Datenschutz & Sicherheit
Darknet Diaries Deutsch: Nackt im Netz – Teil 2
Dies ist der zweite Teil von „Nackt im Netz“. Wenn Ihr Teil eins noch nicht gehört habt, fangt am besten da an. Im Englischen Original von Jack Rhysider trägt diese Episode den Namen „Revenge Bytes“.
Weiterlesen nach der Anzeige
Die deutsche Produktion verantworten Isabel Grünewald und Marko Pauli von heise online. Der Podcast erscheint wöchentlich auf allen gängigen Podcast-Plattformen und kann hier abonniert werden.
Mit dieser Folge endet Staffel 2 der Darknet Diaries auf Deutsch. Aber keine Sorge, die dritte Staffel ist bereits in Planung und startet im Herbst 2026.
JACK: Bisher haben wir gehört, wie die Zwillingsschwestern Madison und Christine über Jahre hinweg von einer unbekannten Person massiv im Internet belästigt wurden. Was mit ein paar Nip-Slip-Fotos auf 4chan begann, eskalierte zu einer jahrelangen Hetzkampagne mit der Veröffentlichung von Privatadressen, Anrufen bei Vorgesetzten und unzähligen anonymen Drohungen. Selbst die Nacktfotos von Christine, die eigentlich nie hätten existieren dürfen, landeten im Netz – ein Verrat durch den eigenen Freund. Gemeinsam mit Christines Mann Dana fingen die beiden an, selbst zu ermitteln und sammelten Hinweise auf Plattformen wie 4chan. Im zweiten Teil verfolgen wir, wie es ihnen gelingt, dem Täter immer näher zu kommen – und welche Hindernisse sie dabei überwinden müssen, vor allem da die Polizei sich weigert zu helfen.
Die beiden Schwestern, Madison und Christine, wurden seit Jahren von einer Person oder einer Gruppe von Leuten belästig. Es wurde immer schlimmer und steigerte sich bis zu dem Punkt, an dem beide psychische Zusammenbrüche erlebten und kaum noch funktionsfähig waren. Diese Belästigung sickerte in jeden Aspekt ihres Lebens, und es hörte nicht auf. Sie hielten fest, was sie konnten, dokumentierten alles, suchten nach Hinweisen, wer dafür verantwortlich sein könnte, kamen aber bei der Aufklärung nicht wirklich weiter. Dennoch verfolgten sie das Geschehen sehr aufmerksam und beobachteten alles.
Der Täter im Freundeskreis
MADISON: Was er postet – es ist so schwer zu erklären. Wir waren so lange in dieser 4chan-Welt drin, dass es für normale Leute verrückt klingt, die wahrscheinlich – die meisten – ich wüsste das alles nicht, wäre da nicht das hier gewesen. Auf 4chan ist es anonym, aber oft haben sie ihre Gespräche dann auf Kik verlagert. K-I-K ist die Messaging-Plattform. Auch ein anonymes Messaging-System. Und ich erkläre das gerade jemandem, der das beruflich macht, also höre ich jetzt auf.
JACK: Okay, also Kik. Ein paar Dinge dazu, im amerikanischen Original-Podcast existiert ne ganze Folge über Kik. Was ich beim Recherchieren für diese Folge gelernt habe: Kik ist ein Magnet für übles Verhalten. Es ist ne Chat-App wie Discord oder Slack, aber gibt da keinerlei Moderation. Chaträume können also voller illegaler Aktivitäten sein, offen für jeden, der sie finden und teilnehmen will. Warum diese App nicht aus dem Google- oder Apple-Store verbannt wird, ist mir ein Rätsel, aber es ist sehr klar, dass Kik viele Probleme hat und im Grunde eine Geißel der Menschheit ist. Wenn diese Person also Nacktfotos von Christine und Madison auf 4chan postete, hat er manchmal seinen Kik-Benutzernamen mit angegeben. Falls jemand ihn dort als Freund hinzufügen wollte.
Weiterlesen nach der Anzeige
CHRISTINE: Wir versuchten also, diese Benutzernamen, die er hinterließ – also die Benutzernamen, die mit dem verbunden waren, was er auf 4chan postete – zu verknüpfen. Wir schauten, was diese Leute posteten. Wir sahen: Hey, schreib mich auf Kik an unter „Kik-Name hier einfügen“, fanden die, die mit diesen bestimmten Kik-Namen verbunden waren – es musste alles dieselbe Person sein. Diese bestimmte Person hatte eine sehr seltsame Art zu schreiben: Es waren drei Punkte, alles auseinander geschrieben. Nicht wie typische Auslassungspunkte, sondern Punkt, Leerzeichen, Leerzeichen, Punkt, Leerzeichen, Leerzeichen, Punkt. Einfach sehr seltsam. So reden Leute normalerweise nicht, schon gar nicht im Internet. Wir nutzten all diese kleinen Hinweise, um herauszufinden: Okay, im Großen und Ganzen – zoomen wir mal raus. Woran ist diese Person interessiert? Was postet sie?
JACK: Eine schöne kleine Spur, der man nachgehen kann, oder? Du hast jetzt einen Kik-Benutzernamen. Auf Kik selbst kann man nicht wirklich sehen, was er treibt, aber sie waren ja bereits recht vertraut darin, 4chan zu durchsuchen. Also durchsuchten sie 4chan nach diesem Kik-Benutzernamen, und das öffnete ihnen einen riesigen Schatz an Beiträgen, die er auf 4chan gemacht hatte. Natürlich mussten sie sich durch diesen ganzen Schmutz wühlen, um daraus schlau zu werden, aber sie entdeckten, dass er nicht nur die Zwillinge belästigte. Er postete auch Nacktfotos von anderen Frauen.
CHRISTINE: Wir stellten fest, es waren immer dieselben fünf Frauen und Mädchen – denn einige von ihnen waren zu der Zeit minderjährig.
JACK: Hm, interessant. Wie besessen postete er Nacktfotos derselben fünf Frauen zu posten. Er hatte dabei keine große Auswahl Fotos, die er veröffentlichte. Er ging sehr gezielt vor, konzentrierte sich ausschließlich auf diese fünf Frauen, belästigte jede von ihnen zyklisch, ging sie also nacheinander durch und kehrte dann zur ersten zurück, wodurch er jeder von ihnen das Leben zur Hölle machte. Die Frage nach dem Zusammenhang ist interessant. Sind diese fünf Frauen in irgendeiner Weise miteinander verbunden? Zunächst einmal kannten die Schwestern keines der anderen Opfer, aber es löste eine Nachforschung zu jeder dieser Frauen aus. Es war tatsächlich hilfreich, dass er ihre Telefonnummern und Social-Media-Profile gepostet hatte. Einige waren tatsächlich in Florida in der Nähe von Christine und Madison, andere jedoch in New York. Sie hatten einige Vermutungen, wer all diese Leute kennen könnte, waren sich aber nicht sicher. Es schien jemand zu sein, den sie persönlich kennen sollten, aber bei allen Personen, die sie verdächtigten, schien es einfach unmöglich, dass sie es waren. Dennoch waren die Daten, die sie von diesem Kik-Nutzer erhielten, für ihre Ermittlungen von enormer Bedeutung.
MADISON: Ja, es war einfach ein riesiger Durchbruch. Sobald das passierte und wir die Kik-Benutzernamen sortiert hatten und herausfanden, dass wir Querverweise machen konnten, war ich – oh mein Gott, zurück zum Snapchat von – zu der Zeit war das wahrscheinlich vier oder fünf Jahre her. Es war lange her. Ich ging zurück, und – als ich den Snap machte, das war direkt, nachdem ich die Nachricht „Was für ein wunderschöner Sonnenuntergang“ bekommen hatte – es war die letzte Person, die meinen Snap angesehen hatte. Ich dachte gar nicht daran, dass – oh – ich habe so schnell den Screenshot gemacht, in der Sekunde, als er mir schrieb, dass es Sinn ergibt, dass es die letzte Person war, die ihn gesehen hat, weil er drauf ging, ihn sah, mir schrieb „hey, schöner Sonnenuntergang“, ich sofort drauf ging und einen Screenshot machte – das alles passierte wahrscheinlich innerhalb einer Minute. Es ergibt also alles plötzlich Sinn: Klar, das ist diese Person. Es muss sie sein.
JACK: Wie war sein Vorname?
MADISON: Christopher.
JACK: Christopher. Sie haben es herausgefunden. Sie haben ihren Angreifer entlarvt. Es musste Christopher sein. Alle Zeichen wiesen jetzt auf ihn, und der gruselige Teil war: Sie alle kannten Christopher. Sie war schon seit Jahren mit ihm auf Snapchat befreundet, deshalb konnte er die Fotos dort sehen.
Woher kennt ihr Christopher?
MADISON: Wir kannten ihn aus dem College. Er war der Verbindungsbruder meines Schwagers Dana am College, das Christine, Dana und ich besuchten.
JACK: Moment, Dana, das ist einer deiner Freunde?
DANA: Ja, das ist richtig.
JACK: Wie war deine Beziehung zu ihm damals in der Verbindung?
DANA: Er war ein enger Freund. Er war im Haus, in dem ich in Connecticut aufgewachsen bin, hat meine Eltern kennengelernt. Wir waren zusammen auf Konzerten. Ich kannte seine Familie. Ich hab den 4. Juli, den Unabhängigkeitstag, mit seinem Vater und seinem Bruder auf Long Island verbracht. Er war jetzt nicht mein bester Freund, aber definitiv enger als die meisten. Also ein guter Freund, den ich schon über ein Jahrzehnt kannte, als das alles passierte. Er war…
CHRISTINE: Er war auf unserer Hochzeit.
DANA: Ja, er war auf unserer Hochzeit, das ist schon krass.
JACK: Was? Also…
MADISON: Mit einem seiner anderen Opfer.
JACK: Wenn ihr also diese Vorgeschichte mit ihm habt und dann sagt: Moment, ist es er? Was war dein Bauchgefühl dabei?
DANA: Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an die Nacht, in der wir herausfanden, dass er es war. Diese Nacht wird mir definits den Rest meines Lebens in Erinnerung bleiben. Ich kam von einem Flug nach Hause und bekam einen Anruf von Madison. Sonst bekomme ich nie Anrufe von Madison. Wir telefonieren nicht, wir schreiben. Wenn ich einen Anruf bekomme, dann stimmt irgendwas nicht. Ich nehme damals also das Telefon ab, und Madison sagt: Ich glaube, wir wissen, wer es ist. Ich sag: Wirklich? Sie sagt: Ja, ich bin mir ziemlich sicher. Und ich sag: Na komm, spuck’s aus. Lass mich nicht warten. Sie sagt: Yankee. Ich sage: Auf keinen Fall. Erstens ist er einer meiner engen Freunde. Zweitens dachte ich nicht mal, dass er intelligent oder technisch versiert genug war, um überhaupt zu kapieren, wie 4chan funktioniert. Wenn man ihn kennt, dann weiß man – der hätte da eine Weile für gebraucht, das herauszufinden. Er ist jetzt kein Genie, was sowas angeht. Ich sagte also zu Madison, dass nicht sein kann. Ich mein Jack, es waren ja Jahre vergangen, in denen jeder im Raum der Typ hätte sein können, und es wurden Anschuldigungen gegen so ziemlich jeden in unserem Leben geschleudert. Und dann ist es genau dieser Typ, einer deiner besten Freunde?
JACK: Ja, und ich erinnere mich, dass Madison mir Sachen erzählt hat – sie ging einfach durch die Straßen und dachte: Warum guckt mich dieser Typ so an? Ist er der Typ? All diese komischen Gefühle.
DANA: Stimmt. Das kann man sich schwer vorstellen, aber wenn deine Fotos im Internet sind und jeder Mensch in deinem Leben ein Verdächtiger sein könnte, ist dass chon schecklich. Madison hatte mehrmals Vermutungen angestellt, dass einer meiner Freunde sein könnte, und ich sagte dann halt immer: Nein, das kann nicht sein, und das tat ich dann auch in dieser Nacht: Ich sagte, auf keinen Fall. Er ist es nicht. Erstens glaube ich nicht, dass er das in sich hat. Und zweitens dachte, kapiert der das alles doch gar nicht. Aber der Gedanke geisterte dann doch in meinem Kopf herum, und ich konnte in dieser Nacht nicht schlafen. Also kam ich nach Hause und fing an, die Kik-Namen nachzuschlagen. Genauer die Kik-Namen miteinander zu verbinden, von 4chan aus. Also eigentlich nicht mal richtig auf 4chan selbst, da verschwindet sowas innerhalb von zwei Stunden. Aber auf den 4chan-Archivseiten kann man suchen, und so haben wir ihn dann mit all diesen Beiträgen verbinden können – er hatte so fünf oder sechs Kik-Namen, und ich hab einfach nach diesen Kik-Namen gesucht. Da kamen dann all diese Frauen heraus, einschließlich meiner Frau und ihrer Schwester. Eine stach da besonders heraus, das war ein Mädchen, ein junges Mädchen. Sah aus wie dreizehn, vielleicht vierzehn Jahre alt in einer Schuluniform einer Katholikenschule, gepostet vom selben Nutzer, der meine Frau und meine Schwägerin belästigte.
Ich lud also das Foto runter. Es war kein Nacktfoto. Es war einfach nur ein Mädchen. Es war Aber der dazugehörige Text, der war entsetzlich – so etwas wie: Ich will Nacktbilder von diesem Mädchen, oder ich will sie vergewaltigen. Ich lud also das Foto runter, und auf der Schuluniform war ein gesticktes Wappen oder Logo. Es war etwas verpixelt, aber ich vergrößerte es und schärfte es nach und schließlich konnte ich die Worte auf diesem Foto entziffern. Es stellte sich heraus, dass es eine katholische Mädchen-Mittelschule in Daytona war. Ich sagte also: Hm, okay, ich weiß, dass er Familie in Daytona hat. Vielleicht gibt es da einen Zusammenhang. Also ging ich auf Facebook, und innerhalb von zehn Minuten konnte ich den Namen des Mädchens und die Namen ihrer Eltern finden, identifizierte Familienmitglieder, die waren alle auf Facebook befreundet. Das war seine kleine Cousine, und da kam dann alles zusammen. Und ich dachte mir nur, ja, er ist es tatsächlich. Als ich dieses entscheidende Stück Information hatte, ging ich zurück zu den anderen Frauen, die er auf der 4chan-Seite gepostet hatte und verglich sie mit wieder mit seiner Facebook-Freundesliste. Und da wars dann: Gemeinsamer Freund – check, gemeinsamer Freund -check. Wir wussten seit dieser Nacht also ziemlich sicher, wer es war, und ich konnte es einfach nicht glauben.
JACK: Ja, ich stelle mir einen langen Blick aus dem Fenster vor. Wie – warum hatte ich diese Person überhaupt in meinem Leben?
DANA: Ja und Schuldgefühle meinerseits. Wenn die Zwillinge mich nie getroffen hätten, hätten sie diesen Typen auch nie kennengelernt. Weißt du, dieses Gewicht der Schuld, das lässt einen nicht kalt. Ich hab ihn ja ständig zu sozialen Anlässen eingeladen. Er war halt auch ein wenig ein Außenseite. Ich hab ihn häufig auch aus Mitleid eingeladen, er war ja schließlich ein Freund von mir. Ich war aber derjenige, der ihn meiner Frau und meiner Schwägerin vorgestellt hat, und er hat im Gegenzug versucht, ihr Leben zu zerstören. Da hatte ich schon auch große Schuldgefühle.
Die Opfer verbünden sich
JACK: Wow, sie haben es geschafft. Sie haben herausgefunden, wer der miese Dreckssack war, und sie standen alle irgendwie unter Schock. Dieser Typ, der auf ihrer Hochzeit war, hat das getan? Was für ein Monster. Man denkt, man kennt jemanden, aber dann passiert das. Aber Christine, als Anwältin, wollte mehr Beweise und ging weiter durch die Kik-Beiträge.
CHRISTINE: Wir fanden diesen Post, der nichts mit den Mädchen oder Frauen zu tun hatte, aber es gab da ein Foto, von dem wir annahmen, dass es sein Haus war. Wir wandten uns tatsächlich an seine damalige Verlobte und fragten: Hey, weißt du – bist du noch mit dieser Person zusammen? Ist das dein Haus, so in der Art. Sie sagte: Ja, das ist mein Haus. Sie hat uns sozusagen bestätigt, dass sie dort mit ihm gewohnt hatte. Wir hatten das also auch als Hinweis.
JACK: Okay, in Ordnung – sie haben diesen Typen jetzt wirklich überführt. Die ganze Belästigung, all die Nacktfotos, der ganze Albtraum – alles ging von dieser einen Person aus. Ja, er konnte andere dazu bringen, sich an der Belästigung zu beteiligen, aber wenn er nicht gewesen wäre, würde niemand sonst diese Frauen belästigen. Das einfach zu wissen, ist eine Erleichterung. Man hat es mit der Dunkelheit und Anonymität des Internets zu tun. Man hat keine Ahnung, wie viele Leute hinter der Belästigung stecken. Aber jetzt ist es klar. Es ist ein Typ, Christopher, und sie wissen alles über ihn. Aber er wusste nicht, dass sie ihm auf der Spur waren, und so setzte er seine Belästigungskampagne fort, rief Vorgesetzte an, schickte Nacktfotos an Freunde und bat andere, mitzumachen.
MADISON: Das Wesen der Online-Cyber-Belästigung ist, dass man nirgendwohin fliehen kann. Wenn man körperlich gemobbt oder belästigt wird, denkt man: Okay, ich kann wenigstens nach Hause rennen und mich in mein Zimmer zurückziehen und im Bett deprimiert sein. Aber man wird ständig belästigt und kann nichts zu Hause vergessen, weil es nonstop weitergeht.
JACK: Du weißt, dass es Frauen gibt, die sich deswegen umgebracht haben.
MADISON: Ja. Eins der anderen Opfer hat tatsächlich auch versucht, sich umzubringen. Eines der Mädchen hatte eine wirklich harte Zeit und versuchte ebenfalls Selbstmord.
JACK: Wow. Das ist furchtbar. Das ist, was ich meine…
MADISON: Ich fühle definitiv – ich kann es definitiv – ich will nicht sagen, oh, ich war definitiv suizidal, aber es gab definitiv Zeiten, in denen ich dachte: Lohnt sich das? Ich weiß nicht. Ich war einfach sehr down. Es war einfach hart. Und meine Zwillingsschwester da reinzuziehen – es gab tatsächlich Tage, an denen ich dachte: Ihr Leben wäre besser ohne mich darin. Ich konnte definitiv sehen, wie leicht man in einer Situation wie dieser so depressiv werden kann.
JACK: Ich habe das Gefühl, es findet jetzt ein Treffen statt, oder? Du, Madison und Christine, ihr wisst jetzt, was los ist und wer es ist. Ihr fragt euch: Wie geht’s jetzt weiter, oder?
DANA: Ja genau. Es war eine ziemlich heikle Situation. Wir hatten ja zuvor schon nur sehr begrenzten Erfolg mit den Strafverfolgungsbehörden, also, dass die sich irgendwie um den Fall kümmern. Bislang hatten die sich da nicht wirklich für interessiert. Aber wir entschieden dann als Gruppe, dass die einzige echte Chance, irgendeine Aufmerksamkeit zu bekommen, letztendlich vor allem durch die Zahl der Opfer gegeben war. Wir wussten, dass es etwa fünf weitere Frauen und Mädchen gab, die zur gleichen Zeit belästigt wurden. Die also auch durch die Hölle gehen mussten. Um eine Strafverfolgung erreichen zu können, mussten wir aber verhindern, dass er die Daten auf seinen Festplatten löschen konnte. Wir wollten auch nicht unbedingt, dass er sofort aufhört und im quasi Nichts verschwindet. Wir mussten also ziemlich vorsichtig sein – im Hintergrund bleiben, aber trotzdem auch die anderen Frauen mit uns zusammenbringen und das alles ohne ihn vorzuwarnen. Das war dann unser nächster Schritt: herauszufinden, wie wir das anstellen konnten.
CHRISTINE: Ja, und um das mit dem Post mit der zu sehenden Veranda zu verbinden: Seine damalige Verlobte – wieder eines der Opfer – manchmal postete er gelegentlich seltsame Dinge wie Nacktbilder von sich selbst, ohne Gesicht, einfach verschiedene Fetische oder Wünsche. In diesem speziellen Fall mit der Hinterveranda – seine damalige Verlobte – das ist ihr gemeinsames Zuhause – ihre Aussage ist in dem Moment ziemlich wichtig: Hey, bestätige, das ist deine Hinterveranda. Wir wollten sie wirklich einbeziehen, aber sie ist seine aktuelle Verlobte. Können wir dieser Person trauen? Man versucht zu denken, wie man in einer Situation reagieren würde, aber ohne die Person auf der anderen Seite zu kennen – wir kennen sie nicht persönlich. Wir kannten keine dieser Frauen. Wir wussten also nicht, wie sie auf irgendetwas davon reagieren würden. Wir waren uns nicht ganz sicher, wann – oder ob – wir sie überhaupt einbeziehen sollten. Letztendlich entschieden wir, dass wir alle zusammenkommen müssen. Einzeln kümmern sie sich nicht, aber wenn wir zusammenkommen können und zeigen, dass dies ein größeres Problem ist als nur eine Person, die belästigt wird, und dass dies ein Problem für die Gesellschaft als Ganzes ist, werden sie uns vielleicht ernst nehmen. Da war es, als wir uns mit ihnen über alle Social-Media-Plattformen oder Kontaktinformationen, die wir finden konnten, in Verbindung setzten und sie zu diesem Zeitpunkt einweihten.
MADISON: Zwei der Mädchen hatten ihn auch früher schon ertappt, und das war, bevor wir mit den sechs Opfern in Kontakt standen. Eines der Mädchen war eine seiner Ex-Freundinnen aus dem College, sie wusste offensichtlich, woher die Fotos kamen. Sie war ziemlich sicher, dass er es war, und sie fühlte sich auch seinem Vater nahe genug – sein Name ist John – sie fühlte sich nahe genug, um sich an ihn zu wenden und ihm zu sagen: Hey, Chris macht wirklich schlimme Sachen. Er postet Bilder von mir. Es gibt Tausende von Beiträgen. Er muss aufhören. Ich werde die Polizei einschalten, aber kannst du mir bitte helfen? Er versprach ihr, dass er mit ihm reden würde, ihn in eine Therapie schicken würde, ihm helfen würde – bitte, erstatte einfach keine Anzeige. Das Gleiche passierte einem anderen Opfer, einer Familienfreundin. Sie grenzte tatsächlich ein, dass er es war, einfach durch die Art, wie er Satzzeichen benutzte. Er benutzte drei Punkte und ein Leerzeichen, und ich dachte: Wow, daran hast du gedacht? Das ist eigentlich richtig gut.
Sie hat es buchstäblich nur dadurch eingegrenzt und es dann auf Facebook Messenger angesprochen. Sie – also Chris und sein Vater und sein Bruder, beide John – überzeugten sie, keine Anzeige zu erstatten, wenn er versprach aufzuhören. Sie sagt: Du musst dir Hilfe holen. Ich bin schon sehr lange eine Familienfreundin. Du bist mir wichtig, ich liebe dich und deine Familie. Ich will, dass du dir Hilfe holst. Zu diesem Zeitpunkt wusste sie nicht, in welchem Ausmaß es andere Leute betraf. Sie dachte, sie sei die Einzige. Sie fühlte sich also schrecklich, als wir alle sie kontaktierten und ihr erzählten, was los war. Aber sie wollte in unserer Gruppe sein und helfen. Wir hatten also tatsächlich all die Geständnisse von ihm, dass er es zugab, und seinen Bruder, der zugab, dass er wusste, dass er das tut, und sich um Hilfe für ihn kümmern würde. Tatsächlich haben sie das nie getan. Er hat noch viele Jahre danach unschuldige Frauen und Kinder belästigt.
JACK: Sie haben also alle Opfer auf einen Stand gebracht, sechs insgesamt, und sie alle hatten die Schnauze voll davon, von diesem Typen belästigt zu werden. Sie waren schockiert, dass Christopher derjenige war, der dahintersteckte, weil sie ihn alle kannten.
DANA: Es gab noch ein paar andere Frauen, mit denen wir nie Kontakt aufgenommen haben, von denen er auch…
CHRISTINE: Ja, ja.
DANA: …ja, versuchte, Nacktfotos zu bekommen, aber wir hatten zu diesem Zeitpunkt schon genug Material.
Die Anzeige
JACK: Christine erstellte einen ziemlich überzeugenden Beweisordner, den jede der Frauen mit zu ihren eigenen Polizeidienststellen nehmen und der Polizei übergeben konnte.
CHRISTINE: Ich stellte einen Ordner mit Fakten und Indizienbeweisen zusammen – wir hatten zu diesem Zeitpunkt keine rechtskräftigen Beweise. Das waren alles irgendwie Indizienbeweise zu diesem Zeitpunkt. Als wir die anderen Mädchen einbezogen, hatten wir natürlich Screenshots einiger Geständnisse und so etwas, also ziemlich substantielle Indizienbeweise, aber nichtsdestotrotz Indizien. Keine Vorladungen zu diesem Zeitpunkt oder so etwas. Dana und Madison und ich stellten also dieses kleine „Rache-Pornos für Dummies“ zusammen, sozusagen. Aufgrund unserer Erfahrung mit dem Betreten der Sheriff-Dienststelle wussten wir, dass das ein Kampf werden würde – dann lasst uns wenigstens mit dem Gesetz bewaffnet sein. Lasst uns Recht haben. Lasst uns die Gesetze ausgedruckt und vor uns liegen haben. Sie müssen uns doch zuhören, oder? Wir stellten also diesen kleinen Ordner zusammen. Wir hatten Hintergrund, wir hatten jedes einzelne Opfer und einen Ausschnitt seiner Hintergrundgeschichte, wir hatten jedes potenzielle Gesetz, das ich sah, das aus jeder Gerichtsbarkeit potenziell verletzt werden könnte, einschließlich Bundesgerichtsbarkeit.
JACK: Ja, lass uns mal einen Schritt zurückgehen. Ich möchte hier kurz innehalten, denn das finde ich faszinierend – schließlich ist das dein Spezialgebiet. Ich wette, du hast viel Zeit damit verbracht. Kannst du kurz erklären, was er deiner Meinung nach getan hat, das gegen das Gesetz verstößt?
CHRISTINE: Ich bin zu diesem Zeitpunkt eine sehr, sehr junge Anwältin. Wie gesagt, erstes Jahr, oder? Ich glaube also, ich sei der Hammer, weiß aber eigentlich nicht so viel. Aber ich habe Internetrecht und Social-Media-Recht und ähnliches in der Jura-Schule belegt, was mich interessierte, und man hat zumindest dieses Basiswissen, wo man das Gesetz finden kann. Ich war also mit dem Florida-Statut vertraut, weil – wieder – das interessierte mich einfach, und ich dachte, es sei ein Schritt in die richtige Richtung.
JACK: Okay, also: Dieses 2015 in Florida verabschiedete Gesetz besagt, dass das Delikt der sexuellen Cyberbelästigung vorliegt, wenn eine Person ein sexuell eindeutiges Bild einer anderen Person zusammen mit personenbezogenen Daten der abgebildeten Person ohne deren Einwilligung, ohne legitimen Grund und in der Absicht, der abgebildeten Person erhebliches seelisches Leid zuzufügen, auf einer Website veröffentlicht. Bumm. Perfekt. Er hat definitiv dagegen verstoßen. Aber sie hat ihre Hausaufgaben gemacht, sie wollte sich nicht nur auf ein einziges Gesetz stützen. Da er Nacktfotos von minderjährigen Mädchen veröffentlichte, verstieß er auch gegen Gesetze zur Kinderpornografie. Da er die Vorgesetzten und Eltern der Leute anrief und so weiter – warum nicht auch noch Stalking mit reinnehmen? Und, verdammt, es gibt sogar ein Gesetz über schweres Stalking, das eine Straftat darstellt, und wenn er eine Minderjährige stalkte, würde das als schweres Stalking gelten. Aber Christopher lebte im Bundesstaat New York, also spielten all diese Gesetze aus Florida vielleicht gar keine Rolle. Also studierte Christine die Gesetze in New York, um herauszufinden, gegen welche er dort verstoßen hatte. Sie fand Gesetze wie Förderung sexueller Handlungen Minderjähriger, Erpressung, unrechtmäßige Überwachung, Verbreitung von unrechtmäßig aufgenommenem Bildmaterial und Stalking. Okay, das waren also die Landesgesetze, gegen die er ihrer Meinung nach verstoßen hatte, aber gibt es irgendwelche Bundesgesetze, auf die sie verweisen kann?
CHRISTINE: Es gibt kein Bundesgesetz für Rache-Pornos oder sexuelle Cyber-Belästigung oder so etwas, aber es gibt Verbote gegen Cyber-Stalking und Cyber-Belästigung.
JACK: Super. Ja, mach einfach weiter. Also, du legst ihnen dieses ganze Wissen vor. Du legst es ihnen vor und sagst: Hier sind die Indizien, die wir gegen ihn haben. Hier sind die Gesetze, gegen die er unserer Meinung nach verstößt…
DANA: Und hier ist der Typ, hier ist der Kerl, der das macht. Ihr müsst nicht mal rausgehen und herausfinden, wer es ist. Wir haben es schon getan. Bitte tut etwas.
CHRISTINE: Ja.
JACK: Okay, und was haben sie gesagt?
CHRISTINE: Dana war eigentlich auch dort mit mir. Ich marschiere mit meinem kleinen Ordner rein, und nochmal, ich hoffe, dass die meisten Leute nie ein Verbrechen wie dieses melden müssen, aber wenn man hingeht, will man offensichtlich nicht 911 anrufen. Man geht zur Polizeiwache.
JACK: Und du gehst mit deinem besten Anwalts-Outfit hin…
CHRISTINE: Ja. Ich kam wahrscheinlich ehrlich gesagt von der Arbeit, also hatte ich schon meine Anwältinnen-Uniform oder mein Kostüm an, weißt du?
JACK: Okay, also – du rufst nicht 911 an. Du gehst – was machst du?
CHRISTINE: Du gehst auf die – also, theoretisch könntest du die Nicht-Notruf-Linie anrufen, aber du gehst zur Polizeiwache. Es gibt einen Schreibtisch mit einem Polizisten, der entweder hoffentlich neu ist oder etwas wirklich Schlimmes getan hat, um diese Position zu bekommen, weil man einfach nur hinter einem Schreibtisch sitzt. Du gehst hin, und sie sind gelangweilt. Sie sitzen einfach nur da. Du sagst: Ich möchte ein Verbrechen melden und einen Polizeibericht ausfüllen. Dann verhören sie dich, es ist echt ein Verhör. Was ist passiert? Ich sage: Ich habe das Ganze zusammengestellt, sodass Sie es einfach lesen können. Tatsächlich habe ich eine Kopie gemacht. Hier, hier ist eine Kopie. Es wird durchgeblätter– hm, das ist kein Verbrechen. Wie sind Sie an die Fotos gekommen? Un dich frage mich: Ich denke: Wo sind deine Qualifikationen? Können Sie das einfach an einen Detective weitergeben und ihn entscheiden lassen, ob das ein Verbrechen ist oder nicht? Nicht um unhöflich zu sein, aber ich vertraue Ihrem Urteilsvermögen einfach nicht, wenn dein Job es ist, hinter dem Schreibtisch zu sitzen. Bringen Sie zu einem echten Detective, bitte. Letztendlich waren wir über eine Stunde dort und bettelten ihn nur an, mich einen Polizeibericht ausfüllen zu lassen, einfach um – für die Gelegenheit und das Privileg, diesen Polizeibericht auszufüllen.
JACK: Ich stelle mir vor, dass sie einfach nur sagen: Oh, hier ist ein Formular. Fülle es aus, und dann tschüss.
CHRISTINE: Ja.
JACK: Sie unternehmen also nichts. Aber sie haben dir nicht einmal erlaubt, ein Formular auszufüllen?
CHRISTINE: Nein, und das hat mich auch schockiert. Ich denke: Geben Sie mir wenigstens das Formular. Letztendlich verlangte ich also, das Formular zu bekommen. Da war er einfach genug damit fertig, mit mir zu reden, da bin ich mir sicher, und gab mir das Formular zum Ausfüllen.
JACK: Okay, das war also deine Erfahrung. Wie ist es den anderen Frauen ergangen?
CHRISTINE: Sechs von uns gehen in Polizeidienststellen, verstreut über das ganze Land – zwei in New York, eine in Zentralflorida, eine in Daytona, Madison in Melbourne und ich in Manatee County, und zwei von uns kamen mit Polizeiberichten zurück. Zwei.
JACK: Was? Oh Mann, das ist so frustrierend. Polizei? Hallo, Polizei? Was macht ihr da? Wie könnt ihr diese Frauen abweisen, die euch jeden noch so kleinen Beweis vorgelegt haben, um ne Festnahme zu erreichen. Beweise, die ganz klar zeigen: „Da, das ist er, Herr Wachtmeister.“ Das ist ein klarer Fall, und ihr tut nichts. Come on. Ich bin gerade so wütend. Äh, ich muss – ich brauche ne Minute. Ich lege nur kurz meine Kopfhörer ab. Ich gehe kurz weg.
CHRISTINE: Und es schaffte es zu einem Detective, und letztendlich schaute der Detective sich das an und sagte: Ja, wir sind nicht in der Lage, das zu bearbeiten. Ich werde das an die örtliche FBI-Niederlassung schicken. Mein Manatee County Sheriff’s Department ist das einzige von den sechs, das tatsächlich das Richtige getan hat und den Fall an die richtige Gerichtsbarkeit weitergeleitet hat. Wenn er nicht gewesen wäre, könnten sie immer noch nur als örtliche Polizeiberichte herumliegen, was wahnsinnig ist, wenn man darüber nachdenkt, oder?
JACK: Ja. Ja, das ist wirklich in vielerlei Hinsicht frustrierend.
CHRISTINE: Ja. Und ein Lob an das FBI, denn die sind großartig, sobald man tatsächlich zu ihnen durchdringen kann.
JACK: Ja. Das FBI denkt sich also: „Wow, hier wurde viel Arbeit geleistet, aber das sind nur Indizien. Wir werden direkte Beweise beschaffen.“ Also fangen sie an, Vorladungen zu verschicken …
CHRISTINE: Also…
JACK: …oder?
CHRISTINE: Nein. Also, okay, das ist der interessante Teil davon – es ist ein juristisch nerdiger interessanter Teil. Ich bin sicher, ihr alle habt verschiedene Teile, die ihr faszinierender findet als andere.
JACK: Lass uns nerdig werden. Ich find’s gut.
CHRISTINE: Aber das ist es, was am Mangel an polizeilicher Intervention und Strafverfolgungsintervention so frustrierend ist – wenn man in der Strafverfolgung ist, hat man die inhärente Befugnis, wirklich, mit hinreichendem Verdacht Vorladungen herauszuziehen.
JACK: Also, gehen wir mal nen Schritt zurück. Sie haben die Polizei endlich dazu gebracht, diesen Bericht freizugeben, aber die ganze Zeit über haben sie versucht, so viele Beweise wie möglich gegen den Typen zu sammeln. Nun kann die Polizei unter anderem eine Vorladung an 4chan, Kik oder eine dieser Websites schicken und sagen: „Hey, wir wollen die Daten zu diesem Nutzer“, und diese Websites müssen sich an US-Recht halten, wenn sie ihren Sitz in den USA haben. Sie würden der Polizei die Daten des Nutzers ohne Umstände aushändigen. Aber wenn Christine Informationen über einen Nutzer will, würden sie das nicht tun. Sie hat nicht die Vorladungsbefugnis, die die Polizei hat. Allerdings hat sie einen Trick auf Lager, um diese Befugnis zu erlangen.
CHRISTINE: Ich kann eine Klage einreichen, dann ein Beweisverfahren einleiten und anschließend die Befugnis nutzen, verschiedene Personen oder Organisationen vorzuladen und dergleichen. Also mussten Madison und ich letztendlich eine Klage einreichen.
JACK: Das war eine Zivilklage, die sie bereits eingereicht hatten, noch bevor sie wussten, dass es sich um Christopher handelte. Sie waren so frustriert, dass die Polizei ihnen nicht half, und dachten sich: Na gut, dann besorgen wir uns die Vorladungsbefugnis eben selbst. Das würde zwar etwas mehr Zeit und Geld kosten, aber sie mussten etwas gegen den Typen unternehmen. Aber hier liegt das Problem: Sie kannten seinen Namen nicht, als sie die Zivilklage einreichten, also reichten sie sie einfach gegen „John Doe“ ein. Im Grunde wollten sie die Gerichte nutzen, um Vorladungen ausstellen zu können, um ihren Belästiger zu identifizieren. Aber es gibt noch ein weiteres Problem: Sobald die Vorladung eintrifft, wird die Website Christopher wahrscheinlich darüber informieren, dass ein Verfahren gegen ihn läuft, und er wird sehen können, wer es angestrengt hat. Die Schwestern wollten also nicht ihre Namen als Opfer in der Klage angeben, sondern die Klage anonym einreichen, was meiner Meinung nach auch in Ordnung sein sollte, da sie die Opfer sind. Gerichte sollten Opfer in solchen Fällen schützen, oder?
CHRISTINE: Das Gericht lehnte unseren Antrag dazu ab, also mussten wir damals die Entscheidung treffen, ob wir es fallen lassen oder die Klage mit unseren rechtlichen Namen darin neu einreichen wollten, wissend, dass das für immer bei Google sein würde, wenn man unsere Namen googelt. Du kannst reingehen und dir all das lustige Drama des Falls anschauen, weil – das Aktenverzeichnis ist da –, während die anderen Opfer in dem Fall geschützt sind. In dem Strafverfahren wirst du bemerken, dass es die Initialen aller sind, und das schützt die Opfer eines Verbrechens.
JACK: Das ist eine ganz andere Frusttrationsebene: Sie haben dir verweigert, anonym zu bleiben – oder zumindest nur mit Initialen in der Klage aufzutreten –, aber das, ja, das macht dich für alle möglichen anderen Probleme angreifbar.
CHRISTINE: Korrekt. Also…
JACK: Besonders, wenn du das Opfer bist. Oh, Mann.
CHRISTINE: Ja, aber – und nochmal, durch den Zivilprozess wird man fast so behandelt, als ob man eine Goldgräberin ist, die nach Geld sucht oder so etwas. Die gegnerischen Anwälte, der Magistrat, die Richter, alle handeln, als wäre das der lächerlichste Fall, und es war einfach sehr frustrierend, und auch sehr augenöffnend – als junge Anwältin – und einfach von der anderen Seite zu sehen, wie das System wirklich überhaupt nicht eingerichtet ist, dir zu helfen.
JACK: Zu diesem Zeitpunkt war Christopher durchaus bewusst, was vor sich ging. Er wusste, dass sie alle wussten, dass er es war, und dass sie darüber redeten. Ich glaube, sein Vater sagte zu allen: „Okay, beruhigt euch alle mal.“ Ich werde mit Christopher reden und ihn dazu bringen, damit aufzuhören. Es tut mir leid. Aber ein Versprechen nach dem anderen wurde gebrochen. Er hörte nicht auf. Er machte einfach weiter. Er entschuldigte sich sogar und gab es ein paar Mal zu, machte dann aber weiter. Er war irgendwie süchtig danach, die Frauen zu belästigen. Selbst mit Klagen, selbst mit laufenden Strafverfahren hörte er einfach nicht auf. Zum Glück gelang es ihnen, das FBI auf diesen Fall aufmerksam zu machen.
DANA: Ich möchte nochmal betonen, dass die Minderjährige, die Vierzehnjährige, unglaublich wichtig für diesen Fall ist. Das Sheriff’s Office von Manatee County hat offensichtlich das Richtige getan, als es den Fall an das FBI weiterleitete. Ich glaube aber nicht, dass irgendjemand sich auch nur im Ansatz darum geschert hätte, wenn nicht eine Minderjährige unter den Opfern gewesen wäre.
MADISON: Ja, das ist ein Teil davon, ganz sicher.
DANA: All diese Frauen haben schreckliche Dinge durchgemacht. Ich meine, seine Ex aus dem College hat sich mehrfach versucht, seinetwegen zu suizidieren. Das ist einfach schrecklich. Er fotografierte seine Verlobte in ihrem privaten Zuhause und postete es dann im Internet, um sich daran aufzugeilen. Das ist echt furchtbar. Und was er meiner Frau und meiner Schwägerin angetan hat, die nichts mit diesem Typen zu tun hatten, das ist einfach schlimm. Aber trotzdem glaube ich, dass das Ganze bedauerlicherweise niemanden interessiert hätte, wäre nicht das minderjährige Mädchen unter dern Opfern. Die Beiträge ja waren abscheulich. Er versuchte im Grunde, jemanden auf 4chan zu engagieren, um sie zu vergewaltigen und das zu filmen und ihm dann zu schicken. Ich glaube, dass das letztendlich die Aufmerksamkeit auf den Fall gelenkt hat.
JACK: Igitt. Was für ein Chaos an jeder Ecke. Also, gott sei Dank schaute sich das FBI das an. Wir haben ein Monster auf freiem Fuß. Schnappt ihn euch.
MADISON: Ja, also mussten sie im Grunde all unsere Vorladungen neu erstellen, die meine Schwester und ich gemacht hatten. Auf der zivilen Seite verschickten wir Vorladungen in unserem Namen, auf der zivilen Seite, so hatten wir all die Informationen, die wir zu den Polizeidienststellen bringen konnten. Wir gaben ihnen offensichtlich diese Informationen, aber aus ermittlungstechnischer Sicht müssen sie sie immer noch neu erstellen. Aber es war eigentlich schon getan, also war es ein guter Anfang für sie. Sie sagen den Opfern nicht viel, also weiß ich nicht, ob sie in ihrer Suche mehr fanden, aber sie haben definitiv unsere Vorladungen an die verschiedenen IPs und IP-Adressen neu erstellt und kamen schließlich dazu, eine Festnahme vorzunehmen.
Der Tag der Abrechnung im Gerichtssaal
JACK: Festgenommen. Gott sei Dank. Mehr Schwierigkeiten könnte ich auch nicht verkraften. Tatsächlich war die Festnahme ein Nicht-Ereignis. Es war eher so, dass er selbst zur Polizeiwache ging, um mit ihnen zu reden, sie haben ihn registriert, und dann ist er wieder nach Hause gegangen. Aber zumindest ist der Täter identifiziert und die Gerichtstermine wurden festgelegt. Wenn man diesen Schwestern zuhört, glaube ich nicht, dass er von sich aus hätte aufhören können. Er war einfach zu tief darin verstrickt. Aber das Erstaunliche ist, dass diese beiden Schwestern unerbittlich zurückschlugen. Und da Christine Anwältin war, wusste sie, welche Wege man einschlagen und welche Gesetze man anwenden konnte, um dagegen vorzugehen. Der Durchschnittsbürger weiß einfach nicht, dass man eine Zivilklage nutzen kann, um Gerichte dazu zu bringen, Vorladungen für einen auszustellen, und diese Informationen dann gleichzeitig nutzen kann, um ein Strafverfahren einzuleiten. Die Tatsache, dass sie nicht nur versuchen wollten, einen Fall anzustrengen, sondern dass sechs verschiedene Frauen gleichzeitig Verfahren gegen diesen Mann einleiten konnten – das ist einfach eine brillante Arbeit von ihnen. Wie lautet der Spruch, den sie so gerne sagen?
CHRISTINE: Wir lösen jeden Fall noch vor dem Abendessen. Das Abendessen war zufällig zehn Jahre später, also wären wir verhungert.
DANA: Ja, das hat über zehn Jahre gedauert…
JACK: Zehn Jahre? Wer in aller Welt hat die Energie und den Antrieb, dieselben Frauen zehn ganze Jahre lang zu belästigen? Dieser Typ offenbar, Christopher. Was mit ihm passierte? Also, er wurde verhaftet. Es gab offensichtlich jede Menge Beweise für seine Verbrechen, darunter auch, dass er sich gegenüber seinen Opfern gestanden und versprochen hatte, damit aufzuhören. Als er vor Gericht steht, bleibt ihm also nichts anderes übrig, als sich schuldig zu bekennen, was bedeutet, dass kein Prozess nötig war. Das alles kann man überspringen, da er es ja zugibt. Aber es gibt immer noch das Gerichtsverfahren, um seine Strafe festzulegen, eine Strafzumessungsverhandlung. Dieser Mann hat diesen Frauen eindeutig großen Schaden zugefügt, aber können die Frauen Einfluss darauf nehmen, wie hoch das Strafmaß ausfällt? Und ob sie das können.
CHRISTINE: Er hat sich mit den falschen Damen angelegt.
JACK: Christine wollte, dass alle Opfer während der Urteilsverkündung in den Gerichtssaal einziehen und sich zu Wort melden, um dem Richter klarzumachen, welche Verletzungen er angerichtet hat, denn schließlich liegt es am Richter, das Strafmaß zu bestimmen, und dies ist ihre einzige Chance, sich Gehör zu verschaffen. Wann haben Sie ihn vor dem Prozess zum letzten Mal gesehen?
CHRISTINE: Oh, Gott. Auf meiner Hochzeit.
JACK: Okay.
CHRISTINE: Ja.
JACK: Als du ihn dann im Gerichtssaal gesehen hast – wenn du da reinkommst, siehst du ihn ja. Hattest du da ein bestimmtes Gefühl?
CHRISTINE: Ich glaube wirklich nicht, und wenn ich es hatte, habe ich es verdrängt, weil ich glaube, es war so viel Zeit vergangen, dass – wenn überhaupt, dachte ich nur: Oh, er sieht beschissen aus. Weißt du?
JACK: Ja. Ich denke, das ist einfach…
CHRISTINE: Ich sagte – ich glaube, meine genauen Worte waren: Oh, sie lassen ihn nicht verhungern. Er war sehr fettig.
MADISON: Es war einfach – es war ein komisches Gefühl. Es ist erschreckend in gewissem Sinne, weil du diese Person im echten Leben siehst. Seine Familie ist im echten Leben da. Du weißt, dass du hochgehen und mit dem Richter sprechen und deinen Fall im echten Leben darlegen musst, ohne zu wissen, was der Richter über die Situation denkt, oder ob er die Situation überhaupt ganz versteht. Es ist ein sehr neues Verbrechen, also gibt es nicht viele Beispiele für solche Fälle, an denen man sich orientieren kann. Es ist einfach erschreckend von allen Seiten. Du hast – musst zufällige andere Leute haben, die du nicht mal kennst, die deine Opfer-Stellungnahme anhören müssen. Es ist einfach – erschreckend ist das einzige Wort, an das ich denken kann.
JACK: Gab es irgendwelche komischen Fragen, die der Richter gestellt hat, an die du dich erinnerst?
MADISON: Oh mein Gott, also, der Richter stellte so viele Fragen, und es war so erschreckend, weil sie zunächst irgendwie ein bisschen opfer-beschämend klangen, und ich dachte: Oh mein Gott, wird er – ist es das? Ist das die Art von Richter, der sagen wird: Nun, nein, das ist alles deine Schuld? Ich hatte das buchstäblich im Kopf. Ich erinnere mich, dass ich bei einigen seiner Fragen ein bisschen defensiv war, weil er meine Opfer-Stellungnahme unterbrach, die – sie war sehr lang, aber er unterbrach mit Fragen, sobald sie ihm einfielen. Ich dachte also: Er lässt mich nicht mal ausreden und platzt einfach mit Fragen heraus, während ich diese Opfer-Stellungnahme vorlese. Es war so beunruhigend. Dann stellte sich heraus, dass er einfach so verwirrt war über die ganze Situation, warum er das tat, und er war eigentlich wirklich aufgebracht über alles, was er getan hatte, aber er zeigte es, indem er viele Fragen stellte, und es war so nervenaufreibend. Im Gericht sagte der Richter: Was ist ein Nip-Slip? Ich sagte: Es ist genau das, wonach es klingt. Deine Brustwarze rutscht aus dem Hemd oder was du auch immer trägst.
JACK: Die Opfer machten ihre Aussagen. Und die waren gut. Christopher wurde klar, dass es für ihn überhaupt nicht gut lief.
CHRISTINE: Er darf nach uns allen sprechen, also hatten wir das ganze dramatische Sich-zu-uns-Wenden und sich zuerst bei Dana zu entschuldigen, übrigens, das war witzig. Aber er dreht sich zu uns und der Menge um, und der Bundesanwalt und die FBI-Agenten stehen irgendwie zwischen uns, wie: Komm nicht näher. Wie – ich werde dich umtreten, in der Art. Und das „Es tut mir leid, es tut mir leid“, der dramatische Effekt und das alles.
JACK: Der Richter erklärte, dass das Strafmaß in solchen Fällen zwischen drei und sechs Jahren liege. Der Verteidiger plädierte für das untere Ende, der Staatsanwalt für das obere.
DANA: Ich erinnere mich, dass wir alle im Flur miteinander redeten und dachten: Wenn er wenigstens fünf Jahre bekommt, da wären wir schon sehr glücklich.
JACK: Da die Opfer-Stellungnahmen so lange dauerten, mussten sie an einem zweiten Tag wiederkommen, nur um das Urteil zu hören. Am nächsten Tag kommen sie also alle wieder in den Gerichtssaal. Sie setzen sich. Sie bitten Christopher aufzustehen, während der Richter ihm das Urteil vorliest. Der Richter verurteilte ihn zu fünfzehn Jahren Gefängnis.
MADISON: Es war – wir alle einfach – es war ich, meine Schwester, Dana, einer unserer Freunde war gekommen, um uns zu unterstützen, und mein Freund, jetzt Verlobter, Bryce. Wir waren da drin, und ich atmete buchstäblich nur schwer ein und griff nach der Hand meines Verlobten und dachte: Oh mein Gott, wir haben es geschafft.
CHRISTINE: Oh ja, es war super dramatisch.
JACK: Dana, hast du geweint, als sie das Urteil verkündeten?
DANA: Ja, hab ich. Ich glaube, wir alle haben da eine Mengen an Emotionen gefühlt. Da war eine Person, die ich fast zwei Jahrzehnte lang gekannt und an einem Punkt liebgehabt habe. Diese Person war es aber auch, die meiner Familie einen der schlimmsten emotionalen Schäden zugefügt hat, die man sich vorstellen kann. Das gepaart mit dem, wie lange und hart man dafür gearbeitet hat – all die Nächte, die wir bis 4 Uhr morgens damit verbracht haben, diesen Fall zusammenzubauen, das Material zu sammeln, damit die Strafverfolgungsbehörden irgendetwas unternehmen. Und das alles, um dann am Ende vor Gericht jemanden zu sehen, den man einmal liebgehabt hat, dessen Leben nun im Gefängnis weitergeht. Das alles passiert in ein und demselben Moment im Gerichtssaal. Das war schon überwältigend. Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich so reagieren würde, aber ich tat es.
CHRISTINE: Ja, ich glaube nicht, dass ich mich daran erinnere, dass du geweint hast. Ich bin sicher, dass du es getan hast. Ich erinnere mich, dass Madison weinte. Ich erinnere mich auch, dass Madison während ihrer Opfer-Stellungnahme weinte. Ich glaube, ich hatte mich kompartimentalisiert, im Anwalts-Modus zu sein, also glaube ich nicht, dass ich überhaupt emotional wurde. Ich war einfach steingesichtig, aber ich war definitiv aufgeregt.
DANA: Du starrst ihm einfach in die Augen, so, ja.
CHRISTINE: Ja, ich starrte ihn nur an, sogar als er sein ganzes Ding machte. Aber ja, ich glaube – ich erinnere mich definitiv daran, dass ich mich aufgeregt fühlte, wie: Wow, dieser Richter hat uns zugehört und war völlig schockiert und ungläubig darüber, wie schlimm das war, und ich glaube, es war einfach diese Bestätigung, sogar. Wie Dana sagte, da steckt so viel Schweiß und Tränen drin, von allen Aspekten, dass es einfach mehr als alles andere bestätigend war: Wow, wenn man es im richtigen Forum platziert, kann man – kann man einen Unterschied machen, und sie kümmern sich. Wir haben einen Unterschied gemacht, weißt du?
JACK: Auch wenn der Strafrahmen bei drei bis sechs Jahren lag, liegt es im Ermessen des Richters, die Strafe zuzuweisen, und er war anscheinend so bewegt von den Opfern, dass er im Grunde das obere Ende des Rahmens verdreifachte und ihm fünfzehn Jahre gab. Unglaublich. Fünfzehn Jahre Gefängnis für Cyber-Belästigung. Whoa, das ist ganz schön viel, oder? Ist es zu viel? Moment, er hat zehn Jahre damit verbracht, Madison zu belästigen, ihr Leben zur Hölle zu machen. Das ist eine lange Zeit, in der jemand leiden muss, und das ist nur eine Person. Wow, was für ein Ende. Die Opfer haben endlich einen Sieg errungen. Aber sorry, das ist nicht das Ende.
Der letzte Akt
JACK: Der Verteidiger entdeckte einen Fehler im Urteil; einen Verfahrensfehler. Es hatte etwas mit dem Strafrahmen zu tun. Sie behaupteten, der ursprüngliche Strafrahmen sei falsch berechnet worden, was möglicherweise die Entscheidung des Richters über das Strafmaß beeinflusst habe. Das bedeutete, dass der Fall wieder aufgenommen wurde und ein neuer Richter hinzukommen musste, um sich den Fall anzusehen und ein neues Urteil zu fällen. Gerade als sie dachten, sie hätten das hinter sich und der Heilungsprozess könne beginnen, wurden die Schwestern und andere Opfer wieder in den Fall hineingezogen. Die Wunden wurden erneut aufgerissen. Der Schmerz und die Angst wurden noch einmal spürbar.
CHRISTINE: Ja. An diesem Punkt – nochmal, wahrscheinlich ein Charakterfehler, aber wir sind nur wie: Das ist witzig an diesem Punkt. Zumindest fühle ich mich so. Ich denke: Das ist schrecklich, aber man muss lachen, oder? Was sind die Chancen? Also, ja, wir mussten zurückgehen und eine Verurteilung machen. An diesem Punkt bin ich schwanger, also hofften wir, dass es nicht in einer ungelegenen Zeit war, aber letztendlich mussten wir fast ein Jahr später zurückgehen, glaube ich. Dana, denkst du, das stimmt?
DANA: Ja, es war ein bisschen mehr als ein Jahr nach dem ersten Urteil. Und ja, ich konnte es nicht fassen. Ich dachte mir nur, so kommt er jetzt davon. So kommt er davon. Wir hatten diesen einen Richter, dem das alles mal nicht egal war, der alle Faktoren in Betracht zog und verstand, was da wirklich passiert war. Und auch zu einem aus unserer Sicht angmessenen Urteil kam. Und jetzt, jetzt sollten wir wieder an einen anderen Richter geraten, der wahrscheinlich überhaupt nicht verstand, was alles passiert war. Ich meine, die waren auch alle einfach alt, die verstehen nicht, was für schlimme Dinge im Internet vor sich gehen.
MADISON: Es war so frustrierend.
JACK: Alle Opfer mussten den ganzen Weg zurück zum Gericht auf sich nehmen und ihre Traumata erneut durchleben, indem sie ihre Opferauswirkungen-Erklärungen noch einmal vorlesen mussten. Noch mehr Tränen. Noch mehr Emotionen. Verdammt, ich würde sogar sagen, dass diese Wiederaufnahme des Verfahrens die Opfer erneut zum Opfer macht.
CHRISTINE: Glücklicherweise stimmte der Richter mit der Entscheidung des ursprünglichen Richters überein, dass es ein schreckliches Verbrechen war, dass er seine Lektion nicht gelernt hatte. Der einzige Grund, warum er Reue zeigen wollte, war, sobald er erwischt wurde, und der Richter durchschaute ihn und gab ihm genau die gleiche Zeit, fünfzehn Jahre.
JACK: Natürlich waren sie nervös, während sie darauf warteten, dass die Entscheidung im Gerichtssaal verkündet wurde. Als sie dann verkündet wurde, war das für die Opfer ein weiterer emotionaler Moment, es gab wieder Tränen. Okay, sie haben das Strafverfahren gegen ihn erneut gewonnen, aber es gab ja auch noch diese Zivilklage gegen ihn. Als Christopher sah, dass er diese Zivilklage wahrscheinlich verlieren würde, meldete er Insolvenz an, um zu vermeiden, dass er etwaige Geldstrafen oder Schadenersatzzahlungen leisten musste, die Teil dieser Klage gewesen wären. Die Schwestern gewannen den Fall, aber da er Insolvenz angemeldet hatte, bekamen sie kein Geld, was eigentlich nicht der springende Punkt war. Der Sinn des Verfahrens bestand lediglich darin, ihnen die Möglichkeit zu geben, Beweise zu sammeln und herauszufinden, wer dahintersteckte. Dennoch war das Ganze für die Schwestern mit hohen finanziellen Kosten verbunden. Es fielen hohe Anwaltskosten an. Sie mussten zum Gericht reisen, um ihre Erklärungen abzugeben. Es gab Kosten für die Einholung von Vorladungen und die Einleitung eines Zivilverfahrens, und das sind nur die Rechtskosten. Wie viel Zeit haben sie damit verbracht, dem nachzugehen? Ist das nicht auch etwas wert? Und natürlich, wie viel Schmerz und Leid wurde verursacht. Das war traumatisch. Sie haben all das im Strafverfahren angesprochen und dem Richter bei der Urteilsverkündung gesagt: „Hey Mann, das hat uns emotional sehr mitgenommen, aber auch finanziell.“ Als der Richter ihn dann zu fünfzehn Jahren verurteilte, hat er all diese Kosten mit einbezogen.
MADISON: Er hatte die fünfzehn Jahre und schuldet meiner Schwester und mir auch Geld für unseren Schaden. Wir werden wahrscheinlich nie einen Cent davon in unserem Leben sehen, aber es war eine schöne Beigabe, dass sie unsere Kämpfe verstanden haben, weißt du?
JACK: Ich denke, das bringt uns zum Ende.
CHRISTINE: Ja. Happy End.
MADISON: Ja, es war wirklich emotional. Der letzte Satz in meiner Opfer-Stellungnahme fasste es irgendwie zusammen, und das war: „Der einsame Wolf stirbt, aber das Rudel überlebt.“ Dieses Zitat berührt mich jedes Mal, weil ich nicht glaube, dass ich persönlich ohne die anderen Mädchen hätte gewinnen oder überleben können. Wir werden ständig fast diese Schwesternschaft haben – wie ein Rudel Wölfe. Wir kannten uns nicht mal. Die meisten von uns kannten sich vorher nicht.
JACK (OUTRO): Ein großes Dankeschön an Madison, Christine und Dana, dass sie in der Sendung zu Gast waren und diese Geschichte voller emotionaler Höhen und Tiefen mit uns geteilt haben. Was so inspirierend ist: Als ihnen niemand helfen wollte, haben sie es selbst in die Hand genommen und sich gewehrt. Das finde ich toll. Sie haben auch fair gekämpft. Das ist es, was mich an dieser Geschichte so beeindruckt. Sie haben ihn nicht zurückbelästigt oder irgendetwas von dem getan, was er ihnen angetan hat. Stattdessen haben sie sich durch das Rechtssystem gekämpft, um Gerechtigkeit zu erlangen. Erstaunlich.
Diese Episode wurde im englischen Original von Jack Rhysider erstellt. Den Text haben Marko Pauli und Isabel Grünewald übersetzt und gesprochen.
Produktion: Marko Pauli
Titelmusik: Breakmaster Cylinder
Dies sind die Darknet Diaries auf Deutsch von Heise Online.
(igr)
Datenschutz & Sicherheit
Vorreiter, Verwaltung und politischer Rückhalt: Wie Open Source in die Schulen kommt
Das Katharineum ist ein altes Backsteingebäude mitten in der Lübecker Altstadt. An der Eingangstür des Gymnasiums: das Schild für ein Handyverbot. Und an den Wänden im Foyer steht eine Reihe silberfarbener Einsen und Nullen – der Binärcode für das Schulmotto „Trau dich.“
Der stellvertretende Schulleiter am Katharineum ist Frank Poetzsch-Heffter. Er ist Lehrer für Mathe, Geographie und Informatik. Und Poetzsch-Heffter ist Open-Source-Fan. Für ihn ist klar, welches Betriebssystem auf den Rechnern im Gymnasium läuft. „Die Schüler sollen auf Linux arbeiten. Damit können sie sehen, dass es andere Betriebssysteme gibt und dass sie Software auch zu Hause installieren können, die hier in der Schule läuft“, sagt Poetzsch-Heffter.
Vor 25 Jahren hat er die Schulkonferenz an der Lübecker Schule von der Open-Source-Idee überzeugt. Damals seien alle froh gewesen, dass sich jemand diesem „Digitalen“ annahmen, sagt Poetzsch-Heffter. Seit 20 Jahren haben alle Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler eine schuleigene E‑Mail-Adresse. An den meisten anderen Schulen in Lübeck gilt das erst seit fünf Jahren.
Erfolgsbedingungen 1: Vorreiter
Am Katharineum war das eine jahrelange Arbeit für Poetzsch-Heffter: Internetanschluss organisieren, WLAN, Server, Switches, Drucker und Computer einrichten und pflegen. Die Zahl der Nutzenden ist dabei größer als in kleinen Unternehmen: 860 Schülerinnen und Schüler und 70 Lehrkräfte hat das Katharineum. Informatik wird hier in der fünften und siebten Klasse unterrichtet. Es gibt 120 Laptops als Klassensätze und 30 Arbeitsplätze im Computerraum. Sie alle müssen pünktlich ab 8 Uhr einsatzbereit sein. Kein Update soll den Unterricht ausbremsen. Um all das kümmert sich Poetzsch-Heffter nicht allein.
Der Computerraum ist in einem Gebäudeteil aus dem 13. Jahrhundert untergebracht. Die Rechner dort haben die Schülerinnen und Schüler der Computer-AG konzipiert, zusammengebaut und eingerichtet.
Die zeigen sich begeistert. „Ich finde Open-Source wichtig, weil man damit eine Art Unabhängigkeit hat“, sagt eine Schülerin, „Die Software, die wir verwenden, ist frei, oft kostenlos und ohne Werbung – das passt wie die Faust aufs Auge für eine Schule.“

Wie viele Schulen Open Source so ganzheitlich nutzen wie das Lübecker Katharineum, weiß niemand: Kein einziges deutsches Bildungsministerium, kein Landkreistag, kein Städte- und Gemeindebund erhebt entsprechende Zahlen.
Bei IT an Schulen zeigt sich der deutsche Bildungsföderalismus: Lehrkräfte sind beim jeweiligen Bundesland angestellt, das ihnen auch Dienstgeräte geben kann. Wie gut und sinnvoll die digitale Ausstattung der Schulen ist, hängt maßgeblich von der Finanzkraft der Schulträger ab. Manche Länder haben den Breitbandanschluss für Schulen finanziert und stellen auch Lernplattformen zur Verfügung. Alles, was im Schulgebäude passiert, ist jedoch Aufgabe der Schulträger: Gemeinden, Landkreise oder eben kreisfreie Städte kümmern sich um die Geräte von Schülern, Hausmeistern, Sekretariatskräften und sozialpädagogischem Personal.
Alles netzpolitisch Relevante
Drei Mal pro Woche als Newsletter in deiner Inbox.
Ob an ihren Schulen dann auch Open Source eingesetzt wird, hängt dann aber stark von Vorreitern wie Frank Poetzsch-Heffter ab.
Erfolgsbedingungen 2: Stadtverwaltung und IT-Dienstleister
In Lübeck hat die Stadtverwaltung eine eigenständige IT-Abteilung nur für ihre Schulen. Tobias Stahl, der sie leitet, hat acht Mitarbeitende. Sie planen und konzipieren die IT; die Stadtwerke Lübeck betreibt sie. Tobias Stahl ist ausgebildeter Informatiker. Er ist selbst Open-Source-Fan und sagt, seine Netzinfrastruktur basiert zu großen Teilen auf Linux. Das sei einfacher zu händeln.
Aber von den insgesamt 56 Schulen, die Stahl betreut, haben sich nur drei für Open Source entschieden. In den meisten Schulen stehen Windows-Rechner: „Wir haben noch nicht die lübeckweit funktionierende Open-Source-Lösung, die auf dem gleichen Niveau funktioniert, wie es die Lehrkräfte der anderen Schulen erwarten.“ Support gibt es deshalb nur für Schulen, die auf Windows setzen.

Für Tobias Stahl ist das Katharineum das kleine gallische Dorf, die Open-Source-Ausnahme. Er muss sich um IT in Konzerngröße kümmern: um 35.000 Nutzer, 8.000 iPads, mehr als 5.000 Windows-Laptops, PCs und interaktive Displays. Ihr Betrieb ist mit Windows teurer als mit Linux, vermutet der IT-Mann: „Über den Daumen gepeilt kann es sein, dass wir auf ein Viertel der laufenden Betriebskosten kommen, wenn man einen reinen Linux-Client mit einem Windows-Client vergleicht.“
Dabei kann Stahl nicht einmal auf alle Clients – Endgeräte – in seinem Netz zugreifen. Weil die Lehrkräfte als Angestellte des Landes Schleswig-Holstein von dort ihre Geräte bekommen. Mit denen müssen sie sowohl ins Netz der Landesverwaltung kommen als auch in das Netz, das Lübeck betreibt. Schleswig-Holsteins Landesregierung rühmt sich derzeit zwar für Open Source – aber für die Geräte der Lehrkräfte gilt das nicht. Auf ihnen läuft Windows oder Apples Betriebssystem MacOS. „Pragmatisch, aber aufgeschlossen“, nennt Schleswig-Holsteins Bildungsministerium diesen Umgang mit Open Source.
Ob des Katharineum in Lübeck auch zukünftig Open Source bleibt, steht für Frank Poetzsch-Heffter nicht fest: „Ich bin jetzt 60 Jahre alt. Schafft es der Schulträger bis zu meinem Ruhestand nicht, ein Linux-System zentral für Schulen anzubieten, dann läuft es vermutlich nicht mehr lange.“
Poetzsch-Heffter glaubt, Schulen würden von sich aus kaum sagen, dass sie gern Linux hätten. Land und Schulträger müssten es anbieten. Für ihn ist klar: Mit dem Rückenwind von Stadtverwaltung und IT-Dienstleister hat Open Source weitaus größere Chancen an den Schulen.
Wir sind ein spendenfinanziertes Medium.
Unterstütze auch Du unsere Arbeit mit einer Spende.
Erfolgsbedingung 3: Politische Rückendeckung
300 Kilometer südlich in Sachsen-Anhalt setzt der Landkreis Harz für seine Schulen komplett auf Open Source. Die Schul-IT dort leitet Martina Müller. Sie hat sechs Mitarbeitende. Mit einem Dienstleister betreuen sie rund 11.000 Geräte für 17.000 Nutzer – und das in 33 Schulen an 43 Standorten.

Die Schüler haben eine E‑Mail-Adresse und einen Cloud-Speicher, der es ihnen ermöglicht, von überall auf ihre Arbeit zuzugreifen. Die Laptop-Klassensätze bestehen aus gebrauchten Business-Laptops.
Müller sagt, an drei Pilotschulen wurden drei verschiedene Open-Source-Systeme ausprobiert: „Linux-Muster“, „Puavo“ von „Opensys“. „Nach einem Jahr haben wir uns mit Lehrkräften und Schülern zusammengesetzt und uns für eine Lösung entscheiden.“ Am Ende hat sich der Landkreis Harz einen Vertrag mit für „Puavo“ abgeschlossen. Für alle Schülergeräte, den Benutzerkonten, Cloud‑, Videokonferenz‑, Datensicherung- und E‑Mail-Lösungen zahlt er pro Jahr derzeit 700.000 Euro. „Im industriellen Umfeld ist das ein Spottpreis“, sagt Frederik Kramer, Wirtschaftsinformatiker an der Hochschule Harz.

Während der Pilotprojekte hat Müller die Kosten gegenübergestellt. “Und zwar die korrekten Microsoft-Lizenzen, nicht die Lizenzen von eBay für 1,99 Euro!” Damit hätten Schulen tatsächlich gearbeitet. “Ohne Benutzerverwaltung, ohne Management. Das reinste Chaos.” Für den Landrat vom Landkreis hat Martina Müller dann einen Ordner vorbereitet. “Ich bin super aufgeregt zu unserem Landrat gegangen. Der wollte den Ordner überhaupt nicht sehen.” Er habe nur gefragt, ob es funktioniere, ob die Schulen zufrieden seien und ob es günstiger sei als das, was wir bisher machen. “Und als ich bei allen drei Punkten genickt habe, hatte ich sein Okay.”
Das ist zwar noch keine aktive politische Rückendeckung, die bewusst und mit mehr Ressourcen einen Wandel an deutschen Schulen anstrebt. Bis es soweit ist, braucht es aber zumindest solche Offenheit und das Vertrauen – in die Open Source Community und in einzelne engagierte Menschen.
Einen Überblick über Open Source an Schulen zubekommen, ist schwer. An einer noch laufenden Online-Umfrage zur Infrastruktur an Schulen haben bislang mehr als 300 Menschen teilgenommen. Sie sind naturgemäß Open Source interessiert, berichten aber trotzdem, dass an den meisten Schulen Windows eingesetzt wird. Weitere Ergebnisse:
- Setzen Schulen Open Source ein, geht das überwiegend auf die Initiative einzelner Lehrkräften zurück.
- Als Gründe für den Open Source Einsatz werden vor allem die günstigeren Kosten angegeben.
- Viele glauben, dass Vorbehalte bei Lehrkräften und Schulleitungen den Open Source Einsatz hemmen.
- Damit Open Source funktioniere, braucht es die Rückendeckung von Schulleitungen und Schulträgern.
Interessierte können hier an der Umfrage teilnehmen.
Marcel Roth ist Redakteur und Reporter bei MDR Sachsen-Anhalt. Für seine Recherche wurde er vom Nina Grunenberg Recherchestipendium gefördert. Es wurde ermöglicht durch den Nina Grunenberg Recherche Grant, den Schöpflin Stiftung, Wübben Stiftung Bildung und ZEIT Bucerius Stiftung finanzieren. Das Netzwerk Recherche ist Kooperationspartner und unterstützt die Autor:innen über ein Mentor:innenprogramm in der Recherche.
Datenschutz & Sicherheit
KW 24: Die Woche in der wir gegen Überwachung auf die Straße gehen
Liebe Leser*innen,
wenn diese E‑Mail in eurem Postfach landet, bin ich mit Kollege Denis bei der Anti-Überwachungsdemo in Berlin. Wir begleiten die Vorbereitungen und dann den Zug bis nach Kreuzberg, wo künftig KI-Kameras analysieren sollen, wer (nicht) artig ist.
Die Demo ist eine Reaktion auf die ausufernde Polizeigesetzgebung. Deutschland steht vor einer Zeitenwende. Die hiesigen Polizeien sollen künftig zahlreiche KI-gestützte High-Tech-Überwachungstools nutzen dürfen. Neben den Verhaltensanalyse-Kameras beispielsweise Gesichtserkennung oder automatisierte Datenanalyse. Es ist eine neue Dimension von Überwachung, die hier aufgemacht wird.
Künftig muss man es sich dann zweimal überlegen, ob man eine Anti-Überwachungsdemo besucht. Denn irgendjemand stellt sicher ein Foto von der Menge online – und Gesichtersuchmaschinen, wie sie die Polizei nutzen soll, können dich dann darauf finden. Sie finden das peinliche Teamfoto deines Arbeitgebers und Fotos aus deinem Sportverein. Alle Bilder und Sprachaufnahmen, die frei im Netz auffindbar sind, können dann zur Identifikation von Menschen genutzt werden. Zudem soll kommerzielle Überwachungssoftware auch mit deinen Selfies trainiert werden dürfen.
Und die Datenanalyse nach Palantir-Art, die nun auch Bundesbehörden zugänglich gemacht werden soll, führt dann diese und all die anderen, bereits bestehenden Überwachungstechnologien zusammen. Sie verknüpft potenziell Fotos aus dem Internet mit Videos aus Überwachungskameras, mit Nachrichten aus per Cellebrite oder Staatstrojaner geknackten Telefonen, mit Telefonnummern und ihren Standorten, wie sie per Funkzellenabfrage oder IMSI-Catcher gewonnen werden, mit Website-Besuchen, die per Vorratsdatenspeicherung festgehalten werden. Gesundheits- oder Steuerdaten? Auf Knopfdruck hinzufügbar.
Zum Glück gibt es zahlreiche Menschen, die gegen den Ausbau der Überwachung aufbegehren. Ein paar ganz handfest, so wie mein neuer Bekannter „Baumbart“, viele mehr symbolisch, mit politischem Protest. In gleich vier Städten sind Anti-Überwachungsdemos geplant. Heute nicht nur in Berlin, sondern auch in Kiel, kommenden Samstag folgen dann Dresden und Hamburg. Mit etwas Glück ist das der Auftakt zu einem Protestsommer, der Überwachungspläne sprengt. Am Montag berichten wir euch auf jeden Fall mal, was in Berlin so los war.
Viel Spaß beim Lesen!
Martin
Datenschutz & Sicherheit
Krise der Meinungsfreiheit: Die Beleidigten
Schon wieder geht die Polizei auf einer Demonstration wegen einer angeblichen Beleidigung des Bundeskanzlers gegen einen jungen Menschen vor. Solche Maßnahmen beschränken die Versammlungs- und Meinungsfreiheit. Eine Analyse.

8. Mai 2026, in München demonstrieren junge Menschen gegen die Wehrpflicht. Eine 20-jährige Schülerin trägt ein Plakat mit der Aufschrift „Friedrich stirb doch selber an der Ostfront!“. Unter Einsatz von Gewalt und sogar Schlagstöcken bahnen sich Polizist:innen einen Weg zu der Schülerin, um ihre Personalien aufzunehmen. Das Plakat stellt angeblich eine Beleidigung des Bundeskanzlers dar, die Polizei verkündet später, ein Ermittlungsverfahren gegen die Schülerin einzuleiten.
Man muss kein Jurist sein, um zu sehen, dass es sich hier wohl kaum um eine Straftat handelt. Es ist weder eine Beleidigung noch eine gegen Personen des politischen Lebens gerichtete Beleidigung, üble Nachrede und Verleumdung noch eine Bedrohung des Kanzlers. Es ist der patzige Spruch: „Geh doch selber an die Front“ – um die Konsequenz ergänzt, was Wehrpflicht und Militärdienst nämlich ultimativ bedeuten können: im Krieg zu sterben.
Wir sehen hier eine zugespitzte, klare und harte Kritik daran, dass die Regierung über das Leben, Schicksal und im Zweifelsfall den Tod von jungen Menschen entscheidet. Es ist eben nicht der mächtigste Mann des Landes, der bei einem Militäreinsatz sterben wird, sondern es sind die jungen Menschen, die er dorthin schickt.
Keine Straftat
Ronen Steinke hat in der Süddeutschen Zeitung (€) den Fall eingehend analysiert. Er schreibt:
Der Kontext ist wichtig. Wie immer bei Äußerungen. Und eine Debatte, die von Krieg und Frieden handelt, also letztlich von Leben und Tod, wird unweigerlich immer einen anderen sprachlichen Klang haben als eine Debatte, die von Kultur- oder Steuerpolitik handelt. Das darf sich – darauf weist das Bundesverfassungsgericht in seinen Entscheidungen immer wieder hin – natürlich nicht nur in der Sprache der Regierenden spiegeln, die etwa von „Kriegstüchtigkeit“ sprechen. Sondern auch in der Sprache der Kritiker dieser Regierung. Auch sie müssen nicht zartere Worte wählen. Man darf die Dinge, die einen umtreiben und besorgt stimmen, schon beim Namen nennen.
Es ist nicht das erste Mal, dass die Polizei gegen Wehrpflicht-Proteste mit Härte vorgeht. Die Berliner Polizei hat im März bei einer Schüler-Demo bei einem 18-jährigen das Plakat „Merz leck Eier“ konfisziert, die Personalien des Jungen aufgenommen und Ermittlungen wegen des Anfangsverdachts der „Gegen Personen des politischen Lebens gerichteten Beleidigung, üblen Nachrede und Verleumdung“ eingeleitet.
Chilling Effect
Auch wenn die repressive Aktion nach hinten losging und zahlreiche Memes, Wiederholungen, Remixe und Songs auslöste, die millionenfach verbreitet wurden, ist die Message an Protestierende klar: Wir prüfen jedes eurer Plakate und gehen gegen euch öffentlichkeitswirksam und notfalls auch mit Gewalt vor. Passt auf, was ihr tut.
Aus Perspektive von Meinungs- und Versammlungsfreiheit passiert dabei das, was man im englischen „Chilling Effect“ nennt. Solche repressiven Maßnahmen führen in der Regel dazu, dass Menschen davor scheuen, zu sagen, was sie sagen wollen, weil sie Konsequenzen fürchten. Die Maßnahmen haben also beschränkende Auswirkungen auf die Freiheit aller. Im deutschen Sprachgebrauch spricht man auch von Abschreckungseffekten und Einschüchterung.
Moderne Majestätsbeleidigung
Die Fälle der Einschränkung der Meinungsfreiheit auf Demonstrationen reihen sich eine in eine generelle Tendenz zur Verschärfung im Umgang mit Meinungsäußerungen. Sie geschehen vor dem Hintergrund einer Verschlechterung des Debattenklimas und einer Zunahme von Hass, Hetze und Desinformation, die mit dem Erstarken der rechtsradikalen AfD zusammenhängt.
Alles netzpolitisch Relevante
Drei Mal pro Woche als Newsletter in deiner Inbox.
So wurde der Paragraf 188 des Strafgesetzbuches im Zuge dieser Entwicklung und unter dem Eindruck der Ermordung des CDU-Politikers Walter Lübcke durch einen AfD-Anhänger im Jahr 2020 verschärft und um den Straftatbestand der Beleidigung erweitert. Beleidigung, üble Nachrede und Verleumdung, die sich gegen Personen des politischen Lebens richtet kann damit härter bestraft werden als die Beleidigung oder Verleumdung normaler Bürger:innen.
Gesetze, die bestimmte Personengruppen höherstellen als andere, gibt es auch im Zusammenhang mit tätlichen Angriffen auf Vertreter:innen der Polizei und neuerdings auch von Rettungsdiensten. Derartige Regelungen stehen im Konflikt mit der Idee eines Rechtsstaates, der die Gleichbehandlung aller Menschen ja als einen elementaren Grundsatz hat.
Zurück zu den Beleidigungen: So richtig und wichtig die Absicht gewesen sein mag, beispielsweise Kommunalpolitiker:innen vor den zunehmenden rechtsradikalen Angriffen in Schutz zu nehmen, so falsch hat sich die Sache in der Realität entwickelt. Das Gesetz wird seit der Einführung rege genutzt. Schon im Jahr 2021 waren es 748 Fälle, im Jahr 2023 dann schon 2.598 und im letzten Jahr 4.792 Ermittlungsverfahren.
Das liegt laut Ronen Steinke auch daran, dass die Schwelle, was als Beleidigung gilt, bei den Betroffenen, aber auch Polizei und Justiz in den letzten Jahren offenbar deutlich niedriger geworden ist. Die Fälle harmloser Plakate auf den Demonstrationen, aber ebenso die Verfolgung von „Beleidigungen“ wie „Lügenfritz“ oder „Lackaffe“ zeigen diese Tendenz. Die Sensibilität ist nicht nur auf Friedrich Merz beschränkt: Der Grünen-Politiker Robert Habeck ließ die Bezeichnungen „Vollpfosten“ und „Schwachkopf“ verfolgen, auf „Du bist so 1 Pimmel“ gegen den Hamburger SPD-Innensenator Andy Grote löste eine Hausdurchsuchung aus und auch die rechtsradikale Alice Weidel nutzt den Paragrafen munter.
Merz widerspricht Ermittlungen nicht
Die Einschränkungen der Meinungsfreiheit geschehen nicht nur auf Demonstrationen, sondern, wie Ronen Steinke in seinem Buch und einem Gastartikel bei netzpolitik.org beschrieben hat, auch im Internet. Generell scheint es mittlerweile ein Schieflage zu geben, welche die Meinungsfreiheit über das Mittel der Beleidigung und hier speziell den §188 einschränkt und einschüchernde Effekte hat.
Durch Recherchen verschiedener Medien kam schon im vergangenen Jahr heraus, dass Merz seit 2021 – noch als Oppositionsführer der Union – zahlreiche Strafanträge wegen mutmaßlicher Beleidigungen gegen ihn gestellt hat. In mindestens zwei Fällen führten diese zu Hausdurchsuchungen.
Die Strafanträge sind laut der Recherchen anfangs auf Initiative von Merz entstanden. Seit Merz Kanzler ist, lässt er quasi von Amts wegen ermitteln, indem er den Ermittlungen nicht widerspricht. Die „Welt“ geht davon aus, dass Merz vor seiner Amtszeit als Unions-Chef Hunderte Strafanträge gestellt hat.
Ein netzpolitik.org vorliegendes Dokument der Kanzlei Brockmeier, Faulhaber, Rudolph, die Merz in seiner Zeit als Bundestagsabgeordneter vertreten hat, untermauert diese Schätzungen mit fortlaufenden Fallnummern. Zwischen Mai und Dezember des Jahres 2025 sind laut Informationen des nd etwa 170 Strafanzeigen wegen Beleidigung des Bundeskanzlers gestellt worden.
Wir sind ein spendenfinanziertes Medium.
Unterstütze auch Du unsere Arbeit mit einer Spende.
Machtgefälle ignoriert
Hier läuft ein Instrument, das Politiker:innen vor Hass und Hetze schützen soll, mittlerweile vollkommen aus dem Ruder. Natürlich müssen sich auch Politiker:innen nicht alles gefallen lassen und bei Bedrohungen hört jeder Spaß auf. Dennoch sollte man bei Beleidigungen auch das Machtgefälle, die Privilegien und die Reichweite der Beteiligten berücksichtigen.
Was sind ein einsamer pensionierter Wüterich im stillen Kämmerlein oder ein 18-jähriger Schüler im Vergleich zum Bundeskanzler? Wer hat hier welche Handlungsoptionen? Und kann es nicht sein, dass viele der heutigen Nutzer:innen gar nicht mehr den Unterschied zwischen dem privaten Raum, der Kneipe, dem Gespräch mit Kollegen – und dem Post auf Bluesky oder Facebook an 128 Follower:innen sehen? Ist diese Öffentlichkeit wirklich gleichwertig, mit der, die ein Spitzenpolitiker herstellen kann?
Das alles sind Fragen, die sich diejenigen stellen sollten, die strafrechtlich gegen Beleidigungen vorgehen.
Der Eifer, den Merz bei der Verfolgung von Beleidigungen zeigt, passt jedenfalls gut in eine Zeit der autoritären Verschiebung, in der sich die Bundesregierung von Rechtsradikalen vor sich hertreiben lässt und selbst die Axt an der demokratischen Zivilgesellschaft ansetzt.
Die verlogenen Freunde der Meinungsfreiheit
Ausgerechnet die rechtsradikale AfD versucht sich nun auf das Thema draufzusetzen und sich als Kämpferin für die Meinungsfreiheit zu inszenieren. Sie fordert die Abschaffung des Paragrafen 188 StGB. Dabei ist klar, dass die Partei selbst immer wieder gegen die Meinungs- und Pressefreiheit vorgeht, indem sie beispielsweise mit Hass und Häme gegen Journalist:innen agiert.
Kritische Berichterstattung zur AfD führt bei verschiedenen Medien regelmäßig dazu, auch in E‑Mails und Leserkommentaren hier bei netzpolitik.org, dass Autor:innen beleidigt, eingeschüchtert und mit dem Tod bedroht werden. Ein Eintreten für die Meinungsfreiheit sieht anders aus und wer rechtsradikale Regierungen im Amt sieht, ob nun in den USA, Polen oder Ungarn, der weiß, dass die Meinungs- und Pressefreiheit von diesen als Erstes attackiert wird.
Die AfD-Position ist dabei heuchlerisch. Die AfD-Vorsitzende Alice Weidel hat selbst hunderte Anzeigen nach dem Paragrafen 188 gestellt, den sie jetzt wieder abschaffen will. Und auch der AfD-Mann Stephan Brandner, der in der gestrigen Bundestagssitzung den Paragrafen heftig kritisierte, ließ mit eben jenem zuletzt einen Rentner verfolgen, der ihn „Schrumpfpimmel“ genannt hatte.
Die Arbeit von netzpolitik.org finanziert sich zu fast 100% aus den Spenden unserer Leser:innen.
Werde Teil dieser einzigartigen Community und unterstütze auch Du unseren gemeinwohlorientierten, werbe- und trackingfreien Journalismus jetzt mit einer Spende.
-
Künstliche Intelligenzvor 3 MonateniPhone Fold Leak: Apple spart sich wohl iPad‑Multitasking
-
Künstliche Intelligenzvor 3 Monaten
JBL Bar 1300MK2 im Test: Soundbar mit Dolby Atmos, starkem Bass und Akku‑Rears
-
Künstliche Intelligenzvor 3 MonatenOscars 2026: Was die heise‑Leser anders entschieden hätten
-
Künstliche Intelligenzvor 3 MonatenEmpfehlungsalgorithmen bei TikTok erklärt: Die Maschine hinter dem Endlos‑Feed
-
Social Mediavor 3 MonatenVon Kennzeichnung bis Plattformpflichten: Was die EU-Regeln für Influencer Marketing bedeuten – Katy Link im AllSocial Interview
-
Künstliche Intelligenzvor 2 MonatenWeitere Entlassungswelle bei Disney: Bis zu 1000 Mitarbeiter betroffen
-
Künstliche Intelligenzvor 2 Monaten„Don’t Starve Elsewhere“: Survival‑Hit kehrt nach zehn Jahren zurück
-
Künstliche Intelligenzvor 2 MonateniX-Workshop Angriffsziel lokales AD − Schwachstellen finden und beheben
