Digital Business & Startups
Als gebootstrapptes Startup sind Ressourcen fast immer knapp
Das junge Unternehmen Capacities, 2022 von Michael von Hohnhorst und Steffen Bleher in St. Wendel gegründet, möchte Menschen helfen, sich besser zu organisieren. „Vor allem in professionellen Berufen wie Journalismus, Forschung oder in Unternehmen“, erklärt Gründer Bleher.
Derzeit verfügt das komplett gebootstrappte Unternehmen über rund 250.000 registrierte Nutzerinnen und Nutzer. „Etwa 20.000 davon sind aktiv beziehungsweise sehr aktiv in der App, und ein beachtlicher Teil davon ist zahlender Kunde. Finanziert wird Capacities vollständig durch unsere Nutzerinnen und Nutzer über ein Abo-Modell“, sagte der Jungunternehmer.
Im Interview mit deutsche-startups.de spricht Capacities-Macher Bleher einmal ausführlich über den Stand der Dinge in seinem Unternehmen.
Wie würdest Du deiner Großmutter Capacities erklären?
Meiner Großmutter würde ich sagen: Wir helfen Menschen dabei, sich besser zu organisieren, vor allem in professionellen Berufen wie Journalismus, Forschung oder in Unternehmen. Diese Jobs sind heute extrem anspruchsvoll geworden. Überall kommen enorme Mengen an Informationen zusammen: In der Forschung wird laufend Neues veröffentlicht, im Journalismus müssen große Informationsmengen schnell verstanden und eingeordnet werden, und in Unternehmen geht es um Aufgaben, Projekte, Entscheidungen, rechtliche Themen und die Koordination vieler Menschen. Früher hat man vieles davon mit Stift, Papier, Ordnern und Druckern organisiert. Heute kann man das digital deutlich besser lösen. Mit Capacities stellen wir ein Programm zur Verfügung, das Menschen hilft, Informationen, Gedanken, Entscheidungen und Arbeitskontexte so abzulegen, dass sie später wieder nutzbar sind. Es unterstützt sie, wenn sie etwas nicht im Kopf behalten können, auf frühere Entscheidungen zurückgreifen wollen oder aus allem, was sie gelesen und erarbeitet haben, etwas Neues schaffen müssen. Dafür haben wir Capacities gebaut: eine Denkumgebung, die Menschen hilft, ihre Wissensarbeit deutlich besser zu organisieren und sich auf ihre Kreativität und Innovation konzentrieren zu können.
War dies von Anfang an Euer Konzept?
Wir haben tatsächlich anders angefangen. Capacities ist aus der Uni heraus entstanden. Damals wollten wir ursprünglich den Bildungsbereich verändern, weil wir im Studium sehr spannende Technologien kennengelernt haben, während Lernen und Lehren selbst an Universitäten, aber natürlich auch an Schulen, oft noch sehr konventionell funktionieren. Wir haben beide Elektrotechnik und Informatik studiert und uns gefragt, wie man Technologie nutzen kann, um Lernen besser, interaktiver und kollaborativer zu machen. Mit dieser Idee sind wir gestartet: ein innovatives Modell, um Wissen zu organisieren, zu lernen und gemeinsam daran zu arbeiten. Mit der Zeit haben wir aber gemerkt, dass der Bildungsbereich, vor allem der institutionelle Bildungsbereich, für digitale Innovation extrem schwierig ist. Parallel hatten wir bereits ein Tool gebaut, das wir irgendwann einfach ins Internet gestellt und damals noch auf Twitter veröffentlicht haben. Wir haben sinngemäß gesagt: Wir haben eine neue Möglichkeit entwickelt, Informationen zu organisieren, und würden uns über Feedback freuen. Das hat sehr schnell Resonanz gefunden. Menschen haben darauf reagiert, fanden den Ansatz spannend und innovativ und haben das Produkt direkt ausprobiert. Kurz darauf hat auch ein mittelgroßer YouTuber ein Video über uns gemacht. Dadurch hatten wir innerhalb kurzer Zeit ein paar hundert Nutzerinnen und Nutzer. Ab diesem Moment haben wir uns konsequent auf diese User, ihre Bedürfnisse und ihre Probleme fokussiert. Aus diesem Prozess ist Capacities in der heutigen Form entstanden. Der Fokus lag am Anfang also auf Bildung. Heute ist Capacities breiter ausgerichtet: auf Wissensarbeit in sehr unterschiedlichen Bereichen.
Wie hat sich Capacities seit der Gründung entwickelt?
Seit der Anfangsphase sind wir kontinuierlich gewachsen, irgendwo zwischen linear und exponentiell. Wir haben Capacities komplett gebootstrapt. Das heißt: Wir hatten nie externes Funding und damit auch nie ein großes Marketingbudget, um Wachstum künstlich anzutreiben. Gewachsen sind wir vor allem über Mund-zu-Mund-Propaganda. Heute sind wir 6,5 Vollzeitkräfte und arbeiten remote verteilt in Europa. Wir haben ungefähr 250.000 registrierte Nutzerinnen und Nutzer. Etwa 20.000 davon sind aktiv beziehungsweise sehr aktiv in der App, und ein beachtlicher Teil davon ist zahlender Kunde. Finanziert wird Capacities vollständig durch unsere Nutzerinnen und Nutzer über ein Abo-Modell. Unser bezahlter Plan heißt Capacities Pro und kann monatlich oder jährlich bezahlt werden. Heute sind wir als Unternehmen profitabel. Unser aktueller Fokus liegt darauf, das Wachstum zu professionalisieren und zu beschleunigen. Bisher sind wir in weiten Teilen organisch gewachsen, ohne viel dafür zu tun. Jetzt wollen wir diesen nächsten Schritt strukturierter angehen: Capacities stärker in den Mainstream bringen, das Tool für mehr Menschen zugänglich machen und die Einstiegshürden weiter senken. Solche Wachstumsschübe entstehen bei uns immer wieder aus echter Nutzung und Begeisterung heraus. Ein gutes Beispiel ist Casey Newton, Gründer und Editor von Platformer, früherer Silicon-Valley-Editor bei The Verge und Co-Host des New-York-Times-Podcasts Hard Fork. In einer Hard-Fork-Folge zu seinen Tech-Resolutions für 2026 hat er Capacities als zentralen Teil seines Produktivitätssystems beschrieben: für tägliches Journaling, leichtes Task-Management und als Ort, an dem journalistische Recherche-Notizen wieder auftauchen, wenn sie relevant werden. Für uns ist das ein perfektes Beispiel für organisches Wachstum: Ein sehr anspruchsvoller Nutzer findet echten Wert im Produkt, spricht öffentlich darüber, und daraus entsteht plötzlich ein spürbarer Wachstumsschub.
Ihr habt Capacities bisher ohne Fremdfinanzierung und Kapitalgeber aufgebaut. War dies von Anfang an eine bewusste Entscheidung?
In der sehr frühen Phase, als es noch um den Bildungsmarkt ging, haben wir natürlich auch über Investments nachgedacht. Je stärker wir uns aber in Richtung eines Tools für individuelle Knowledge Worker entwickelt haben, desto klarer wurde für uns, dass Fremdfinanzierung nicht der richtige Weg ist. Dafür gab es mehrere Gründe. Einerseits ist der B2C-Bereich generell schwierig, wenn es darum geht, großes Kapital einzusammeln. Andererseits war uns klar, dass man ein solches Produkt nicht über Nacht baut und dann sofort in große Märkte skaliert. Dafür braucht es viel Arbeit, viel Iteration und ein tiefes Verständnis für die Nutzerinnen und Nutzer. Für uns war deshalb der nachhaltige Weg der richtige: echten Wert schaffen, nah an den Usern bleiben und das Produkt Schritt für Schritt verbessern. Wenn das mit wenig oder gar keinem Kapital möglich ist, dann war es für uns die bessere Option. Bootstrapping bedeutet für uns auch, dass unsere wichtigsten Stakeholder die Nutzerinnen und Nutzer sind. Wir bauen in erster Linie für die Menschen, die Capacities täglich verwenden und durch ihr Abo finanzieren, nicht für Investoren oder die nächste Finanzierungsrunde. Das macht manche Entscheidungen vielleicht weniger spektakulär, aber oft klarer und langfristiger. Rückblickend hat sich diese Entscheidung ausgezahlt. Wir haben es nicht bereut, Capacities zu bootstrappen.
Wie war der Start ohne fremdes Geld – was geht recht einfach, was ist als Bootstrapping-Startup recht schwierig?
Der große Vorteil ist die Kontrolle. Man kann langfristig und nachhaltig denken, ohne von Finanzierungsrunde zu Finanzierungsrunde zu planen oder kurzfristige Kennzahlen optimieren zu müssen, nur um neues Kapital einzusammeln. Wir konnten uns vollständig darauf konzentrieren, echte Probleme unserer User zu lösen. Genau davon waren wir von Anfang an abhängig: Mögen Menschen das Produkt? Begeistert es sie? Und sind sie bereit, dafür zu zahlen? Das hat uns früh diszipliniert und stark gemacht. Unsere Mund-zu-Mund-Propaganda hat nur funktioniert, weil Menschen vom Produkt überzeugt waren und das Gefühl hatten: Da steckt etwas Besonderes dahinter. Das hat Potenzial. Ein weiterer Vorteil war, dass wir keine großen Mengen an Zeit in Pitch-Decks und Funding-Runden investieren mussten. Als zwei technische Gründer konnten wir uns sehr stark auf Produkt, Nutzerfeedback und direkte Interaktion konzentrieren. Die Kehrseite ist, dass man trotzdem im Wettbewerb mit anderen Unternehmen steht, teilweise mit sehr gut finanzierten. Als gebootstrapptes Startup sind Ressourcen fast immer knapp. Das zwingt einen zu Effizienz, niedrigen Kosten und klaren Prioritäten. Gleichzeitig wird man dadurch manchmal konservativer, macht weniger Experimente und findet möglicherweise später heraus, welche Kanäle oder Ansätze wirklich funktionieren. Am Ende ist es immer eine Abwägung. Für uns war Bootstrapping richtig, aber es bedeutet auch, mit deutlich geringeren Budgets und weniger Spielraum gegen andere Unternehmen anzutreten.
Was rätst Du anderen Gründerinnen und Gründern, die sich für Bootstrapping entscheiden?
Ich würde zuerst sagen: Bootstrapping ist nicht grundsätzlich für jedes Startup die richtige Entscheidung. Es muss zum Markt, zur Geschäftsidee, zur Go-to-Market-Strategie und zum Gründerteam passen. Bei uns war Bootstrapping vergleichsweise naheliegend, weil wir Software bauen. Der Kapitalaufwand war dadurch überschaubar. Außerdem hatten wir die technischen Kernkompetenzen im Gründerteam. Wenn diese Kernressourcen nicht im Team vorhanden sind und man über mehrere Jahre Entwicklerinnen oder Entwickler anstellen muss, wird Bootstrapping deutlich schwieriger. Wenn Umfeld, Idee und Team passen, sind wir aber große Fans von Bootstrapping. Drei Denkimpulse finde ich besonders wichtig: Erstens: Ressourcen müssen extrem bewusst eingesetzt werden. Experimente sind teuer, wenn man deutlich weniger Mittel hat als die Konkurrenz. Deshalb muss man sich immer fragen: Wo haben wir den größten Hebel? Welcher Versuch kann uns wirklich weiterbringen? Das kann je nach Startup Marketing, Produkt, Validierung oder ein anderer Bereich sein. Zweitens: Früh zu monetarisieren ist sehr wertvoll. Umsatz verlängert nicht nur die Runway, sondern liefert auch extrem klares Feedback. Wenn Menschen bereit sind, für ein Produkt zu zahlen, ist das einehs der stärksten Signale für Product-Market-Fit. Als Bootstrap-Startup wird man ohnehin früh an diesen Punkt gedrängt. Das kann ein Vorteil sein, weil man schneller erfährt, ob die Idee wirklich trägt. Drittens: Bootstrapping ist eher ein Marathon als ein Sprint. Wir haben einige Wettbewerber kommen und gehen sehen. Finanzierte Startups können am Anfang schneller wirken, aber ein gebootstrapptes Unternehmen kann relativ früh profitabel werden und dadurch langfristig sehr stabil sein. Dieses Setup kann ein großer Vorteil sein, wenn man bereit ist, konsequent und geduldig daran zu arbeiten. Außerdem haben wir auch gelernt: Mancher Startup-Rat aus dem Silicon Valley, der für VC-finanzierte Startups gilt, gilt deshalb nicht automatisch für Bootstrap-Startups. Man braucht ein anderes Tempo, andere Maßstäbe und teilweise auch andere Entscheidungen.
Blick bitte einmal zurück: Was ist seit der Gründung so richtig schiefgegangen?
Ehrlich gesagt ist bei uns nichts fundamental schiefgegangen. Aber wir haben natürlich tausende Fehler gemacht. Zwei der größten waren die folgenden. Der erste Fehler war, dass wir zu spät an den Markt gegangen sind. Gerade am Anfang im Bildungsbereich haben wir viele Gespräche geführt, aber das Produkt nicht früh genug echten Nutzerinnen und Nutzern gegeben. Wir haben zu spät gesagt: Hier ist das Produkt, nutzt es, gebt uns Feedback. Dadurch hat sich der Weg zur Validierung deutlich verzögert. Wir haben Zeit und Ressourcen in Entscheidungen investiert, die nicht stark genug auf Marktsignalen oder echtem User-Feedback basierten. Das würden wir heute früher und direkter machen. Der zweite Fehler war, dass wir Technologie zu stark in den Vordergrund gestellt haben. Als technisches Gründerteam war das naheliegend, aber im Nachhinein nicht immer richtig. Wir haben uns am Anfang für eine Datenbank-Technologie entschieden, die sehr innovativ und besonders wirkte, bei der Skalierung mit Zehntausenden Usern aber keinen echten Vorteil gebracht hat. Der spätere Wechsel auf eine Standard-Datenbank-Technologie war ein sehr komplexer Migrationsprozess, der uns viel Zeit und Ressourcen gekostet hat. Unsere Annahme, dass uns diese besondere Technologie einen Vorteil verschafft, hat sich nicht bestätigt. Heute würden wir in solchen Bereichen stärker auf bewährte, einfache Technologien setzen, die seit Jahren funktionieren. Das haben wir auf die harte Weise gelernt. Inzwischen sind wir dadurch aber sehr gut aufgestellt.
Wo habt Ihr bisher alles richtig gemacht?
Unser größter Erfolgsfaktor war der enge Kontakt zu unseren Nutzerinnen und Nutzern. Wir haben früh sehr genau zugehört und diese Nähe über die Zeit konsequent ausgebaut. Die ersten starken Signale für Product-Market-Fit kamen genau daher: Menschen haben uns seitenlange E-Mails geschrieben, was sie an Capacities begeistert, was sie stört und was sie sich wünschen. Wir haben diese Signale ernst genommen und daraus viel für das Produkt und den Markt gelernt. Heute haben wir eine Discord-Community mit über 10.000 aktiven Mitgliedern, ein sehr reges Feedback-Board und eine offene Kommunikation mit unserer Community. Wir kombinieren dieses Feedback mit unserer eigenen Produktvision. Dieser Austausch hat sich als enorm wertvoll erwiesen. Das sieht man bis heute an vielen ungefragten Rückmeldungen. Immer wieder schreiben Nutzerinnen und Nutzer öffentlich oder direkt an uns, dass Capacities für sie nach vielen Versuchen mit Tools wie Notion oder Obsidian zum ersten System geworden ist, das wirklich zu ihrer Arbeitsweise passt. Solche Stimmen sind für uns oft wertvoller als jede abstrakte Metrik, weil sie zeigen, dass das Produkt im Alltag tatsächlich etwas verändert. Auch eine schwierige Phase auf dem Weg von wenigen Usern zu einem wettbewerbsfähigen Produkt konnten wir durch diesen Enthusiasmus und die Unterstützung unserer Community überbrücken. Als uns das Geld knapp wurde, haben wir einen Believer-Plan eingeführt. Das war ein bezahlter Plan ohne zusätzliche Features. Die Botschaft war: Wenn ihr gut findet, was wir machen, und wollt, dass es dieses Projekt weiter gibt, dann unterstützt uns. Das hat außergewöhnlich gut funktioniert. Innerhalb weniger Tage hat die initiale Kampagne rund 1.000 bis 2.000 Euro MRR erzeugt, und danach ist der Plan weiter gewachsen. Für uns, direkt nach dem Studium, war das ein echter Wow-Moment: Menschen zahlen, ohne unmittelbar zusätzliche Features zu bekommen. Das hat uns sehr berührt und beeindruckt, weil es gezeigt hat, dass wir etwas geschaffen hatten, das Menschen so wertvoll fanden, dass sie es freiwillig finanziell unterstützen wollten. In gewisser Weise hat genau das Capacities möglich gemacht. Diese Haltung zieht sich bis heute durch. Wir hören genau zu, fragen aktiv nach und bleiben eng mit der Community verbunden. Das macht die User zufriedener und reduziert zugleich die Gefahr, am Markt vorbei zu entwickeln. Dieser enge Austausch ist bis heute unser wichtigstes Erfolgsrezept.
Wo steht Capacities in einem Jahr?
In einem Jahr wollen wir DIE relevante Alternative zu Notion, Obsidian und Evernote im Bereich Personal Knowledge Management sein. Gleichzeitig wollen wir mehr sein als nur eine Alternative. Der Unterschied ist, dass wir eine Umgebung schaffen, die den Menschen und seine Arbeitsweise ins Zentrum stellt und einfach funktioniert. Man landet nicht vor einem blanken Blatt, muss nicht erst ein System aufsetzen, Datenbanken bauen oder Plugins installieren, bevor echter Nutzen entsteht. Capacities nimmt einem viele dieser Entscheidungen ab, denkt Struktur und Kontext automatisch mit und unterstützt die Arbeit, statt sie komplizierter zu machen. Software sollte sich nicht wie ein starres System anfühlen, in das man seine Gedanken pressen muss. Sie sollte Menschen dort abholen, wo ihre Arbeit entsteht, und ihnen helfen, daraus bessere Ergebnisse zu machen. Gleichzeitig wollen wir die nächste Wachstumsstufe erreichen: das Team vergrößern, Capacities für mehr Menschen zugänglich machen und führende KI-Technologie für Wissensarbeit anbieten. Wir sind ein kleines Team, aber sehr motiviert. Wir haben richtig Lust auf das, was vor uns liegt, und freuen uns auf alles, was kommt.
Startup-Jobs: Auf der Suche nach einer neuen Herausforderung? In unserer Jobbörse findet Ihr Stellenanzeigen von Startups und Unternehmen.
Foto (oben): Capacities
Digital Business & Startups
Der erste Kontakt entstand über gemeinsame Freunde
#Interview
Das 2022 gegründete Berliner HR-Startup Empion gehört nun zum spanischen Scaleup Factorial. Im Interview mit uns spricht Gründerin Annika von Mutius über die Gründe für den Verkauf an den Personio-Herausforderer, die Zukunft von Empion und ihre neue Rolle bei Factorial.

Das Berliner HR-Startup Empion, 2022 von Annika von Mutius und Larissa Leitner gegründet, wanderte vor wenigen Tagen unter das Dach des spanischen HR-Scaleups Factorial.
„Durch die Akquisition kommen mehrere Millionen US-Dollar an jährlich wiederkehrendem Umsatz (ARR) bei Factorial hinzu, was ein Beleg für die finanzielle Bedeutung des Deals neben seinem strategischen Wert ist“, teilten die Unternehmen zur Übernahme mit. In den kommenden Wochen und Monaten soll „Empion vollständig in Factorial integriert“ werden.
Empion bringt seit mehrere Jahren Unternehmen und passende Talente mithilfe von KI zusammen. Dabei berücksichtigt die Plattform neben Fähigkeiten und Persönlichkeit auch die Unternehmenskultur und persönliche Werte. In den vergangenen Jahren flossen rund 8 Millionen Euro in Empion – unter anderem von Cavalry Ventures, VR Ventures und Basinghall Partners.
Im Interview mit deutsche-startups.de spricht Empion-Gründerin Annika von Mutius einmal ausführlich über die Übernahme.
Empion wandert unter das Dach von Factorial. Wie geht es nun konkret weiter?
Für unsere bestehenden Kunden ändert sich nichts: Produkterlebnis, Verfügbarkeit der Services und bestehende Verträge bleiben von der Übernahme unberührt. Schrittweise werden wir Empion vollständig in Factorial integrieren, so dass unsere Kunden künftig den gesamten Talent Lifecycle – vom Recruiting über Performance-Management bis hin zu Employee Engagement – in einer Plattform steuern können. Unsere KI-Systeme und die zugrunde liegende Technologie in die Plattform werden also überführt.Warum habt ihr euch für einen Verkauf entschieden, statt Empion eigenständig weiter aufzubauen?
Der Zusammenschluss mit Factorial macht die zugrunde liegende Forschung und Methodik einer deutlich breiteren Unternehmenslandschaft in Deutschland und weit darüber hinaus in Europa zugänglich. Gemeinsam verfolgen wir den Anspruch, zum europäischen KI Champion zu werden. Assessments für Bewerber und Mitarbeiter sind für mich dabei erst der Auftakt zu einer weitreichenden Transformation der Arbeitswelt durch künstliche Intelligenz, die wir nun mit vereinten Kräften maßgeblich mitgestalten.Wie seid ihr überhaupt mit Factorial in Kontakt gekommen – und wann wurde daraus eine konkrete Übernahme?
Der erste Kontakt entstand über gemeinsame Freunde, aus einem zufälligen Zusammentreffen heraus. Im darauf folgenden fachlichen Austausch zeigte sich jedoch schnell, wie präzise die Produkte zueinander passen. Aus diesen Gemeinsamkeiten entwickelte sich der Austausch mit der Zeit organisch zu konkreten Gesprächen und schließlich zu einer Übernahme.Du bleibst an Bord und wechselst ins Leadership-Team von Factorial. Wie sieht deine Rolle künftig aus?
Mein Fokus liegt künftig auf der KI-Entwicklung, konkret im Bereich Talent Assessment. Also ganz entsprechend meiner fachlichen Expertise. Diese inhaltliche Kontinuität erlaubt mir, die bei Empion entwickelte Methodik direkt in die Weiterentwicklung der Factorial-Plattform einzubringen. So bleibt die fachliche Substanz unserer Arbeit erhalten, während sich zugleich neue Gestaltungsräume in einem größeren europäischen Kontext eröffnen.Factorial übernimmt nicht nur eure Technologie, sondern auch das gesamte Team. Was war dir bei der Übernahme besonders wichtig?
Entscheidend war für mich zunächst der kulturelle Fit zwischen beiden Unternehmen sowie die Übereinstimmung der Ambitionen, europäische Wettbewerbsfähigkeit und technologische Souveränität zu erlangen. Ebenso zentral war der Anspruch an KI-Forschung und Forschungstransfer, der Empion von Beginn an prägte. Der gemeinsame Aufbau eines europäischen KI-Champions fügt sich damit nahtlos in unsere eigenen Werte ein. Zudem verstand ich mich von Beginn an auch persönlich sehr gut mit Jordi und Bernat – eine Verbindung, die sich mittlerweile im gesamten Team widerspiegelt. Entsprechend groß ist auch die Vorfreude!Startup-Jobs: Auf der Suche nach einer neuen Herausforderung? In der unserer Jobbörse findet Ihr Stellenanzeigen von Startups und Unternehmen.
Foto (oben): Empion
Digital Business & Startups
Ich habe bei Palantir „Forward-Deployed Engineering“ betreut: Das muss man wissen
FDE-Programme liegen bei Unternehmen von OpenAI bis Google voll im Trend. Vinoo Ganesh weiß, auf was es wirklich ankommt.
Dieser Essay basiert auf einem Gespräch mit Vinoo Ganesh, dem 34-jährigen CEO von Kepler. Er war in den 2010er Jahren über sechs Jahre lang bei Palantir tätig und arbeitete später bei Citadel. Er lebt in New York. Der Text wurde aus Gründen der Länge und Verständlichkeit redaktionell überarbeitet.
Palantir hatte ein Programm, das wir „Project Frontline“ nannten. Die Idee hinter Frontline war: Wie können wir Softwareentwickler in den Alltag eines vor Ort eingesetzten Ingenieurs eintauchen lassen?
Ich habe tatsächlich schon vor dem Programm eine Art Vorläufer davon durchlaufen. Ich habe im Produktentwicklungsteam angefangen, absolvierte einen langen Einsatz als Ingenieur im Außendienst und kehrte dann zum Produktentwicklungsteam zurück.
Ich habe das Programm über einen langen Zeitraum geleitet. Eine ganze Reihe von Mitarbeitern hat es durchlaufen. Einige blieben als Ingenieure im Außendienst; andere kehrten wieder in den Softwareentwicklungsbereich zurück.
Nah am Kunden
Damals war es so, dass die vor Ort eingesetzten Ingenieure sehr schnell arbeiteten und sehr nah am Kunden waren. Das Softwareentwicklungsteam war geografisch – manche Kollegen waren buchstäblich in Palo Alto – und kulturell von der Dringlichkeit isoliert, die das FDE-Team verspürte.
Die Idee war: Sich in die Lage des anderen versetzen.
Palantir hat sich wirklich sehr bemüht, all diese Mitarbeiter auf Erfolgskurs zu bringen. Wir stellten ihnen Mentoren zur Seite. Sie hatten zwei Ansprechpartner: einen vor Ort tätigen Entwicklungsleiter und einen Softwareentwicklungsleiter.
Mal rauskommen
Die Leute fanden das großartig. Sie wohnten für ein paar Monate in Firmenunterkünften, fernab von ihrem Heimatbüro. Es ist nicht so, dass jeder FDE dieses Programm durchlaufen hat; es handelte sich um eine Gruppe von Softwareentwicklern, die Interesse bekundet hatten.
Bei Citadel nannten wir das „Business Engineering“. Das Ziel war viel stärker auf interne Portfoliomanager und Analysten ausgerichtet. Die FDEs von Palantir konzentrieren sich viel stärker auf Kunden außerhalb des Unternehmens. Bei Citadel legten wir den Fokus auf Mitarbeiter innerhalb der Organisation.
Das Betriebsmodell war dennoch dasselbe: Das Entwicklerteam von Citadel hat ein Kernprodukt, und unser Ziel ist es, dessen Entwicklung durch den Austausch mit Portfoliomanagern, Analysten und Mitarbeitern besser zu gestalten.
Was andere Unternehmen in Bezug auf FDEs falsch machen
Ich habe „Forward-Deployed Engineers“ immer als Erweiterung des Produktteams betrachtet. Ihre Aufgabe ist es, Probleme zu lösen, um Erkenntnisse über das Produkt zu gewinnen, die in die Produktentwicklung einfließen.
Manche betrachten sie – meiner Meinung nach fälschlicherweise – als Vertriebsingenieure. Andere sehen in ihnen Vertriebsmitarbeiter mit Umsatzvorgaben. Ich habe schon alles gesehen, vom vor Ort eingesetzten Aktienanalysten bis hin zum vor Ort eingesetzten Chefarchitekten.
Ich glaube, „FDE“ wird fälschlicherweise als Notlösung für eine mangelnde Produkt-Markt-Passung in einigen dieser Unternehmen verwendet. Meiner Beobachtung nach wird der Begriff genutzt, um Kunden zur Nutzung des Produkts zu zwingen, die dies andernfalls vielleicht gar nicht wollten.
Autonomie und Eigenverantwortung
Palantir hatte eine Kultur der Autonomie und Eigenverantwortung. Wenn man ein Problem identifizierte, konnte man selbst die Initiative ergreifen und dieses Problem lösen. Das war es, was den FDEs ermöglichte, sich zu entfalten.
Ich glaube auch, dass das Produkt von Palantir nahezu perfekt für das „Forward-Deployed“-Engineering-Ökosystem geeignet ist. Man hat diese horizontale Plattform aufgebaut, die in einer Vielzahl von Branchen eingesetzt werden kann, und FDEs sind die Personen, die die vertikalen Anwendungen entwickeln.
Ich würde über unser Produkt nachdenken und darüber, ob es für eine FDE-Funktion relevant ist oder nicht. Ich betrachte eine FDE nicht als Mittel, um mehr Token zu verkaufen. Ich betrachte eine FDE nicht als Mittel, um Nutzer dazu zu bringen, dein Produkt zu nutzen, wenn ihr noch kein Problem gelöst haben.
Der Begriff wird mittlerweile als Sammelbegriff für eine Kombination aus Vertriebs-, Kundenerfolgs- oder Marketingfunktionen verwendet, um zu zeigen, dass man sich um die Kunden kümmert.
Wie versteht man Kunden?
Ich beobachte, dass sich viele Unternehmen darauf konzentrieren, ihr Produkt so vielen Menschen wie möglich zu präsentieren – unabhängig davon, ob dies tatsächlich zu einer Steigerung der Produktrendite führt.
Die Welt ist nicht schwarz-weiß. Es gibt eine ganze Reihe von Mittelwegen, welche Art von FDE man zu welchem Zeitpunkt seiner Entwicklung benötigt. Dies sind meine persönlichen Ansichten und keine offizielle Stellungnahme dazu, wie Palantir vorgegangen ist.
Ich glaube, das ist die Zukunft der Softwareentwicklung. Wenn das Schreiben von Code nicht mehr das Alleinstellungsmerkmal ist, liegt die Chance darin: Wie versteht man Kunden tiefgreifend und intuitiv?
Es ist wirklich wichtig, Softwareentwickler weltweit stärker für Kundenbelange zu sensibilisieren. Für mich ist der FDE eher eine Denkweise als eine Berufsbezeichnung.
Lest den Originalartikel auf BUSINESS INSIDER US
Digital Business & Startups
+++ Cloover +++ HyImpulse +++ INLEAP Photonics +++ Atira +++ Zeit AI +++ Empion +++ klima&so +++ Margelo +++
Was gibt’s Neues? In unserem #Wochenrückblick liefern wir einen schnellen Überblick darüber, was in der deutschsprachigen Startup-Szene zuletzt wirklich wichtig war!
#STARTUPLAND

STARTUPLAND: Founders. VCs. Visionaries
+++ Am 10. März 2027 findet im RheinEnergieStadion in Köln unsere vierte STARTUPLAND Conference statt. Es erwartet Euch wieder eine faszinierende Reise in die Startup-Szene – mit Vorträgen von erfolgreichen Gründer:innen, lehrreichen Interviews und Pitches, die begeistern. Mehr über STARTUPLAND
#Wochenrückblick – Was zuletzt wirklich wichtig war!
STARTUP-RADAR
Brandneu
+++ In den vergangenen Tagen haben wir folgende Startups vorgestellt: Another Earth, datin, Kipti, Neuramancer, Comena, Fyrce Care, AmbuMetric, ElternCrew, Spree Monitoring, naion.tech, kyLANX, Sikia, MakeMyWork, pure.lyte, FRYTE Mobility, easy pisy, naturnista, BlackDocs, Delvo, ClubGefühle, Circular grain, Polygon One, goNEON, Honig Games, HeyMaria, Willidrop, MediClaim, Aeya, CareConnect und Serwas. Mehr im Startup-Radar
Newsletter
+++ Im Startup-Radar-Newsletter, unserem kostenpflichtigen Newsletter, berichten wir über diese Startups: Nanolope, Deepentix, LabThunder, ZVG Melder, Hellion Tech, Crew-OS, Exclaim Robotics, Covelant, FaceLedger, Lily, SURGALFA, Kazimi, Elvio Robotics, Meisterpfad und VergabeHero, Kuro Technology, Neybor, Matchplan, musidoo, Erledigt, Sheap, TradeAnyMachine, Clara, Kibundo, yummy.world, Kopplung Systems, StauraumHeld, SAPIENTEC, BezLad und ZopaAI. 30 Tage kostenlos testen
INVESTMENTS
Cloover
+++ Nicht genannte Geldgeber stellen Cloover im Rahmen einer Finanzierungskapazität weitere 100 Millionen US-Dollar zur Verfügung. Mehr über Cloover
HyImpulse
+++ Der Berliner Investor Join Capital, Ace Capital Partners aus Israel, North Ventures (Dänemark), BW-Capital, Bayern Kapital, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und Campus Founders Ventures investieren 50 Millionen Euro (Series A Extension) in HyImpulse. Mehr über HyImpulse
INLEAP Photonics
+++ Der Münchner B2B-Investor UVC Partners, High-Tech Gründerfonds (HTGF), Balnord, Sentris Capital und Scale Capital investieren rund 20 Millionen Euro (Seed-Investment) INLEAP Photonics. Mehr über INLEAP Photonics
Atira
+++ Der bekannte amerikanische Investor Accel und Altinvestoren wie UVC Partners, Fortino Capital und Booom investieren 15 Millionen US-Dollar (Seed-Investmentrunde) in Atira. Mehr über Atira
Zeit AI
+++ Y Combinator, Oxford Seed Fund, Sequoia Capital Scout Fund, ACE Ventures, HPVC – Hasso Plattner Venture Capital, Christian Lindner, Mario Götze, Charlie Songhurst, Martin Schoeller und Robert Fink investieren 5 Millionen Euro in Zeit AI. Mehr über Zeit AI
xorlab
+++ Der Schweizer Geldgeber Spicehaus Partners, Grapha Holding, EquityPitcher Ventures und ZKB Start-up Finance investieren 5 Millionen Euro in xorlab. Mehr über xorlab
MERGERS & ACQUISITIONS
Enpulsion – Lift Me Off
+++ Das Wiener SpaceTech Enpulsion übernimmt das britische Chemical-Propulsion-Unternehmen Lift Me Off (LMO). Mehr über Enpulsion
Kapten & Son – pinqponq
+++ Das Kölner D2C-Unternehmen Kapten & Son übernimmt von FOND OF die Lifestyle-Marke pinqponq. Mehr über Kapten & Son
Neura Robotics – Adlatus Robotics
+++ Das Metzinger Robotik-Unicorn Neura Robotics, das gerade erst Active Shuttle gekauft hat, übernimmt das 2015 gegründete Ulmer Unternehmen Adlatus Robotics, das autonome Reinigungsroboter entwickelt. Mehr über Neura Robotics
b’steuern – Glindway
+++ Das junge Berliner Steuer-Startup b’steuern und die 2022 gegründete Berliner Firma Glindway, die auf „maßgeschneiderte KI und Softwarelösungen“ setzt, schließen sich zusammen. Mehr über b’steuern
Tenzing – Pimcore
+++ Der Londoner Investor Tenzing übernimmt die Mehrheit am Salzburger Softwareunternehmen Pimcore. Mehr über Pimcore
Factorial – Empion
+++ Das spanische HR-Scaleup Factorial, das hierzulande Personio Konkurrenz macht, übernimmt das Berliner HR-Startup Empion. Mehr über Empion
Summersaver
+++ Die Gründerinnen Denise Hahn und Alisa Knopp kaufen die Anteile von Ralf Dümmel an Summersaver zurück. Mehr über Summersaver
Pyure – klima&so
+++ Der 2024 gegründete Berliner SustainTech-Anbieter Pyure übernimmt das 2022 gegründete Berliner ClimateTech klima&so. Mehr über klima&so
Callstack – Margelo
+++ Das 2016 gegründete polnische React Native-Unternehmen Callstack übernimmt das 2021 gegründete Wiener Wiener App-Software-Startup Margelo. Mehr über Margelo
Startup-Jobs: Auf der Suche nach einer neuen Herausforderung? In der unserer Jobbörse findet Ihr Stellenanzeigen von Startups und Unternehmen.
Foto (oben): Shutterstock
-
Entwicklung & Codevor 1 MonatKommentar: KI-Verbote in Open-Source-Projekten können KI nicht stoppen
-
UX/UI & Webdesignvor 2 MonatenRegional & mit Gefühl: Identity für Klimafonds Baden-Württemberg › PAGE online
-
UX/UI & Webdesignvor 2 MonatenVom Scribble zur Sammelkarte: Kreativer KI-Workflow mit Adobe Photoshop, Illustrator und Firefly Boards › PAGE online
-
Datenschutz & Sicherheitvor 2 MonatenKommentar: OpenAI – KI-Sicherheit nur ein Marketing-Gag?
-
Künstliche Intelligenzvor 3 MonatenKünstliches „Blatt“ stellt flüssigen Kraftstoff aus Licht, Wasser und CO₂ her
-
Apps & Mobile Entwicklungvor 3 MonatenMit 4 TB und 8 TB: Sandisks SDUC‑Speicherkarten kommen nun doch
-
Künstliche Intelligenzvor 3 Monatenc’t-Workshop: Daten intelligenter analysieren mit Power BI
-
Künstliche Intelligenzvor 3 Monaten
Top 10: Der beste ergonomische Bürostuhl im Test – Herman Miller vor Flexispot
