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Jenseits des „Culture War“: Die Relevanz des typografischen Wechsels im US-Außenministerium – Design Tagebuch
Die Entscheidung von US-Außenminister Marco Rubio, die Standard-Schriftart des Ministeriums von Calibri wieder auf Times New Roman umzustellen, sorgte im Dezember 2025 für ungewöhnlich breite mediale Aufmerksamkeit. Durchgängig ordneten Redaktionen und Kommentatoren die Entscheidung als symbolpolitischen Schritt ein – als Rückkehr zu „Tradition“ oder als kulturelle Markierung innerhalb innenpolitischer Debatten. Aus typografischer Sicht greift die Deutung als reine Symbolpolitik zu kurz. Bei genauer Analyse zeigt sich: Calibri ist keineswegs das barrierefreie Ideal, als das sie oft dargestellt wird. Eine Nachlese.
Unter dem Titel „At State Dept., a Typeface Falls Victim in the War Against Woke“ hatte die New York Times das Thema öffentlich gemacht, und sogleich den Schriftwechsel zum „Kulturkampf gegen Wokeness“ erklärt. Am nächsten Tag griff die Nachrichtenagentur Reuters das Thema auf: „Rubio stages font coup: Times New Roman ousts Calibri“. Indem Reuters den Begriff „Coup“ verwendet, zu deutsch „Putsch“/„Streich“, wird die Entscheidung in die Nähe eines politischen Umsturzes gerückt, obwohl es sich faktisch um eine behördeninterne Formatvorgabe handelt. Kurze Zeit später berichten auch hierzulande Medien wie ZDFHeute, Süddeutsche, ZEIT, BILD, Spiegel, u.a. über den Schriftwechsel. Die Medien übernahmen weitgehend das Framing der New York Times. Damit wird deutlich: Um typografische Sachfragen und Aspekte der Barrierefreiheit geht es in der öffentlichen Debatte nicht.
Calibri wurde 2007 von Microsoft als Standardschrift für Office-Produkte eingeführt. 2023 wies Antony Blinken, Rubios Vorgänger im Amt des US-Außenministers, per Dekret Mitarbeiter im US-Ministerium an, anstelle der Times New Roman, einer Serifenschrift der Gattung Vorklassizistische-Antiqua, künftig die Calibri für Dokumente zu verwenden, eine serifenlose Schrift. Die Änderung war durch das Office of Diversity and Inclusion des US-Außenministeriums vorgeschlagen worden.
Das US-Außenministerium argumentierte seinerzeit, so ist es dem „Plain Writing Act Compliance Report, 2023“ (PDF) zu entnehmen, die Schriftart Calibri verbessere die Lesbarkeit für Personen, die optische Zeichenerkennungstechnologie (OCR) verwenden. Damals wurde dem Wechsel kaum mediale Aufmerksamkeit geschenkt. Eine Regierung, die sich (löblicherweise) für Barrierefreiheit stark macht, ist nach dem Verständnis von Nachrichtenmedien anscheinend kein Aufhänger für einen Bericht. Dabei müsste die Umstellung auf Calibri zumindest in Fachkreisen für Kopfschütteln sorgen. Ausgerechnet die Calibri!
Tatsächlich kämpft die serifenlose Calibri mit strukturellen Problemen in der Zeichenunterscheidung. Die sogenannte Homoglyphie – die Ähnlichkeit von Zeichen wie dem großen „I“, dem kleinen „l“ und der Ziffer „1“ – ist in Calibri ausgeprägt. Auch Ligaturen wie „ff“, „ti“, wie sie in der Calibri standardmäßig greifen, erschweren die Erkennbarkeit einzelner Zeichen (siehe leserlich.info). Für Menschen mit Legasthenie oder Sehbehinderungen führt diese mangelnde Differenzierung zu Lesefehlern und kognitiver Ermüdung.
Die Calibri genügt modernen Anforderungen an digitale Barrierefreiheit kaum noch. Dass das Außenministerium sie 2023 zur Norm erhob – obschon Microsoft ihren Abschied bereits zwei Jahre zuvor angekündigt hatte (dt berichtete) –, lässt die Maßnahme eher als politisch motiviert denn als nutzerzentriert erscheinen.
In Bezug auf die oben angesprochenen Defizite muss man die Times New Roman gegenüber der Calibri als überlegen einstufen. Mit dem im Vergleich zur Times New Roman deutlich geringeren Strichstärkenkontrast kann hingegen die Calibri punkten. Allerdings: weder Calibri noch Times New Roman sind nach modernen Standards für Barrierefreiheit optimiert. Anders als etwa die Aptos, der von Microsoft als Nachfolge für die Calibri konzipierten Schrift, die seit 2023 standardmäßig in Office-Programmen enthalten ist. Die Aptos behebt, auch da sie Merkmale einer humanistischen Grotesk mit technischer Präzision verbindet, Defizite (Homoglyphen) der Calibri.

Was die Einschätzung seitens der Blinken-Administration betrifft, wonach die Calibri die Lesbarkeit im Rahmen der optischen Zeichenerkennungstechnologie (gegenüber der Times New Roman) verbessere, so gibt es hierfür keine Evidenz. Neben Arial und Calibri gehört Times New Roman zu den am besten trainierten Schriftarten weltweit. Moderne OCR-Programme und Screenreader-Software wie NVDA, JAWS und Apples Voiceover haben grundsätzlich keine Probleme mit Times New Roman. Grundsätzlich besteht bei Serifenschriften zwar ein höheres Risiko, dass sich Zeichen berühren (Touching Characters); dies kann bei minderwertigen Scans vorkommen. Auf digitale Dokumente, in denen Schriften eingebettet sind, sei als Software oder als Pfade, trifft dies jedoch nicht zu.
Wenn die BILD behauptet, die Calibri könne „von Behinderten besser gelesen“ werden, bei dieser handele es sich um eine „behindertengerechte“ Schrift, dann ist dies nicht nur stark verkürzt, sondern auch falsch. Schon rein sprachlich ist der Begriff „behindertengerecht“ im Kontext Barrierefreiheit und inklusives Design gewagt und irreführend. Auch die in der SZ veröffentlichte Zuschreibung, Calibri gelte insgesamt „als modern und wegen seiner abgerundeten Formen als besonders zugänglich“, entspricht nicht der Realität.
Nach 17 Jahren als Standardschrift in Office-Anwendungen zählt Calibri zu den am meisten genutzten Schriften der Welt. Aufgrund dessen gilt die Schrift vielen Gestaltern und Kreativschaffenden als abgenutzt und verbraucht. Ein Schicksal, das viele Standardschriften gemein haben. Simon Daniels, leitender Programmmanager bei Microsoft Office Design, erklärte im Mai 2021 gegenüber WIRED, „Calibri ist einfach aus der Mode gekommen“. Im selben Artikel erklärte Lucas de Groot, der Schöpfer der Calibri, dass er die Schrift „in ziemlicher Eile“ entworfen habe. De Groot bezeichnete die Entscheidung von Microsoft als nachvollziehbar und überfällig. Den Schriftwechsel von Calibri zu Times New Roman hält er gleichwohl für falsch. Auf Reddit kritisierte der angesehene Schriftgestalter die Umstellung auf Times New Roman im Dezember mit den Worten „back to bad“. Beide Schriftarten, soviel ist klar, sind in Bezug auf ihre Lesbarkeit verbesserungswürdig.
Die Calibri ist mitnichten „eine maximal barrierefreie und funktionale Schrift“, wie in der PAGE Gestalterkollegen behaupten. Es stört mich, wenn ich dies lese, auch weil KI-Sprachmodelle Aussagen wie diese aus dem Zusammenhang reißen, fehlinterpretieren und weiter verbreiten. Das Gesamtbild rund um den von Medien zum „Kulturkampf“ hochstilisierten Schriftwechsel ist nicht nur schief, es ist obendrein unvollständig.
In der New York Times, bei Reuters, in deutschsprachigen Medien – nirgends finden sich detaillierte Informationen zu Fragen wie: Was explizit hat Rubio angeordnet? Wie lautet der Text des Memos, das Rubio an die Mitarbeiter des US-Außenministeriums verfasst hat bzw. haben soll? Wird die Entscheidung begründet, falls ja, wie? Welche Dokumente sind vom Schriftwechsel betroffen? Und wie wirkt sich die Umstellung letztlich im Ergebnis aus? Gibt es einen signifikanten Unterschied und Effekt? Ich werde versuchen, auf diese Fragen Antworten zu geben. Nach meinem Verständnis sind diese die Grundlage, um sich eine unabhängige und freie Meinung bilden zu können.
Der US-amerikanische Technologie-Blogger, UI-Designer und Softwareentwickler John Gruber hat, anders als die genannten deutschsprachigen Leitmedien, nicht den von Reuters verfassten Text übernommen, sondern sich im Detail mit dem von der New York Times verfassten Artikel und mit Rubios Memo auseinandergesetzt. Auf seiner Website verlinkt Gruber dankenswerterweise auf das komplette Memo als Plaintext.
Zwei Aspekte des Memos lohnt es hervorzuheben.
1. Ein Minister (egal welchen Landes, egal welcher Partei) geht in einer knapp 950 Zeichen langen E-Mail auf Aspekte der Typografie ein. Bemerkenswert. Die Wahl einer Schrift ist keine triviale Angelegenheit, insbesondere im Politikbetrieb nicht. Ist Rubio sich dessen bewusst? Man könnte meinen ja.
2. Die Schriftumstellung von Calibri auf Times New Roman wird in dem Memo nicht bloß angeordnet, die Entscheidung wird ausführlich begründet. Als zentrales Argument wird angeführt: Serifenschriften, namentlich werden Bodoni, Palatino, Times New Roman und Century Expanded genannt, seien aufgrund ihres Charakters und ihres Ursprungs in der Antike gut geeignet, um über das Schriftbild Würde und Tradition zu vermitteln. Viele staatliche und bundesstaatliche Behörden, wie das Weiße Haus und der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten, nutzten deshalb Serifenschriften. In offizieller Korrespondenz harmoniere in Calibri gesetzter Text zudem nicht mit dem Briefkopf des US-Außenministeriums. Argumente, die die Entscheidung nachvollziehbar machen.

Viele der vom US-Außenministerium in der Vergangenheit veröffentlichten Dokumente, wie jenes oben abgebildete („Report to Congress…“), gesetzt in der Calibri, wirken nicht eben würdevoll und staatstragend. Schuld daran ist freilich nicht die Schrift alleine, als vielmehr die Gestaltung insgesamt, der Umgang mit Schrift.
Es gibt tausende von Schriften, die in ihrem Schriftbild mehr Würde und Stil ausstrahlen als die Calibri. Andererseits lassen sich selbst bei Verwendung einer Calibri Ausdruck und Ästhetik von derlei Schriftstücken verbessern, bei entsprechend professioneller Gestaltung. Dokumente wie das gezeigte und wie die auf fam.state.gov vorgehaltenen „Manuals“ und „Handbooks“ sowie unter state.gov/department-reports aufgeführten Medien („major publications“) sind es also, die von der Schriftumstellung betroffen sind.
Die Außenwirkung von insbesondere erstgenannten Handreichungen im diplomatischen Umfeld ist äußerst gering. Der Wirbel in den Medien steht hierzu in krassem Gegensatz. Wenn man um die Mechanismen in der Medienwelt weiß, dann kann auch in diesem Fall die Berichterstattung nicht verwundern. Richard David Precht und Harald Welzer beschreiben in ihrem Buch „Die Vierte Gewalt“, wie „Echokammern“ entstehen und wie „Gruppenmeinungen“ darin widerhallen.
Während der unter Blinken veröffentlichte „Joint Strategic Plan FY 2022-2026“ noch sowohl Calibri UND Times New Roman enthält, ist der unter der Rubio-Administration veröffentlichte „Agency Strategic Plan for Fiscal Years 2026 2030 (PDF)“ durchgängig in Times New Roman gesetzt. Da Dokumente dieser Art vollständig neu angelegt werden, ist eben nicht davon auszugehen, wie teilweise in den Medien argumentiert wurde, dass im Zuge der Schriftumstellung für Satz und Gestaltung ein Mehraufwand entsteht.
Im Rahmen der Recherche konnte ich das folgende Dokument ausfindig machen, an dem die Schriftumstellung ganz unmittelbar nachzuvollziehen ist: „Ambassadorial Assignments Overseas Office of Presidential Appointments (GTM/PAS)“ (Abb. unten). Während die Version aus dem Jahr die Calibri zeigt, sind Texte in der Version vom 08. April 2026 in der Times New Roman gesetzt. Ob der Wechsel einen Effekt, einen Nutzen hat, mag ein jeder für sich bewerten. Dokumente dieser Art sind nicht für eine breite Öffentlichkeit bestimmt. Nur wer gezielt danach sucht und recherchiert, wird auf Dokumente stoßen, die von der Schriftumstellung betroffen sind.

Rubios Schriftanweisung anhand von Beispielen aufzuzeigen hilft, wie ich meine, die Maßnahme zu verstehen und einzuordnen. Gerade im Hinblick auf Schriftstücke wie diese erscheinen Begriffe wie „Kulturkampf“ und Überschriften wie „Times New Roman eine Waffe im Anti-Wokeness-Feldzug“ (SZ) überzogen. Nicht nur bei den großen gesellschaftlichen Debatten – selbst bei einem Nischenthema wie Typografie lässt sich an Überschriften wie diesen jene „Erregungsökonomie“ ablesen, die Precht/Welzer beschreiben.
In einem Artikel der Augsburger Allgemeine wird Rubios Anweisung mit dem von Reichsminister Martin Bormann am 3. Januar 1941 verfassten „Normalschrift-Erlass“ in Zusammenhang gebracht. Johanna Sieben, Professorin für Typografie/Type Design an der Hochschule für Gestaltung Offenbach, nennt den Erlass, um ein Beispiel für die Instrumentalisierung von Schrift zu politischen Zwecken zu geben. Bormann verbot im Auftrag von Hitler gebrochene Schriften (wie Fraktur und Schwabacher), diffamierte diese propagandistisch als „jüdisch“ und ordnete an, dass „sämtliche Druckerzeugnisse“ wie Zeitungen, Zeitschriften, Schulbücher, Schilder und andere offiziellen Dokumente in Antiqua-Schriften zu setzen sind.
„Instrumentalisierung“ bezeichnet die bewusste Nutzung einer Person, Sache oder eines Ereignisses nicht um ihrer selbst willen, sondern als bloßes Mittel zur Erreichung eines zweckfremden Ziels. Oftmals impliziert die Nutzung Ausbeutung oder Missbrauch, weshalb der Begriff überwiegend negativ konnotiert ist. Die Wiederherstellung früherer Gestaltungsvorgaben durch Rubios Schriftanweisung kann man falsch finden, doch sie ist gewiss kein Missbrauch. Ganz im Gegensatz zur Propaganda der Nationalsozialisten, bei der alle sprachlichen Mittel (einschließlich Schriften) in missbräuchlicher Weise dazu genutzt wurden Schwarz-Weiß-Denken zu propagieren, Hass und Ressentiments zu schüren, einen „Führerkult“ zu beschwören, Lügen zu verbreiten und die Gesellschaft in Angst und Schrecken zu versetzen. Rubio nutzt nach meinem Verständnis die ihm zur Verfügung stehende Macht in dieser Angelegenheit in der gleichen Weise wie sein Amtsvorgänger Blinken.
In einem Artikel beschreibt das US-amerikanische Nachrichtenportal The Hill, wie eine Kombination aus staatlichem Druck durch Dekrete und der daraus resultierenden wirtschaftlichen Vorsicht seitens der Verlage zu einer massiven Einschränkung der LGBTQ-Literatur in den USA geführt hat („Chilling Effect“ – zu deutsch „Einschüchterungseffekt“). Trump wies im Januar 2025 alle Bundesbehörden an, alle DEI-Büros zu schließen, alle DEI-Mitarbeiter zu beurlauben und alle damit verbundenen Programme zu beenden (DEI steht für Diversity, Equity, and Inclusion). Dass Donald Trump rein gar nichts von Chancengleichheit zu halten scheint, muss nicht extra betont werden. Unter seiner Präsidentschaft ist innerhalb der US-amerikanischen Gesellschaft, wie in Studien nachgewiesen werden konnte, ein Klima der Angst und Verunsicherung entstanden. Vor diesem Hintergrund haben viele Nachrichtenmedien Ende letzten Jahres den Schriftwechsel so dargestellt, als stehe dieser in Zusammenhang mit dem Rückbau von DEI-Programmen. Eine nichtige Angelegenheit wird von den Medienhäusern Klick-kompatibel aufgebauscht und skandalisiert.
Was niemand schreibt: Alle politischen Akteure (Parteien, Institutionen u.a.), im übrigen auch Nachrichtenmedien, Unternehmen, Verbände, Vereine und andere Entitäten, setzen Schriften zu politischen Zwecken ein. Und zwar tun sie dies nicht nur in totalitären oder autokratisch geführten Systemen, sondern auch in demokratischen Gesellschaften. Nicht nur Schriften, auch Farben und Zeichen wie Logos, Siegel (Güte, Herkunft) und Abzeichen sind in dieser Hinsicht ein Mittel zum Zweck. Unternehmen verfolgen wirtschaftliche Ziele. In der Regel beinhalten diese eine politische Implikation, denn es geht unter anderem um: Steigerung von Reichweite/Absatz/Gewinn, Wettbewerbsvorteile, Beeinflussung der Wahrnehmung von Menschen, Image-Bildung, gesellschaftliche Akzeptanz. Hinter jedem Markenlogo stecken handfeste Geschäftsinteressen.
Marketing, Markenkommunikation und Corporate Design dienen somit per se auch der Durchsetzung politischer Ziele. Auch wenn dieses Vorgehen als gesellschaftlich akzeptiert/toleriert angesehen werden kann, bleibt es dennoch ein Versuch der Lenkung. Toleriert wird dieser (sofern man sich dessen bewusst ist), da es im Prinzip alle so machen. Werden dabei einmal ethische Standards missachtet, erteilt der Deutsche Werberat eine Rüge. Eine rechtliche oder unmittelbar finanzielle Konsequenz hat dies jedoch nicht. Als Konsumenten haben wir uns längst daran gewöhnt, dass in der Werbung einem Produkt zugeschriebene Eigenschaften nicht immer der Realität entsprechen, und als Wähler, dass auch in der Politik falsche Versprechungen gemacht werden.

Die AfD verwendet als Hausschrift die Futura, um ihre politischen Botschaften möglichst prägnant und eindrucksvoll zu verpacken. Keine andere Schrift ist im Politikbetrieb hierzulande so beliebt wie die von Paul Renner 1926 entworfene Futura. Wie wohl keine andere Schrift verkörpert sie die Moderne und Aufbruch. Die Wortmarken der SPD, PDS, Die Linke, FDP („Die Liberalen“) und auch der AfD sind bzw. waren in Futura gesetzt, ebenso Texte in Wahlprogrammen und auf Plakaten (siehe Abb. oben). Die Identitäre Bewegung nutzt hingegen, im Bemühen ihren politischen (Hass)Botschaften ein möglichst zeitgemäßes und gefällig anmutendes Antlitz zu verleihen, auf weit verbreitete Schriften wie die Fira Sans.
Der von Rubio angeordnete Schriftwechsel ist auch deshalb von sehr geringer Relevanz, da die Umstellung kaum Auswirkung auf das visuelle Erscheinungsbild des US-Außenministeriums hat. Dessen Erscheinungsbild war, ist und bleibt inhomogen, unabhängig von der Wahl der Schrift. Rubio benennt in seinem Memo zwar auch Einheitlichkeit als Grund für den Schriftwechsel, doch die Vielzahl an Dokumenten, die von mir im Rahmen der Recherche gesichtet wurden, zeichnen nach wie vor ein für Regierungen (und Ministerien) nicht untypisches, stark uneinheitliches Erscheinungsbild.
Ohnehin veröffentlicht das US-Außenministerium auch weiterhin in Calibri gesetzte Textdokumente. Hierzu zählen auch jene „Notification of Signature“-Dokumente (PDF), die anlässlich der Gründung des sogenannten „Board of Peace“ erst vor kurzem erstellt wurden. Für jene im Zusammenhang mit dem Board publizierten Dokumente mit Präsentationscharakter („Inaugural Board Meeting“) wird hingegen die Montserrat verwendet.
Montserrat ist eine beliebte geometrische serifenlose Schrift, die unter anderem von der Europäischen Kommission für ihr allgemeines institutionelles Branding verwendet wird. Auch die Fraktion der Europäischen Volkspartei (EVP) setzt in ihrem visuellen Erscheinungsbild auf die Montserrat. Woran deutlich wird: auch wenn Programmatik und politische Ziele teils stark divergieren, bedienen sich politische Akteure oftmals ähnlicher visueller Mittel.
Zumindest in einem Punkt kann man den US-Amerikanern eine gewisse Kontinuität bescheinigen. Seit Jahrzehnten kommen auf der Website des Weißen Hauses (whitehouse.gov) Serifenschriften zum Einsatz, unabhängig davon, ob Demokraten oder Republikaner die Regierung stellen. Zuletzt wurde das visuelle Erscheinungsbild Ende Januar 2025 angepasst (dt berichtete). Damals wurde das Schriftbild angepasst – doch die Betonung auf Serifenschriften ist geblieben.
Serifenschriften dienen auch in diesem Fall dem Zweck, Würde, Autorität und Souveränität zu vermitteln. Was angesichts des von vielen Beobachtern als würdelos empfundenen Umgangs mit dem (eigentlich) denkmalgeschützten Gebäude schwerer denn je zu sein scheint. Die Trump-Administration ließ bekanntlich den historischen Ostflügel abreißen, um an gleicher Stelle für 200 Millionen US-Dollar einen großen Ballsaal zu errichten.
Eine „Kulisse“, wie der Typograf, Gestalter und Designtheoretiker Otl Aicher diese Art von Pracht- und Prunk-Architektur bezeichnete. Ohne darüber hinaus gehende Funktion. Prunk-Architektur und beispielsweise auch der Wandschmuck im Trump’schen Oval Office mit überbordendem Golddekor sind ein Zeichen, im semiotischen Sinne, das Machtanspruch artikuliert. So wie eben auch Schriften, Symbole und Logos Machtanspruch implizieren können.
Abschließend in aller Kürze ein Überblick. Was bedeutet gut lesbar bei einer Schrift?
Als gut lesbar und im Kontext der Barrierefreiheit geeignet gelten Schriften, deren Lettern einem dynamischen, humanistischen Formprinzip folgen. „Humanistisch“ meint an handschriftliche Buchstaben angelehnte Formen. Insbesondere humanistische serifenlose Schriften wie die Neue Frutiger 1450, Source Sans 3 oder die Noto Sans sind in dieser Hinsicht eine gute Wahl.
Typische mikrotypografische Merkmale lesefreundlicher, barrierearmer Schriften sind unter anderem offene Buchstabenformen (z. B. e, a, c), eine große x-Höhe, deutliche Zeichenunterscheidung (I / l / 1 / O / 0), moderate Strichstärkenkontraste sowie eine leicht variierende Strichführung (nicht mechanisch-geometrisch).
Lesefreundlich können sowohl serifenlose Schriften sein, sogenannte Groteskschriften, als auch Serifenschriften, sofern sie dem oben genannten Formprinzip entsprechen. Maßgeblicher Faktor ist hierbei, wie auch in Studien nachgewiesen werden konnte, der bereits genannte moderate Strichstärkenkontrast. Über gute Eigenschaften verfügen in dieser Hinsicht Serifenschriften wie die Crimson Text (Kindle), Merriweather, Droid Serif und die BundesSerif, einer von der Bundesregierung seit 2011 verwendeten Schrift, mit der in Dokumenten (Verfassungsschutzbericht, Jahreswirtschaftsbericht, Kriminalstatistik, Bundeshaushaltsbericht u.a.) Fließtexte gesetzt sind, teils auch Überschriften.
Es reicht nicht, einfach eine barrierearme (oder als solche angenommene) Schrift auszuwählen, wie unter der Blinken-Administration geschehen. Texte und die Medien selbst, etwa Bücher, Berichte, Plakate und Websites, müssen auch dementsprechend gut strukturiert aufbereitet und optisch ansprechend gestaltet sein. Makrotypografische Faktoren wie Laufweite und Zeilenabstand sowie Wahrnehmungsfaktoren wie Farbe, Licht und Kontrast haben dabei entscheidenden Einfluss auf das Kriterium der Lesbarkeit.
Barrierefreiheit und gutes Design werden häufig als Gegensätze betrachtet, obwohl sie auf denselben Prinzipien beruhen. Kommunikationsdesign verfolgt grundsätzlich das Ziel, Informationen verständlich, ästhetisch und wirkungsvoll zu vermitteln. Kohärenz ist dabei eine wesentliche Voraussetzung, auch damit Informationen als vertrauenswürdig angesehen werden können. Insbesondere innerhalb der Kommunikation staatlicher Institutionen sind Konsistenz und visuelle Tonalität unverzichtbar. Erst im Zusammenspiel mit gutem Design kann Typografie ihre Qualität entfalten, und im Sinne der Barrierefreiheit wirken.
Quellen
Medienberichte und Nachrichten
Offizielle Dokumente und Behörden
Typografie und Design-Fachquellen
Quellen zum Rubio-Memo
Interne Verlinkungen
Bildquellen
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