzentrieren konnte.
Heute weiß ich, dass es als neue Führungskraft entscheidend ist, durch konkretes Handeln zu zeigen, dass man für jede einzelne Person im Team – und auch für sich selbst – einen positiven Unterschied bewirken kann. Durch die Unterstützung von Freunden und meinem Coach habe ich gelernt, an mich zu glauben und meine Erfolge wirklich anzuerkennen.
PAGE: Welche praktischen Werkzeuge und Strategien kannst du anderen Kreativen empfehlen, die ähnliche Erfahrungen machen?
Christina Keller: Hier sind einige praktische Herangehensweisen und Tools, die mir persönlich geholfen haben und die ich seit vielen Jahren in meinen Alltag integriert habe:
Benenne das Gefühl. Sprich es aus oder schreib es auf.
Sprich darüber. Teile deine Zweifel mit Menschen deines Vertrauens.
Sei immer top vorbereitet und bitte aktiv um Feedback, nicht nur um Lob.
Feiere auch kleine Erfolge. Führe ein Erfolgstagebuch, sammle positives Feedback und mach es für dich sichtbar, sodass du es mehrmals am Tag lesen kannst. So gewöhnt sich dein Nervensystem daran und du nimmst Erfolge bald als normalen Bestandteil deiner Arbeit wahr.
Erkenne deine Imperfektion wertschätzend an. Sie ist ein wichtiger Teil von dir.
Gönne dir Pausen. Sorge für dich, schlafe ausreichend und ernähre dich gut, denn Erschöpfung verstärkt das Syndrom.
Supportet euch gegenseitig. Macht einander Mut und erinnert euch an eure Stärken. Das unterstützt das Selbstvertrauen und hilft, Zweifel leiser werden zu lassen.
…there was a script. Entstanden aus dem Scriptfont Finlay, geht die jetzt erschienene Finlay Sans einen deutlichen Schritt Richtiung dynamische Sans.
2022 entwickelte der Berliner Typedesigner Martin Wenzel eine verbundene Script, die auf Skizzen für das typografische Erscheinungsbild eines Kinderprogramms basierte. »Beim Arbeiten mit Finlay gab es immer wieder Momente, in denen ich mich fragte, ob die Schrift auch unverbunden, als universell einsetzbare Serifenlose ohne Swashes funktionieren könnte«, so Martin Wenzel. Abwegig war die Idee nicht, denn der Kontrast der Finlay war wie bei einer typischen Sans gering, die x-Höhe groß. Also verfolgte er den Gedanken weiter, das Ergebnis ist Finlay Sans, eine Serifenlose in sieben Strichstärken.
»Bei der Gestaltung der Finlay Sans entferne ich mich weg von einer Script und landete bei einer Type, die ganz klar als Serifenlose durchgeht, in deren Formensprache aber dennoch Merkmale des Schreibens durchscheinen«, so der Typedesigner. Diese Merkmale zeigen sich in den leicht gebogenen Stämmen, den abgerundeten Strichenden, den Abschwüngen, der dezenten Bewegtheit und generell dem Fehlen von Strenge. »In der ganzen Schrift gibt es nicht einen geraden Strich. Dadurch wirkt sie wärmer, lebendiger und natürlicher als eine durchschnittliche Serifenlose.« Steht die Geometrische Sans am einen Ende einer Skala der Serifenlosen, findet sich Finlay Sans am entgegengesetzten Ende.
In kleineren Schriftgraden lässt sich Finlay Sans sehr gut lesen, dafür sorgen ihre offenen, humanistischen Buchstabenformen und die großzügige x-Höhe. Selbst Leseanfänger sollten sich mit ihr wohlfühlen. In größeren Graden macht sich das freundliche Design gut auf Verpackungen oder Websites, in Print oder auf Beschilderungen — kurz auf allem, was rustikal und gesund ist, handgemacht daher kommen soll oder einfach nur Spaß macht.
Mit ihren sieben Schriftstärkenvon Light bis Black bietet Finlay Sans viel Gestaltungsspielraum. Ein netter Bonus sind die vielen alternativen Zeichenformen, mit denen sich das typografische Erscheinungsbild weiter feinjustieren lässt – je nach Zielgruppe und Art der Anwendung.
Lizensieren kann man die freundliche, warme und sympathische Schrift bei supertype, der Foundry von Martin Wenzel und Jürgen Huber, der Finlay Sans als »Echt süß!« charakterisierte. Einzelschnitte kosten rund 40 Euro, die ganze Familie gut 200 Euro.
PAGEgefällt…: Illustrationen von Inga Israel aus Berlin, die in kräftigen Farben, mit schönsten Texturen und aufregenden Metaphern Gedanken balanciert, Herzen lüftet und das Unbewusste visualisiert – und ein ganz besonderes Paradies imaginiert.
Start So richtig ernsthaft habe ich erst nach meinem Studium (Design & Visuelle Kommunikation an der Hochschule Anhalt in Dessau) angefangen zu illustrieren. Davor habe ich auch mal Produktgestaltung studiert, aber das war mir zu technisch. Nach dem Abschluss habe ich 5 Jahre als Grafikdesignerin bei Designagenturen in Berlin gearbeitet. Zur Illustration bin ich durch meinen Bruder gekommen – er hat Lyrik und Prosa geschrieben und wir wollten unbedingt ein gemeinsames Buchprojekt machen. Er hat die Texte geschrieben und ich habe sie layoutet und illustriert. Das hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich entschieden habe, viel mehr Zeit in die Illustration zu stecken. In den Agenturen habe ich zwar auch ein bisschen illustriert, aber das war mir zu wenig. Deswegen habe ich 2016 beschlossen, nur noch als freie Illustratorin zu arbeiten.
Stil Ich kombiniere in meinen Arbeiten sowohl digitale als auch analoge Elemente. Es ist mir wichtig, farbenfrohe und lebendige Bilder mit Persönlichkeit zu schaffen. Meistens arbeite ich flächig mit kräftigen Farben und bringe oft Texturen, wie Grain-Effekte in die Komposition. Das gibt dem Ganzen mehr Tiefe. Früher habe ich oft auch fotorealistische Strichzeichnungen mit flächigen Elementen vermischt, das kommt aber nur noch selten vor. Die Kompositionen haben meistens etwas Aufgeräumtes, manchmal sogar etwas Ikonisches.
Lieblingsmotive Illustration kann um die Ecke denken, indem es Sehgewohnheiten bricht und damit witzig, intelligent & erzählerisch auf Sachverhalte aufmerksam macht. Deswegen mag ich sehr gerne visuelle Doppeldeutigkeiten, die besonders bei Editorial Illustration gefragt ist. Darüber hinaus finde ich auch Character, skurrile Welten und Landschaften sehr spannend.
Technik Erste grobe Bildideen entstehen im Skizzenbuch, dann geht’s weiter zum iPad. Dort erstelle ich die finalen digitalen Skizzen im Adobe Fresco und wechsle dann am Laptop zu Photoshop und mache dort die Komposition fertig. Wenn es keine Korrekturen mehr vom Kunden gibt, geht es in die farbige Umsetzung. Das mache ich meistens im Photoshop, oder falls es Vektoren sein sollen, im Illustrator. Für Risographie-Drucke oder andere Drucksachen, wo Typografie inkludiert sein soll (Plakate, Bücher oder Magazine) geht es auch mal in Indesign.
Inspiration Ein Ortswechsel ist immer Gold wert, im besten Fall ein anderes Land oder eine komplett andere Kultur. Daraus ziehe ich mir die meiste Inspiration. Wenn ich unterwegs bin, mache ich viele Fotos ohne ein konkretes Projekt im Kopf zu haben. Alles, was ich visuell spannend finde, inspiriert mich. Wenn ein konkretes Projekt ansteht, schaue ich dann durch meine Fotoordner. Dabei hilft besonders gute Musik, um in die richtige Stimmung zu kommen. Für meine Illustrationen finde ich aber auch Anregungen in der Malerei, zum Beispiel finde ich die Arbeiten von Thilo Baumgärtel ganz toll. Aber natürlich auch andere Illustrator:innen wie zum Beispiel Ana Galvañ, Julia Kluge, Kati Szilagyi, Jill Senft begeistern mich regelmäßig.
Kunden Warner Music, Demeter, Tafel Deutschland, Volksbanken Raiffeisenbanken, Fraunhofer Institut, Wort und Bild Verlag, Funke Mediengruppe, Metro, rbbKultur, COOP, Neue Narrative, GEO Wissen, Psychologie Heute, Messe Frankfurt, FAZ u. v. m.
Agent:in Nein
»Nachhaltige Ernährung« – Illustration für das Myself Magazin Bild: Inga Israel»Unconscious Bias« – Illustration für das Neue Narrative Magazin Bild: Inga Israel»Uneindeutiger Verlust I« – freie Arbeit, ausgezeichnet mit dem 3×3 Illustration Award Bild: Inga Israel»Uneindeutiger Verlust II« – freie Arbeit, ausgezeichnet mit dem 3×3 Illustration Award Bild: Inga Israel»Uneindeutiger Verlust III« – freie Arbeit, ausgezeichnet mit dem 3×3 Illustration Award Bild: Inga Israel
Veränderung in der PAGE Chefredaktion › PAGE online
News aus der Redaktion: Anne Kaiser übergibt zu Ende April die Chefredaktion an Stefan Lara Torres, bisher PAGE Co-Chefredakteur und Director Brand Partnerships
Bild: Anne Kaiser
Neue Strukturen in der PAGE Chefredaktion. Anne Kaiser, Chefredakteurin und Brand Strategin für PAGE, übergibt die Chefredaktion an Stefan Lara Torres, der PAGE in den letzten Monaten gemeinsam mit ihr gestaltet und weiterentwickelt hat.
Danke, Anne!
In über vier Jahren bei PAGE hat Anne Kaiser als Quereinsteigerin in den Journalismus und gelernte Kommunikationsdesignerin beide Disziplinen vereint. Mit ihrem schnellen Aufstieg in die Chefredaktion begann sie, PAGE neu auszurichten und aus dem begleitenden Fachmedium einen aktiven Part der Kreativ-Community zu machen.
Mit ihrem Fokus auf strategische Designkompetenz und Metatrends der Designbranche positionierte sie PAGE einmal mehr als unverzichtbare Plattform für professionelle Designer:innen – im Print, der PAGE Academy, Digital und auf den PAGE live Events.
PAGE baut einen Community-Rat auf
Das PAGE Team realisiert unter Stefan Lara Torres nun einen weiteren geplanten Schritt in die Mitte der Community: PAGE erhält einen Community-Rat, der direkt aus der Branche heraus Themen gemeinsam mit der Redaktion entwickeln wird. Anne Kaiser bleibt PAGE als erstes Mitglied des neu gegründeten Rates erhalten und wird der von ihr gegründeten Community beratend zur Seite stehen.
»PAGE begleitet mich bereits seit meinen ersten Schritten im Design. Ich bin stolz, vier Jahre lang Teil ihrer Geschichte und Community gewesen zu sein – und freue mich, dass die Kreativbranche ihr Fachmedium jetzt noch aktiver mitgestalten wird«
Anne Kaiser, Chefredakteurin und Brand Strategist PAGE
Über Stefan Lara Torres
Stefan Lara Torres übernimmt die Chefredaktion von PAGE. Der Kommunikationsdesigner bringt über zwei Jahrzehnte Erfahrung als Chefredakteur und Editorial Director bei Bauer Media, W&V und PAGE mit. Als Co-Chefredakteur und Director Brand Partnerships setzt er bei PAGE den Schwerpunkt auf Marken und neue Zielgruppen: Design als strategische Ressource für Unternehmen und Innovation sichtbar zu machen, ist sein Kernthema.
»Anne steht für eine neue Generation von Kreativführung, in der Design und Inhalt untrennbar zusammen gedacht werden. Sie hat PAGE nicht nur weiterentwickelt, sondern gezeigt, welche Rolle kreative Exzellenz heute in der Wertschöpfung von Marken spielt – strategisch, kulturell und wirtschaftlich. Mit ihrer Energie hat sie unser Team und unsere Community inspiriert und immer wieder neue Perspektiven eröffnet. Für mich persönlich war sie eine außergewöhnliche Sparringspartnerin auf Augenhöhe, deren Klarheit und Haltung mir sehr fehlen werden. Umso mehr freue ich mich, dass sie mit dem Community-Rat weiterhin Teil von PAGE bleibt und die Zukunft unserer Branche aktiv mitgestaltet.«
Stefan Lara Torres, Chefredakteur & Director Brand Partnerships PAGE