Künstliche Intelligenz
Trotz Statistik-Effekten: Merz stellt telefonische Krankschreibung infrage
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat laut dpa angesichts des hohen Krankenstands in Deutschland erneut Zweifel an der telefonischen Krankschreibung geäußert. Im Wahlkampf vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg sagte Merz, Beschäftigte kämen im Schnitt auf rund 14,5 Krankentage im Jahr. „Das sind fast drei Wochen, in denen die Menschen in Deutschland aus Krankheitsgründen nicht arbeiten. Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?“, fragte er und kündigte Gespräche mit dem Koalitionspartner SPD an. Die telefonische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) sei während der Corona-Pandemie sinnvoll gewesen, müsse heute aber überprüft werden.
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Dabei blendet die Debatte nach Ansicht von Ärztinnen und Ärzten den Entstehungskontext der Regelung aus. Die telefonische AU wurde 2020 als pandemiebedingte Ausnahmeregelung eingeführt, anschließend mehrfach befristet verlängert und jeweils neu bewertet. Im Dezember 2023 beschloss der Gemeinsame Bundesausschuss schließlich eine dauerhafte Regelung, allerdings unter klaren Voraussetzungen: Die Patientinnen und Patienten müssen der Praxis bekannt sein, und es dürfen keine schweren Symptome vorliegen.
Ärzte: Abschaffung verhindert keinen Krankheitstag
Die Ärzteschaft reagierte bereits in der Vergangenheit kritisch auf die politische Infragestellung. Der Hausärztinnen- und Hausärzteverband bezeichnete die Telefon-AU als eine der wenigen gelungenen Maßnahmen zum Bürokratieabbau im Gesundheitswesen. Eine Abschaffung würde die Praxen zusätzlich belasten, ohne den Krankenstand zu senken. Auch Bundesärztekammer-Präsident Klaus Reinhardt sah in der Vergangenheit keinen Zusammenhang zwischen Telefon-AU und steigenden Fehlzeiten.
Die telefonische Krankschreibung ändere nichts daran, ob Menschen krank sind, sondern nur daran, wie sie versorgt werden. Der Hausarzt Marc Hanefeld kommentiert dazu „Wenn jemand nicht zur Arbeit will und mir gegenüber Beschwerden behauptet, kann ich das fast nie entkräften. Wie denn auch? Das hat schon früher bei den Eltern gut geklappt, wenn man nicht zur Schule wollte.“
Die Behauptung, die Telefon-AU sei für den Anstieg der Zahlen verantwortlich, wird daher scharf zurückgewiesen. „Wer behauptet, dass die telefonische AU an diesen Zahlen ‚schuld sei‘, ist entweder ein Amateur oder ein Lügner. Beides halte ich für Menschen in Regierungsverantwortung für inakzeptabel,“ so Hanefeld.
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eAU verzerrt die Statistik
Den Anstieg der Krankmeldungen erklären Ärzte und Krankenkassen vor allem mit der Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) Anfang 2022. Seitdem werden alle ausgestellten AUs vollständig und automatisch an die Krankenkassen übermittelt. Zuvor kamen viele Meldungen dort nie an, weil Versicherte den Papierdurchschlag nicht einreichten. Den Nachweis können Arbeitnehmer dann beim Kommunikationsserver der gesetzlichen Krankenkassen abfragen – unter Angabe bestimmter Informationen wie dem Namen des Arbeitnehmers, das Geburtsdatum, die Versichertennummer und die Betriebsnummer.
Hinzu kommt ein Konstruktionsproblem: Eine „Gesundschreibung“ existiert weiterhin nicht. Meldet sich jemand früher arbeitsfähig, wird dies nur beim Arbeitgeber registriert – nicht aber bei der Krankenkasse. In der Statistik bleiben somit allein die ausgestellten AUs sichtbar, nicht die tatsächlichen Fehltage.
Nach Berechnungen der DAK-Gesundheit erklärt dieser reine Meldeeffekt je nach Diagnose rund 60 Prozent und mehr des Anstiegs. Weitere Faktoren sind verstärkte Infektionswellen, insbesondere Atemwegserkrankungen und Covid-19. Auch das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung kommt zu dem Schluss, dass der Großteil des Anstiegs auf eine bessere Datenerfassung und die Pflicht zur Nutzung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zurückzuführen ist.
Kein Hinweis auf systematischen Missbrauch
Mehrere Studien sehen zudem keinerlei Hinweise auf systematischen Missbrauch der telefonischen Krankschreibung. So berichtete die dpa über eine AOK-Studie, die keine Anzeichen für Missbrauch sah. Auch die DAK konnte keinen Anstieg der Fehltage durch die Telefon-AU feststellen. In der AOK-Studie bewerteten drei von vier Beschäftigten die Regelung als sinnvoll, unter anderem weil Arztpraxen entlastet und Ansteckungen in Wartezimmern vermieden werden.
Paradoxerweise berichten Ärzte sogar vom Gegenteil: Weil viele Arbeitgeber inzwischen bereits am ersten Krankheitstag ein Attest verlangen, suchen Patientinnen und Patienten auch bei leichten Infekten die Praxen auf. Das führe zu mehr Arztkontakten und mehr Krankschreibungen – ein Effekt, der den statistischen Anstieg zusätzlich verstärke.
Politischer Streit hält an
Wie die dpa weiter meldet, werfen Linke und BSW Merz vor, Beschäftigte unter Generalverdacht zu stellen. BSW-Chef Fabio De Masi kritisierte, das Problem sei nicht der Krankenstand, sondern die „miserable Wirtschaftspolitik“. Im Koalitionsvertrag von Union und SPD sei zudem keine Abschaffung, sondern lediglich eine Anpassung zur Missbrauchsvermeidung vorgesehen. Dennoch fordern Union und Arbeitgeberverbände laut dpa weiterhin Korrekturen – bis hin zu Karenztagen oder Einschränkungen der Lohnfortzahlung. Ärzte warnen jedoch davor, eine dauerhaft etablierte und evaluierte Regelung auf Basis missverstandener Zahlen wieder infrage zu stellen – und damit ein ohnehin stark belastetes Versorgungssystem weiter unter Druck zu setzen.
(mack)
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Nur sechs Wochen nach Release: „Highguard“ wird abgeschaltet
Vier Jahre Entwicklungszeit für ein Spiel, das nur sechs Wochen spielbar ist: Das Schicksal des gefloppten Online-Shooters „Highguard“ ist besiegelt. Er wird am 12. März abgeschaltet, teilten die Entwickler in einem Post auf X mit. Seit dem Release am 26. Januar wird „Highguard“ also nur 45 Tage spielbar gewesen sein.
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Da es sich um einen Free2Play-Titel handelt, entfällt eine generelle Kaufpreiserstattung. Allerdings wurden in „Highguard“ In-Game-Items per Mikrotransaktionen verkauft – wie Entwickler Wildlight damit umgehen wird und ob betroffene Spieler ihr Geld dafür zurückbekommen, ist offen.
Alles oder nichts
„Highguard“ war ein Online-Shooter mit Live-Service-Elementen: Damit sind Online-Spiele gemeint, die regelmäßig mit neuen Inhalten versorgt werden und langfristig Einnahmen generieren können – wenn sie eine Spielerschaft erreichen, die groß genug ist. Schaffen sie das nicht, stehen sie schnell vor einem Trümmerhaufen.
Das Monetarisierungsmodell von Live-Service-Games ist auf den langfristigen Verkauf von In-Game-Items ausgelegt. Bleiben die Spieler weg, finden die verbleibenden Fans keine Multiplayer-Partien mehr, geben kein Geld mehr aus und verlassen das Spiel schließlich. Derweil fallen für Entwickler laufende Kosten für den Server-Betrieb und die Weiterentwicklung an. Es ist eine Abwärtsspirale, der Wildlight Entertainment mit der kompletten Abschaltung von „Highguard“ zuvorkommt.
Live-Service-Spiele wie „Highguard“ sind immer Wetten auf den großen Erfolg, bringen aber auch ein großes Risiko mit sich – sie sind „boom or bust“, alles oder nichts. Titel wie „Fortnite“, „League of Legends“ und „Counter-Strike“ dominieren seit Jahren die Spielzeit von Gamern und generieren riesige Umsätze. Gescheiterte Konkurrenten landen wie „Highguard“ schnell auf dem Scheiterhaufen.
Das ist etwa mit Amazons Online-Shooter „Crucible“ passiert, der nur wenige Monate durchhielt. Der Online-Shooter „Concord“ schaffte sogar nur zwei Wochen, bis Publisher Sony die Reißleine zog, die Server abschaltete und das Entwicklerstudio Firewalk schloss. Der Fall von „Highguard“ ist also für die Entwickler tragisch, in der Branche aber nicht ungewöhnlich.
Kontroverse um Game-Awards-Trailer
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Dabei startete „Highguard“ sogar mit guten Zahlen: Fast 100.000 Spieler probierten den Free2Play-Titel zu Stoßzeiten laut dem inoffiziellen Steam-Tracker SteamDB zum Marktstart am 26. Januar gleichzeitig aus – auch, weil das Spiel bei den Game Awards mit einem Trailer vorgestellt worden war. Tatsächlich wurde dieser Trailer als letzte Ankündigung der Show ausgestrahlt – ein Slot, für den Spieler besonders hohe Erwartungen haben. Nach der Ankündigung eines eher generisch aussehenden Live-Service-Spiels überwog bei vielen Zuschauern die Enttäuschung, viele schossen aus Frust auf „Highguard“ ein. Die Entwickler bedauerten die Situation in Interviews mehrfach.
Die Zahlen von SteamDB belegen aber, dass „Highguard“ mit dem umstrittenen Game-Awards-Trailer zumindest Aufmerksamkeit generiert hatte. 100.000 gleichzeitige Spieler zum Launchtag sind ein guter Wert, auf dem man aufbauen kann. Laut den Entwicklern erreichte das Spiel insgesamt sogar 2 Millionen Menschen.
Doch „Highguard“ schaffte es nicht, daraus Schwung zu nehmen: Die Nutzer-Reviews auf Steam fielen recht negativ aus, die Spielerzahlen purzelten rapide. Zuletzt spielten „Highguard“ am Tag nur noch wenige Hundert Menschen gleichzeitig.
Ein Patch kommt noch
„Trotz der Leidenschaft und harten Arbeit unseres Teams ist es uns nicht gelungen, eine nachhaltige Spielerbasis aufzubauen, die das Spiel langfristig tragen kann“, schreiben die Entwickler auf X. Wie es mit dem Studio weitergeht, ist unklar. Aus früheren Fällen weiß man, dass Spieleunternehmen einen derartigen Flop in der Regel nicht überleben.
Bis zum 12. März will Wildlight noch einen Patch veröffentlichen, der unter anderem eine neue Waffe und Skilltrees umfasst – ein kurzlebiger Ausblick auf das, was die Entwickler über die kommenden Monate und Jahre geplant hatten.
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(dahe)
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Für fast eine halbe Milliarde US-Dollar: Teradata lässt Klage gegen SAP fallen
SAP hat einen jahrelangen Rechtsstreit mit dem Datenbank- und Analytics-Spezialisten Teradata aus den USA außergerichtlich beilegen können. Wie aus einer Mitteilung Teradatas an die US-Börsenaufsicht SEC hervorgeht, haben sich die Unternehmen auf einen Vergleich geeinigt, für den SAP 480 Millionen US-Dollar zahlt. Nach Abzug aller Gebühren und Aufwendungen für die seit 2018 währende Auseinandersetzung sollen davon vor Steuern zwischen 355 Millionen und 362 Millionen US-Dollar übrig bleiben, schätzt Teradata.
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Der nun beigelegte Rechtsstreit zwischen den beiden Unternehmen geht ursprünglich auf eine Teradata-Klage aus dem Juni 2018 zurück, auf die weitere beiderseitige Klagen folgten. Teradata warf SAP vor, über Jahrzehnte geistiges Eigentum gestohlen und seine Marktmacht ausgenutzt zu haben. Den Anschuldigungen zufolge habe der deutsche Softwarekonzern ein 2006 gemeinsam gegründetes Joint-Venture dazu genutzt, Zugriff auf das geistige Eigentum von Teradata zu erhalten. SAPs Bündelung der HANA-Datenbank mit dem ERP-System S/4HANA sei zudem eine Benachteiligung anderer Anbieter und verstoße damit gegen US-Wettbewerbsrecht.
SAP hatte laut Gerichtsdokumenten 2019 mit einer Patentklage in den USA zurückgeschlagen. Teradata legte darauf 2020 mit einer zweiten Klage in den USA nach und SAP 2021 mit weiteren Patentverletzungsvorwürfen. Der Streit lief durch verschiedenen Instanzen, zuletzt scheitertete SAP am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten mit dem Antrag, Teradatas Klage wegen Verstoß gegen das US-Kartellrecht abzuweisen. Ein erneutes Gerichtsverfahren in der Sache war für April 2026 angesetzt.
(axk)
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DxO PureRaw 6: Fototool reduziert Bildrauschen und entfernt Staubflecken
Der französische Softwarehersteller DxO Labs hat sein Hilfstool PureRaw in Version 6 vorgestellt. Es dient als Vorstufe für Raw-Entwickler wie Adobe Lightroom Classic oder Capture One. PureRaw kombiniert Rauschminderung mit Demosaicing, also der Konversion diskreter Rot-, Grün- und Blauwerte in RGB-Pixel. DxO Labs setzt dafür auf Methoden mit maschinellem Lernen.
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Im Fotografieworkflow konvertiert es kameraspezifische Raw-Fotos in lineare DNG-Dateien (digitale Negative), ein universelles Raw-Format, und korrigiert dabei über DxO-eigene Methoden Bildrauschen und Objektivfehler. DAS Unternehmen vermisst dazu Kamera-Objektiv-Kombinationen in seinem Labor, um möglichst gute Korrekturprofile zu erstellen.
Rauschminderung für Bayer-Sensoren
Der Rauschminderungsalgorithmus DeepPrime XD3 (Extra Details) war bisher nur für Fujifilm-Sensoren mit X-Trans-Muster verfügbar. In PureRaw 6 verarbeitet er auch Raw-Dateien der von nahezu allen anderen Kameraherstellern bevorzugten Bayer-Sensoren.
DeepPrime bewährt sich vor allem bei Aufnahmen mit hohen ISO-Werten, etwa jenseits von ISO 25.600. Die Software erstellt einen KI-gestützten Vorschlag, der das sonst übliche Einstellen von Stärke- und Schwellenwertreglern erspart.
Ausgabe als komprimiertes DNG
Neben sehr speicherhungrigen DNG-Dateien gibt PureRaw 6 auch hochauflösende, aber komprimierte DNG-Dateien aus. DNG-Dateien sind in der Regel doppelt so groß wie die ursprünglichen Raw-Dateien. Die komprimierten Dateien sind hingegen kleiner als die Originale. Die „High Fidelity“-Kompression ist verlustbehaftet, soll aber laut DxO nicht wesentlich zulasten der Bildqualität gehen. Außer DNG und komprimiertem DNG stehen auch TIFF und JPEG als Ausgabeformate zur Wahl.
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KI-gestützte Staubentfernung
Über künstliche Intelligenz retuschiert PureRaw in Version 6 Staubflecken von verdreckten Sensoren. Das geschieht automatisch, erspart Nutzern also repetitive und ermüdende Detailarbeit. Die Stapelverarbeitung soll dabei schneller arbeiten als in der Vorgängerversion.
Preise und Verfügbarkeit
DxO PureRaw 6 steht laut Hersteller ab sofort für Windows und macOS als eigenständiges Programm sowie als Plug-in für Adobe Lightroom Classic und Photoshop zur Verfügung. In der Adobe-Bildbearbeitung lässt es sich als nichtdestruktiver Smart-Filter anwenden. Das Programm kostet 129,99 Euro. Ein Upgrade von Version 4 oder 5 ist für 79,99 Euro erhältlich.
(akr)
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