Digital Business & Startups
Diese Fehler sollten Gründer:innen beim Fundraising vermeiden
Die meisten Gründer in Deutschland sind Tüftler. Sie glänzen als Entwickler. Das treibt sie zu den Innovationen und Lösungen, von denen Startups leben.
Doch spätestens, wenn zum ersten Mal Kapital von außen eingesammelt wird, muss der Blick ganzheitlicher werden. Statt ausschließlich das eigene Produkt aus Entwicklerbrille zu sehen, muss erstens das ganze Unternehmen ins Visier genommen werden, und zweitens aus verschiedenen Perspektiven. Nur so können die folgenschwersten Fehler im Fundraising vermieden werden.
1. Spray and Pray bei der Investorensuche
Oft lassen Gründer das Thema Fundraising zu lange liegen. Wenn sie sich mit dem Thema beschäftigen, tickt die Uhr. Die Lösung der Wahl ist dann oft, möglichst viele Investoren anzuschreiben in der Hoffnung, dass einer von ihnen schnell anbeißt. Was dabei zu kurz kommt, ist die Frage, welcher Investor denn der Richtige für genau dieses Unternehmen in genau dieser Phase ist. Habe ich ein schnell wachsendes Tech-Unternehmen, so dass ein Wagniskapitalfonds die richtige Wahl ist? Habe ich schon ein reifes Geschäft mit schwächerem Wachstum, für das sich Private Equity als Investor eignet? Oder ist mein Geschäftsmodell eher mittelständisch-konservativ und vielleicht mit der einen oder anderen Besonderheit verbunden, so dass eher Family Offices in Frage kommen?
Neben dieser groben Unterscheidung in Investorengruppen lohnt es sich, beim spezifischen Kandidaten genauer hinzuschauen. Und dabei geht es nicht nur um die Bewertung und das Investitionsvolumen. Wann immer möglich, sollten Gründer sich für Investoren entscheiden, die Expertise und ein Netzwerk für genau den Sektor mitbringen, in denen das Startup aktiv ist. So können sie einen echten, inhaltlichen Mehrwert leisten – und Strategiegespräche wie auch Reportings laufen deutlich produktiver.
2. Keine Liquiditätsplanung
Wenn es ans Fundraising geht, haben viele Gründer eine Summe im Kopf. Die orientiert sich aber eher daran, was andere Unternehmen zuletzt eingesammelt haben. Was fehlt, ist eine klare Planung des Kapitalbedarfs der nächsten zwölf bis 18 Monate. Denn man bekommt kein Geld ohne einen überzeugenden Plan, was damit passiert.
Wie viel Runway haben wir heute realistisch? Wie hoch sind die Fixkosten und variablen Kosten wirklich? Welche Zahlungszeitpunkte kommen wann (Gehälter, Marketing, Produktentwicklung, Warenbestand, Steuern)? Und wie verändert sich der Cash-Burn je nach Wachstumsszenario? Diese Fragen beantwortet die Liquiditätsplanung.
3. Keine Equity Story
Warum ist dein Unternehmen ein Investment? Die Antwort auf diese Frage liegt in der Equity Story. Sie ist der rote Faden, der Zahlen, Produkt, Markt, Team und Exit-Perspektive zu einem Investment-Case verbindet.
Ein fundamentaler Teil der Equity Story ist, zu erklären, was das Unternehmen überhaupt macht. Und zwar in wenigen Minuten. Das klingt trivial. Ist es aber nicht – ich habe bei Kunden manchmal sechs bis acht Meetings gebraucht, um zu verstehen, welches Problem er für welchen Konsumenten löst. Ich empfehle, diese Verortung an den Anfang der Equity Story zu stellen.
Der Kern der Equity Story ist eine überzeugende Vision. Mit welchen Hebeln wächst das Unternehmen über die nächsten fünf bis zehn Jahre? Wie münzt es das Wachstum mit der Zeit in Profitabilität um? Welche Faktoren auf den Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (so genannte Ebitda-Multiples) sind auf lange Sicht realistisch, wenn der Investor das Unternehmen etwa an die Börse bringt oder weiterverkauft?
Blick aus der Vogelperspektive
Eins haben alle diese Fehler gemeinsam: Sie resultieren daraus, dass die Gründer den Perspektivwechsel vergessen. Sie sind so tief im Unternehmen, dass ihnen der unvoreingenommene Blick auf das Unternehmen fehlt. Ich gehe soweit, zu sagen, dass Gründer von Tag Eins an ihr Unternehmen als investierbares Asset betrachten sollten.
Über den Autor
Lucas Roemer ist Gründer und Geschäftsführer von Roemer Capital, einer unabhängigen Investment-Boutique mit Fokus auf Fundraising-Beratung und Fractional CFO Services. Seit der Gründung des Unternehmens im Juli 2023 hat er Kunden dabei geholfen, über 500 Millionen einzuwerben, mit einem Fokus auf Technologie-Unternehmen.
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Zwei Unternehmer erzählen: Wie aus einer Idee ein Business wird
Nikita Fahrenholz und Martin Eyerer sprechen in der neusten Podcast-Folge von Royal GS über erste Schritte beim Gründen – von Feedback, Prototypen und einen Fehler, den viele machen.
Da hat man eine gute Idee für ein Startup – und dann? Was sind die ersten Schritte, damit aus der Idee mehr wird als eine Luftnummer? Klar, einfach machen. Hört man oft und gerne. Und es stimmt ja auch.
Aber man kann auch bisschen systematisch dabei vorgehen, sagen Nikita Fahrenholz (Gründer von Delivery Hero & Fahrengold) und Martin Eyerer (Ex-CEO Factory Berlin, Unternehmer, Techno-DJ) in der neusten Podcast-Folge von Royal GS.
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Von der Idee zum Business
Um sein eigenes Business aufzubauen, muss man laut Fahrenholz und Eyerer nicht alles direkt bis ins kleinste Detail geplant haben. Nach der Idee komme erst mal eine kurze Marktanalyse. Wobei sich Fahrenholz und Eyerer da nicht ganz einig sind: Eyerer empfiehlt, zwei Tage intensive Recherche zu betreiben und herauszufinden, was es auf dem Markt bereits gibt und was sich verbessern ließe. Fahrenholz hingegen nimmt davon eher Abstand. „Viele Ideen scheitern daran, weil man sie sich selbst kaputt macht“, sagt er.
Nichtsdestotrotz: „Einfach Machen“ kommt vor Businessplan – da sind sich Fahrenholz und Eyerer einig und fassen ein paar konkrete Schritte zusammen, wie man loslegen kann:
1. Allen davon erzählen
Wer eine Idee hat, sollte für ein erstes, ehrliches Feedback möglichst vielen Menschen davon erzählen, sagen Eyerer und Fahrenholz. Laut ihnen würden viele Founder dazu neigen, Ideen für sich zu behalten – aus Angst jemand könnte ihnen zuvorkommen. „Keiner wird die Energie reinstecken und euch die Idee wegnehmen“, sagt Fahrenholz. Für das Feedback gilt: „Hört aber auch nur so halb hin“, sagt er. Und die Idee nicht gleich ausreden lassen.
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2. Ersten Prototypen aufsetzen
Hier gehe es laut Eyerer nicht darum, das Produkt direkt zu challengen, sondern erstmal so aufzubauen, dass es existiert und funktioniert.
3. Produkt muss im Kern ein Problem lösen
Das ist ein Punkt, den Fahrenholz auch bei erfahrenen Gründern oft sehe: Viele wollen mit ihrer Idee gleich mehrere Probleme lösen. „Seid keine Firma, die erst dann was erreicht, wenn sie Problem drei, vier oder fünf lösen kann“, sagt Fahrenholz. Der Fokus müsse auf einem Problem liegen, das im Prototyp angegangen wird.
4. Es ist okay, sein Geschäftsmodell später aufzustellen
Zuerst müsse das Produkt stehen, sagt Eyerer. „Habt ihr ein Problem gelöst, werdet ihr irgendwann damit Geld verdienen.“
5. Partner in Crime finden
Es mache einfach mehr Spaß, eine Idee mit mehreren Menschen umzusetzen, sagt Fahrenholz. Wichtig für den Beginn sei, dass Fokus und Motivation bei allen übereinstimmt.
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6. Produkt so gut es geht selbst bauen
„Don’t be shy“, sagt Fahrenholz. Wer eine Idee für ein Produkt hat, sollte es auch selbst bauen – unabhängig vom fachlichen Background. Es gibt mittlerweile viele Tools, die man dafür nutzen kann. Stichwort: Vibe Coding.
7. Im Netzwerk nach Rat fragen
Kommt man nicht voran oder hat offene Fragen, empfiehlt Eyerer, Leute aus dem Netzwerk anzurufen und nach Rat zu fragen, die Expertise haben.
Generell gilt laut Fahrenholz: Wer aus seiner Idee ein Business aufbauen will, muss sein Produkt selbst umsetzen, verstehen, verkaufen – und maximal Bock drauf haben. „Es gibt keinen, der so bescheuert und so irre ist, das was ich da tue mit Fahrengold so lange zu machen und mit so einer Intensität, ohne jetzt sofort einen richtig krassen Outcome zu haben“, sagt Fahrenholz. „Du musst schon echt einen an der Schraube haben und mögen, was du da machst. Dann kann es auf lange Sicht echt ein Erfolg werden.“
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„Ich habe im Büro auf der Toilette gesessen und geweint“
Andy Zingler ist mit Restaurants, Nachtclubs und Steakmessern groß geworden. Essen war für ihn nie ein Mittel zum Zweck, sondern Lifestyle. Heute ist er mit fast 100.000 Followern auf Instagram einer der erfolgreichsten Food-Creator Deutschlands – und ringt mit Druck, Depressionen und der Frage, was Erfolg eigentlich bedeutet. Ein Gespräch über Herkunft, Hunger und das Gefühl, endlich gesehen werden zu wollen.
Gründerszene: Andy, du bist mit Food-Content berühmt geworden. Wann hast du zum ersten Mal gemerkt, dass Essen in deinem Leben eine so wichtige Rolle spielen wird?
Andy Zingler: Mein Papa war Gastronom. Ich bin eigentlich komplett in Restaurants groß geworden. Wenn er Termine hatte oder Caterings, habe ich die Wartezeiten immer im Restaurant verbracht. Ich hab da rumgehangen, genascht, Leute beobachtet. Das war mein Ort. Essen war immer da, Gastro war immer da.
Was für ein Restaurant hatte dein Vater?
Ganz unterschiedliche Sachen, aber hauptsächlich Steak. So ein kleines Steakhaus in der Vorstadt, in Schwarzenbek. Und er hatte auch Nachtclubs damals. Als ich etwa sechs Jahre alt war, bin ich morgens in die Clubs rein, bevor die Reinigungskräfte kamen, wenn alle Gäste weg waren, und hab Kleingeld gesammelt. So um sechs, sieben Uhr. Das war völlig normal für mich.
Vom Restaurant ins Schiff und wieder zurück
Wann war für dich klar: Ich will selbst in die Gastronomie?
Ich wollte Koch werden. Schon früh. Mein Papa wollte das nicht.
Warum nicht?
Weil er genau wusste, wie dieses Leben aussieht. Dass vielleicht 0,5 Prozent der Köche ein wirklich schönes Leben haben – und der Rest einfach nicht.
Hat er dich aufgehalten?
Nee, gar nicht. Er hat immer gesagt: Mach. Du schaffst das. Du hast bis jetzt alles alleine geschafft.
Und dennoch bist du erstmal nicht in die Gastro.
Aus Vernunft. Ich habe eine Ausbildung in der Schifffahrt gemacht, in einer Tramp-Reederei – Schiffe vermietet, Crew organisiert, Häfen, Liegeplätze. Sehr strukturiert.
Wie war das für dich?
Eigentlich richtig gut. Ich bin sogar noch zwei Monate mit auf See gefahren, das habe ich geliebt. Aber Bürojob war nie mein Ding. Das war immer eher das, was das System gesagt hat: Mach das mal. Und ich bin da immer wieder reingerutscht. Gastro, dann wieder Büro, dann wieder Gastro. Dann ist mein Vater plötzlich gestorben. Da war ich 19.
Was war das Schwerste daran?
Mein Vater ist nicht plötzlich gestorben. Er hatte zwei Jahre lang Krebs. Metastasen, die sich durch den Körper gefressen haben, am Ende war überall Krebs. Der Tod selbst war irgendwann fast greifbar – jemand ist weg. Punkt. Das Schwerste für mich war nicht Schuld oder das Gefühl, dass ich ihm etwas weggenommen habe. Sondern dass er heute nicht mehr da ist. Dass er nicht sieht, was ich mache. Dass er nicht neben mir sitzt, mich anguckt und stolz auf mich ist. Oder ich ihn fragen kann, wie er Dinge sieht oder gemacht hätte. Weil ich gerne vieles so machen würde wie er, der Typ war einfach heftig. Ich glaube, das ist eines der schönsten Gefühle überhaupt – und genau das fehlt mir jeden Tag.
Was glaubst du, würde er heute sagen, wenn er sehen würde, was du machst?
Der würde komplett durchdrehen. Wenn ich ihm erzähle, dass Lufthansa mich Business Class nach New York fliegt oder Edeka mich nach Valencia einlädt – der würde sich krank freuen.
Was für einen Stellenwert hatte Geld für ihn?
Einen hohen, weil er nichts hatte. Seine Mutter war Kriegsflüchtling. Die haben sich alles aufgebaut. Er hatte dieses eine Ding: Er wollte, dass ich irgendwann 10.000 Euro im Monat verdiene. Nicht als Glücksversprechen, sondern weil er wusste, wie sehr das entlastet. Diese Zahl war immer in meinem Kopf.
Sein Gehalt: 2000 bis 25.000 Euro im Monat
In der Gastro wäre das schwierig geworden.
Als Angestellter praktisch unmöglich. Und das war mein innerer Konflikt: Leidenschaft Gastro – und dieses Mantra.
Und heute?
Ich habe dieses Mantra mehr als erfüllt.
Wie kam das mit Social Media?
Ich habe schon immer Sachen gepostet. Aber ich wusste lange gar nicht, dass man damit Geld verdienen kann. Wir hatten diese Kochshow mit meinem Kumpel Felix Hartmann. Dann habe ich die “Brotdose” gestartet, wo ich einfach jeden Tag mein Essen gefilmt habe. Plötzlich ging das viral. Leute haben mich erkannt, ich wurde angesprochen. Wir haben ein Event gemacht, 300 Leute kamen. Da war Momentum.
Wann hast du gemerkt, dass es mehr als nur ein Hobby sein kann?
Bis die erste Werbeüberweisung kam. 2100 Euro. Plus 4000 ausstehend. Das war ungefähr mein Gastro-Gehalt. Ich habe mich gefragt: Was macht mir mehr Spaß? Am nächsten Tag habe ich gekündigt.
Ich nehme an, davon wurde dir abgeraten.
Alle. Meine Mutter auch. Mein Management hat drei Wochen versucht, mich zu bremsen. Aber ich bin Bauchgefühl-Typ. Und wenn mir jemand sagt, ich soll’s nicht machen, macht mich das eher heiß.
Hattest du Angst?
Ja. Ich habe mir Geld geliehen. Der erste Monat war schwach. Ich hatte 18.000, 20.000 Follower – eigentlich komplett irre, zu kündigen.
Wie viel verdienst du heute?
Von 2000 bis 25.000 Euro im Monat. Es gibt Monate, da zahlst du mehr, als du hast. Und Monate, da denkst du: What the fuck.
Wie die Depressionen sein Leben verändert haben
Kannst du stolz darauf sein?
Schwer. Mir fehlt dieser Schulterschlag von meinem Vater. Ich wünsche mir oft, dass seine Proudness in mich übergeht.
Du sprichst auf deiner Seite auch offen über Depressionen.
Weil sie mein Leben geprägt haben. Vor allem die Zeit im Bürojob. Ich hatte Panikattacken, mein Körper hat dichtgemacht.
Wie hat sich das gezeigt?
Ich konnte keine E-Mails mehr abschicken. Ich saß vor dem Rechner, wollte Enter drücken – und es ging nicht. Ich habe im Büro auf der Toilette gesessen und geweint. Ich lag bei meinem Mitbewohner im Bett, weil ich allein nicht klarkam.
Was war das Schwerste daran?
Die Scham. Dieses Gefühl: Alle anderen kriegen ihr Leben hin – nur du nicht.
Und der totale Mangel an Feedback. In der Gastro sagt dir jemand: ‚Danke, schöner Abend.‘ Im Büro wartest du Monate auf eine Mail.
Wie bist du da rausgekommen?
Erstmal gar nicht. Viel geweint. Dann Freunde. Medikamente. Und irgendwann die Entscheidung: Ich muss zurück zu Menschen. Gastro. Entertainen. ‚Ey, lasst uns heute einen geilen Abend haben.‘ Das hat mich gerettet.
Hast du dir eine Pause genommen?
Drei, vier Monate. Spazieren gehen. Kaffee trinken. System runterfahren.
Was würdest du Menschen raten, die sich ähnlich fühlen?
Nach außen gehen. Nicht alles mit sich selbst ausmachen. Und Dinge tun, die Spaß machen – auch wenn man denkt, nichts macht mehr Spaß. Deine Gedanken sind nicht immer deine. Das ist die Depression.
Gab es einen Schlüsselmoment?
Wegen Kurt Krömer bin ich zur Therapie gegangen. Als er mit Thomas Sträter gesprochen hat. Dieser Satz: ‚Glaub nicht alles, was du denkst.‘ Danach habe ich mir einen Therapieplatz gesucht.
Heute geht es dir besser.
Ja. Aber diese ‚You-made-it‘-Stories finde ich schwierig. Manche kämpfen zehn Jahre. Wenn jemand nach zwei Jahren raus ist und Glück hatte, kann das eher Druck machen.
Social Media ist heute eine neue Belastung.
Total. Ich bin 10 von 10 Handysüchtig. Neun, zehn Stunden Bildschirmzeit. Zahlen, Reaktionen, Kommentare. Mein Kopf kommt nie zur Ruhe. Und das Gemeine: Es ist mein Job.
Willst du manchmal komplett raus?
Nicht komplett. Ich sehe das Suchtverhalten und nehme es in Kauf. Aber ich brauche Auszeiten. Im Januar mache ich zwei Wochen komplett offline.
Hast du Angst davor?
Nein. Ich weiß nur: Die ersten Tage werde ich heulen. Und danach merken, dass es mir besser geht.
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„Im Büro auf der Toilette geweint“: Influencer Andy Zingler über Depression
Andy Zingler ist mit Restaurants, Nachtclubs und Steakmessern groß geworden. Essen war für ihn nie ein Mittel zum Zweck, sondern Lifestyle. Heute ist er mit fast 100.000 Followern auf Instagram einer der erfolgreichsten Food-Creator Deutschlands – und ringt mit Druck, Depressionen und der Frage, was Erfolg eigentlich bedeutet. Ein Gespräch über Herkunft, Hunger und das Gefühl, endlich gesehen werden zu wollen.
Gründerszene: Andy, du bist mit Food-Content berühmt geworden. Wann hast du zum ersten Mal gemerkt, dass Essen in deinem Leben eine so wichtige Rolle spielen wird?
Andy Zingler: Mein Papa war Gastronom. Ich bin eigentlich komplett in Restaurants groß geworden. Wenn er Termine hatte oder Caterings, habe ich die Wartezeiten immer im Restaurant verbracht. Ich hab da rumgehangen, genascht, Leute beobachtet. Das war mein Ort. Essen war immer da, Gastro war immer da.
Was für ein Restaurant hatte dein Vater?
Ganz unterschiedliche Sachen, aber hauptsächlich Steak. So ein kleines Steakhaus in der Vorstadt, in Schwarzenbek. Und er hatte auch Nachtclubs damals. Als ich etwa sechs Jahre alt war, bin ich morgens in die Clubs rein, bevor die Reinigungskräfte kamen, wenn alle Gäste weg waren, und hab Kleingeld gesammelt. So um sechs, sieben Uhr. Das war völlig normal für mich.
Vom Restaurant ins Schiff und wieder zurück
Wann war für dich klar: Ich will selbst in die Gastronomie?
Ich wollte Koch werden. Schon früh. Mein Papa wollte das nicht.
Warum nicht?
Weil er genau wusste, wie dieses Leben aussieht. Dass vielleicht 0,5 Prozent der Köche ein wirklich schönes Leben haben – und der Rest einfach nicht.
Hat er dich aufgehalten?
Nee, gar nicht. Er hat immer gesagt: Mach. Du schaffst das. Du hast bis jetzt alles alleine geschafft.
Und dennoch bist du erstmal nicht in die Gastro.
Aus Vernunft. Ich habe eine Ausbildung in der Schifffahrt gemacht, in einer Tramp-Reederei – Schiffe vermietet, Crew organisiert, Häfen, Liegeplätze. Sehr strukturiert.
Wie war das für dich?
Eigentlich richtig gut. Ich bin sogar noch zwei Monate mit auf See gefahren, das habe ich geliebt. Aber Bürojob war nie mein Ding. Das war immer eher das, was das System gesagt hat: Mach das mal. Und ich bin da immer wieder reingerutscht. Gastro, dann wieder Büro, dann wieder Gastro. Dann ist mein Vater plötzlich gestorben. Da war ich 19.
Was war das Schwerste daran?
Mein Vater ist nicht plötzlich gestorben. Er hatte zwei Jahre lang Krebs. Metastasen, die sich durch den Körper gefressen haben, am Ende war überall Krebs. Der Tod selbst war irgendwann fast greifbar – jemand ist weg. Punkt. Das Schwerste für mich war nicht Schuld oder das Gefühl, dass ich ihm etwas weggenommen habe. Sondern dass er heute nicht mehr da ist. Dass er nicht sieht, was ich mache. Dass er nicht neben mir sitzt, mich anguckt und stolz auf mich ist. Oder ich ihn fragen kann, wie er Dinge sieht oder gemacht hätte. Weil ich gerne vieles so machen würde wie er, der Typ war einfach heftig. Ich glaube, das ist eines der schönsten Gefühle überhaupt – und genau das fehlt mir jeden Tag.
Was glaubst du, würde er heute sagen, wenn er sehen würde, was du machst?
Der würde komplett durchdrehen. Wenn ich ihm erzähle, dass Lufthansa mich Business Class nach New York fliegt oder Edeka mich nach Valencia einlädt – der würde sich krank freuen.
Was für einen Stellenwert hatte Geld für ihn?
Einen hohen, weil er nichts hatte. Seine Mutter war Kriegsflüchtling. Die haben sich alles aufgebaut. Er hatte dieses eine Ding: Er wollte, dass ich irgendwann 10.000 Euro im Monat verdiene. Nicht als Glücksversprechen, sondern weil er wusste, wie sehr das entlastet. Diese Zahl war immer in meinem Kopf.
Sein Gehalt: 2000 bis 25.000 Euro im Monat
In der Gastro wäre das schwierig geworden.
Als Angestellter praktisch unmöglich. Und das war mein innerer Konflikt: Leidenschaft Gastro – und dieses Mantra.
Und heute?
Ich habe dieses Mantra mehr als erfüllt.
Wie kam das mit Social Media?
Ich habe schon immer Sachen gepostet. Aber ich wusste lange gar nicht, dass man damit Geld verdienen kann. Wir hatten diese Kochshow mit meinem Kumpel Felix Hartmann. Dann habe ich die “Brotdose” gestartet, wo ich einfach jeden Tag mein Essen gefilmt habe. Plötzlich ging das viral. Leute haben mich erkannt, ich wurde angesprochen. Wir haben ein Event gemacht, 300 Leute kamen. Da war Momentum.
Wann hast du gemerkt, dass es mehr als nur ein Hobby sein kann?
Bis die erste Werbeüberweisung kam. 2100 Euro. Plus 4000 ausstehend. Das war ungefähr mein Gastro-Gehalt. Ich habe mich gefragt: Was macht mir mehr Spaß? Am nächsten Tag habe ich gekündigt.
Ich nehme an, davon wurde dir abgeraten.
Alle. Meine Mutter auch. Mein Management hat drei Wochen versucht, mich zu bremsen. Aber ich bin Bauchgefühl-Typ. Und wenn mir jemand sagt, ich soll’s nicht machen, macht mich das eher heiß.
Hattest du Angst?
Ja. Ich habe mir Geld geliehen. Der erste Monat war schwach. Ich hatte 18.000, 20.000 Follower – eigentlich komplett irre, zu kündigen.
Wie viel verdienst du heute?
Von 2000 bis 25.000 Euro im Monat. Es gibt Monate, da zahlst du mehr, als du hast. Und Monate, da denkst du: What the fuck.
Wie die Depressionen sein Leben verändert haben
Kannst du stolz darauf sein?
Schwer. Mir fehlt dieser Schulterschlag von meinem Vater. Ich wünsche mir oft, dass seine Proudness in mich übergeht.
Du sprichst auf deiner Seite auch offen über Depressionen.
Weil sie mein Leben geprägt haben. Vor allem die Zeit im Bürojob. Ich hatte Panikattacken, mein Körper hat dichtgemacht.
Wie hat sich das gezeigt?
Ich konnte keine E-Mails mehr abschicken. Ich saß vor dem Rechner, wollte Enter drücken – und es ging nicht. Ich habe im Büro auf der Toilette gesessen und geweint. Ich lag bei meinem Mitbewohner im Bett, weil ich allein nicht klarkam.
Was war das Schwerste daran?
Die Scham. Dieses Gefühl: Alle anderen kriegen ihr Leben hin – nur du nicht.
Und der totale Mangel an Feedback. In der Gastro sagt dir jemand: ‚Danke, schöner Abend.‘ Im Büro wartest du Monate auf eine Mail.
Wie bist du da rausgekommen?
Erstmal gar nicht. Viel geweint. Dann Freunde. Medikamente. Und irgendwann die Entscheidung: Ich muss zurück zu Menschen. Gastro. Entertainen. ‚Ey, lasst uns heute einen geilen Abend haben.‘ Das hat mich gerettet.
Hast du dir eine Pause genommen?
Drei, vier Monate. Spazieren gehen. Kaffee trinken. System runterfahren.
Was würdest du Menschen raten, die sich ähnlich fühlen?
Nach außen gehen. Nicht alles mit sich selbst ausmachen. Und Dinge tun, die Spaß machen – auch wenn man denkt, nichts macht mehr Spaß. Deine Gedanken sind nicht immer deine. Das ist die Depression.
Gab es einen Schlüsselmoment?
Wegen Kurt Krömer bin ich zur Therapie gegangen. Als er mit Thomas Sträter gesprochen hat. Dieser Satz: ‚Glaub nicht alles, was du denkst.‘ Danach habe ich mir einen Therapieplatz gesucht.
Heute geht es dir besser.
Ja. Aber diese ‚You-made-it‘-Stories finde ich schwierig. Manche kämpfen zehn Jahre. Wenn jemand nach zwei Jahren raus ist und Glück hatte, kann das eher Druck machen.
Social Media ist heute eine neue Belastung.
Total. Ich bin 10 von 10 Handysüchtig. Neun, zehn Stunden Bildschirmzeit. Zahlen, Reaktionen, Kommentare. Mein Kopf kommt nie zur Ruhe. Und das Gemeine: Es ist mein Job.
Willst du manchmal komplett raus?
Nicht komplett. Ich sehe das Suchtverhalten und nehme es in Kauf. Aber ich brauche Auszeiten. Im Januar mache ich zwei Wochen komplett offline.
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