Künstliche Intelligenz
„Lex SpaceX“? Nasdaq ändert Indexregeln für Musks Börsengang
SpaceX, zu dem inzwischen auch der Satelliteninternet-Dienst Starlink, die KI-Firma xAI und die Social-Media-Plattform X gehören, plant für den 12. Juni 2026 den nach aktuellem Stand größten Börsengang der Geschichte – und benötigt das Kapital dringend: Das Unternehmen rutschte im Jahr 2025 von 791 Millionen US-Dollar Gewinn in einen Verlust in Höhe von 4,9 Milliarden US-Dollar, im ersten Quartal 2026 kamen weitere 4,3 Milliarden hinzu. Profitabel ist nur Starlink, während die Kosten für die Starship-Entwicklung und die Eingliederung von xAI und X das Unternehmen tief in die roten Zahlen treiben. 75 Milliarden US-Dollar frisches Kapital soll der Börsengang bei einer angestrebten Bewertung von bis zu 2 Billionen US-Dollar bringen – so viel wie bei keinem Unternehmen je zuvor.
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Damit SpaceX dabei möglichst schnell in den wichtigsten Leitindex einziehen kann, hat die Nasdaq – wie andere Indizes auch – ihre Indexregeln geändert. Das Ergebnis: ETF-Sparpläne, Pensionsfonds und künftig womöglich auch die deutsche Aktienrente kaufen SpaceX automatisch.

Volker Zota leitet heise online als Chefredakteur. Als promovierter Physiker hat er naturgemäß einen Blick für Details: Ihn reizen komplexe Zusammenhänge, fundierte Analysen und neue Erkenntnisse.
„Lex SpaceX“: Maßgeschneidert für einen Kunden?
Die Nasdaq begründet die Änderung offiziell damit, dass Unternehmen heute länger privat blieben und bei größerer Marktkapitalisierung sowie mit komplexeren Aktienstrukturen an die Börse gingen. Die neuen Indexregeln seien nach einer Konsultation aller Marktteilnehmer erfolgt und stellten eine „maßvolle Reaktion auf strukturelle Verschiebungen in den öffentlichen Märkten“ dar.
Reuters veröffentlichte bereits im März unter Berufung auf mit der Sache vertraute Personen eine weniger diplomatische Begründung: SpaceX soll frühzeitig signalisiert haben, dass die schnelle Indexaufnahme eine zentrale Bedingung für die Börsenwahl sei.
Die Technologiebörse Nasdaq und die konkurrierende New York Stock Exchange (NYSE) buhlten beide um das Listing. Nasdaq änderte seine Index-Regeln, SpaceX entschied sich für sie. Für den Börsenbetreiber ist das ein knallhartes Geschäftsmodell. Er gewinnt das Listing, kassiert die Handelsgebühren – und garantiert SpaceX durch die Indexmechanik eine Welle erzwungener Käufer. Diese schlägt allerdings nicht direkt beim IPO am 12. Juni zu, sondern nach Ablauf von 15 Handelstagen – in diesem Jahr also ab dem 7. Juli.
Das Konsultationsdokument vom Februar 2026 beschreibt den Fast-Entry-Pfad im Detail: Ein neu gelistetes Unternehmen, das nach Marktkapitalisierung unter den Top-40-Bestandteilen des Nasdaq-100 rangiert, wird nach insgesamt 15 Handelstagen aufgenommen – befreit von bisherigen Seasoning- und Liquiditätsanforderungen. Die Kommentarfrist endete am 27. Februar, die Regel trat am 1. Mai in Kraft. Timing und Struktur passen exakt.
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Wie eine Indexregel Billionen in Bewegung setzt
Die Nasdaq ist nicht nur eine Börse, an der Technologieaktien gehandelt werden. Sie betreibt auch den Nasdaq-100, einen der meistgenutzten Aktienindizes der Welt, der die 100 größten dort notierten Nicht-Finanzunternehmen umfasst – von Apple über Microsoft bis Nvidia.
Dieser Index ist unter anderem die Grundlage für Tausende von ETFs (Exchange Traded Funds, also börsengehandelte Indexfonds), in die Millionen Privatanleger weltweit monatlich einzahlen. Ein ETF kauft dabei automatisch alle Aktien, die im Index enthalten sind – in genau der Gewichtung, die der Index vorgibt. Kein Fondsmanager entscheidet, ob eine Aktie gut oder schlecht ist. Der Index entscheidet. Wer also einen Nasdaq-100-ETF im Sparplan hat, besitzt automatisch einen kleinen Anteil an allen 100 Unternehmen im Index – und künftig womöglich auch an SpaceX.
Zugleich hat Nasdaq die bisherige Mindest-Streubesitzanforderung von zehn Prozent abgeschafft. Streubesitz (Free Float) bezeichnet den Anteil einer Aktie, der tatsächlich frei handelbar ist – also nicht von Gründern, Insidern oder strategischen Investoren dauerhaft gehalten wird. Laut der offiziellen Nasdaq-FAQ zur Methodikänderung erhalten Unternehmen mit niedrigem Free Float nun ein zunächst reduziertes, dann schrittweise wachsendes Indexgewicht. Wenn Nasdaq-100-Tracking-Produkte kollektiv 600 Milliarden US-Dollar an Vermögen halten, erzeugt allein die Indexaufnahme eine mechanische Nachfrage von rund 6 Milliarden US-Dollar – ausgelöst nicht durch eine Anlageentscheidung, sondern durch eine Regeländerung.
Diese Nachfrage trifft allerdings nicht sofort zum Börsenstart ein. Während aktive Anleger ab dem 12. Juni frei handeln und womöglich auf den Index-Effekt spekulieren können, müssen die passiven Indexfonds bis zum Ablauf der 15-Handelstage-Frist warten, bevor sie Anfang Juli mechanisch Milliarden in den Markt pumpen.
Hinzu kommt: Laut S-1-Prospekt hat SpaceX die übliche starre Lock-up-Periode – in der Insider ihre Aktien nach dem Börsengang nicht verkaufen dürfen – durch ein gestaffeltes System ersetzt, das den Streubesitz deutlich schneller wachsen lässt als bei einem klassischen Börsengang. Das begünstigt eine raschere und höhere Gewichtung im Nasdaq-100 – und bedeutet: Insider könnten verkaufen, während die Aktie durch Käufe der Indexfonds hochgetrieben wird.
US-Pensionen: Zwangsaktionäre wider Willen
Für die größten US-Pensionsfonds ist die Kombination aus Fast Entry und SpaceXs Governance-Struktur besonders brisant – denn sie werden durch die Indexmechanik zu Aktionären eines Unternehmens, dessen Regeln sie öffentlich ablehnen. Der New York State Common Retirement Fund, die fünf New Yorker Stadtpensionsfonds und CalPERS (der größte öffentliche Pensionsfonds der USA für Staatsbedienstete Kaliforniens) verwalten zusammen mehr als eine Billion US-Dollar – gehalten für Millionen aktiver und pensionierter Staatsbediensteter, Lehrer, Feuerwehrleute, Polizisten und Krankenschwestern.
In einem offiziellen Brief an SpaceX haben CalPERS-Chefin Marcie Frost, New Yorker Staatscontroller Thomas DiNapoli und New Yorker Stadtcontroller Mark Levine gewarnt: SpaceXs geplante Unternehmensstruktur sei die „managementfreundlichste Governance-Struktur, die je an den US-Märkten in diesem Ausmaß eingeführt wurde“. Konkret kritisieren sie laut der offiziellen Pressemitteilung des NYC Comptrollers die geplanten „ewigen Super-Voting-Aktien“ sowie eine CEO-Abberufungsklausel, die die Zustimmung des CEOs zu seiner eigenen Entlassung voraussetzt.
SpaceX plant eine Dual-Class-Aktienstruktur: Normale Aktionäre erhalten Class-A-Aktien mit je einer Stimme. Musk und eine kleine Gruppe von Insidern halten Class-B-Aktien, die jeweils zehn Stimmen tragen. Das ist die komplexere Aktienstruktur, von der die Nasdaq spricht. Unterschiedliche Stimmrechte sind im US-Tech-Sektor nicht ungewöhnlich, auch Alphabet, Meta oder Snap nutzen Dual-Class-Strukturen. Im Fall SpaceX gehen sie jedoch in Kombination mit weiteren Klauseln deutlich über das Übliche hinaus. Das Ergebnis laut S-1-Prospekt: Musk hält rund 42 Prozent des Eigenkapitals, kontrolliert aber rund 85,1 Prozent (pre-IPO; post-IPO projiziert auf ~79 Prozent) aller Stimmrechte. Wer SpaceX-Aktien kauft, kauft damit praktisch eine Beteiligung ohne echten Einfluss – wie eine Analyse zu SpaceXs Stimmrechtsstruktur zeigt.
Hinzu kommt, dass laut dem Brief der Pensionsfonds Aktionäre durch Pflichtschiedsverfahren (Mandatory Arbitration) daran gehindert sind, Sammelklagen vor Bundesgerichten einzureichen – weder als Kleinanleger noch als große Institutionen wie CalPERS. Das bedeutet, wer als Anleger Schaden nimmt, kann sich kaum gerichtlich wehren.
Was das mit deutschen Sparern zu tun hat
Für die gesetzliche Rente, klassische Lebensversicherungen und garantiebasierte Rentenprodukte ohne Fondskomponente gilt: Sie sind nicht betroffen.
Für alle anderen hängt es davon ab, was im Sparvertrag steckt. Wer einen Nasdaq-100-ETF bespart, wird somit automatisch SpaceX-Aktionär: als direkter ETF-Sparplan bei Trade Republic, Scalable oder der Hausbank, als fondsgebundene Rentenversicherung mit Nasdaq-Komponente, als Rürup-Rente mit freier ETF-Wahl oder als betriebliche Altersvorsorge mit ETF-Baustein.
Wer stattdessen einen MSCI World oder S&P 500 ETF bespart, ist indirekt betroffen: SpaceX würde dort ebenfalls aufgenommen – mit kleinerem, aber wachsendem Gewicht. Am wenigsten exponiert sind Riester-Fondssparpläne, weil die gesetzlich vorgeschriebenen Mindestgarantien die Aktienquote stark begrenzen – und viele Anbieter solche Pläne für Neukunden ohnehin eingestellt haben.
Für indexbasierte Produkte auf den Nasdaq-100 gilt eine besondere Mechanik: Laut der oben genannten Nasdaq-Methodik könnten die ersten Auswirkungen bereits bei der planmäßigen Indexrekonstitution im Juni 2026 sichtbar werden – Anlageprodukte, die diesen Index abbilden, würden diese US-Marktmechanik direkt importieren.
Die Blaupause für OpenAI, Anthropic & Co.
Die Fast-Entry-Regel ist keine Einmalaktion. Die Nasdaq selbst betont, dass die Änderungen eine Reaktion auf strukturelle Verschiebungen in den öffentlichen Märkten seien und branchenübergreifend gelten. Laut Reuters bereiten sich auch OpenAI und Anthropic auf Börsengänge vor, die strukturell dieselben Fast-Entry-Kriterien erfüllen würden. Die Fast-Entry-Regel könnte zur Blaupause werden, über die künftig auch andere teils unprofitable Tech-Giganten schnell in die großen Indizes gehievt werden – mit denselben Zwangskauf-Mechanismen für passive Anleger.
Die Frage, wer die Regeln einer Finanzinfrastruktur schreibt, die bis in Altersvorsorgeprodukte hineinwirkt, ist letztlich eine politische. Von Seiten der Nasdaq heißt es, dass die Methodikupdates einem formellen öffentlichen Konsultationsprozess folgten und internationalen Standards für Finanzbenchmarks entsprächen. Kritiker betonen allerdings, ein Konsultationsprozess unter Marktteilnehmern sei kein demokratisches Mandat.
Die sich beklagenden Pensionsfonds sehen in SpaceXs Konstruktion ein Muster: Vergütung außerhalb üblicher Kontrollen, Verlagerung in Bundesstaaten mit schwachen Aktionärsrechten, ein Gründer, der sich strukturell gegen Abberufung absichert. Für institutionelle Investoren sei das ein Risiko, das eingepreist werden müsse.
Nun mag man sich fragen, warum dem keine regulatorischen Schranken entgegenstehen. Tatsächlich macht die Politik selbst mit: SEC-Chef Paul Atkins argumentiert, zu viele Regeln schreckten Unternehmen vom Börsengang ab – Unternehmen sollen optional wählen können, die Quartalspflichtberichte durch halbjährliche Berichte zu ersetzen, das Ziel sei, Amerika wieder attraktiv für Investitionen zu machen. Gegenstimmen gibt es, diese blieben jedoch bisher weitgehend ungehört: Die Gewerkschaft American Federation of Teachers hat in einem Brief an die SEC gefordert, den SpaceX-IPO genau zu prüfen – „kein gewöhnliches Angebot“, dessen Größe, Governance und Listing-Mechanismus zahlreiche Warnzeichen für den Anlegerschutz aufwerfen würden.
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(vza)
Künstliche Intelligenz
OpenAI beendet Entwicklung des KI-Browsers Atlas
Im Zuge der Ankündigung seiner GPT-5.6-Familie hat OpenAI angekündigt, seinen KI-gestützten Browser Atlas zum 9. August einzustellen. Einige Funktionen des Browsers verteilt das Unternehmen auf die ChatGPT-Desktop-App sowie die Chrome-Erweiterung.
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OpenAI beendet „Browser-Krieg“
Weniger als ein Jahr nach Vorstellung von ChatGPT Atlas im Oktober 2025 hat OpenAI sein Browserprojekt beendet. Damit gibt das Unternehmen den Plan auf, eine KI-unterstützte Alternative zum Beispiel zum Chrome-Browser anzubieten, während andere Unternehmen wie Perplexity mit Comet und The Browser Company mit Dia den Wettstreit um KI-basierte Browser fortführen.
Hintergrund für das Aus von Atlas ist nach Informationen von TechCrunch die Ansage von OpenAI-CEO für Anwendungen, Fidji Simo: Sie sagte im März 2026 gegenüber dem Wall Street Journal, OpenAI werde „Nebenprojekte“ zurückfahren, um Kosten zu sparen. Das Unternehmen werde sich verstärkt auf die Programmierung und Unternehmensanwender fokussieren, hieß es damals. Diese Anweisung hatte bereits zur Folge, dass das KI-Unternehmen sein Tool zur KI-gestützten Videogenerierung, Sora, einstampfte.
Funktionen landen in „Super-App“ und Chrome
Laut OpenAI sollen unter anderem die agentischen Funktionen des Atlas-Browsers, die für Nutzerinnen und Nutzer Aufgaben erledigen können, in Umgebungen integriert werden, in denen Nutzer bereits arbeiten. So integriert das Unternehmen zum einen Funktionen in eine ChatGPT-Erweiterung für Chrome. Diese soll ChatGPT etwa Zugriff auf den Kontext der gerade angezeigten Seite gewähren und es den Nutzern ermöglichen, Fragen zu Webseiten zu stellen, Inhalte zusammenzufassen oder längere Aufgaben direkt im Browser auszuführen. Damit positioniert OpenAI das Tool als direkte Konkurrenz zu Googles Gemini-Integration in Chrome, die einige der gleichen Funktionen erfüllt. Hierzulande steht die Gemini-Integration noch nicht zur Verfügung.
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Überdies bohrt OpenAI seine ChatGPT-Desktop-App auf: Sie soll der Ankündigung des Unternehmens zufolge einen leistungsfähigeren Browser erhalten, mit dem Nutzer Websites durchsuchen, Dateien herunterladen und mit Webseiten interagieren können, ohne ChatGPT verlassen zu müssen. Ferner erhält die App Unterstützung für mehrere Tabs, einen Passwortmanager mit Autofill sowie eine umfassende Authentifizierungsunterstützung inklusive Gerätepasswörtern und Enterprise-SSO sowie eine Download-Option.
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Überdies zieht ein separater Cloud-Browser in die App ein, der remote auf den Servern von OpenAI läuft und als Plattform dient, auf der die Agenten der App Aufgaben im Auftrag des Nutzers ausführen können, erläutert James Sun von OpenAI auf X. Laut Sun zieht auch die Coding-Plattform Codex in die Desktop-App ein. Mit dem Aus von Atlas und der Erweiterung der Desktop-App liefert OpenAI letztlich eine „Super-App“, über die im März 2026 zuerst das WSJ berichtete.
(afl)
Künstliche Intelligenz
Sparpläne bei Volkswagen: Zunächst wird die Modellpalette halbiert
Volkswagen streicht seine Modellpalette deutlich zusammen. Die Zahl der Modelle im Konzern solle schrittweise um bis zu 50 Prozent schrumpfen, die Anzahl möglicher Ausstattungsoptionen um bis zu 75 Prozent sinken, kündigte der Konzern nach einer Aufsichtsratssitzung in Wolfsburg an.
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Europas größter Autohersteller begründete den Vorstoß damit, dass er sich auf die attraktivsten Marktsegmente konzentrieren wolle. Damit würden Investitionen und Entwicklungsressourcen auf Produkte und Technologien fokussiert, die den größten Mehrwert für Kundinnen und Kunden sowie den höchsten Wertbeitrag für den Konzern lieferten, hieß es. Konzernchef Oliver Blume sagt, die weltweite Produktionskapazität solle von 12 auf 9 Millionen Fahrzeuge sinken.
Update
10.07.2026,
09:49
Uhr
Nach der Sitzung des VW-Aufsichtsrates zu möglichen weiteren Einsparungen bekräftigt Konzernchef Oliver Blume das Ziel, den Autobauer neu auszurichten. Der Vorstand treibe die Transformation weiter voran, teilte Blume in einem Statement mit. „Mit unserem Zukunftsplan stellen wir den Konzern auch in einem global massiv herausfordernden Umfeld noch robuster und wettbewerbsfähiger auf.“
Blume sprach von der „umfassendsten Neuausrichtung der Konzerngeschichte“. Der Vorstand übernehme damit „Verantwortung für die nachhaltige Zukunft des Unternehmens – in einer Zeit, in der die Automobilindustrie weltweit stark unter Druck steht. Wir begrenzen Risiken, erschließen neue Chancen aus eigener Stärke und setzen ein klares Zeichen für Aufbruch am Wirtschaftsstandort Deutschland.“
„Präsenz auf den großen Weltmärkten stärken“
Finanzvorstand Arno Antlitz ergänzte: „Wir wollen weiterhin in begeisternde Elektrofahrzeuge und neueste Softwarelösungen für unsere Kunden investieren, gleichzeitig unsere Verbrennerfahrzeuge technologisch wettbewerbsfähig halten und unsere Präsenz auf den großen Weltmärkten stärken.“ Dafür müsse der Konzern konsequent Kosten senken, Konzernsynergien heben, Komplexität reduzieren und so die Ertragskraft nachhaltig steigern, betonte Antlitz: „Der Zukunftsplan ist dafür ein starker Hebel.“
Angaben zu einem möglichen Stellenabbau und Werksschließungen, über die Medien zuvor berichtet hatten, machte Volkswagen nicht. Der VW-Aufsichtsrat war am Nachmittag zusammengekommen, um über neue Sparpläne für den Konzern zu beraten. Beschlüsse gab es dazu nicht.
An mehr als einem Dutzend Standorten gab es Proteste gegen die Sparpläne. In Wolfsburg kamen rund 500 Personen zu einer Kundgebung. Mit Tröten und Sirenen zogen sie vor das Vorstandshochhaus. Dort kam danach der Aufsichtsrat zusammen. Auch in dem Kontrollgremium treffen sehr unterschiedliche Vorstellungen aufeinander.
Bis zu 100.000 Stellen und vier Werke sind gefährdet
Konzernchef Oliver Blume hatte bereits im Frühjahr angekündigt, an einem neuen „Zielbild 2030“ für den Konzern zu arbeiten und dabei auch den Sparkurs deutlich verschärfen zu wollen. Laut dem Branchenblatt Manager Magazin könnten bis zu 100.000 Stellen weltweit wegfallen, doppelt so viele wie bisher geplant. Vier Volkswagen-Werken in Deutschland droht demnach sogar die Schließung: Hannover, Emden, Zwickau und Neckarsulm. Dem Magazin Spiegel zufolge könnte die Fahrzeugproduktion dort bis Ende 2034 auslaufen: Ab 2031 zunächst in Zwickau und Emden, 2032 bei VW Nutzfahrzeuge in Hannover und 2034 bei Audi in Neckarsulm, steht dort zu lesen.
Hintergrund zu den Abbau-Plänen bei VW
Vor der Aufsichtsratssitzung sagte ein Sprecher: „Die genauen Inhalte des Zukunftsplans und die damit verbundenen notwendigen Maßnahmen werden heute zwischen Aufsichtsrat und Vorstand der Volkswagen AG erörtert.“ Dabei gehe es unter anderem darum, Komplexität zu reduzieren, Beteiligung zu straffen, Entwicklung und Produktion regionaler auszurichten: „Und ja, wir werden auch Überkapazitäten abbauen müssen.“
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IG Metall will Widerstand leisten
Die IG Metall will Widerstand gegen „Brutalo-Pläne der Konzernspitze“ leisten, wie sie mitteilt. „Im ganzen Land haben die Kolleginnen und Kollegen heute die klare Ansage gemacht: So nicht!“, sagte Gewerkschafts-Chefin Christiane Benner. „Sie haben geackert, sie haben Zugeständnisse gemacht. Statt sich diese Leistung zum Vorbild zu nehmen, konfrontiert der Vorstand die Beschäftigten mit neuen Abbauplänen. Die Wut und Verunsicherung, die dadurch entsteht, ist verständlicherweise groß.“ Sie halte es „für absolut unverantwortlich, wie im Moment mit der Zukunft der Menschen gespielt wird, wie Angst geschürt wird“, sagte Benner bei der Kundgebung in Wolfsburg. „Dass vier Werke in Deutschland geschlossen werden, das dürfen wir als IG Metall nicht mitmachen. Das werden wir nicht akzeptieren.“
Betriebsratschefin Daniela Cavallo forderte den Vorstand auf: „Schluss mit diesen Verunsicherungen. Wir brauchen Klarheit für die Belegschaft. Wir brauchen einen umfassenden Plan.“ Und das beinhalte eben nicht, dass eine Sanierung nur mit Personalabbau und Standortschließungen möglich sei.
Heute fiel der Protest noch vergleichsweise klein aus. Laut IG Metall handelt es sich bei allen Aktionen aber nicht um einen Arbeitskampf, sondern um Informations- oder Protestveranstaltungen. Die Gewerkschaft kündigte aber an, „den Druck in der zweiten Jahreshälfte notfalls weiter zu erhöhen, sollte der Vorstand an seinen Plänen festhalten“. VW riskiere „einen Großkonflikt, der sich gewaschen hat“, warnte Niedersachsens IG-Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger.
Kundgebungen an zahlreichen Standorten geplant
Den Auftakt der Proteste hatte am Morgen Osnabrück gemacht, wo sich etwa 70 Vertrauensleute und Betriebsräte nach IG-Metall-Angaben vor dem Werkstor versammelten. Die Beschäftigten warteten nun schon seit zwei Jahren auf eine Entscheidung, wie es mit dem Werk weitergehen solle, sagte der örtliche IG-Metall-Chef Stephan Soldanski. „Wir können uns sehr gut vorstellen, wie sich die Beschäftigten fühlen, wo spekuliert wird, was als Nächstes schließen soll.“
Den größten Zuspruch meldete die IG Metall in Emden: Die Gewerkschaft sprach von rund 1500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Mit Trillerpfeifen, Fahnen und Bannern protestierten sie gegen die Sparpläne und die drohende Schließung ihres Standortes. Bei einer Aktion vor dem Werkstor kamen zum Schichtwechsel von Früh- und Spätschicht zahlreiche VW-Beschäftigte und auch Gewerkschafter anderer Unternehmen zusammen.
In Ingolstadt versammelten sich nach Gewerkschaftsangaben am Audi-Stammsitz rund 250 bis 300 Menschen zu einem Flashmob. Wenn der Konzern glaube, der Belegschaft Abbaupläne über die Presse mitteilen zu können, sei dies die Antwort – und nur ein kleiner Vorgeschmack, sagte ein Sprecher.
In Zuffenhausen protestierten laut Gewerkschaft spontan 250 Porsche-Beschäftigte. Geplant war für sie eigentlich nur ein Autokorso in Stuttgart, an dem rund 200 Fahrzeuge teilnahmen. Weitere Aktionen waren in Neckarsulm, Braunschweig, Stuttgart, Hannover, Kassel, Chemnitz, Dresden, Zwickau, Leipzig, München, Nürnberg und Salzgitter geplant.
Die Kapitaleigner sind gerade in der Minderheit
Die Lage im Aufsichtsrat ist kompliziert, und aus Sicht der Beschäftigten gar nicht mal so schlecht. Denn neben den Arbeitnehmervertretern hat sich auch das Land Niedersachsen bereits ablehnend zu den Plänen geäußert. Werksschließungen seien keine Zukunftsstrategie, so Niedersachsens Vize-Regierungschefin Julia Willie Hamburg (Grüne).
Das Land ist mit 20 Prozent an VW beteiligt, Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) und dessen Stellvertreterin Willie Hamburg sitzen dort im Aufsichtsrat. Zusammen mit den zehn Arbeitnehmervertretern sind sie in der Mehrheit, derzeit sogar deutlich, denn einer der eigentlich zehn Sitze der Kapitaleigner ist unbesetzt.
Dass die Vorschläge des Vorstands unverändert eine Mehrheit finden, gilt daher als nahezu ausgeschlossen. Zudem sind Kampfabstimmungen im VW-Kontrollorgan bisher die absolute Ausnahme. In aller Regel wird diskutiert, bis sich alle Seiten einig sind.
Ausweitung der Sparpläne
Bis 2030 hat VW bereits den Abbau von konzernweit 50.000 Stellen in Deutschland angekündigt. 35.000 Jobs sollen bei der Kernmarke wegfallen, der Rest bei Töchtern wie Audi und Porsche. Blume begründet die Ausweitung der Sparpläne mit den sich verschärfenden Rahmenbedingungen. Zölle, Kriege, geopolitische Spannungen und härter werdende Konkurrenz sorgten für Gegenwind, so der Konzernchef.
Das bisherige Geschäftsmodell von Volkswagen, in Europa zu entwickeln und zu produzieren und weltweit zu verkaufen, funktioniere daher nicht mehr. Der Konzern müsse sich neu aufstellen und die Kosten weiter senken.
Mehr über den Auto-Großkonzern Volkswagen
(fpi)
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VW-Chef: „Intelligentere Lösungen“ als Werksschließungen
Im Ringen um die Zukunft von Volkswagen sieht Konzernchef Oliver Blume nach eigenen Angaben Alternativen zu Fabrikschließungen. „Es gibt intelligentere Lösungen, als Werke zu schließen“, sagte Blume der „Bild am Sonntag“.
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Ein Sparprogramm an den deutschen Produktionsstandorten zeige bereits Wirkung: „Unsere Fabrikkosten in Deutschland konnten wir allein im vergangenen Jahr um durchschnittlich 20 Prozent verbessern. Ein starker Fortschritt“, sagte er.
Blume scheiterte wohl beim Aufsichtsrat
Die Äußerungen kommen wenige Tage nach der Aufsichtsratssitzung am Donnerstag, bei der Blume einem Medienbericht zufolge mit einem weitergehenden Sparpaket gescheitert sein soll. Nach einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“, die sich auf Konzernkreise beruft, stimmten die Vertreter der Arbeitnehmer und des Landes Niedersachsen gegen das Paket.
Was konkret im abgelehnten Sparpaket steht, ist bisher nur aus Berichten bekannt. Laut „Manager Magazin“ könnten bis zu 100.000 Stellen weltweit wegfallen, doppelt so viele wie bisher geplant. Laut „Bild“ könnten es sogar 120.000 sein. Vier Werke des VW-Konzerns in Deutschland sind dabei von Schließung bedroht: Hannover, Emden, Zwickau und das Audi-Werk in Neckarsulm.
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