Von Kultur bis Haltung: Fünf Trends bei der OFFF › PAGE online
Felix Damerius, ECD der Peter Schmidt Group und Kurator der Typo-Trends für PAGE, stand diesmal selbst auf der Bühne in Barcelona. Bei den zahlreichen Eindrücken vor Ort sind es vor allem fünf Trends, die die diesjährige OFFF geprägt haben.
Bild: Arnau RoviraSeit Wochen fiebert man drauf hin – und dann ist sie auch schon wieder vorbei: die OFFF in Barcelona. Drei Tage Input, Gespräche und diese typische Erschöpfung, die sich nur gut anfühlen kann. Für mich war die OFFF in diesem Jahr ein besonderes Erlebnis: nicht nur als Besucher, sondern gerade als Speaker. Zusammen mit unserem CEO Lukas Cottrell durfte ich mit »Own Your Aura« zeigen, wie wir Marken verstehen und verbessern. Selbst auf der Bühne zu stehen, vor so vielen Menschen, das lässt niemanden kalt. Gleichzeitig war es auch eine riesengroße Ehre, die eigene Arbeit auf der großen Leinwand zeigen zu können.
Drei Tage OFFF in Barcelona bedeuten nicht nur volle Programme und visuelle Eindrücke, sondern auch Austausch mit anderen, bei einer Cerveza, in abgelegenen Industrieanlagen oder beim täglichen Tapasessen. Nach drei Tagen hat man aber besonders eins: ein schärferes Gefühl dafür, wohin sich kreative Arbeit gerade bewegt. Zwischen Talks, Projekten und Gesprächen ließen sich in diesem Jahr einige Trends erkennen. Fünf davon sind bei mir besonders hängen geblieben:
1: Branding mit kultureller Bedeutung
Die OFFF stand in diesem Jahr unter dem Motto »Cultured«. Für die visuelle Identität kultivierte Uncommon buchstäblich die Bakterien der kreativen Community. Wie? Indem sie Gestalter aus aller Welt zu Events mit Essen und Getränken einluden. Was die Gäste nicht wussten: Im Nachhinein entnahm das Uncommon-Team Proben von benutzten Bechern und Gegenständen. In Petrischalen herangezüchtet, formten die gewonnenen Bakterienkulturen schließlich das bunte, vielfältige OFFF-Visual. (Siehe Video!)
Der Ansatz beschreibt einen klaren Trend: weg vom durchoptimierten Branding hin zu kulturell verankerten Systemen. Gestaltung wird als kollektiver, lebendiger Prozess verstanden – roh und experimentell. Kreativität entsteht im Austausch, gewinnt Bedeutung durch Kontakt und schöpft ihre Stärke aus gemeinsamen Prozessen und geteilter Geschichte.
Nicht nur Bakterien – die visuelle Identity der OFFF hat Geschichte Bild: PSG
2: Die Persönlichkeit zählt
Wir alle haben eine Vorstellung davon, wie Präsentationen so laufen: Cases, Showreel, Cases – und am Ende staunt das Publikum. Bei der OFFF war die Ansage von Anfang an: Zeigt nicht das, was man auf der Website eh schon sieht, sondern die Geschichten dahinter. Bei vielen Speakern waren diese Stories sehr persönlich: Lebenswege, persönliche Hintergründe und Scheitern wurden Teil der Präsentationen – und machten sie dadurch nahbarer. James Callahan, CEO von Future Deluxe, redete über seine Erfahrung wie es war, plötzlich CEO zu sein und sich mit Zahlen und Begriffen rumschlagen zu müssen, die er vorher nicht mal kannte. Natürlich waren auch die Projekte Highlights. Aber sie standen eben nicht für sich allein.
James Callahan wird persönlich, man darf auch im T-Shirt CEO sein. Bild: PSG
3: Mehr Menschlichkeit
Jede Bewegung ruft eine Gegenbewegung hervor. Im Zeitalter von künstlicher Intelligenz bekommt genau das wieder eine Bühne, was die menschliche Handschrift erkennen lässt. Ob persönliche Skizzen, Zeichnungen, Graffiti und Process Charts – Dinge, die reale Prozesse zeigen. Menschliche Gedankengänge statt Prompts. Foreal stellte die Frage »Wer von euch hat in den letzten Tagen mit dem Stift etwas gezeichnet?« – und überraschend für alle: Viele im Raum hoben die Hand! Analog ist also relevanter denn je.
Foreal zeigte, wie kreative Ideen Menschen beeindrucken können. Bild: PSG
4: Perfektionismus ist out
Viele Talks einte in diesem Jahr ein beinahe befreiender Gedanke: Perfektion ist kein Ziel mehr. Scheitern gehört zum Weg. Los York zeigt das anhand eines Projekts, das so deutlich misslang, dass der Kunde sagte: »Du wirst in dieser Stadt nie wieder arbeiten.« Der wahre Albtraum eines jeden Gestalters! Doch genau darin liegt die Erkenntnis: Es geht darum, Dinge zu veröffentlichen, zu testen und sich weiterzuentwickeln. Fehler, Brüche und Unschärfen sind kein Makel, sondern ein fester Teil des gestalterischen Prozesses.
Los York startete die Präsentation mit Fehlern, nicht mit Perfektion. Bild: PSG
5: Haltung statt Tools
Gleich zu Beginn gab Uncommon den Ton an: »In einem Zeitalter von Prompts wird Geschmack das sein, was heraussticht.« KI, neue Software, das nächste große Kreativ-Tool – die OFFF hat eines sehr deutlich gemacht: Tools ersetzen keine Ideen. Sie sind Werkzeuge. Entscheidend ist der Blick dahinter: der Faktor Mensch, die individuelle Haltung und der ganz persönliche Blick. Das passte irgendwie dann auch zu unserer Präsentation: KI erzeugt austauschbare Ergebnisse. Das Besondere, die Aura einer Marke, entsteht nur durch die Kraft der menschlichen Idee.
Und trotzdem: Niemand war »anti AI« – im Gegenteil. Die zentrale Botschaft war eindeutig: Nicht das neueste Tool erzeugt gute Ideen, sondern Menschen – mit Fantasie, mit Meinungen, und Ecken und Kanten.
Bild: Arnau Rovira
Was bleibt
Zwischen Vorträgen, Sonne, Beton und Gesprächen entsteht auf der OFFF jedes Jahr ein besonderer Raum. Einer, in dem Status egal ist, in dem man genauso viel lernt, wenn man zufällig irgendwo sitzen bleibt oder gezielt zu einem Vortrag geht. Die OFFF ist keine klassische Designkonferenz – sie ist ein Ort des Austausches und ein Treffpunkt für eine ganze Community. Sie wird zur Bühne grandioser Arbeit, aber zeigt auch, dass Zweifel dazugehören. Dass Wege selten gerade verlaufen. Und dass das vollkommen okay ist.
Infografische Zeitreisen, kinetisches Bauhaus-Erbe und Stimmen mit AI › PAGE online
Diese Studentinnen haben beim ADC Talent Award 2026 Nägel gewonnen. Die Projekte zeigen eine schöne Bandbreite, die von interaktiver Produktverpackung bis hin zu historischen Denkanstößen reicht.
Bild: Silberner Nagel in der Kategorie »Experiment > Kreativer Einsatz von Technik« Semesterarbeit, betreut von Marcel Saidov
Über das Projekt »VOXAIPE – Decoded« von Mai Do der Bauhaus-Universität Weimar hatte PAGE bereits berichtet. Dabei stand die Frage im Raum, wie man Stimmen in eine visuelle Form bringen könnte. Das Ergebnis begeistert, denn das digitale, KI-gestützte Typografie-Design-Tool kann menschliche Stimmen in Schrift übersetzen. Dabei hilft ein Large Language Model (LLM), das die Stimmenform sichtbar macht. Dafür analysiert es Klang, Rhythmus, Tonhöhe und Lautstärke.
Was das Projekt so interessant macht, ist die Art und Weise, wie künstliche Intelligenz genutzt wird. Denn hier wird ein Bogen zur Menschlichkeit – der echten Stimme – geschlagen, der wie ein Katalysator wirkt, dass man AI in diesem Zusammenhang akzeptiert. Wie eine kulturelle Brücke, die repräsentiert, wie einzigartig jede Stimme ist, und damit auch jede entstehende variable Buchstabenform.
Neben der Installation gab es übrigens auch ein 228-seitiges Künstlerbuch (s. Bild oben), das den typografischen Verlauf eines mehrminütigen Monologs zeigt. Das Projekt erhielt bei den ADC Talent Awards einen bronzenen Nagel.
Eine infografische Zeitreise
Nina Buschendorf erhielt für »Sexismus gibt es erst seit 23 Stunden« einen silbernen Nagel. In ihrer Masterarbeit macht sie die Geschichte des Sexismus greifbar, indem sie zwei Millionen Jahre Menschheitsgeschichte auf ein einziges Kalenderjahr herunterschrumpft. Das Ergebnis: Systematische Ungerechtigkeit beginnt erst am allerletzten Tag dieses gedachten Jahres – also vor umgerechnet gerade einmal 23 Stunden.
Eine mechanische Installation bewegt eine 55 Meter lange Stoffbahn per Kurbel, während ein begleitendes Leporello-Buch die dramatischen Entwicklungen der letzten 5.000 Jahre im Detail aufschlüsselt.
Bauhaus-Universität Weimar: Silberner Nagel in der Kategorie »Abschlussarbeiten > Experimentelle/Künstlerische Gestaltung« Masterarbeit, betreut von Prof. Burkhart von Scheven und Masihne Rasuli
Kinetisches Bauhaus-Erbe
Xiaoyi Jin bekam ebenso einen Silbernagel für das Projekt »TRIADISCHER GIN«. Mit dieser Semesterarbeit für die Wiegand Manufactur Weimar verwandelt Xiaoyi Jin eine Spirituosenflasche in eine interaktive Bühne. Der Clou: Ein zweischichtiges Lentikular-Etikett erzeugt beim Drehen der Flasche animierte Silhouetten, die auf Oskar Schlemmers »Triadisches Ballett« verweisen. Dazu passt der Subtitle auf dem Etikett: »Ein fließender Tanz der Aromen«.
Bauhaus-Universität Weimar: Silberner Nagel in der Kategorie »Semesterarbeiten > Brand Identity / Brand Design« Semesterarbeit, betreut von Prof. Burkhart von Scheven und Masihne Rasuli
Das sind die Schönsten Deutschen Bücher 2026! › PAGE online
Die 25 Gewinner des wichtigsten deutschen Wettbewerbs für Buchgestaltung, die »Schönsten deutschen Bücher 2026« sind da – und fächern die verschiedensten spannenden Aspekte von Buchdesign auf und Themen, die von Printmaking über bestes Grafikdesign zu Upcycling reichen.
Es ist soweit: Die Stiftung Buchkunst hat die bestgestalteten Bücher des Jahres 2026 gekürt.
Um die 600 Bücher wurden eingereicht und von zwei Juys in einem mehrstufigen Prozess begutachtet.
Zu den insgesamt 14 Juror:innen gehörten Cilly Klotz von Prestel, Antje Birkholz von Fischer Sauerländer und Rainer Arnold vom Hirmer Verlag an.
Es ging um Haptik und Herstellung, um einfache Mittel mit großer Wirkung oder darum, wie Buchgestaltung einen berührt. Satzspiegel, Schrift und Typografie wurden berücksichtigt, Lesbarkeit und das Buch als Objekt mit Vorderseite, Buchrücken und Rückseite, es ging um die Korrespondenz einzelner Gestaltungselemente, um den Umgang mit Text und Bild oder die Doppelseitengestaltung.
Sieben Tage lang trafen auch in diesem Jahr in den beiden Jurys unterschiedliche Kriterien aufeinander und ihre Auswahl zeigt ein spannendes Gesamtbild.
Und das in den Kategorien »Allgemeine Literatur«, »Wissenschaftliche Bücher, Fachbücher, Lehrbücher«, »Ratgeber, Sachbücher«, »Kunstbücher, Fotobücher, Ausstellungskataloge« und »Kinderbücher, Jugendbücher«, in denen jeweils fünf Bücher ausgezeichnet werde. Und zusätzlich natürlich auch der Nachwuchs.
Das sind die Gewinner!
Die Gewinner in der Kategorie Allgemeine Literatur:
Annette Gilbert, Andreas Bülhoff (Hg.): Library of Artistic Print on DemandGestaltung: Lyosha Kritsouk, erschienen bei Spector Books, Leipzig
Kazuo Shinohara: Residential ArchitectureGestaltung: Elektrosmog, erschienen bei Park Books, Zürich
Regina Bittner, Katja Klaus, Philipp Sack (Hg.): Schools of Departure (Reihe, bisher 4 Titel) Gestaltung: Yvonne Tenschert, Offshore, erschienen bei Spector Books, Leipzig
Kashef Chowdhury / URBANA (Hg.): Meditations in EntropyGestaltung: Samuel Bänziger, Rosario Florio, Larissa Kasper, erschienem bei Park Books, Zürich
Luis Adrian Borchardt: Anti-EnvironmentsGestaltung: Luis Adrian Borchardt, erschienen bei einBuch.haus, Berlin /Scheidegger & Spiess, Zürich
Die Gewinner in der Kategorie Ratgeber, Sachbücher:
Steffen Kunkel: Suche nach dem UnbestimmtenGestaltung: Spector Books / Markus Dreßen, erschienem bei Spector Books, Leipzig
Hanna Harms: Wald ohne BäumeGestaltung: Hanna Harms, erschienen im Carlsen Verlag, Hamburg
Julia Blume, Nanne Buurman, Julia Kurz: Bruchstücke, Leerstellen, Blinde FleckenGestaltung: Emil Kowalczyk, Merle Petsch erschienen bei Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig
Markus Frenzl: serien.bookGestaltung: Bureau Sandra Doeller / Sandra Doeller, Merle Petsch, Marcel Backscheider, erschienen im Verlag form, Frankfurt am Main
Konrad Staisch: Das, was da istGestaltung: Konrad Staisch, erschienen im Ankerwechsel Verlag, Hamburg (siehe auch PAGE 01.2026)
Die Gewinner in der Kategorie Kunstbücher, Fotobücher, Ausstellungskataloge:
Museum für Gestaltung Zürich, Sabine Flaschberger, Petra Schmid (Hg.): König HirschGestaltung: Hubertus Design / Kerstin Landis, Jonas Voegeli, erschienen bei Scheidegger & Spiess, Zürich
Daniela Haufe, Detlef Fiedler: cyanGestaltung: cyan / Daniela Haufe, Detlef Fiedler, erschienen bei hesign, Berlin
Beate Fricke (Hg.): Raub und Ruhm. Erbeutetes Erbe im MuseumGestaltung: Kaj Lehmann, erschienen im Vexer Verlag, St. Gallen/Berlin
Stella Rollig, Sergey Harutoonian (Hg.) Ashley Hans Scheirl: In & Out of Painting*Gestaltung: Beton / Benjamin Buchegger, Oliver Hofmann, erschienen bei Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln
Eszter Kondor, Michael Loebenstein, Katharina Müller (Hg.): How to Do Things with VALIE EXPORTGestaltung: Malin Gewinner, erschienen bei Spector Books, Leipzig
Die Gewinner in der Kategorie Kinderbücher, Jugendbücher:
Reto Crameri: MAL PIXEL MALIllustration / Gestaltung: Reto Crameri, erschienen im kunstanstifter verlag, Mannheim
Laura Momo Aufderhaar, Verena Hochleitner: Was tun, wenn…Illustration / Gestaltung: Laura Momo Aufderhaar, Verena Hochleitner, erschienen im kunstanstifter verlag, Mannheim
Jakub Plachý: Schaut, ein Elefant!Illustration / Gestaltung: Jakub Plachý, erschienen bei Rotopol, Kassel
Nina Wehrle: Schluss. Aus. Basta!Illustration: Nina Wehrle Gestaltung: NordSüd Verlag / Theresa Gamper, erschienen im NordSüd Verlag, Zürich
Anna Haifisch: Die Grille in der GeigeIllustration / Gestaltung: Anna Haifisch, erschienen bei Rotopol, Kassel (siehe auch PAGE 01.2026)
Von einer Jury aus Gestalter:innen und Hochschulexpert:innen wurden diese drei Publikationen, die jeweils mit 2.000 Euro dotiert sind, ausgewählt. Kriterium sind besonders innovative, zukunftsweisende Konzepte zur gestalterischen Weiterentwicklung des Mediums Buch.
Yitong Feng: HEIM-WEG-FREMD-WEGGestaltung / Illustration: Yitong Feng, erschienen im Eigenverlag
Celia Joy Homann: Vulvodynie – Schmerz der WeiblichkeitGestaltung / Fotografie: Celia Joy Homann, erschienen im Eigenverlag
Lena Ludwig: Liebhabkondensat – Eine Sammlung von 100 familiären IdiolektenGestaltung: Lena Ludwih, erschienen im Eigenverlag
Am 4. September 2026 schließlich wird zusätzlich zu den 25 Schönsten Deutschen Büchern wird der mit 10.000 Euro dotierte »Preis der Stiftung Buchkunst« vergeben, der von einer Sonderjury von den 25 »Schönsten Deutschen Büchern« ausgewählt wird.
Gleichzeitig wird anlässlich des 60-jährigen Jubiläums der Stiftung Buchkunst auch die Ausstellung »Stiftung Buchkunst: 60 Jahre Schöne Bücher« eröffnet.
Darüber hinaus werden alle prämierten Bücher in den nächsten Monaten auf Buchmessen im In- und Ausland sowie in zahlreichen Ausstellungen in Bibliotheken und Buchhandlungen präsentiert.
Auch die Dauerausstellung im Foyer des Literaturhauses Frankfurt und die Terrassengespräche im Berliner PalaisPopulaire (1. Juli 2026, 19 Uhr Oswald Egger über sein prämiertes Buch »Oskar Fiala und das Prinzip der kleinsten Wirkung«) werden fortgeführt.
Freelance-Arbeit und KI: Habt ihr euch schon arrangiert? › PAGE online
»Während sich viele Unternehmen noch schwertun, generative KI produktiv einzusetzen, rollt mit agentischen Systemen die nächste Technologiewelle an«, sagt Tristan Post. Wir erklären, was das fürs Freelancing bedeutet und was heute bei einer Berufshaftpflichtversicherung zu beachten ist.
Viele Freelancer:innen haben ihre Angst vor KI mittlerweile abgelegt. Aber wie sieht das Stimmungsbild eigentlich genau aus? PAGE hat über die Freelancer-Studie berichtet, in der es unter anderem um Trends und Challenges ging.
Schaut man sich die Informationen zum Umgang mit KI genauer an, zeichnet sich ein vermehrt positives Bild. Die Befragten sehen Künstliche Intelligenz mittlerweile als Chance anstatt als Bedrohung. Das dürfte zumindest in Teilen auch auf die Designszene zutreffen, da sich so langsam alle zurechtruckeln.
Umgang mit KI – wen es betrifft
Die einen schaffen es Schritt für Schritt, KI sinnvoll in ihren Arbeitsalltag zu integrieren. Andere treffen Entscheidungen, sich wieder mehr aufs Handwerk zu konzentrieren.
Und dann gibt es da noch Gestalter:innen-Gruppen, die sich etwas schwerer tun. Das sind die, die durch KI bereits Aufträge verloren haben und ihre Design-Positionierung anpassen müssen.
In vielen Fällen trifft das auch die Junior:innen. Kürzlich veröffentlichte eine GWA-Umfrage aufschlussreiche Ergebnisse, bei der untersucht wurde, ob der Nachwuchs weniger in Strategiearbeit in Agenturen eingebunden wird. Das umfasst zwar nicht direkt den Freelance-Bereich, ist aber ein Signal zum Aufhorchen. Wenn der Nachwuchs in Agenturen weniger strategisch ausgebildet wird, drängen später Freelancer:innen auf den Markt, denen manche Kernkompetenzen fehlen könnten.
Keine Angst mehr vor AI?
Die meisten Teilnehmer:innen der Befragung von freelance.de unterstreichen das Stimmungsbild. 53 % setzen KI täglich ein, 23 % wöchentlich, nur 6 % gar nicht. Und sie fühlen sich auch nicht – oder wenig – bedroht. Sie schätzen die Tools mehr als ein effizienzsteigerndes Werkzeug, so die Studie. Das kommt sicherlich stark auf die jeweiligen Arbeitsbereiche an.
Kein Wunder, dass sich mit der stark angestiegenen Nutzung nun Geschäftsmodelle und Jobbeschreibungen wandeln – und das in allen Bereichen. Tristan Post, KI-Experte und Gründer des AI Strategy Institute, sieht genau hier den großen Vorteil für Kreative ohne starre Firmenstrukturen und kommentiert:
»Während sich viele Unternehmen noch schwertun, generative KI produktiv einzusetzen und interne Hürden wie Compliance-Vorgaben oder Mitbestimmung überwinden müssen, rollt mit agentischen Systemen bereits die nächste Technologiewelle an.«
Oder sie ist schon da. Viele Coder arbeiten fast nur noch mit agentischen Systemen. Damit haben Freelancer:innen einen entscheidenden Vorteil, sofern man diesen auch zu nutzen vermag: die schnellere Anpassungsrate. Man kann allein schließlich viel flotter reagieren, als wenn ein riesenhafter Unternehmens- oder Agenturapparat hinter einem steht.
Zwischen Risikoappetit und Existenzangst
Der zweite Vorteil, den Tristan Post nennt, ist der »höhere Risikoappetit«. Ob der wirklich in allen Bereichen zu finden ist, könnte man für viele Designbereiche überdenken. Denn obwohl aktuell die meisten Freien mit ihrer Arbeit zufrieden sind, zeichnet sich ein unsicheres Stimmungsbild hinsichtlich der finanziellen Lage. Fragt sich, wie risikobereit Einzelne damit sind.
On top: Viele sind unsicher, wie und ob sich die Arbeit mit KI auf die Honorareauswirken wird. 38 % können es noch nicht einschätzen, 32 % sehen keine zukünftige Veränderung, 18 % erwarten niedrigere Preise. Nur 5 % erwarten höhere Preise. Die restlichen 8 % gaben an, dass das für ihr Geschäftsmodell keine Relevanz hat.
Trotz finanzieller Sorgen blicken die meisten Freien konstruktiv nach vorne. Laut Report betrachten nur 24 % KI generell als Risiko. Viele nutzen die Tools stattdessen, um neue Kompetenzen aufzubauen. Dazu zählt die Fähigkeit, einer KI präzise visuelle und konzeptionelle Anweisungen zu geben (Prompt Crafting). Ebenso gehört das Erlernen von Techniken wie Inpainting (gezieltes Ersetzen von Bildteilen) und ControlNet (Stichwort: Stable Diffusion) zum neuen Standard.
Wo aber konkrete Unsicherheiten und Herausforderungen herrschen, legt die Untersuchung ebenfalls offen.
Ganz vorne landen Datenschutzfragen mit 38 %, gefolgt von einer erhöhten Fehleranfälligkeit (34 %) und steigenden Erwartungen seitens der Kundschaft (32 %). Dahinter folgen unklare Haftungsfragen (30 %) sowie Unklarheiten bezüglich des Urheberrechts (27 %). Im Anschluss wurden mangelnde Transparenz (26 %), übermäßige Abhängigkeit (23 %) und ethische Bedenken (15 %) gelistet.
Warum Berufshaftpflicht inklusive KI?
Es empfiehlt sich daher, darüber nachzudenken, eine Berufshaftpflichtversicherung für Design inklusive KI-Risiken abzuschließen, weil die Haftungs- und Verantwortungsfrage in den meisten Fällen noch sehr unklar ist.
Viele Versicherer haben KI bereits in ihre Angebote eingeschlossen. Das ist so wichtig, weil sich Freelancer:innen damit viel sicherer in der KI-Welt bewegen können. Dazu gibt es zahlreiche Beispiele aus der Praxis, zum Beispiel:
Angenommen, ein Kunde beauftragt eine Designerin damit, ein Markenkonzept zu erstellen. Sie nutzt dafür ein KI-Tool. Letztlich laufen unbeabsichtigt Inhalte in das Konzept, die eigentlich geschützt sind. Weder die Designerin noch der Kunde haben das gesehen, bis es nach Nutzung des Konzeptes und Umsetzung der Ideen irgendwann auffällt. Der Kunde erhält eine Abmahnung und eine Schadensersatzforderung, weil geschützte Inhalte des Rechteinhabers genutzt wurden.
Wer haftet hier nun? Zuerst wird der Kunde die Forderung an die beauftragte Designerin weitergeben, da sie schließlich das Konzept entwickelt hat. Hat sie keine Versicherung, wird es ernst. Eine passende Versicherung schafft in solchen Fällen Abhilfe, weil sie den Vorgang prüft – und wenn die Forderung rechtens ist, die Kosten übernimmt. (Fallbeispiel aus der Freelancer-Studie, freelance.de)
Dazu interessant: KI-Recht im Branding – ein PAGE-Seminar