UX/UI & Webdesign
wenn Biermarken Limonaden Namen geben – Design Tagebuch
Der deutsche Getränkemarkt durchläuft eine tiefgreifende Transformation. Da der Absatz von klassischem, alkoholhaltigem Bier seit Jahren kontinuierlich zurückgeht, haben viele Brauereien ihr Sortiment um reine Limonaden erweitert. Aus Biermarken werden Limonadenmarken. Wie dies konkret beim Packaging aussieht und welche unterschiedlichen Strategien die Getränkehersteller anwenden, soll in diesem Beitrag aufgezeigt werden.
Die Deutschen trinken immer weniger Bier: Waren es 1980 noch 146 Liter pro Kopf, sind es im Jahr 2023 lediglich noch 82,2 Liter gewesen, wie das Statistische Bundesamt ermittelt hat. Der Trend setzt sich fort. Im 1. Halbjahr 2025 wurde ein historischer Tiefstand erreicht. Erstmals seit Beginn der Datenerhebung im Jahr 1993 sank der Absatz in einem Halbjahr unter 4 Milliarden Liter.
Deutschland ist nach wie vor der größte Bierproduzent Europas, doch dem Ruf als „das Land der Biertrinker“ wird Deutschland kaum noch gerecht. Bei Tschechen (130–140 Liter) und nun auch Österreichern (90–95 Liter) liegt der Bier-Pro-Kopf-Konsum mittlerweile deutlich höher. Für den Absatzrückgang gibt es Gründe.
Primär resultiert der rückläufige Bierabsatz aus einem geschärften Gesundheitsbewusstsein und dem demografischen Wandel. Jüngere Generationen praktizieren vermehrt „Mindful Drinking“. Mindful Drinking (achtsames Trinken) beschreibt einen bewussten und moderaten Umgang mit Alkohol, ohne dabei zwangsläufig eine strikte Abstinenz zu verfolgen. Der im wissenschaftlich-soziologischen Kontext verwendete Terminus „Sober curiosity“ beschreibt eine seit Ende der 2010er Jahre größer werdende Bewegung, die insbesondere unter Millennials Verbreitung findet.

Herausstechen in einem stark umkämpften Umfeld
Die Entwicklung hat dazu geführt hat, dass das Angebot alkoholfreier Alternativen und funktionaler Getränke in den vergangenen Jahren immer größer geworden ist. Nachdem Fassbrausen in den letzten fünf Jahren eine Renaissance erfuhren und sich fest im Sortiment der Getränkemärkte etablieren konnten, setzen Brauereien nun auf Limonaden als Umsatzträger. Da die Zutaten für Limonaden, ähnlich wie bei vielen Fassbrausen, lediglich im Mischtank homogenisiert werden und kein biologischer Wandlungsprozess stattfindet, wie bei Bier, ist die Herstellung aufgrund geringerer Energieaufwendung kostengünstiger.
Auch deshalb verstärken viele Brauereien ihre Aktivitäten in diesem Segment mit dem Ziel, den rückläufigen Alkoholkonsum durch alkoholfreie und kalorienreduzierte Erfrischungsgetränke zu kompensieren. Bierbrauer werden immer mehr zum Limonadenmixer.
Krombacher hatte schon vor Jahren umgesteuert und Limonaden, Fassbrause und Malzbier ins Sortiment aufgenommen. Die Einbecker Brauerei hat im August 2025 erstmals drei Limonaden-Sorten auf den Markt gebracht. Im kommenden April steigt auch die Brauerei C. & A. Veltins mit einem Cola-Mix-Getränk („Remix“) in den boomenden Softdrink-Markt ein.
Im Hinblick auf die heutige Markenkommunikation stellen sich vielfältige Herausforderungen. Der Limonadenmarkt gilt als gesättigt und stark umkämpft. Schon vor drei Jahren gab es allein auf dem deutschen Markt, neben Mezzo Mix, mehr als 30 unterschiedliche Cola-Orange-Mischgetränk-Marken. Und es werden immer mehr. Auffallen und herausstechen ist für eine Marke hier besonders schwierig. Ein überzeugendes Branding, ein cleveres Wording, eingebunden in eine kreative Story Line, sowie ein attraktives Packaging Design sind also von großer Bedeutung, abgesehen vom Geschmack des Getränkes, versteht sich.
Zwischen Neuerfindung und Neupositionierung
Strategisch setzen die meisten Getränkehersteller, anstatt eine gänzlich neue unbekannte Marke zu lancieren, auf Subbranding. Namhafte Biermarkennamen wie Krombacher, Paulaner und Veltins, seit vielen Jahrzehnten im Markt präsent, fungieren dabei (lediglich) als übergeordnete Dachmarke, treten innerhalb der Kommunikation zurück. Das Limonandenprodukt selbst wird dabei zur Hauptmarke. Der hohe Bekanntheitsgrad der Biermarke soll Vertrauen stiften.
Auf dem Flaschenetikett der Limonade ist das Logo der Biermarke meist deutlich kleiner abgebildet als auf einer Bierflasche, wie die nachfolgenden Beispiele zeigen. Mit dem Design der dahinter stehenden Biermarke haben die Limonadenmarken „Lümo“ (Lübzer), „Remix“ (Veltins) oder „Hanse Brause“ (Einbecker) ohnehin nichts mehr gemein. Die Markendesigns der Limonaden bewegen sich zwischen Neuerfindung und Neupositionierung. Der Name der Biermarke dient hier lediglich als eine Art Reputations-Anker.
Im Rahmen dieser Neuerfindung werden Markendehnung (Brand Extension) und die Markenelastizität (Brand Elasticity) auf die Probe gestellt. Markenelastizität beschreibt, wie weit sich eine Marke, in diesem Fall eine Biermarke, auf neue Kategorien, Zielgruppen oder Bedeutungen ausdehnen kann, ohne an Glaubwürdigkeit oder Klarheit einzubüßen. Hoch-elastische Marken wie Nivea, Nike oder Miele können expandieren, weil ihr Kernwert breit gefächert, emotional ansprechend oder zweckorientiert ist, während niedrig-elastische Marken, wie UHU, Steiff oder Red Bull, eng mit einem bestimmten Produkt oder einer bestimmten Funktion verbunden sind.
Tiefkühlprodukte von UHU? Schokolade von Nivea? Kaum vorstellbar. Eine Limo bringt die Dehnbarkeit einer Biermarke hingegen nicht an ihre Grenzen. Biermarken, von denen bereits Fassbrausen und andere alkoholfreien Getränke im Handel erhältlich sind, habe ihre Flexibilität bereits unter Beweis gestellt.
Vom Produkt, zur Submarke, zum Brand-Spin-Off
Im Handel und in den Supermärkten werden Konsumenten fortwährend mit neuen Bezeichnungen, Namen, Subbranding-Lösungen und Marken konfrontiert. Neben Faktoren wie Geschmack, Preis und Verfügbarkeit wird auch die Aufmachung der neuen Limonaden, das Markendesign, über Erfolg und Misserfolg entscheiden.
Setzt sich die Entwicklung fort, dann könnte in 60, 70 Jahren ein Großteil der Konsumenten in Deutschland nicht mehr wissen, dass Krombacher und Paulaner einst Biermarken gewesen sind. So wie heute wenig bekannt ist, dass Coca-Cola ursprünglich als Arzneitonikum konzipiert und als „Heilmittel“ vermarktet wurde. Anfänglich war Coca-Colas ausschließlich in Apotheken verfügbar.
Ein absolut realistisches Szenario wäre für die noch jungen Limomarken Lümo, Remix und Hanse Brause hingegen, wenn sie in einigen Jahren, bei entsprechendem Erfolg und Etablierung im Markt, aus der Obhut der Markenmutter entlassen und als gänzlich eigenständige Marke positioniert werden. Wie zuletzt in einem anderen Marktsegment geschehen, der Automobilbranche, wo die Cupra-Modellreihe aus der Seat-Markenwelt herausgelöst wurde (Brand Spinoff), siehe dt-Beitrag „CUPRA wird eigenständige Marke“.
So wie viele Hersteller auch in anderen Branchen eine Mehrmarkenstrategie (Multi-Brand Strategy) verfolgen, um so eine am Bedarf und der jeweiligen Zielgruppe ausgerichteten somit passgenauen Markenkommunikation propagieren zu können. Dies ist ihr großer Vorteil. Wie bei Adidas und Nike, bei denen die Labels von Prominenten, auch die Produkte einer Kollektion (z.B. Adidas Originals, Air Jordan), als eigene Sportmarke im Markenportfolio angelegt und auf Basis eines separaten Brandings auch (größtenteils) eigenständig beworben werden. Doch eine Mehrmarkenstrategie bringt auch Nachteile mit sich: je größer die Anzahl an eigenständigen Marken, umso größer wird der Aufwand bei Kosten und Pflege.
Im Getränkesegment wird sich zeigen, ob das Renommee und die Bekanntheit der jeweiligen Biermarke auf das Image-Konto der jungen Limomarke wird positiv einzahlen können, oder ob der Markenname gar, da dieser womöglich in den Ohren junger Konsumenten verstaubt klingt, eher ein Klotz am Bein darstellt. Nachfolgend einige Beispiele. Auf der linken Seite ist jeweils die Bierflasche (klassisches Pils) abgebildet, rechts daneben das Packaging der Limonade.

Krombacher „Spezi“. Das Markendesign von Krombacher Spezi sah, wie im dt berichtet, zur Markteinführung ganz anders aus. Das aktuelle Design wurde in Folge eines Rechtsstreits mit der Paulaner-Brauerei geschaffen. Anstelle des vollständigen Krombacher-Logos samt Bildmarke ist auf den von der Illustratorin/Designerin Mathilda Mutant entworfenen Etiketten, gestaltet mit in orange, grün und hellblau gehaltenen geometrischen Grundformen, lediglich die Krombacher-Wortmarke als Markenabsender abgebildet, oberhalb des offiziellen Spezi-Logos.
Bei Spezi handelt es sich um ein eingetragenes Markenzeichen – die Markenrechte hierfür liegen bei der Riegele Brauerei. Krombacher nutzt den Markennamen im Rahmen eines Lizenzgeschäfts.

Paulaner „Limo“. „Paulaner Limo Orange“ kam im März 2024 bundesweit in den Handel. Weitere Sorten folgten. Ähnlich wie bei Krombacher fungiert lediglich die Paulaner-Wortmarke als Absender der Marke. Wenn schon der Produktname „Limo“ aufgrund der Verbreitung als üblicher Gattungsname kaum Unterscheidungskraft bietet, so zeichnet sich zumindest die Gestaltung und die Typo mit gewelltem L-Schweif durch eine gewisse Eigenständigkeit aus.
Eine Wellen-artige Farbabstufung (von unten nach oben Rot, Orange, Gelb) ziert die Flaschenetiketten der Limonaden. Im deutlichen Kontrast hierzu steht das eher klassische Design der Hefe-Weißbier-Flasche (zentrischer Aufbau, Goldglanz-Effekt, Serifenschriften, teils handschriftlicher Duktus).

Lübzer „Lümo“. Mitte Februar 2026 wurde „Lübzer Lümo“ von Carlsberg lanciert, dem Mutterkonzern von Lübzer. Der Name „Lümo“, ein Verweis auf den Gründungsort der Brauerei, Lübz (Mecklenburg-Vorpommern), sorgt für Eigenständigkeit und Wiedererkennbarkeit. Gleiches gilt für die Gestaltung der in der Lübzer-Markenfarbe Grün gehaltenen Wortmarke. Die im Hinblick auf jüngere Zielgruppen konzipierte Wortmarke mit kantigen Lettern in Comic-Style kann man sich auch gut als alleinigen Markenabsender vorstellen, auf dem Etikett oder in einem Social Post.
Ungeachtet dessen ist das Lübzer-Logo vollständig eingebunden, Wortmarke plus vorgestellte Leuchtturm-Bildmarke. Im unteren Bereich sind Illustrationen von Früchten (wahlweise Pfirsich, Zitrone, Rote Beeren & Apfel) abgebildet, wie es auch auf Etiketten von Fruchtsäften üblich ist. Bezugspunkte zur Dachmarke Lübzer sind in diesem Fall die Farbe Grün und das Lübzer-Logo.

Einbecker „Hanse Brause“. Im August 2025 hat die Einbecker Brauerei ein AGF-Sortiment mit insgesamt drei Limonaden-Sorten auf den Markt gebracht: Die Range der Produktkategorie mit dem Namen „Hanse Brause“ besteht aus den Sorten Cola+Orange, Orangen, Cola.
Anders als bei den zuvor gezeigten Beispielen fungiert als Bezugspunkt und Absender zur Dachmarke nicht eine Wortmarke, sondern in diesem Fall die Einbecker-Bildmarke, ergänzt um den am Flaschenhalsetikett hochkant platzierten Claim „Echt. Einbecker.“ Letzterer wurde im Sommer 2025 eingeführt, im Zuge einer umfassenden Neugestaltung des Markenauftritts. Die Einbecker-Bildmarke, ein bekrontes Fraktur-F, findet sich darüber hinaus auf den Kronkorken sowie, etwas versteckt, innerhalb der Illustration mit Pferd und Planwagen auf dem Bauchetikett. Ob die Aufmachung mit Western-Planwagen als Eyecatcher bei der jungen Zielgruppe verfängt?

Veltins „Remix“. Erst vor wenigen Tagen angekündigt und damit jüngster Spross im Limonadensegment ist „Remix“, ein Cola-Orange-Mix aus dem Hause Veltins. Ab April soll „Remix“ im Handel verfügbar sein, im Gebinde einer 0,33-l-Dose. Die Aluminiumdose wird im besten Werbesprech-Jargon als „conveniencefreundlich“ bezeichnet. Seit 2006, als das Rücknahmesystem für Dosen und Einwegflaschen deutschlandweit vereinheitlicht, vereinfacht und flächendeckend ausgebaut wurde, steigt die Nachfrage nach Dosen auch dank Influencer-Marketing kontinuierlich an, wie im Beitrag „Guilty Pleasures“ – Was Mezzo Mix, Markendesign, Aluminiumdosen und Schuldgefühle verbindet“ berichtet. Umweltorganisationen sehen die Entwicklung kritisch und warnen vor einem weiteren Anstieg von Getränkedosen.
Das Packaging Design von „Remix“ ist nahezu vollständig eigenständig, und das Story Telling auf Nostalgie ausgerichtet. Bei keiner anderen Limonade ist der Bezug zu Dachmarke, in diesem Fall Veltins, so dezent. Fast wirkt es so, als habe man die Veltins-Wortmarke verstecken wollen, so klein ist diese ganz unten auf der Dose platziert, eingebettet in die grafische Gestaltung.
In dem auf Retro-Look zugeschnittenen Markendesign besteht das zentrale Keyvisual aus einem mittig platzierten Halbkreis mit farbig abgestuften Ringen (braun, orange, gelb). Dem Aussehen einer Schallplatte nachempfunden, erstreckt sich der Halbkreis über einen großen Teil der Dose. Ungeachtet des Umstandes, dass das Revival von Vinylplatten bereits vor zwei Jahrzehnten eingesetzt hat, erklärt der Hersteller anlässlich der Markteinführung kühn: „Die Schallplatte und die Musik der 80er- und 90er-Jahre erfahren gerade ein Comeback. In einer schnelllebigen, digitalen Welt wächst die Sehnsucht nach Nostalgie und analogen Dingen. Daran knüpft die Marke Remix nahtlos an“. Einen typisch 80er-/90er-Jahre-Look vermitteln zumindest die blockhaften Lettern, mit denen „REMIX“ gesetzt ist, jedoch nicht. Veltins reagiert zudem sehr spät auf die Entwicklung, Stichwort Copycat.
Soweit ein Überblick. Ob und inwieweit diese und andere neu geschaffenen Limonadenmarken in der Lage sind, bundesweit einen signifikanten Marktanteil zu erreichen, wird sich zeigen. Seit Jahrzehnten dominiert Coca-Cola als Marktführer den Limonadenmarkt mit einem hohen Marktanteil von etwa 53% bei klassischer Cola. Ziel dürfte zunächst werden, zumindest im regionalen Umfeld Marktanteile zu erringen, ähnlich wie z.B. Vita Cola, das in Thüringen stark präsent ist. An der Kasse im Supermarkt werden Konsumenten über Erfolg und Misserfolg der neu lancierten Submarken entscheiden.
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Kreativ-Exzellenz in Salzburg: Wo Design auf Technologie und Strategie trifft › PAGE online
Das Department Creative Technologies der Fachhochschule Salzburg setzt wegweisende Maßstäbe in der Designausbildung. Ausgezeichnet vom Art Directors Club Germany als beste Designhochschule, bietet der Studiengang MultiMediaArt eine interdisziplinäre Ausbildung. Bewerbungsfrist für den Master ist der 01.07.2026 – starte jetzt durch.
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Menschlichkeit aus dem Prompt? Warum sich bei der noch jungen Marke BarmeniaGothaer die Frage der Glaubwürdigkeit stellt – Design Tagebuch
Nach der Fusion von Barmenia und Gothaer präsentiert das Versicherungsunternehmen BarmeniaGothaer seine erste große Imagekampagne. In der DNA der noch jungen Marke ist „menschlich“ als zentraler Kernwert verankert. Die visuelle Welt der Kampagne besteht in weiten Teilen aus KI-generierten Inhalten. Wie bei derzeit keiner anderen Marke ist die Diskrepanz zwischen Markenversprechen und den im Rahmen der visuellen Umsetzung gewählten Mitteln so offensichtlich. Ein Kommentar. Und ein Appell für mehr Wahrhaftigkeit im Design.
Bereits zum Markteintritt im Oktober 2024 hatte BarmeniaGothaer auf der eigenen Website plakativ KI-generierte Inhalte eingesetzt. Anstelle von Menschen waren auf großformatigen Bildern Replikanten zu sehen (dt berichtete). Als KI-generiert gekennzeichnet waren die Bilder nicht.
Auch in der kürzlich aufgelegten Kampagne „Dein Leben ist voller Veränderungen“ setzt das Versicherungsunternehmen auf KI-generiertes Bild-/Videomaterial. Anders als noch beim ersten Mal wird nun innerhalb der Unternehmenskommunikation auf den Einsatz von KI hingewiesen. Gemäß Pressetext handelt es sich dabei um „ein hybrides Verfahren aus realem Fotoshooting und KI‑Einsatz“.
In dem 20-sekündigen Clip (Link auf YouTube) werden in Stop-Motion-ähnlicher Stilistik verschiedene Lebensabschnitte eines männlichen Protagonisten gezeigt. Mittels KI-generiertem Alterungseffekt entsteht dabei eine Illusion biografischer Kontinuität – diese soll beim Betrachter Vertrauen in die Marke stiften. Das damit verbundene Versprechen: Wir begleiten dich durch dein Leben.
Die Filmproduktion erfolgte, wie der offiziellen Pressemeldung zu entnehmen ist, durch Goodhouse Films unter Regisseur Joffrey Jans, die Fotoproduktion durch Robert Eikelpoth. Die Agentur Serviceplan München ist für Konzept und Umsetzung verantwortlich. Serviceplan München zeichnet auch für den im Herbst 2024 eingeführten Markenauftritt von BarmeniaGothaer verantwortlich.
„Menschlich – Partner ohne Wenn und Aber“ ist eine von drei Kernbotschaften von BarmeniaGothaer. Innerhalb der Herleitung des Markenlogos wird „menschlich – Der Mensch im Mittelpunkt“ als wichtiger inhaltlicher Referenzpunkt ausgewiesen. KI, genauer gesagt die Art, wie sie genutzt wird, steht damit im direkten Widerspruch zu dem vom Unternehmen artikulierten Versprechen. Menschlichkeit und künstliche Simulation – größer können Gegensätze kaum sein.
Es ist etwas anderes, ob KI dafür genutzt wird, Grafiken, Illustrationen oder Komposita zu erstellen, um so eine möglichst große Anzahl an Varianten bzw. um zusätzliche Ideen zu erhalten, oder ob mithilfe von KI zum Zwecke gezielter Wahrnehmungslenkung und Emotionalisierung Versprechen formuliert werden, die ein ganz bestimmtes Marken-Image erzeugen sollen. Ein Image, das womöglich nicht den Tatsachen entspricht. Allgemein gesprochen.
Bei Slogans wie „…verleiht Flügel“ und Werbebotschaften von Waschmittelherstellern wie „…riiiesige Strahlkraft“ oder „unübertroffen sauber und frisch“ weiß man als Konsument/Verbraucher/Kunde/Zielgruppe, dass sie metaphorisch gemeint beziehungsweise nur bedingt faktenbasiert sind. Wir wissen mittlerweile, dass die Aussage eine starke Übertreibung, eine Überhöhung der Realität darstellt.
„Weil du wichtig bist.“, der Marken-Claim von BarmeniaGothaer, ist hingegen arglistig, da man als Individuum direkt angesprochen wird und das Gefühl vermittelt bekommt, ernst genommen zu werden. Umso ernüchternder ist es dann, zu sehen, wie wenig diesem Eindruck in anderen Ebenen des kommunikativen Handelns entsprochen wird. Replikanten, die in die nicht vorhandene Kamera grinsend Menschsein und Menschlichkeit vortäuschen, prägen das Markengesicht von BarmeniaGothaer von Beginn an.
Ein Unternehmen, das Fairness und Verantwortungsbewusstsein beansprucht, Arbeiter auf Plantagen jedoch unzureichend bezahlt und diese ausbeutet, handelt in der gleichen Weise unmoralisch wie ein Unternehmen, das sich als menschlich bezeichnet, im kommunikativen Handeln jedoch in erster Linie synthetisch erzeugte Mittel nutzt. Wer, wie beispielsweise auch Starbucks, Menschlichkeit im Leitbild verankert hat und „grenzenlose Möglichkeiten der menschlichen Verbindung“ fördern möchte, muss auch konsequent danach handeln, an der Bedientheke, dem Empfang und der Kunden-Hotline ebenso wie in internen Meetings und Workshops mit Agenturen.
Auch wenn, so die Erklärung seitens BarmeniaGothaer, ein reales Fotoshooting der KI-Videoerstellung vorausgegangen ist, so ist das Produkt ein Ergebnis synthetischer Bilderzeugung. Ohne Bildsynthese wäre der Clip und die Storyline zwar auch bei entsprechend hohem Aufwand insbesondere im Bereich Maskenbild realisierbar, doch erst KI ermöglicht eine Umsetzung, die auch wirtschaftlich tragfähig ist.
„Ressourcenschonend“ nennt dies die Abteilung Strategie und Kundenmarketing der BarmeniaGothaer, offenkundig übersehend, dass für den Betrieb und das Training von KI-Modellen enorme Energiemengen verbraucht werden. Ein Aspekt, der in diesem Zusammenhang oftmals übersehen wird. Weltweit könnten KI-Systeme bis 2030 über 80 TWh/Jahr verbrauchen, vergleichbar mit dem gesamten Strombedarf der Niederlande (Quelle: Enviam Gruppe).
Energiehungrige generative KI als eine ressourcenschonende Lösung darzustellen ist Augenwischerei. Zwar wird eine konventionelle Methode (Filmtechnik, Crew, Set) aufgrund vor allem von Transport- und Materialkosten in aller Regel ressourcenintensiver als eine KI-Produktion sein. Würden für einen Spot hunderte Iterationen (Prompts) benötigt, um ein gewünschtes Ergebnis zu erzielen, könnte der kumulierte Energieverbrauch der KI jedoch den eines kleinen, effizienten Drehs erreichen. Wenn zudem ein Markenbild aufgrund fehlender bzw. zu geringer Differenzierungsqualität nicht trägt und mittelfristig erneuert wird, bringt auch ein kurzfristig herbeigeführter Einsparungseffekt nichts. Auch hier gilt die Maxime: Wer billig kauft, kauft zweimal.
Manipulation, nachträgliche Bildretusche und die geschönte Inszenierung gibt es in der Werbung seit Jahrzehnten. Wer die Ansicht vertritt, wir müssten uns halt eben auch an neue Formen der Inszenierung und Manipulation gewöhnen, übersieht womöglich die mit KI-Technologien verbundenen bei weitem größeren Gefahren. An Desinformation, automatisierte Betrugsmaschinen, Machtkonzentration, Abbau von Arbeitsplätzen, Datenschutzrisiken, Urheberrechtsverletzungen, Identitätsmissbrauch und Deepfakes, um nur einige zu nennen, möchte ich mich nicht gewöhnen.
Was technisch machbar bzw. finanziell umsetzbar und was ethisch geboten ist, ist nicht erst seit ChatGPT, Claude und GoogleGemini ein Grundsatzthema. Als Gesellschaft stehen wir noch ganz am Anfang des Lernprozesses, was den verantwortungsvollen Umgang mit KI-Technologien betrifft. Und für die Kreativbranche stellt sich diese Herausforderung in besonderem Maße. Was heißt verantwortungsvoll?

Wenn Menschlichkeit nach außen (im Übrigen auch nach innen) vermittelt werden soll, kann das Fundament des Markendesigns nicht synthetisch sein. Hier besteht ein performativer Widerspruch. Die Bedingungen schließen sich gegeneinander aus. So wie sich Nähe, Vertrauen und persönliche Beratung vor Ort nicht glaubwürdig als Leistungs- und Markenversprechen vertreten lassen, wenn im Kundenkontakt in erster Linie – oder ausschließlich – auf Online-KI-Assistenten gesetzt wird.
Was ein Unternehmen in der Werbung verspricht, muss es auch halten. Irreführende Werbeaussagen, unvollständige Preisangaben oder fehlende Transparenz können rechtliche und finanzielle Konsequenzen nach sich ziehen. Grundlage hierfür ist das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb (UWG).
Auch die visuelle Umsetzung von Werbung und Markenkommunikation muss sich, wie ich meine, an jenem Anspruch messen lassen, den sie in Textform und im Leitbild formuliert. Doch im Fall BarmeniaGothaer untergraben die gewählten kommunikativen Mittel den selbstdefinierten Anspruch. Damit die Selbstbezeichnung „menschlich“ Geltung beanspruchen kann, bedarf es eines entsprechenden kommunikativen Handelns. Und dieses Handeln muss und sollte, da Marke ein ganzheitliches Konzept darstellt und nicht nur Design und Ästhetik umfasst, über alle Ebenen, Bereiche und Disziplinen hinweg konsistent sein.
Vor dem Hintergrund einer Verschiebung von Content zu Kontext ist entscheidend, und dieser Aspekt wird zukünftig aller Voraussicht nach eine noch größere Rolle spielen, WIE ein Produkt entsteht. Faktoren wie Produktionsbedingungen, Einhaltung sozialer und ökologischer Standards, Nachhaltigkeit und Lieferkette sind nicht nur für Produkte wie Lebensmittel und Kleidung bedeutsam, sie gelten auch für Leistungen, die im Rahmen von Corporate Design, Branding und Marketing entwickelt werden.
Konsumenten interessieren sich heutzutage stärker dafür, wie und unter welchen Rahmenbedingungen eine Sache entstanden ist. Was die große Beliebtheit von Workflow-Videos auf TikTok, Instagram und YouTube erklären mag. Menschen beschäftigen sich intensiv mit dem hinter einem Werk stehenden Schaffensprozess. Eine Entwicklung, die Hoffnung macht, wie der Motion Designer Vincent Schwenk im Interview im Grafikmagazin reflektiert. Schwerpunktthema der aktuellen Ausgabe 02/2026: Design und KI.
Im Kontext der digitalen Transformation, geprägt von KI, Social Media, ständiger Inszenierung und idealisierter Darstellung, sehnen sich viele Menschen nach Authentizität und Wahrhaftigkeit als Gegenpol zu manipulierbaren Inhalten. Dieses Interesse an Echtheit und Schaffensprozessen, an von Hand angefertigten Produkten gilt es für sich zu nutzen. Menschen lieben Geschichten. Doch wenn ein Mitarbeiter einen halben Tag lang mit bescheidenem Erfolg an einem einzelnen Bild herumprompt, entsteht in dieser Hinsicht rein gar nichts, kein interessanter Content, keine Geschichte, nichts Positives, das auf das Konto einer Marke einzahlen könnte.
Zurück zum Thema Transparenz. Unternehmen und Agenturen, die sich der damit verbundenen Verantwortung nicht bzw. noch nicht ausreichend stellen, werden im Umgang mit KI-Technologien womöglich schon bald die Konsequenzen spüren, auch da der regulatorische Druck von gesetzgebender Seite wächst. Der EU AI Act verpflichtet Anbieter bestimmter KI-Systeme zu Transparenz gegenüber Nutzern, wenn synthetische Inhalte reale Personen oder Situationen imitieren. Der betreffende Auszug aus dem EU AI Act (in Kraft seit 2024, schrittweise anwendbar ab 2025/2026) lautet:
Neben den technischen Lösungen, die von den Anbietern von KI-Systemen eingesetzt werden, sollten Betreiber, die ein KI-System zum Erzeugen oder Manipulieren von Bild-, Audio- oder Videoinhalte verwenden, die wirklichen Personen, Gegenständen, Orten, Einrichtungen oder Ereignissen merklich ähneln und einer Person fälschlicherweise echt oder wahr erscheinen würden (Deepfakes), auch klar und deutlich offenlegen, dass die Inhalte künstlich erzeugt oder manipuliert wurden, indem sie die Ausgaben von KI entsprechend kennzeichnen und auf ihren künstlichen Ursprung hinweisen.
Als KI-generiert gekennzeichnet ist der BarmeniaGothaer-Spot weder auf YouTube (+6 Mio. Aufrufe) noch im Live-Stream im TV. Auf Instagram ist die betreffende Story hingegen mit dem Hinweis „teils KI-Inhalt“ gekennzeichnet. Innerhalb der Unternehmenskommunikation (B2B, Corporate, Presse) wird auf den KI-Einsatz ebenfalls hingewiesen, so auch auf Linkedin. Entscheidend ist jedoch, dass die Kennzeichnung unmittelbar im Zuge der Perzeption des Videos zu erfolgen hat, in jeder einzelnen Ausspielung. Es reicht nicht, innerhalb der Unternehmenskommunikation darauf einzugehen.
Von den vorwiegend negativen Kommentaren, die KI-Videos und -Bilder im Umfeld von Social Media oftmals nach sich ziehen, könnte zudem ein selbstregulierender Effekt ausgehen, wobei hierbei gleichermaßen externe und interne Kräfte und Dynamiken wirken. Es bedarf nicht erst eines Shitstorms, wie im Fall des peinlich-desaströsen Coca-Cola’s-AI-Christmas-Werbe-Trucks (2025), um einen Lerneffekt anzuregen. Auch ein Beitrag in einem Fachmedium wie diesem kann sensibilisierend wirken und den Diskurs weiter vorantreiben.
Um abschließend noch auf die Qualität und Bildästhetik des „Dein Leben ist voller Veränderungen“-Clips einzugehen. Meines Erachtens entspricht die gezeigte Bildsprache, trotz realer Vorlage, einem für KI typischen generischen, sterilen Look. Obendrein ist die Story stark klischeebehaftet, was freilich viele Werbespots gemein haben. Im Bemühen um Political Correctness und Vermittlung von Technologie-Zugewandtheit / Innovationsoffenheit bleiben ein eigener Stil, Unverwechselbarkeit und die Wärme echter Fotografie auf der Strecke.
Nebenbei gesagt könnte das BarmeniaGothaer-Markenlogo („Sparkle“, siehe Abb. oben) auch gut als visueller Markenabsender eines KI-Modells dienen. Mittlerweile fungiert die Sparkle-Symbolik als universelles Erkennungszeichen für KI-Funktionalität. Mit einer in dieser Weise konnotierten und besetzten Symbolik Schutz, Absicherung, Nähe, gar menschliche Fürsorge als Marke vermitteln zu wollen, ist mit zunehmender Bedeutung von KI maximal herausfordernd, wenn nicht aussichtslos.
Resümee
Die Bildästhetik des Clips ist letztlich nebensächlich, ebenso meine persönlichen Ansichten hierzu. Es geht um die Frage, zu welchen Zwecken KI eingesetzt werden kann, darf und sollte. Grundfragen wie diese gehören insbesondere in der Kreativbranche ausdiskutiert. Diese gilt es zu verhandeln. Wo ist die Baseline, wo die Grenze.
Dass ein großes Unternehmen KI zum Bestandteil der Kreation erklärt, ist für sich genommen keine Meldung. Künstliche Intelligenz hat längst Einzug in den Arbeitsalltag von Millionen Menschen gehalten und wird somit auch innerhalb kreativer Schaffensprozesse ganz selbstverständlich eingesetzt.
Wenn hingegen ein Versicherungsunternehmen mit 8 Millionen Kunden menschliche Expertise, persönliche Beratung und professionellen Rat in allen Lebensphasen verspricht, allerdings innerhalb der Kommunikation synthetisch erzeugte Lebensbilder zeigt und KI-Produktion/-Kreation zum Standard erklärt, ist dies nicht pikant, es stellt ein ethisches Problem dar und betrifft eben jene Grundfragen. Wenn infolgedessen die Wertschätzung menschlicher Arbeit sinkt und schöpferische Kreativtätigkeiten wegrationalisiert werden, dann sollte dies innerhalb der Branche als Signal verstanden werden.
Quellen
Interne Verlinkungen
Mediengalerie
- Barmenia Gothaer – Dein Leben ist voller Veränderung, Quelle: barmeniagothaer.de
- BarmeniaGothaer Imagekampagne „Das Leben ist voller Verönderungen“, Quelle: BarmeniaGothaer, YouTube
- BarmeniaGothaer Imagekampagne „Das Leben ist voller Verönderungen“, Quelle: BarmeniaGothaer, YouTube
- BarmeniaGothaer Imagekampagne „Das Leben ist voller Verönderungen“, Quelle: BarmeniaGothaer, YouTube
- BarmeniaGothaer Imagekampagne „Das Leben ist voller Verönderungen“, Quelle: BarmeniaGothaer, YouTube
- Barmenia Gothaer – Dein Leben ist voller Veränderung, Quelle: barmeniagothaer.de
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Sparkle Logos und Icons
1. Reihe von links nach rechts: Claude, GoogleGemini, Sourcegraph
2. Reihe: Chatgpt (Promotion-Icon), Sparkle-Emoji, Meta AI Business Assistant
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