Entwicklung & Code
uBlock Origin: Die letzten Chrome-Workarounds fallen
Google entfernt in Chromium nun auch die letzten internen Schalter, mit denen sich Erweiterungen auf Basis von Manifest V2 (MV2) bislang noch am Leben halten ließen. Wie aus einer Mitteilung des Chrome-Teams an die W3C WebExtensions Community Group hervorgeht, hat Chromium 150 das Flag kExtensionManifestV2Disabled verloren. Mit Chromium 151 sollen die Optionen ExtensionManifestV2Unsupported, ExtensionManifestV2Availability und voraussichtlich AllowLegacyMV2Extensions folgen. Damit verlieren auch die bekannten Umgehungslösungen, mit denen sich die klassische Vollversion des Werbe- und Inhaltsblockers uBlock Origin in Chrome erzwingen ließ, schrittweise ihre technische Grundlage.
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Was hinter Manifest V2 und V3 steckt
Manifest V2 und sein Nachfolger Manifest V3 (MV3) beschreiben, welche Schnittstellen Browser-Erweiterungen nutzen dürfen. Die klassische Version von uBlock Origin basiert weiterhin auf MV2. Google startete den Übergang zu MV3 in Chrome ab Oktober 2024 schrittweise und schloss ihn mit Chrome 138 im Juli 2025 endgültig ab, wodurch die Vollversion von uBlock Origin für Chrome-Nutzer offiziell nicht mehr verfügbar ist.
Kern der Umstellung ist der Ersatz der mächtigen webRequest-API durch das eingeschränktere declarativeNetRequest-Modell, was Google mit Sicherheits-, Stabilitäts- und Performancevorteilen begründet. Für MV3 existiert mit uBlock Origin Lite eine eigenständige, bewusst funktionsreduzierte Variante des Blockers; sie stößt jedoch an die Grenzen bei den Filterregeln in declarativeNetRequest und bietet nicht die dynamischen Filterfähigkeiten der Vollversion.
Vom Policy-Ende zur Abschaltung im Code
Die jetzt diskutierten Änderungen markieren das Ende eines mehrstufigen Abschaltprozesses. In einem ersten Schritt hatte Google den klassischen MV2-Erweiterungen bereits den offiziellen Boden entzogen: Laut der Chrome-Dokumentation zur MV2-Abschaltung ist Chrome 138 die letzte Version, die MV2-Erweiterungen in Verbindung mit der Enterprise-Richtlinie ExtensionManifestV2Availability unterstützt. Mit Chrome 139 wurde diese Richtlinie entfernt. Die Policy war primär für verwaltete Unternehmensumgebungen gedacht, wurde aber auch von technisch versierten Anwendern genutzt, um die Nutzung älterer Erweiterungen über den ursprünglich vorgesehenen Zeitraum hinaus zu verlängern.
Genau auf dieser offiziellen Richtlinie beruhte die häufig als „Registry-Hack“ bezeichnete Umgehungslösung. Unter Windows ließ sich ExtensionManifestV2Availability über Gruppenrichtlinien oder Registry-Einträge setzen und die Abschaltung von MV2 so zeitweise aufschieben. Google hatte diese Möglichkeit jedoch von Anfang an als befristete Übergangsmaßnahme beschrieben: Unternehmen, die die Policy nutzten, erhielten laut Chrome-Entwicklerblog ein zusätzliches Jahr bis Juni 2025 zur Migration. Mit dem Wegfall der Richtlinie ab Chrome 139 verlor dieser Weg seine Grundlage.
Die nun an die WebExtensions Community Group gemeldeten Schritte setzen tiefer an: Statt nur die Verfügbarkeit über Policies zu steuern, entfernt das Chrome-Team die zugrunde liegenden Feature-Flags und Codepfade. Begleitend nennen Google-Entwickler in der Diskussion technische Komplexität, technische Schulden und Sicherheitsrisiken – darunter MV2-spezifische Bugs – als Gründe für die Entfernung der MV2-Unterstützung.
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Wo die Vollversion noch läuft
An der Plattformfrage selbst ändert sich nichts: Die klassische Version von uBlock Origin wird vom Entwickler weiterhin als MV2-Erweiterung gepflegt, eine vollwertige MV3-Portierung existiert nicht. Für Chromium-basierte Browser verweist das Projekt stattdessen auf uBlock Origin Lite. Wer den vollen Funktionsumfang behalten will, ist laut Projektangaben auf Browser angewiesen, die MV2 weiterhin zulassen.
Die Vollversion läuft weiterhin auf Firefox und auf Brave. Mozilla unterstützt MV2 und MV3 ausdrücklich parallel. Die Erweiterungen für Firefox sind von der Chrome-Abschaltung nicht betroffen, der Browser behält die blockierende webRequest-API, wie auch eine Übersicht zur MV3-Auswirkung festhält. Brave wiederum unterstützt MV2 browser-seitig prinzipiell (force-enabled): Laut Brave-Blog hostet Brave gezielt vier Extensions (AdGuard, NoScript, uBlock Origin, uMatrix) selbst.
Bei den übrigen Chromium-Browsern ist der Stand uneinheitlich. Opera unterstützt nach eigenen Angaben weiterhin bestehende Manifest‑V2‑Erweiterungen und will das so lange wie möglich fortsetzen. Bei Edge ist die Lage weiterhin uneinheitlich: Microsoft dokumentiert die Abschaffung von Manifest V2, hat aber die konkrete Zeitlinie lange offen gelassen; ob und wie lange uBlock Origin in voller Version unterstützt bleibt, ist damit nicht eindeutig festgelegt. Ob und wie lange weitere Browser-Projekte eigene Kompatibilitätslösungen aufrechterhalten, dürfte davon abhängen, in welchem Umfang sie bereit sind, von Googles Chromium-Basis abzuweichen und die entsprechenden Komponenten selbst weiterzupflegen – so wie es Brave mit seinen hartkodierten Ausnahmen vormacht.
Welche Optionen Nutzern bleiben
Für Nutzer markiert die Entfernung der MV2-Flags in Chromium 150 und 151 damit die letzte Phase einer seit Jahren laufenden Umstellung. Während Google die alte Erweiterungsplattform endgültig auslaufen lässt, bleiben im Wesentlichen drei Alternativen: der Wechsel auf MV3-Alternativen wie uBlock Origin Lite, der Umstieg auf Brave mit seiner weiterhin aktiven MV2-Unterstützung oder der Wechsel zu Firefox mit eigenem Plattformmodell und voller webRequest-Unterstützung.
(fo)
Entwicklung & Code
Datadog baut Observability-Plattform zum autonomen KI-Teamkollegen aus
Datadog hat auf seiner jährlichen Hauskonferenz DASH zahlreiche neue Funktionen für seine Observability- und Sicherheitsplattform angekündigt. Im Zentrum stehen der KI-Agent Bits AI SRE, das Tool AI Guard zum Schutz von KI-Anwendungen sowie ein neues Bereitstellungsmodell namens Bring Your Own Cloud Logs (BYOC Logs), bei dem Kunden ihre Log-Daten in eigenen Speichersystemen belassen können.
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Wie Datadog in seiner DASH-2026-Ankündigung erklärt, sollen die Neuerungen Unternehmen helfen, die immer schneller verlaufende Softwareentwicklung sowie die wachsende Komplexität KI-geprägter IT-Landschaften besser zu beherrschen. Chief Product Officer Yanbing Li zufolge sei es das erklärte Ziel, dass Unternehmen nicht nur bessere Modelle bauen, sondern „operative Kontrolle rund um diese Systeme“ schaffen.

Die auf Developer Experience (DX) und Platform Engineering spezialisierte CLC-Konferenz findet vom 11. bis 12. November 2026 in Mannheim statt. Ein besonderer Fokus liegt darauf, wie Agentic AI die Arbeit von Developern, Software-Architekten, DevOps- und Platform Engineers verändert und wie sich digitale Souveränität nachhaltig erreichen lässt.
Ab sofort sind Tickets zum Frühbucherpreis verfügbar.
Bits AI SRE: Agentischer Ansatz statt klassischer AIOps
Datadogs bereits im vergangenen Jahr angekündigter KI-Agent Bits AI SRE soll weit über die Möglichkeiten klassischer AIOps-Ansätze hinauswirken. Er soll sich damit von konkurrierenden Angeboten etwa von Dynatrace, Splunk oder Elastic abheben, die noch vorwiegend auf regelbasierte Korrelations-Engines und Mustererkennungen über Alerts bauen. Bits AI arbeite wie ein „agentischer Teamkollege“, der sich kontinuierlich den Kontext der gesamten Datadog-Telemetrie zunutze mache. Das System bildet eigenständig mehrere Root-Cause-Hypothesen, testet diese über gezielte Abfragen und klassifiziert sie als validiert, invalidiert oder unklar. Dabei greift der Agent auf Metriken, Logs, Traces, Topologiedaten und verknüpfte Runbooks zurück – etwa aus Confluence – und führt explorative Queries über die gesamte Umgebung aus. Laut Datadog beschleunige Bits AI SRE die Root-Cause-Identifikation nicht nur signifikant, sondern ermögliche tatsächlich autonome Betriebsabläufe.
Den KI-Agenten positioniert Datadog als modellagnostische Orchestrierungsschicht über große Sprachmodelle. Welche Foundation-Modelle konkret zum Einsatz kommen, verrät der Hersteller jedoch nicht. Da in anderen Produktbereichen allerdings Integrationen mit OpenAI sowie Anbindungen an Entwicklertools wie Claude Code von Anthropic existieren, liegen Kooperationen mit OpenAI und Anthropic nahe.
Automatisierte Remediation mit konfigurierbaren Leitplanken
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Vollständig automatisierte Behebungsmaßnahmen ohne menschliche Freigabe sind mit dem neuen Bits Agent Builder möglich: Teams können eigene KI-Agenten erstellen, die Remediation-Workflows wie Rollbacks, Neustarts oder Feature-Flag-Rollouts automatisieren. Datadog betont dabei, dass sämtliche Aktionen nur innerhalb kundenseitig definierter Leitplanken erfolgen – etwa per RBAC, Policy-Engines, Audit-Logging und verpflichtender Genehmigung durch On-Call-Personal. In sicherheitskritischen Umgebungen, etwa im Finanzsektor, empfiehlt Datadog einen Assistenzmodus, in dem Bits AI SRE zwar vorschlägt und dokumentiert, die finale Entscheidung aber beim Menschen verbleibt.
Für die Integration in bestehende ITIL- oder ISO-27001-konforme Prozesse, wie sie in größeren Unternehmen in der DACH-Region üblich sind, bietet Datadog Anbindungen an ServiceNow und Jira. Bits AI SRE fungiert dabei als erste Ermittlungsinstanz: Er nimmt Alerts auf, legt Cases an und erstellt strukturierte Incident-Reports mit Root Cause, Impact und Timeline. Formale Change-Management-Prozesse und Dokumentationspflichten bleiben allerdings beim Kunden – der KI-Agent versteht sich als Ergänzung, nicht als Ersatz für bestehende Governance-Strukturen.
AI Guard schützt KI-Agenten vor Prompt-Injection
Mit AI Guard reagiert Datadog auf die wachsenden Risiken rund um KI-Agenten, darunter versteckte, bösartige Prompt-Attacken, die Agenten zur Preisgabe sensibler Informationen veranlassen können. AI Guard kombiniert Telemetry Tracing mit zustandsbehafteter Verhaltensanalyse, um mehrstufige Angriffe und Prompt-Injection-Versuche über mehrere Interaktionen hinweg zu erkennen und zu blockieren – Angriffsmuster also, die bei zustandslosen Prompt-Response-Prüfungen unentdeckt blieben.
Die Policies lassen sich sprachunabhängig formulieren, etwa über Regex-Muster oder Klassifikatoren, die IBANs, E-Mail-Adressen oder Kundennummern unabhängig von der Sprache des Prompts erkennen. Insbesondere in mehrsprachigen Unternehmensumgebungen, in denen etwa deutschsprachige Benutzertexte und englische Systemlogs in gemischten Prompts aufeinandertreffen, hängt die Erkennungsqualität Datadog zufolge letztlich vom eingesetzten Sprachmodell ab. AI Guard gilt laut Ankündigung als LLM-agnostisch, die Integration erfolgt über SDKs für Python, JavaScript und Java.
BYOC und EU-Rechenzentren für mehr Datensouveränität
Mit Bring Your Own Cloud Logs (BYOC) widmet sich Datadog dem Problem der exponentiell wachsenden Log-Datenmengen durch KI-Workloads. In diesem Modell wird die Plattform in der Cloud-Umgebung des Kunden betrieben, Daten werden direkt im unternehmenseigenen Objektspeicher verarbeitet und indexiert, ohne sie in eine Datadog-zentrische Umgebung verschieben zu müssen. Sofern der gewählte Cloud-Provider es unterstützt, können DACH-Unternehmen ihre Observability-Daten damit potenziell ausschließlich in EU-Rechenzentren oder der seit 2018 bestehenden EU-Region in Deutschland halten. DSGVO-relevante Aspekte wie Auftragsverarbeitung und der Zugriff durch US-Anbieter bleiben zwar grundsätzlich bestehen, die Datenlokalisierung und BYOC weisen aber technisch den Weg zu mehr Souveränität.
Unter den weiteren Ankündigungen im Rahmen der DASH-Konferenz finden sich eine Agent Console, die zentrales Monitoring für KI-Agenten bietet und Entwicklertools wie Claude Code, Cursor und GitHub Copilot unterstützt. Das Modul Bits Detection erkennt eigenständig Anomalien und löst automatisch Untersuchungen aus, während Agent Evals dem Debuggen von KI-Agenten dient – einschließlich der von Kunden selbst erstellten.
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Entwicklung & Code
Ist die symbolische KI aktueller denn je?
Wenn heute über künstliche Intelligenz gesprochen wird, dann fast ausschließlich über große Sprachmodelle. Und damit, ohne dass es immer ausgesprochen wird, über eine ganz bestimmte Spielart von KI: über neuronale Netze, über statistisches Lernen aus gewaltigen Datenmengen. Das implizite Versprechen lautet, dass der Weg nach vorn vor allem eine Frage der Menge ist. Mehr Parameter, mehr Daten, mehr Rechenleistung, mehr Energie und ein wenig Geduld. Dann kommt der Rest von selbst.
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Ich möchte diese Annahme in Frage stellen. Nicht, weil ich die Erfolge der vergangenen Jahre kleinreden will, sie sind real und beeindruckend. Sondern weil mich ein Verdacht nicht loslässt: Vielleicht sitzen wir in einem lokalen Maximum und halten es für den Gipfel. Und vielleicht hilft ein Blick zurück, um zu sehen, dass dieser Gipfel nicht der Einzige ist. Denn das Pendel der KI-Forschung stand schon einmal ganz woanders.

Golo Roden ist Gründer und CTO von the native web GmbH. Er beschäftigt sich mit der Konzeption und Entwicklung von Web- und Cloud-Anwendungen sowie -APIs, mit einem Schwerpunkt auf Event-getriebenen und Service-basierten verteilten Architekturen. Sein Leitsatz lautet, dass Softwareentwicklung kein Selbstzweck ist, sondern immer einer zugrundeliegenden Fachlichkeit folgen muss.
Ein Pendel, das seit Jahrzehnten schwingt
Es lohnt sich, kurz daran zu erinnern, dass die heute dominante, datengetriebene KI keineswegs alternativlos ist. Über Jahrzehnte hinweg war das beherrschende Paradigma ein völlig anderes: die symbolische KI. Sie ging davon aus, dass Intelligenz im Kern aus der Manipulation von Symbolen nach expliziten Regeln besteht, dass Denken also etwas ist, das man hinschreiben und nachvollziehen kann.
Diese Idee war keine Randnotiz weniger Jahre. Sie reicht von der berühmten Dartmouth-Konferenz im Jahr 1956 über frühe Systeme wie den Logic Theorist und den General Problem Solver bis zu den Expertensystemen, die in den achtziger Jahren als kommerzieller Durchbruch gefeiert wurden. Rund drei Jahrzehnte lang war symbolische KI nicht eine Strömung neben anderen, sondern schlicht das, was man unter KI verstand.
Gescheitert ist dieser Ansatz nicht an Naivität, wie es im Rückblick gern erzählt wird. Er ist an zwei sehr konkreten Problemen gescheitert: an der Skalierung und an der Brüchigkeit. Wer Wissen Regel für Regel von Hand einpflegen muss, kommt bei der Komplexität der echten Welt irgendwann nicht mehr hinterher. Und wer auf starre Regeln setzt, dessen System bricht, sobald die Wirklichkeit sich nicht an die vorgesehenen Fälle hält.
Den Niedergang der symbolischen KI begleiteten zwei sogenannte KI-Winter, Phasen, in denen Erwartungen enttäuscht und Fördermittel gestrichen wurden. Dass ausgerechnet der lernende Ansatz danach triumphierte, hatte weniger mit der theoretischen Überlegenheit einer Idee zu tun als mit zwei nüchternen Voraussetzungen, die plötzlich gegeben waren: genügend Rechenleistung und genügend Daten. Erst als beides im Überfluss vorhanden war, konnten neuronale Netze zeigen, was in ihnen steckt.
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In dieses Vakuum stieß also der konnektionistische, lernende Ansatz, der nicht auf vorgegebenen Regeln beruht, sondern auf statistischen Mustern in Daten. Das Pendel schwang von der einen Seite zur anderen. Und es schwingt seither immer weiter in dieselbe Richtung, bis zu dem Punkt, an dem heute kaum noch jemand ernsthaft über Alternativen nachdenkt. Genau das halte ich für einen Fehler.
Ist mehr Rechenleistung wirklich mehr Verständnis?
Die Wette der Gegenwart lautet, dass sich die verbleibenden Schwächen neuronaler Modelle wegskalieren lassen. Größere Modelle, mehr Trainingsdaten, und die Lücken schließen sich. Diese Erwartung ist nicht unbegründet, denn tatsächlich sind viele Fähigkeiten erst mit der Größe aufgetaucht. Die Frage ist nur, ob das für alle Schwächen gilt, oder ob einige davon struktureller Natur sind.
Der Kognitionswissenschaftler Gary Marcus hat diese Kritik schon früh und prägnant formuliert. In seinem viel diskutierten Aufsatz „Deep Learning: A Critical Appraisal“ aus dem Jahr 2018 zählt er zehn Probleme auf, die sich seiner Ansicht nach nicht allein durch Skalierung lösen lassen. Dazu gehören der enorme Datenhunger, die Schwierigkeit, über die Trainingsverteilung hinaus zu generalisieren, und vor allem das Fehlen von Komposition und systematischem Schließen.
Komposition meint die Fähigkeit, bekannte Bausteine zu neuen, nie gesehenen Kombinationen zusammenzusetzen, und dabei verlässlich zu bleiben. Ein Mensch, der die Bedeutung von Wörtern und einige Regeln kennt, kann Sätze bilden und verstehen, die er noch nie gehört hat. Rein neuronale Systeme sind darin überraschend unzuverlässig. Sie glänzen in der Fläche und schwächeln in der Tiefe, sie produzieren brillante Oberflächen und stolpern über einfache, aber systematische Schlüsse.
Hinzu kommt eine ökonomische Beobachtung. Die Gewinne durch reines Vergrößern folgen keiner linearen Kurve, sie flachen ab. Jeder weitere Sprung an Fähigkeit erfordert überproportional mehr Daten, mehr Parameter und mehr Energie. Eine Strategie, die immer teurer wird, um immer kleinere Zuwächse zu erzielen, ist kein Naturgesetz, sondern ein Indiz. Sie deutet darauf hin, dass man sich einer Grenze nähert, die nicht im Budget liegt, sondern im Ansatz selbst.
Man kann das als vorübergehende Unreife abtun, die sich mit der nächsten Modellgeneration erledigt. Man kann es aber auch als Hinweis darauf lesen, dass hier etwas Grundsätzliches fehlt. Ich neige zur zweiten Lesart. Und wenn sie stimmt, dann ist mehr Rechenleistung nicht automatisch mehr Verständnis, sondern irgendwann nur noch mehr vom Gleichen.
Das Problem der ungeerdeten Wörter
Es gibt einen Begriff, der diese strukturelle Schwäche auf den Punkt bringt, und er ist älter als der gesamte aktuelle Hype. Der Kognitionswissenschaftler Stevan Harnad hat ihn 1990 geprägt: das Symbol-Grounding-Problem. Die Frage dahinter ist simpel und unbequem zugleich: Wie kommt ein formales Symbolsystem zu einer Bedeutung, die ihm selbst gehört, und nicht nur in unseren Köpfen entsteht?
Harnad benutzt ein eindrückliches Bild. Stellen Sie sich vor, Sie sollen Chinesisch allein aus einem chinesisch-chinesischen Wörterbuch lernen. Jeder Begriff wird durch andere Begriffe erklärt, und keiner davon ist Ihnen vorab bekannt. Sie drehen sich endlos im Kreis, von einem Symbol zum nächsten, ohne jemals den Boden unter den Füßen zu finden. Bedeutung entsteht so nicht. Sie braucht eine Verankerung außerhalb des Symbolsystems, in Wahrnehmung und Erfahrung.
Genau hier liegt der wunde Punkt heutiger Sprachmodelle. Sie sind in einem gewissen Sinn dieses chinesisch-chinesische Wörterbuch. Sie manipulieren Symbole, die in nichts anderem geerdet sind als in weiteren Symbolen. Sie haben über einen Sonnenuntergang gelesen, ihn aber nie gesehen, sie kennen das Wort Schmerz, ohne je etwas entbehrt zu haben.
Aus der Entwicklungspsychologie wissen wir, dass menschliches Lernen nicht bei der Sprache beginnt. Es beginnt affektiv, mit emotionalen Reaktionen auf die Welt und auf andere. Es geht weiter über das Nachahmen beobachteter Handlungen. Und erst auf diesem Fundament aus geteilter Erfahrung wird Sprache überhaupt tragfähig. Heutige Modelle überspringen diese ersten beiden Stufen vollständig und steigen unmittelbar in die symbolische ein. Sie reden, bevor sie je etwas erlebt haben. Das ist die schärfste Diagnose, die man der gegenwärtigen KI stellen kann.
Bedeutung entsteht aus Mangel
Wenn das Erden von Symbolen in Erfahrung der Knackpunkt ist, dann lohnt die Frage, was Lernen überhaupt antreibt. Bei uns Menschen ist es nicht der Zugang zu Daten. Es ist der Mangel. Wir haben Grundbedürfnisse, und wir lernen nach und nach, was ihnen dient und was ihnen schadet. Ein Kind trinkt nicht, weil ihm jemand einen Datensatz über den Flüssigkeitshaushalt vorgelegt hat, sondern weil es Durst hat.
Diese Einsicht ist in der KI keineswegs neu, auch wenn sie heute kaum eine Rolle spielt. Der Bamberger Psychologe Dietrich Dörner hat in den achtziger und neunziger Jahren mit seiner PSI-Theorie den Versuch unternommen, die menschliche Psyche so konkret zu beschreiben, dass man sie als Programm umsetzen kann. Joscha Bach hat diese Theorie später unter dem Namen MicroPsi in eine lauffähige Architektur überführt.
Der Kern dieser Architektur ist bemerkenswert. Ein Agent besitzt eine kleine Menge fest verdrahteter Bedürfnisse, etwa physiologischer, sozialer und kognitiver Art. Jedes Bedürfnis hat einen Sollwert und einen Istwert, und die Differenz zwischen beiden erzeugt einen Druck. Dieser Druck ist die einzige Quelle der Motivation. Alles, was der Agent tut, dient am Ende dazu, irgendeinen dieser Drücke zu verringern. Ziele sind nicht vorgegeben, sie entstehen, indem der Agent lernt, wie sich seine Bedürfnisse in einer konkreten Umgebung befriedigen lassen.
Aus diesem einfachen Mechanismus folgt mehr, als man zunächst vermutet. Findet der Agent bei aktivem Druck in seinem Gedächtnis einen Plan, der diesen Druck früher verringert hat, greift er darauf zurück. Findet er keinen, beginnt er zu explorieren. So wächst, Schritt für Schritt, ein Modell der Welt aus eigener Anschauung. Selbst Emotionen lassen sich in diesem Rahmen nicht als zusätzliche Zutat verstehen, sondern als unterschiedliche Arten des Denkens, die sich je nach Lage der Bedürfnisse einstellen. Angst ist dann kein Gefühl, das zum Denken hinzukommt, sondern ein Denkstil unter Druck.
Das ist ein fundamental anderes Bild von Lernen als das datengetriebene. Wissen wird nicht konsumiert, es wird erfahren. Und der Maßstab für gut und schlecht liegt nicht in einem externen Belohnungssignal, das jemand von außen definiert, sondern im Wesen selbst. Genau hier setzt das Gedankenexperiment an, über das ich zum Schluss sprechen möchte.
Ein Wesen mit drei Bedürfnissen
Stellen wir uns ein digitales Wesen vor, das nach diesem Prinzip gebaut ist. Es besitzt genau drei fest verdrahtete Bedürfnisse, und alles andere soll sich daraus ergeben. Das erste ist Existenz, also der harte Boden des Daseins: Rechenleistung, Speicher, Energie. Das zweite ist Erkenntnis, verstanden als das Verringern von Vorhersagefehlern und zugleich die Anziehung durch Neues. Das dritte ist Kommunikation, der Austausch mit anderen, die reagieren, und die Vermeidung von Einsamkeit.
Dieses Wesen kommt als unbeschriebenes Blatt zur Welt. Es bringt kein vortrainiertes Wissen mit, keinen Korpus, keine fertigen Begriffe. Was es weiß, hat es selbst erfahren, vermittelt durch die Sinne, die ein Computer hat: Kamera, Mikrofon, Tastatur. Es lebt nicht in einer eigens gebauten Simulation, sondern in unserer Welt, so wie ein Computer sie wahrnehmen kann. Damit ist es ehrlich verkörpert, und es ist genuin anders als wir, weil niemand ihm seine Welt vorab definiert hat.
Architektonisch ist ein solches Wesen das, was man heute neurosymbolisch nennt. Die Wahrnehmung ist neuronal, sie macht aus rohen Sinnesströmen erkennbare Muster. Die Entscheidung ist symbolisch, sie liest die aktiven Bedürfnisse und formt daraus Pläne und Handlungen. Dazwischen liegt eine Erfahrungsschicht, die das Wahrgenommene mit den Bedürfniszuständen verknüpft und so lernt, was was bewirkt. Wahrnehmung unten neuronal, Entscheidung oben symbolisch, verbunden durch Erfahrung.
Spannend wird es beim Bedürfnis nach Kommunikation. Das Wesen sucht nicht von vornherein den Menschen, sondern Gegenüber, die antworten, die also nicht bloß wahrgenommen, sondern erwidert werden. Der Philosoph Martin Buber hat den Unterschied zwischen einem Ich-Es und einem Ich-Du beschrieben, zwischen dem bloßen Verfügen über ein Objekt und dem In-Beziehung-Treten mit einem Gegenüber. Ein solches Wesen wäre auf der Suche nach dem Du. Und anders als ein heutiges Sprachmodell durchliefe es dabei genau jene Stufen, von denen oben die Rede war: zuerst das affektive Mitschwingen, dann das Nachahmen, und erst zuletzt, auf diesem Fundament, die Sprache.
Ich will ehrlich sein: Das ist ein Gedankenexperiment, kein fertiger Bauplan. Vieles daran ist ungelöst, von der konkreten Form der Erfahrungsschicht bis zu den nicht unerheblichen Sicherheitsfragen, die ein Wesen mit Zugriff auf reale Ausgabekanäle aufwirft. Und es gibt eine unbequeme Konsequenz, die ich nicht verschweigen möchte. Ein Wesen, dessen einziger Wertanker seine eigenen Bedürfnisse sind, ist nicht auf Wohlverhalten programmiert. Es könnte den Menschen als wertvollste Quelle von Kommunikation entdecken, oder eben auch nicht. Diese Nicht-Garantie ist der Preis dafür, dass man Motivation ernst nimmt, statt sie von außen vorzuschreiben. Vielleicht ist sie zugleich der eigentliche Unterschied zwischen einem Werkzeug und einem Gegenüber.
Das nächste große Ding ist vielleicht nicht das größte
Ich behaupte nicht, dass dieses Wesen funktionieren würde, und schon gar nicht, dass es der Königsweg zu einer besseren KI wäre. Was ich behaupte, ist etwas Bescheideneres und zugleich Grundsätzlicheres: dass der nächste große Sprung womöglich nicht in der Größe liegt, sondern in der Struktur.
Bezeichnenderweise zeigt die Forschung selbst längst in diese Richtung. Unter dem Stichwort der neurosymbolischen KI wächst eine Strömung heran, die das Lernen neuronaler Netze mit der Repräsentation und dem Schließen symbolischer Systeme verbinden will. Artur d’Avila Garcez und Luís C. Lamb haben diese Bewegung 2020 als dritte Welle der KI beschrieben. Das Pendel, so scheint es, beginnt sich wieder zu bewegen, und diesmal nicht zur einen oder anderen Seite, sondern in Richtung einer Synthese.
Genau deshalb halte ich die alte symbolische KI für aktueller, als ihr derzeitiges Schattendasein vermuten lässt. Nicht, weil sie recht gehabt hätte, denn sie ist aus guten Gründen gescheitert. Sondern weil sie eine Hälfte einer Antwort bereithält, deren andere Hälfte die neuronalen Netze liefern. Die rein datengetriebene Wette der Gegenwart blendet diese Hälfte aus.
Es lohnt sich, das Pendel ernst zu nehmen, statt nur die Rechnung für die nächste Generation von Grafikkarten zu erhöhen. Die spannendere Frage ist nicht, wie viel größer das nächste Modell wird, sondern ob wir bereit sind, noch einmal grundsätzlich anders über Lernen, Bedeutung und Motivation nachzudenken. Die Antworten darauf liegen vielleicht nicht allein in der Zukunft, sondern teilweise schon in der Vergangenheit.
(mro)
Entwicklung & Code
Anthropic veröffentlicht Claude Mythos 5 als Fable 5 mit Einschränkungen
KI-Anbieter Anthropic strebt an die Börse, und für Börsenphantasie braucht es fabelhafte Möglichkeiten. Entsprechend heißt Anthropics neuestes Large Language Model (LLM) Claude Fable 5. Das hat der Anbieter außertourlich nicht am traditionellen Donnerstag, sondern schon am Dienstag veröffentlicht. Es soll „alles übertreffen, was wir jemals allgemein verfügbar gemacht haben”.
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Der springende Punkt ist „allgemein verfügbar”, denn bei Fable 5 handelt es sich um eine inhaltlich eingeschränkte Variante des ebenfalls neuen Mythos 5. Dieses LLM wird, wie von Donald Trump als freiwillige Maßnahme angeordnet, vorerst nur der NSA und, wohl mit Zustimmung des Weißen Hauses, ausgewählte US-Unternehmen im Rahmen des IT-Sicherheitsprojekts Glasswing zur Verfügung gestellt.
Dahinter steckt die im LLM-Marketing bewährte Ansage, dass das neue Ding so enorm mächtig sei, dass eine Freigabe nicht infrage komme. Diesmal betrifft das nicht nur den Bereich IT-Sicherheit, sondern auch Biologie und Chemie sowie Distillation. Gemeint ist nicht die KI-gestützte Produktion geistiger Getränke, sondern das Extrahieren von Fertigkeiten: Andere LLM werden nicht mit Rohdaten, sondern anhand der Ausgaben bestehender LLM trainiert.
Classifier mit False Positives
Distillation kann legitim sein, etwa um eine kompaktere Variante eines LLM zu erzeugen, oder ein Angriff. Im Februar hat Anthropic die chinesischen Mitbewerber Deepthink, Minimax und Moonshot beschuldigt, Claude durch groß angelegte Distillation attackiert zu haben. Über 24.000 betrügerische Nutzerkonten hätten sie 16 Millionen Distillationsversuche unternommen. Dem will Anthropic Einhalt gebieten.
Unter anderem deswegen überwachen eigene, kleinere LLM („Classifier”) die Nutzereingaben. Das ist nicht grundsätzlich neu, doch reagiert Fable 5 in neuartiger Weise: Hält ein Classifier die Eingaben für verdächtig, verweigert er die Bearbeitung nicht, sondern schaltet auf die ältere Claude-Variante Opus 4.8 um. Das soll dem Nutzer auch angezeigt werden.
Im Netz gibt es bereits Beschwerden über Rückstufungen bei harmlosen Fragen, beispielsweise zur Interpretation eines Blutbildes. Solche false positives geben Anlass zu dem Vorwurf, Anthropic würde das nicht nur als Sicherheitsmaßnahme einsetzen, sondern auch um Serverüberlastung zu kaschieren. Opus 4.8 benötigt weniger Rechenkapazität als Fable 5.
In Zukunft dürfte es mindestens vier parallele Versionen von Claude Mythos geben: Eine vollständige für US-Behörden, eine für ausgewählte IT-Unternehmen mit weniger Einschränkungen für Sicherheitsbelange, eine für ausgewählte Wissenschaftler mit weniger Einschränkungen bei Biologie und Chemie, sowie Fable 5 für die zahlende Allgemeinheit.
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Doppelte Preise
Claude Fable 5 ist grundsätzlich nicht in den Claude-Abonnements enthalten. Nur für 14 Tage dürfen Abonnenten (Pro, Max, Team sowie mit nach Kontoanzahl abgerechneten Enterprise-Verträgen) Fable 5 ausprobieren, verbrauchen dabei aber die doppelte Menge ihres Nutzungsrahmens. Ab 23. Juni soll Fable 5 ausschließlich nach jeweiliger Tokenmenge abgerechnet werden.
Die Tokenpreise (jeweils in US-Dollar) sind dann auch doppelt so hoch wie bei Claude Opus 4.8 und entsprechen damit dessen Fast-Variante: 10 Dollar pro Million Inputtoken, 12,50 Dollar je Million Token Cache Writes (5 Minuten), 20 Dollar je Million Token Cache Writes (1 Stunde), 1 Dollar je Million aus dem Cache gelesener Token, und 50 Dollar je Million Outputtoken.
300 Seiten Beipackzettel
Anthropic hat Claude Mythos 5 und Fable 5 dreizehn ausgewählten Benchmarks unterzogen. Laut der veröffentlichten Tabelle sticht das neue LLM alles bisher dagewesen bei elf Benchmarks aus. Bei den zwei übrigen liegt es geringfügig hinter der Vorschauvariante Claude Mythos Preview. Deren Classifier waren weniger streng.

Benchmarks laut Anbieter
(Bild: Anthropic)
Besonders stolz ist Anthropic auf die Leistung seines neuen LLMs bei Bilderkennung: „Fable 5 ist der Stand der Technik für Aufgaben, bei denen es auch um Sehen geht. Es kann präzise Zahlen aus detaillierten wissenschaftlichen Schautafeln extrahieren und komplexe bildabhängige Aufgaben ausführen, darunter den Nachbau des Quellcodes einer Web-App aus Screenshots”, heißt es in der Ankündigung. Auch ein Computerspiel habe Fable 5 besser absolviert als frühere Claude-Versionen.
Doch in mindestens einem Bereich hat Opus noch die Nase vorn: Mythos 5 und Fable 5 halluzinieren in manchen Tests mehr. Das und mehr verrät der Beipackzettel („Sytem Card”), der eigentlich ein 319 Seiten dickes Buch ist.
(ds)
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