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„Pokémon Champions“ angespielt: Klarer Hit mit klaren Schwächen
Der alte Cordy denkt an den Ruhestand. Seit 55 Jahren leitet er sein Trainingszentrum, ein grauer Bart ist ihm gewachsen, er macht jetzt alles etwas langsamer. Er ruckelt leicht. Leider ruckeln in diesem Spiel auch die jungen Menschen. Das neu erschienene „Pokémon Champions“ läuft nicht nur auf der Switch 1, sondern auch auf der Switch 2 bemerkenswert träge. So ungefähr fühlt es sich an, wenn man merkt, dass 3D-Spiele auf einem alt gewordenen Handy nicht mehr ganz flüssig laufen. Grundsätzlich sind Wartepausen in Menüs und während der Kämpfe bei einem frisch gestarteten Onlinespiel zu erwarten. Doch wie lieblos und technisch veraltet sich hier ein neues Spiel von Nintendo vom Start weg präsentiert, ist bemerkenswert.
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Das geht auch auf dem Handy besser
Das wirkt unnötig bis ärgerlich, sahen doch die Pokémon-Spiele Karmesin/Purpur und Legenden Z-A auf der Switch 2 nicht umwerfend aus, liefen aber wenigstens flüssig. In „Pokémon Champions“ sehen immerhin die Pokémon-Modelle besser aus als die Menschen, auch Kampfeffekte sind jetzt detaillierter. Und hat Cordy erst einmal alle Tutorials durchgeleiert, taucht er nur noch am Rand auf. Der schwache erste Eindruck betrifft also nicht das ganze Spiel.
Doch „Pokémon Champions“ wirkt etwas unfertig, wie ein Schnellschuss. Dabei ist genau diese Spielidee ein seit Jahrzehnten erwarteter Riesenhit, der auf seine Umsetzung wartet. Endlich gibt es klassische, rundenbasierte Pokémon-Kämpfe im Multiplayer nicht nur als Modus in einem anderen Spiel. Der neue Free-to-Play-Titel erscheint vorerst nur für Switch 1 und 2, soll aber auch für Android und iOS erhältlich werden. Auf so etwas wartet nicht nur die Turnierszene, sondern auch Generationen alter Fans. Wer bei Pokémon regelmäßig online mitspielen will, züchtet und trainiert die Kreaturen irgendwann, und das kann im Korsett der Konsolenspiele ganz schön umständlich, langwierig und teuer werden.
Ebenfalls abgeholt werden alle Menschen, die noch nie ein Pokémon abgerichtet und auf andere gehetzt haben. Die Tutorials sind kleinteilig, erklären aber zielstrebig die wichtigsten Spielelemente. Man will sie schon deswegen wenigstens schnell durchklicken, weil sie mit Coupons, Tickets und „VP“ belohnt werden – „Pokémon Champions“ erzeugt anfangs ein ungutes Gefühl, weil auch hier mal wieder mehr als eine Währung zum Einsatz kommt. Allerdings werden anfangs auch viele davon ausgeschüttet.
Lotterie auf dem Bauernhof
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In „Pokémon Champions“ geht es nur um das Austragen von Kämpfen. Doch die Tiere müssen auch irgendwie geschnappt, trainiert und zu Teams zusammengestellt werden. So wird man vom Hauptmenü aus auf eine Ranch geschickt und versteht dort zu Beginn nur Bahnhof. Das Weideland funktioniert wie eine Losbude: Einmal täglich darf man hier gratis ein neues Pokémon aus einer zufälligen Auswahl rekrutieren. Für eine Woche kann man es gratis einsetzen, zum Behalten werden Tickets oder VPs fällig.

heise medien
)
Ein paar gute Pokémon zu schnappen, geht recht schnell und einfach. Unmöglich und frustrierend ist es dagegen, auf diesem Weg ganz bestimmte Kreaturen aus dem aktuellen Pool von 229 Kandidaten zu bekommen. Wer das machen will, muss sie eigentlich in einem anderen Spiel der Serie fangen und dann mit der Pokémon Home-App transferieren. Auch diese Funktion wirkt bisher halbgar, ist aber vorhanden – zum Artikelzeitpunkt fehlte der Filter in Pokémon Home, mit dem man sich anzeigen lassen kann, welche Kreaturen aus einem anderen Spiel überhaupt mit Champions kompatibel sind.
Der Trainingsbildschirm besteht dagegen aus schlichten, übersichtlichen Menüs. Hier lassen sich Attacken und Statuswerte der Pokémon einstellen – auf eine erstaunlich klare Weise. Noch nie war es so einfach und einleuchtend, jeden Wert fein einzustellen. Dafür wurde allerdings auch eine taktische Dimension geopfert. Die „Individuellen Stärken“ oder IVs haben maßgeblich dazu beigetragen, Duelle unberechenbarer zu machen, waren aber auch schwerer zu kontrollieren und zu ändern. Mit ihrer Auslassung ist das Spiel nun etwas leichter zu verstehen, bietet aber Vielspielern auch weniger taktische Möglichkeiten.
Die wollen nur prügeln
Die meiste Zeit verbringt man beim Kämpfen. Es gibt Einzel- oder klassische Doppelkämpfe, eine optionale Rangleiter, Privatduelle und auch Turniere, von denen das erste aber erst nach dem Schreiben dieses Artikels startet.
Und all die Schwächen, der ruckelnde Cordy und die unübersichtlichen Währungen verblassen, wenn es in die Arena geht. Hier wirkt „Pokémon Champions“ endlich ausgereift. Natürlich wird sich hier viel verändern, aktuell sind weniger als ein Viertel aller möglichen Pokémon im Spiel, dazu Mega-Entwicklungen, aber noch keine anderen Spezialformen. Und eine Offenbarung ist die Grafik auch hier nicht.
Im Kern aber finden hier Kämpfe so statt, wie man sie aus dem Onlinemodus der Hauptspiele kennt. Ein gemäßigtes Zeitlimit hält die Kämpfe flüssig. Im Doppelkampf-Format entwickelt sich ein irrwitziger Variantenreichtum der Attacken und Effekte. Und noch ist „Pokémon Champions“ nicht auf dem Handy. Aber hier könnte es seine Stärken voll ausspielen: Jede Partie dauert wenige Minuten. Man will immer noch eine spielen, vor allem, wenn man gewinnt. Wegen dieses Spiels werden Menschen in der Bahn ihre Haltestellen verpassen, Kinder ihre Hausaufgaben vergessen. Es gibt auch andere rundenbasierte Duellspiele auf dem Handy, aber eine größere Tradition und Fanbasis hat sonst womöglich nur Schach.
Kurz nach dem Start des Spiels ist noch jedes Duell eine Wundertüte. Zumindest in den Rängen der Pokéball-Klasse tummeln sich absolute Neulinge, aber immer wieder rutschen auch Spieler in die Duelle, die sich offensichtlich auf der Durchreise in höhere Ligen befinden und bereits ausgereifte Teams in die Arena führen. Starke Teams lassen sich ja per Pokémon Home transferieren; hier kündet sich schon eine Zweiklassen-Gesellschaft an. Wie sehr man das Gefühl bekommen wird, unbedingt auch „Pokémon Go“ oder gar Kaufspiele der Serie zum Rekrutieren zu brauchen, das muss sich noch zeigen.
Free to Play heißt fünfzig Euro
Das Starterpaket für sieben Euro ist empfehlenswert, aber nicht nötig. Wer sich von „Pokémon Champions“ anfangs begeistern lässt, stößt aber im Spiel schnell auf eine deutlich gezogene Grenze. Zwei Shops gibt es. In einem lassen sich Trainermoden, Items und Megasteine für (bisher) sehr faire VP-Preise kaufen. Will man nicht alles kaufen, lässt sich das gut durch VP-Verdienste aus den Kämpfen gegenfinanzieren.
Im anderen Shop wird Geld fällig: Für jede Saison lässt sich ein Premium-Kampfpass für 9,99 € freischalten; die erste Saison dauert einen runden Monat. Zwingend wirkt das Angebot nicht. Viele Boni gibt es in der ersten Saison auch ohne Premium.
Fast alternativlos fühlt sich dagegen die Mitgliedschaft an, die für 4,99 € im Monat oder 49,99 € im Jahr verkauft wird. Mit ihr bekommt man 1000 Plätze in der Pokémon-Box (statt 30) und kann 18 Teams zusammenstellen (statt 3). Wer also nicht bloß genau ein oder zwei Traumteams züchtet, sondern auch nur ein bisschen tiefer eintauchen will, der muss bezahlen. Für Free-to-Play-Verhältnisse ist das Modell allerdings vergleichsweise transparent und fair. Bisher rollt hier kein Gacha-Zug mit goldenen Tickets am Glück vorbei. Doch der Shop wirkt noch verdächtig leer; vielleicht hat das Monetarisierungsmodell sein dickes Ende noch nicht gezeigt.
Wacklige Technik, stabiler Hit
Die Grundlagen für diesen Hit stehen seit langer Zeit. Nun ist er tatsächlich erschienen. An dieser schlichten Wahrheit können Leerstellen zum Start, der ruckelnde Cordy und Monetarisierungssorgen nicht rütteln. Hat man erst einmal ein Team zusammengestellt und spielt Runde um Runde, dann schmilzt die Zeit wie früher mit Link-Kabel auf dem Pausenhof. „Pokémon Champions“ muss sich noch entwickeln. Aber stark ist es jetzt schon.
(dahe)
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Breakpoint: Das Internet verrottet – netzpolitik.org
Als die Bibliothek von Alexandria in Flammen aufging, brannte das Feuer lichterloh. Riesige Stichflammen erhellten in dieser Nacht Ägyptens blau-schwarzen Himmel. Wesentliche Teile des gesammelten Wissens der Menschheit gingen verloren und der Verlauf der Menschheitsgeschichte wurde um Jahrhunderte zurückversetzt. Das könnte man zumindest meinen, wenn man History-Memern auf der Plattform Reddit glaubt.
Was in den einen Fällen plakativ als große Katastrophe der Menschheitsgeschichte gezeichnet wird, geschieht in anderen Fällen leise, schleichend und unbemerkt. Die wohl größte Ansammlung von Wissen und Dokumentationen befindet sich heute weder in einer Universitätsbibliothek noch in einem Staatsarchiv, sondern im Internet – und steht weitestgehend jederzeit zu unserer Verfügung. Unzählige Websites, digitalisierte Archive, Medienberichte, Videos, Fotomaterial und Zeitdokumente können wir mit wenigen Klicks direkt einsehen.
Doch große Teile der im Internet veröffentlichten Dokumente sind schon heute nicht mehr verfügbar: Adressen haben sich geändert, Websites sind offline, Tweets gelöscht. 2023 waren rund 40 Prozent der 2013 hochgeladenen Seiten nicht mehr abrufbar. „Tote Links“ sind heute, rund dreißig Jahre, nachdem das World Wide Web für die breite Masse zugänglich wurde, ein verbreitetes Phänomen. „Link rot“ nennt man es, wenn verlinkte Belege und Verweise ins Nichts führen.
Wissen verbrennt nicht, es verrottet
Statt einer Antwort steht dann „Error 404: Page not found“ auf dem Bildschirm. Das ist nicht nur ein Problem für Forschende und Journalist:innen, deren Quellen verschwinden und Referenzen ungültig werden. Vielmehr ist es ein weitreichender Verlust an Wissen für die gesamte Öffentlichkeit. Die unendliche Verkettung von Informationen, das Netz aus Referenzen und neuen Quellen, die immer wieder gegenseitig aufeinander Bezug nehmen und dabei so umfangreich und gleichzeitig zugänglich sind wie nie zuvor, funktioniert nicht.
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Dabei betrachten und nutzen viele Menschen das Internet als digitales Archiv. So als wäre das Sammeln von Links, das Posten von Fotos und Veröffentlichen von Texten im Internet ein Weg, dieses Material zu konservieren und als Dokumente unseres Abschnitts in der Geschichte der Menschheit haltbar zu machen. Das gilt für öffentliche Publikationen wie für private Erinnerungen: wissenschaftliche Abhandlungen, die nicht mehr in Büchern gedruckt werden, Zeitungsartikel, die Zeitungspapier nie gesehen haben, und private Erinnerungen, die statt in Fotoalben zu kleben auf Instagram gepostet werden. All diese Dokumentationen unserer Existenz, unseres politischen Seins, unserer wissenschaftlichen Erkenntnisse, unseres Alltags wie den Errungenschaften unserer Zeit, drohen zu verschwinden oder im Heuhaufen der geänderten Adressen und abgeschalteten Plattformen unauffindbar zu werden.
Katastrophale Gleichgültigkeit
Inzwischen nehmen Forscher:innen an, dass die Bibliothek von Alexandria nicht in einem epochalen Feuer verbrannt ist. Als Caesars Legionen 48 vor Christus Alexandria in Brand setzten, erreichte das Feuer wohl nur ein kleines Lager der riesigen Bibliothek. Der wohl tatsächliche Grund für den Untergang der Bibliothek ist banal und vielleicht gerade deswegen katastrophaler als es ein Feuer je sein könnte: Gleichgültigkeit. Schriften, die auf Papyrus verfasst sind, müssen regelmäßig kopiert werden, weil das Material schnell zerfällt. Dass Bibliotheken bestehen, reicht nicht aus, um sie zu bewahren. Wer Bücher und Bibliotheken erhalten will, muss sie pflegen – sonst zerfallen sie. Dieses banale und doch endgültige Schicksal hat nicht nur die Bücher in Alexandria ereilt, sondern etliche Dokumente im Laufe der Geschichte.
Es muss jemanden geben, der sich genug für den Inhalt eines Archivs interessiert, um ihn nicht nur abstrakt-grundsätzlich erhalten zu wollen, sondern zu reproduzieren. Denn ohne ständige Reproduktion ist Wissen nicht konservierbar. Buchseiten zerfallen zu Staub, auch ohne zu verbrennen. Websites werden abgestellt, Hoster geben ihre Dienste auf, Plattformen löschen alte Inhalte. Nicht ein großes Unglück vernichtet unser gesammeltes Wissens und – wenn man so polemisch sein möchte wie Redditors – lässt unsere Zivilisation untergehen, sondern der Mangel an Interesse an dem, was dort gesammelt wurde.
Dafür, dass das nicht geschieht, setzt sich das „Internet Archive“ ein, das in diesem Jahr seinen dreißigsten Geburtstag feiert. Das Internet Archive ist nach eigener Beschreibung eine „digitale Bibliothek mit Internetseiten und anderen kulturellen Artefakten in digitaler Form“. „Wie eine gedruckte Bibliothek bieten wir Forschern, Historikern, Wissenschaftlern, Menschen mit Lesebehinderungen und der breiten Öffentlichkeit freien Zugang.“ Ihre Mission sei es, „universellen Zugang zu allem Wissen zu ermöglichen“. Über eine Billion Internetseiten hat das Projekt laut eigenen Angaben bereits archiviert. Damit ist das Internet Archive ein in der Form einzigartiges Projekt und seit vielen Jahren ein wichtiges Tool für Forscher:innen und Journalist:innen. Insbesondere, wenn es darum geht, Dokumente in ihrer ursprünglichen Form einzusehen.
Journalist:innen sind auch Archivar:innen
Besonders besorgniserregend ist, dass insbesondere auch Medien sich aktiv an der Vernichtung von öffentlich zugänglichen Dokumentationen beteiligen. Viele Rundfunkanstalten löschen etwa die Hinweise auf vergangene Interviews oder Berichte bereits nach wenigen Jahren im Rahmen der Depublizierungspflicht, andere Medienhäuser löschen Meldungen, ändern Überschriften und URLs oder ganze Textabschnitte geräusch- und hinweislos. Damit missverstehen Journalist:innen ihre Funktion. Sie sind nicht nur Berichterstatter, die die Öffentlichkeit heute informieren sollen, sondern gewissermaßen auch Archivar:innen unserer Zeit für nachfolgende Generationen. Ein Gespräch, das im Radio zu hören war, hat nie stattgefunden, wenn auch der letzte Mensch, der es gehört hat, verstorben ist – außer, es gibt eine Dokumentation darüber.
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Umso fataler ist es, dass eine wachsende Zahl großer Medienhäuser dem Internet Archive den Zugang zu ihren Inhalten verweigert. Mindestens 241 Nachrichtenportale aus neun Ländern blockieren die Web-Crawler des Archivs, darunter „The Guardian“, „The New York Times“, „Le Monde“ und „USA Today Co.“. Das tun die Medienhäuser wohl aus Angst, dass ihre Inhalten zunehmend generative KI füttern. Der Journalist Martin Fehrensen sagte der Deutschen Welle, er sähe im Internet Archive die einzige funktionierende Beweismittelkette des offenen Webs: „Millionen Wikipedia-Quellenbelege verlieren ihren Anker, Recherchen zu Plattform-Accountability, also welche AGB galt wann, welche Moderationsregel wurde wie umformuliert, werden deutlich schwieriger, gerichtsfeste digitale Evidenz fällt weg.“ Deswegen würde es besonders den Medienhäusern selbst schaden, die Web-Crawler des Internet Archive zu blockieren.
Digitale Dunkelzeit
Historiker:innen befürchten bereits jetzt ein „Digital Dark Age“. Der Begriff beschreibt die Sorge, dass aus dem digitalen Zeitalter der Menschheitsgeschichte nur wenige Dokumentationen überleben werden. Insbesondere dann, wenn spätere Generationen einmal keinen Zugriff mehr auf das Netz haben werden oder ihnen das Wissen darüber fehlt, wie man es benutzt. Viele Forschende empfehlen deswegen, möglichst viele Dokumente auszudrucken und analog zu archivieren oder sie mit einer Anleitung abzuspeichern, wie man die digitalen Dokumente nutzen kann. Tagebücher etwa waren über Jahrtausende hinweg relevante Quellen über das Alltagsleben früherer Generationen von Menschen. Ob ein Instagram-Account mit der Bio „My digital diary“ Historiker:innen in hundert oder tausend Jahren zugänglich sein wird, ist zweifelhaft.
Wenn wir das im Internet gesammelte Wissen erhalten wollen, müssen wir uns für seine Inhalte interessieren. Etwa indem wir Webseiten nicht löschen, auch wenn wir deren Inhalt für veraltet halten, URLs nicht verändern und darauf achten, korrekt zu referenzieren. Dafür setzen sich inzwischen Kampagnen wie die des World Wide Web Consortiums „Cool URLs don’t change“ ein. Vor allem dürfen wir uns nicht auf große Anbieter und Plattformen verlassen, dass sie unsere privaten und zeitgeschichtlichen Dokumente für immer für uns aufheben dürfen. Auch wenn Instagram die Rückschau auf alte Storys „Archiv“ nennt, ist es keins.
Damit die Informationen, die wir im Internet ablegen, tatsächlich langfristig erhalten bleiben, müssen wir sie vervielfältigen. Websites dezentral speichern, auf Festplatten, im Internet Archive und Dokumente analogisieren; oder wie Bianca Kastl in ihrer Kolumne sagen würde: degitalisieren. Das Internet ist kein nachhaltiges Archiv, weder für private, noch für zeitgeschichtliche Dokumente – zumindest aktuell nicht. Wenn wir nicht wollen, dass Reddit-Nerds in tausend Jahren den Mythos verbreiten, das gesammelte Wissen der Menschheit sei bei einem epochalen Brand eines großen Datencenters vernichtet worden, der die Geschichte der Menschheit um Jahrhunderte zurückversetzt hat – dann müssen wir anfangen, uns mehr für all das zu interessieren, was wir im Internet sammeln.
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KW 21: Die Woche, in der die Zivilgesellschaft aufsteht
Liebe Leser:innen,
die Zivilgesellschaft steht in vielen Ländern unter Druck. Dass sich die Menschen dem noch lange nicht beugen, zeigt eindrucksvoll der Fall des Fotografen Pablo Grillo in Argentinien. An ihn habe ich in den vergangenen Tagen oft gedacht, nachdem ich den Text von Nina Galla gelesen hatte.
Pablo war im März 2025 auf einer Demonstration in Buenos Aires gewesen. Rentner:innen protestierten dort gegen steigende Kosten, zunehmende Armut und den Kurs des rechtsradikalen Kettensägen-Präsidenten Javier Milei. Damit gingen sie ein hohes Risiko ein. Denn Mileis Regierung hat das Demonstrationsrecht massiv eingeschränkt. Wer dennoch auf die Straße geht, muss mit Willkür und brutaler Polizeigewalt rechnen.
Pablo traf an diesem Tag eine Tränengasgranate ins Gesicht. Er wurde lebensgefährlich verletzt, über Wochen bangten Menschen landesweit um sein Leben.
Noch während der Fotograf im Krankenhaus war, begannen Aktivist:innen damit, Beweise für die Tat zu sammeln, die sie von anderen Demonstrierenden oder direkt von Journalist:innen erhielten. Sie rekonstruierten die Geschehnisse, konnten nachweisen, dass die Polizei an dem Tag wiederholt auf Demonstrierende geschossen hatte und brachten den mutmaßlichen Täter, einen Polizisten, vor Gericht.
Erst vor wenigen Wochen kehrte Pablo Grillo nach Hause zurück. Es ist unklar, welche gesundheitlichen Folgen der Schuss langfristig für ihn hat. Das Verfahren gegen den Polizisten läuft noch.
Der Fall zeigt für mich, wozu Menschen fähig sind, wenn sie sich zusammenschließen, gemeinsam aufstehen und sich wehren. Ich hoffe, dass ihre Recherchearbeit dazu führt, dass Pablo Gerechtigkeit widerfährt.
Gegendruck aufbauen, von Anfang an
Derweil wächst auch in Deutschland der Druck auf zivilgesellschaftliche Organisationen. Meine Kollegin Chris hat diese Woche ein Interview mit Josephine Ballon von HateAid geführt. Die Trump-Regierung hat Ballon und ihre Co-Geschäftsführerin Anna-Lena von Hodenberg Ende vergangenen Jahres mit einem Einreiseverbot belegt – weil sie „radikale Aktivistinnen“ und „Agentinnen des industriellen Zensurkomplexes“ seien. Josephine Ballon fürchtet, dass das nur der Anfang ist und HateAid bald auch von Zahlungsverkehr und IT-Dienstleistungen ausgeschlossen sein könnten.
Gerade jetzt sollte die Bundesregierung fest hinter der hiesigen Zivilgesellschaft stehen, finde ich. Stattdessen aber will Bildungsministerin Prien zivilgesellschaftlichen Initiativen nicht nur einer „breit angelegten Verfassungsschutzprüfung“ unterziehen, sondern auch Fördermittel drastisch kürzen. Betroffen wären neben HateAid etwa auch die Amadeu Antonio Stiftung und die Open Knowledge Foundation Deutschland. Ihnen würden dann Mittel fehlen, um gegen digitale Gewalt, Antisemitismus und Rechtsradikalismus vorzugehen.
Mir ist klar, dass die derzeitige Lage in Deutschland bei weitem nicht so dramatisch ist wie in Argentinien. Auf mich wirken sie aber wie der Anfang und das drohende Ende einer Entwicklung, die sich derzeit vielerorts beobachten lässt.
Und gerade deshalb sollten wir schon beim ersten Druck nicht klein beigeben, sondern uns wehren – gegen den Generalverdacht, der sich zunehmend gegen zivilgesellschaftliches Engagement richtet, gegen kulturkriegerische Hetze, die diesen Verdacht gezielt nährt, und gegen Kürzungen, die unsere Demokratie schwächen.
Habt ein sonniges Wochenende
Daniel
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AI Forensics vs. BigTech: „We can have retaliation against us“

When it comes to enforcing the EU’s digital regulation against social media platforms like X and TikTok, the Commission and national authorities are not alone in collecting the necessary evidence. In many cases, they rely on the work that is done by outside actors, such as AI Forensics.
The non-profit organisation analyses and investigates the algorithms that shape the information landscape. Based in Paris, they consider themselves an European organisation, with people working from all across the continent.
In an interview with netzpolitik.org, Marc Faddoul, the founder and director of AI Forensics, reflects on the organisation’s experience of working with regulators and points out how the conditions could be improved: by providing flexible funding and legal protection.
Contribution behind the scenes
netzpolitik.org: We often ask whether the European Commission or the national authorities have enough staff to enforce the Digital Services Act (DSA), but no one ever really mentions contributors like you. I suppose it’s partly because you’re not allowed to talk about all your contributions…
Marc Faddoul: In a way I’m sometimes shocked myself. About the role we are given to play in those big scale politics, about how much falls onto civil society.
I am not even sure it is really a matter of number of people; it’s more about the specific expertise that is needed to do this job. That is not necessarily the profile that is drawn towards the institutions.
And also the methods: We often have to deploy unconventional and adversarial methods to do the work that we do, that is not what the institutions are best at doing.
netzpolitik.org: So, let’s start at the beginning. What is it that you do?
Marc Faddoul: We’ve done a lot of work on social media recommender systems, because they were, and are still to a large extent, the most influential algorithmic system in shaping the information we consume. We are working increasingly on chatbots, since they are becoming the new gatekeepers of online content.
Our audience is the general public, usually through journalists. And we do a more targeted dissemination to regulators and policymakers to inform policymaking processes and especially to enforce existing regulation.
Our reports are always data driven. We collect data, including on systems for which there are no official data access mechanisms. We do so by using what we call “adversarial methods” which allow us to basically scrape publicly available content directly from those services and therefore analyse how they behave in different conditions and for different users.
netzpolitik.org: You mentioned the enforcement of laws. Besides the DSA, are there any other laws that are also quite important, or is that really the most important one right now?
Marc Faddoul: It’s definitely the most important one.
Firstly, because it is at the European level. When you’re facing those huge tech giants, you need a strong enough market power to be able to impose your rules.
Secondly, it encapsulates a lot of things through this notion of systemic risks: electoral integrity, a risk to mental health, technology-facilitated gender-based violence. There’s a whole range of risks that are captured in this article, which makes it one of the more flexible legal frameworks to date.
But it’s not only the DSA we work on. Recently we have done this study exposing the dissemination of non-consensual intimate images and the production of CSAM content by Grok. For both of these there are a lot of other legal frameworks for which this is relevant, both in Europe and worldwide. On those cases we are also working with other regulators, including Australia, the UK and California.
netzpolitik.org: And how exactly do you work with regulators? Do you bring something to their attention, or do you get tasks from them?
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Marc Faddoul: In many cases we do our own investigations and then we bring them to the attention of the regulators. So that’s really our own initiative.
In other cases, regulators can come to us with specific requests. That can be paid or contracted, but not always.
Sometimes the work is unpaid
netzpolitik.org: And when it’s not paid, why do you still do it?
Marc Faddoul: When it’s unpaid, we still do it because it’s aligned with the mission of our organization to hold platforms to account to the user and to the law.
But obviously there are limits to how much we can do under these modalities, so it cannot be systematic. There is clearly a lack of funding mechanisms available from institutions to support the ecosystem. In some respects, there are new mechanisms arising, but it’s still quite limited.
netzpolitik.org: Who decides about the funding and how should it be improved in your opinion?
Marc Faddoul: At the European level now is an important moment because of the ongoing negotiations around the EU’s multi-annual budget. I think this is a big opportunity to push for more flexible funding.
One of the big pain points right now is that a lot of the funding is available through Horizon calls, which are typically three-year projects that have to be done in a large consortium of ten organizations or more.
It is quite inflexible because you cannot anticipate three years in advance what will be most relevant to do.
For example, the age verification mechanism has become a big priority. That was not the case two years ago. It is a change in the political agenda that gives it a stronger priority.
netzpolitik.org: Ok, let’s go over how the political agenda affects your work. In Brussels, it is said that people in the top political sphere are the ones taking some important decisions around the DSA cases, and that it’s not a purely technical enforcement.
Marc Faddoul: The fact that this is being constantly weighed on a geopolitical scale, is both frustrating for people who are involved in building this case, but also, most importantly, incoherent with the statements by those political leaders who say that respecting European laws is not something that is negotiable and that they will be enforced strictly.
Also, it is sending a wrong signal to those platforms and to adverse politicians that indeed they can put pressure to block those decisions.
And then you have a second component which is: What are you enforcing? What are the priorities?
There’s a lot of room for interpretation because the DSA is big. It’s being rolled out and not everything is being implemented with the same speed and with the same priority.
Political climate influences enforcement
netzpolitik.org: What is being prioritised?
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Marc Faddoul: Some topics that have consensus across the political spectrum and also transatlantic consensus include the dissemination of non-consensual intimate images. Even Melania Trump, for example, was quite involved in advocating for this specific issue. Other examples of topics with broad consensus include CSAM content and age verification. Still, those political dynamics define where we are putting the pressure on.
On the other hand, climate change disinformation is now being pushed towards the bottom of the list.
netzpolitik.org: How would you rate the transparency of how the DSA is being enforced?
Marc Faddoul: I can tell you one thing: in the cases we’re involved in, where we provided evidence, we have no idea about their content or when they’re going to come out. We only know it’s been received.
And even then, we can be exposed by the results of those investigations.
This happened with the X investigation. The fine was sent out, then the Department of Justice in the U.S. leaked the whole investigative file with our names in it, unredacted.
So, this is a real consequence for us. We can have retaliation against us, especially when Elon Musk tweets very aggressively against the fine, how it’s censoring US free speech, which is obviously complete nonsense.
But, still, in reality, we can be harassed and attacked in response, but we had no control over the fact that our name was captured in those files, over the fact that it was released, and over the fact that we are not even really informed about the timetable.
This is not directly the Commission’s fault. They had to give the file to Twitter. Then the Department of Justice requested the file from Twitter. And then they leaked it.
We are a pivotal actor in building this case, but we have no control, and even no information on what happens next.
netzpolitik.org: You can not only be harassed via tweets or comments, but there could also be legal consequences, right? Do you have any sort of protection for that or does that all lie on you?
Marc Faddoul: All on us. The Commission doesn’t help us with that in any way.
Here, we have a clear policy request: the creation of a much better safe harbour for people who do public interest research, like we do.
netzpolitik.org: So, the main things that you would need are better funding, legal protection, also transparency, something else?
Marc Faddoul: Well, in fact, I think for our protection it is good that we don’t have the details of the cases. I wouldn’t make it a request.
The funding, absolutely. It should be more flexible, shorter term, not only through large consortiums.
And on the protection, yes, absolutely. A safe harbour for public interest research and also institutional support when we get attacked by foreign actors for the work that we do in supporting enforcement of democratic regulation.
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