Digital Business & Startups
Das fordert Berlins Startup-Szene vom nächsten Bürgermeister
Kai Wegner von der CDU will doch nicht mehr Bürgermeister bleiben. Was braucht Berlin? Wir haben in der Szene nachgefragt.
Plötzlich ging es ganz schnell. Nachdem Kai Wegner, CDU-Bürgermeister von Berlin, die Kritik an seinem Krisenmanagement lange auszusitzen versuchte, kam am Freitag die Überraschung: Wegner kündigte an, dass er nicht mehr Spitzenkandidat sein will. Mit Stefan Evers rückte der aktuelle Finanzsenator als CDU-Spitzenkandidat nach. Ihm bleiben jetzt nur noch gut zwei Monate für den Wahlkampf.
Alles deutet auf eine spannende Wahl hin. Lange stand die CDU in Umfragen vorne. Zuletzt kam sie hinter Linken, Grünen und AfD nur noch auf Platz vier. In Berlin gibt es die einzigartige Situation, das vier Parteien an den zwanzig Prozent kratzen.
CDU-Slogan übrigens weiterhin: „Berlin wird“ – klingt ein bisschen nach Lückentext. Wir haben uns unter Startup-Leuten umgehört, was Berlin ihrer Meinung nach werden soll. Und was sich Gründerinnen und Gründer von der Person wünschen, die auf Kai Wegner folgen wird?
Auf die Szene zugehen
Christian Miele, Headline-Investor und nebenbei selbst Berliner CDU-Mitglied sowie prominenter Wegner-Kritiker sagt zu Gründerszene: „Stefan Evers hat jetzt die historische Chance den Anschluss an die Berliner Startupszene zu finden. Berliner Gründerinnen und Gründer gehören zu den wichtigsten Arbeitgebern der Stadt, ziehen Kapital und Talente an. Der neue Kandidat der CDU kann die Szene für sich mobilisieren, wenn er klug und entschieden auf sie zugeht. Ein Gespräch mit Verena Pausder sollte kurzfristig anberaumt werden.“
Verena Pausder aufstellen
Anna Alex, Gründerin von Outfittery und Planetly, schließt sich an und sagt: „Egal wer aufgestellt wird, Verena Pausder wäre die bessere Kandidatin.“
Skalieren mit öffentlichen Aufträgen
Anna Alex hat Yunus Social Innovation und Carbon Equity gegründet. Sie findet, Berlin habe nicht zu wenig Climate-Tech-Innovation, aber zu wenig Skalierung. „Berlin und seine Unternehmen sollten ihren milliardenschweren Investitionsbedarf nutzen, um innovative Lösungen offen und wettbewerblich zu erproben und erfolgreiche Piloten von Beginn an auf Anschlussbeschaffung auszurichten. Das reduziert Risiken, mobilisiert privates Kapital und macht aus Berliner Innovation industrielle Wertschöpfung. Climate Tech ist nicht nur Klimapolitik – es ist eine der größten wirtschaftlichen Chancen unserer Zeit.“
Kreativität als Stärke betonen
DJ und Unternehmer (CEO Green City Development) Martin Eyerer hätte gerne weniger Polarisierung und mehr Optimismus. „Ich wünsche mir auch, dass wir wieder mehr über Wirtschaft und etwas weniger über die ganzen sozialen Themen sprechen würden. Denn das ist, was Berlin aktuell auch etwas mehr braucht. Da sind wir schon auf einem guten Weg, aber das muss mehr in den Fokus gestellt werden. Denn nur wenn wir eine starke Wirtschaft haben, können wir die anderen Themen auch bedienen. Außerdem würde ich gerne persönlich die Themen Kreativität, Kreativwirtschaft, Gründerszene und Startups in den Vordergrund rücken, denn das ist eine der absoluten Stärken dieser Stadt.“
Chancen unabhängig von Geschlecht oder Herkunft
Berlin habe das Potenzial, Europas führender Startup-Standort zu sein, sagt Christine Rittner, Co-Vorsitzende des Investorinnen-Netzwerks Encourageventures. „Dafür wünschen wir uns von der nächsten Regierenden Bürgermeister/in vor allem drei Dinge: weniger Bürokratie und schnellere, digitale Prozesse, bessere Rahmenbedingungen für privates Wagniskapital sowie eine gezielte Förderung von Vielfalt im Startup-Ökosystem. Innovation entsteht dort, wo Talente unabhängig von Geschlecht oder Herkunft die Chance bekommen, Unternehmen aufzubauen und zu skalieren.“
Ambitionierte Grundlagenforschung
Oliver Pabst ist General Partner beim VC Redalpine und sagt: „Ein VC erwartet vom neuen Berliner Bürgermeister den Mut zur Exzellenz statt zur Gleichmacherei: Spitzenforschung, exzellente Universitäten und ambitionierte Grundlagenforschung müssen oberste Priorität haben. Nur aus Spitzenforschung entstehen die nächsten globalen Technologieunternehmen.“ Berlin brauche den Anspruch, Europas führender Tech-Standort zu sein, mit klaren Zielen, verlässlicher Umsetzung und einer Politik, die Leistung belohnt, statt Mittelmaß zu verwalten. „Dazu gehört auch, sich dem nationalen, dem europäischen und dem außereuropäischen Wettbewerb, inklusive USA, zu stellen, statt sich mit dem Status quo zufriedenzugeben.“
Moritz Holländer, Gründer von Almedia: „Als Unternehmer ist mein größtes wiederkehrendes Problem der Zugang zu den besten Talenten – und sie langfristig zu halten. Alles, was Berlin und der Regierende Bürgermeister tun können, um uns dabei zu unterstützen, wird der Tech- und Startup-Branche zugutekommen.“
Radikal digital
Der Gründer von Wefox und The Delta, Julian Teicke, hat gleich eine ganze Liste aufgestellt:
1. Tempo bei Verwaltung: radikal digital. Eine GmbH-Gründung darf keine Wochen dauern. Bürgeramt-Termine, Gewerbeanmeldung, Aufenthaltstitel – alles online, in Tagen statt Monaten. Berlin verliert Gründer und Talente nicht wegen fehlender Ideen, sondern wegen Warteschlangen.
2. Talente aus aller Welt willkommen heißen. Der größte Engpass für jedes Startup ist Talent. Ich will ein Ausländeramt, das internationale Entwickler und Gründer in Tagen einreisen lässt, nicht in Quartalen. Berlin sollte die Fast Lane für europäisches Tech-Talent sein.
3. Kapital anziehen statt vertreiben. Der Standort braucht mehr Wagniskapital – auch institutionelles Geld. Der Bürgermeister sollte Berlin aktiv als Kapital-Hub vermarkten und mit Fonds, Family Offices und internationalen VCs auf Augenhöhe reden.
4. Mindset: Unternehmertum feiern. Ich wünsche mir einen Bürgermeister, der Gründer nicht als Bittsteller behandelt, sondern als das, was sie sind – die Leute, die Jobs, Steuern und Zukunft schaffen. Weniger Skepsis, mehr Ambition.“
Dönerpreise runter
Nikita Fahrenholz, Co-Gründer von Delivery Hero und Fahrengold, hält es deutlich knapper: „Als 1. Forderung alle Poller weg. 2. Berlin als Forschungsstandort ausbauen für KI. 3. Dönerpreise runter.“ Da kann ja niemand was dagegen haben, oder?
Digital Business & Startups
Als gebootstrapptes Startup sind Ressourcen fast immer knapp
Das junge Unternehmen Capacities, 2022 von Michael von Hohnhorst und Steffen Bleher in St. Wendel gegründet, möchte Menschen helfen, sich besser zu organisieren. „Vor allem in professionellen Berufen wie Journalismus, Forschung oder in Unternehmen“, erklärt Gründer Bleher.
Derzeit verfügt das komplett gebootstrappte Unternehmen über rund 250.000 registrierte Nutzerinnen und Nutzer. „Etwa 20.000 davon sind aktiv beziehungsweise sehr aktiv in der App, und ein beachtlicher Teil davon ist zahlender Kunde. Finanziert wird Capacities vollständig durch unsere Nutzerinnen und Nutzer über ein Abo-Modell“, sagte der Jungunternehmer.
Im Interview mit deutsche-startups.de spricht Capacities-Macher Bleher einmal ausführlich über den Stand der Dinge in seinem Unternehmen.
Wie würdest Du deiner Großmutter Capacities erklären?
Meiner Großmutter würde ich sagen: Wir helfen Menschen dabei, sich besser zu organisieren, vor allem in professionellen Berufen wie Journalismus, Forschung oder in Unternehmen. Diese Jobs sind heute extrem anspruchsvoll geworden. Überall kommen enorme Mengen an Informationen zusammen: In der Forschung wird laufend Neues veröffentlicht, im Journalismus müssen große Informationsmengen schnell verstanden und eingeordnet werden, und in Unternehmen geht es um Aufgaben, Projekte, Entscheidungen, rechtliche Themen und die Koordination vieler Menschen. Früher hat man vieles davon mit Stift, Papier, Ordnern und Druckern organisiert. Heute kann man das digital deutlich besser lösen. Mit Capacities stellen wir ein Programm zur Verfügung, das Menschen hilft, Informationen, Gedanken, Entscheidungen und Arbeitskontexte so abzulegen, dass sie später wieder nutzbar sind. Es unterstützt sie, wenn sie etwas nicht im Kopf behalten können, auf frühere Entscheidungen zurückgreifen wollen oder aus allem, was sie gelesen und erarbeitet haben, etwas Neues schaffen müssen. Dafür haben wir Capacities gebaut: eine Denkumgebung, die Menschen hilft, ihre Wissensarbeit deutlich besser zu organisieren und sich auf ihre Kreativität und Innovation konzentrieren zu können.
War dies von Anfang an Euer Konzept?
Wir haben tatsächlich anders angefangen. Capacities ist aus der Uni heraus entstanden. Damals wollten wir ursprünglich den Bildungsbereich verändern, weil wir im Studium sehr spannende Technologien kennengelernt haben, während Lernen und Lehren selbst an Universitäten, aber natürlich auch an Schulen, oft noch sehr konventionell funktionieren. Wir haben beide Elektrotechnik und Informatik studiert und uns gefragt, wie man Technologie nutzen kann, um Lernen besser, interaktiver und kollaborativer zu machen. Mit dieser Idee sind wir gestartet: ein innovatives Modell, um Wissen zu organisieren, zu lernen und gemeinsam daran zu arbeiten. Mit der Zeit haben wir aber gemerkt, dass der Bildungsbereich, vor allem der institutionelle Bildungsbereich, für digitale Innovation extrem schwierig ist. Parallel hatten wir bereits ein Tool gebaut, das wir irgendwann einfach ins Internet gestellt und damals noch auf Twitter veröffentlicht haben. Wir haben sinngemäß gesagt: Wir haben eine neue Möglichkeit entwickelt, Informationen zu organisieren, und würden uns über Feedback freuen. Das hat sehr schnell Resonanz gefunden. Menschen haben darauf reagiert, fanden den Ansatz spannend und innovativ und haben das Produkt direkt ausprobiert. Kurz darauf hat auch ein mittelgroßer YouTuber ein Video über uns gemacht. Dadurch hatten wir innerhalb kurzer Zeit ein paar hundert Nutzerinnen und Nutzer. Ab diesem Moment haben wir uns konsequent auf diese User, ihre Bedürfnisse und ihre Probleme fokussiert. Aus diesem Prozess ist Capacities in der heutigen Form entstanden. Der Fokus lag am Anfang also auf Bildung. Heute ist Capacities breiter ausgerichtet: auf Wissensarbeit in sehr unterschiedlichen Bereichen.
Wie hat sich Capacities seit der Gründung entwickelt?
Seit der Anfangsphase sind wir kontinuierlich gewachsen, irgendwo zwischen linear und exponentiell. Wir haben Capacities komplett gebootstrapt. Das heißt: Wir hatten nie externes Funding und damit auch nie ein großes Marketingbudget, um Wachstum künstlich anzutreiben. Gewachsen sind wir vor allem über Mund-zu-Mund-Propaganda. Heute sind wir 6,5 Vollzeitkräfte und arbeiten remote verteilt in Europa. Wir haben ungefähr 250.000 registrierte Nutzerinnen und Nutzer. Etwa 20.000 davon sind aktiv beziehungsweise sehr aktiv in der App, und ein beachtlicher Teil davon ist zahlender Kunde. Finanziert wird Capacities vollständig durch unsere Nutzerinnen und Nutzer über ein Abo-Modell. Unser bezahlter Plan heißt Capacities Pro und kann monatlich oder jährlich bezahlt werden. Heute sind wir als Unternehmen profitabel. Unser aktueller Fokus liegt darauf, das Wachstum zu professionalisieren und zu beschleunigen. Bisher sind wir in weiten Teilen organisch gewachsen, ohne viel dafür zu tun. Jetzt wollen wir diesen nächsten Schritt strukturierter angehen: Capacities stärker in den Mainstream bringen, das Tool für mehr Menschen zugänglich machen und die Einstiegshürden weiter senken. Solche Wachstumsschübe entstehen bei uns immer wieder aus echter Nutzung und Begeisterung heraus. Ein gutes Beispiel ist Casey Newton, Gründer und Editor von Platformer, früherer Silicon-Valley-Editor bei The Verge und Co-Host des New-York-Times-Podcasts Hard Fork. In einer Hard-Fork-Folge zu seinen Tech-Resolutions für 2026 hat er Capacities als zentralen Teil seines Produktivitätssystems beschrieben: für tägliches Journaling, leichtes Task-Management und als Ort, an dem journalistische Recherche-Notizen wieder auftauchen, wenn sie relevant werden. Für uns ist das ein perfektes Beispiel für organisches Wachstum: Ein sehr anspruchsvoller Nutzer findet echten Wert im Produkt, spricht öffentlich darüber, und daraus entsteht plötzlich ein spürbarer Wachstumsschub.
Ihr habt Capacities bisher ohne Fremdfinanzierung und Kapitalgeber aufgebaut. War dies von Anfang an eine bewusste Entscheidung?
In der sehr frühen Phase, als es noch um den Bildungsmarkt ging, haben wir natürlich auch über Investments nachgedacht. Je stärker wir uns aber in Richtung eines Tools für individuelle Knowledge Worker entwickelt haben, desto klarer wurde für uns, dass Fremdfinanzierung nicht der richtige Weg ist. Dafür gab es mehrere Gründe. Einerseits ist der B2C-Bereich generell schwierig, wenn es darum geht, großes Kapital einzusammeln. Andererseits war uns klar, dass man ein solches Produkt nicht über Nacht baut und dann sofort in große Märkte skaliert. Dafür braucht es viel Arbeit, viel Iteration und ein tiefes Verständnis für die Nutzerinnen und Nutzer. Für uns war deshalb der nachhaltige Weg der richtige: echten Wert schaffen, nah an den Usern bleiben und das Produkt Schritt für Schritt verbessern. Wenn das mit wenig oder gar keinem Kapital möglich ist, dann war es für uns die bessere Option. Bootstrapping bedeutet für uns auch, dass unsere wichtigsten Stakeholder die Nutzerinnen und Nutzer sind. Wir bauen in erster Linie für die Menschen, die Capacities täglich verwenden und durch ihr Abo finanzieren, nicht für Investoren oder die nächste Finanzierungsrunde. Das macht manche Entscheidungen vielleicht weniger spektakulär, aber oft klarer und langfristiger. Rückblickend hat sich diese Entscheidung ausgezahlt. Wir haben es nicht bereut, Capacities zu bootstrappen.
Wie war der Start ohne fremdes Geld – was geht recht einfach, was ist als Bootstrapping-Startup recht schwierig?
Der große Vorteil ist die Kontrolle. Man kann langfristig und nachhaltig denken, ohne von Finanzierungsrunde zu Finanzierungsrunde zu planen oder kurzfristige Kennzahlen optimieren zu müssen, nur um neues Kapital einzusammeln. Wir konnten uns vollständig darauf konzentrieren, echte Probleme unserer User zu lösen. Genau davon waren wir von Anfang an abhängig: Mögen Menschen das Produkt? Begeistert es sie? Und sind sie bereit, dafür zu zahlen? Das hat uns früh diszipliniert und stark gemacht. Unsere Mund-zu-Mund-Propaganda hat nur funktioniert, weil Menschen vom Produkt überzeugt waren und das Gefühl hatten: Da steckt etwas Besonderes dahinter. Das hat Potenzial. Ein weiterer Vorteil war, dass wir keine großen Mengen an Zeit in Pitch-Decks und Funding-Runden investieren mussten. Als zwei technische Gründer konnten wir uns sehr stark auf Produkt, Nutzerfeedback und direkte Interaktion konzentrieren. Die Kehrseite ist, dass man trotzdem im Wettbewerb mit anderen Unternehmen steht, teilweise mit sehr gut finanzierten. Als gebootstrapptes Startup sind Ressourcen fast immer knapp. Das zwingt einen zu Effizienz, niedrigen Kosten und klaren Prioritäten. Gleichzeitig wird man dadurch manchmal konservativer, macht weniger Experimente und findet möglicherweise später heraus, welche Kanäle oder Ansätze wirklich funktionieren. Am Ende ist es immer eine Abwägung. Für uns war Bootstrapping richtig, aber es bedeutet auch, mit deutlich geringeren Budgets und weniger Spielraum gegen andere Unternehmen anzutreten.
Was rätst Du anderen Gründerinnen und Gründern, die sich für Bootstrapping entscheiden?
Ich würde zuerst sagen: Bootstrapping ist nicht grundsätzlich für jedes Startup die richtige Entscheidung. Es muss zum Markt, zur Geschäftsidee, zur Go-to-Market-Strategie und zum Gründerteam passen. Bei uns war Bootstrapping vergleichsweise naheliegend, weil wir Software bauen. Der Kapitalaufwand war dadurch überschaubar. Außerdem hatten wir die technischen Kernkompetenzen im Gründerteam. Wenn diese Kernressourcen nicht im Team vorhanden sind und man über mehrere Jahre Entwicklerinnen oder Entwickler anstellen muss, wird Bootstrapping deutlich schwieriger. Wenn Umfeld, Idee und Team passen, sind wir aber große Fans von Bootstrapping. Drei Denkimpulse finde ich besonders wichtig: Erstens: Ressourcen müssen extrem bewusst eingesetzt werden. Experimente sind teuer, wenn man deutlich weniger Mittel hat als die Konkurrenz. Deshalb muss man sich immer fragen: Wo haben wir den größten Hebel? Welcher Versuch kann uns wirklich weiterbringen? Das kann je nach Startup Marketing, Produkt, Validierung oder ein anderer Bereich sein. Zweitens: Früh zu monetarisieren ist sehr wertvoll. Umsatz verlängert nicht nur die Runway, sondern liefert auch extrem klares Feedback. Wenn Menschen bereit sind, für ein Produkt zu zahlen, ist das einehs der stärksten Signale für Product-Market-Fit. Als Bootstrap-Startup wird man ohnehin früh an diesen Punkt gedrängt. Das kann ein Vorteil sein, weil man schneller erfährt, ob die Idee wirklich trägt. Drittens: Bootstrapping ist eher ein Marathon als ein Sprint. Wir haben einige Wettbewerber kommen und gehen sehen. Finanzierte Startups können am Anfang schneller wirken, aber ein gebootstrapptes Unternehmen kann relativ früh profitabel werden und dadurch langfristig sehr stabil sein. Dieses Setup kann ein großer Vorteil sein, wenn man bereit ist, konsequent und geduldig daran zu arbeiten. Außerdem haben wir auch gelernt: Mancher Startup-Rat aus dem Silicon Valley, der für VC-finanzierte Startups gilt, gilt deshalb nicht automatisch für Bootstrap-Startups. Man braucht ein anderes Tempo, andere Maßstäbe und teilweise auch andere Entscheidungen.
Blick bitte einmal zurück: Was ist seit der Gründung so richtig schiefgegangen?
Ehrlich gesagt ist bei uns nichts fundamental schiefgegangen. Aber wir haben natürlich tausende Fehler gemacht. Zwei der größten waren die folgenden. Der erste Fehler war, dass wir zu spät an den Markt gegangen sind. Gerade am Anfang im Bildungsbereich haben wir viele Gespräche geführt, aber das Produkt nicht früh genug echten Nutzerinnen und Nutzern gegeben. Wir haben zu spät gesagt: Hier ist das Produkt, nutzt es, gebt uns Feedback. Dadurch hat sich der Weg zur Validierung deutlich verzögert. Wir haben Zeit und Ressourcen in Entscheidungen investiert, die nicht stark genug auf Marktsignalen oder echtem User-Feedback basierten. Das würden wir heute früher und direkter machen. Der zweite Fehler war, dass wir Technologie zu stark in den Vordergrund gestellt haben. Als technisches Gründerteam war das naheliegend, aber im Nachhinein nicht immer richtig. Wir haben uns am Anfang für eine Datenbank-Technologie entschieden, die sehr innovativ und besonders wirkte, bei der Skalierung mit Zehntausenden Usern aber keinen echten Vorteil gebracht hat. Der spätere Wechsel auf eine Standard-Datenbank-Technologie war ein sehr komplexer Migrationsprozess, der uns viel Zeit und Ressourcen gekostet hat. Unsere Annahme, dass uns diese besondere Technologie einen Vorteil verschafft, hat sich nicht bestätigt. Heute würden wir in solchen Bereichen stärker auf bewährte, einfache Technologien setzen, die seit Jahren funktionieren. Das haben wir auf die harte Weise gelernt. Inzwischen sind wir dadurch aber sehr gut aufgestellt.
Wo habt Ihr bisher alles richtig gemacht?
Unser größter Erfolgsfaktor war der enge Kontakt zu unseren Nutzerinnen und Nutzern. Wir haben früh sehr genau zugehört und diese Nähe über die Zeit konsequent ausgebaut. Die ersten starken Signale für Product-Market-Fit kamen genau daher: Menschen haben uns seitenlange E-Mails geschrieben, was sie an Capacities begeistert, was sie stört und was sie sich wünschen. Wir haben diese Signale ernst genommen und daraus viel für das Produkt und den Markt gelernt. Heute haben wir eine Discord-Community mit über 10.000 aktiven Mitgliedern, ein sehr reges Feedback-Board und eine offene Kommunikation mit unserer Community. Wir kombinieren dieses Feedback mit unserer eigenen Produktvision. Dieser Austausch hat sich als enorm wertvoll erwiesen. Das sieht man bis heute an vielen ungefragten Rückmeldungen. Immer wieder schreiben Nutzerinnen und Nutzer öffentlich oder direkt an uns, dass Capacities für sie nach vielen Versuchen mit Tools wie Notion oder Obsidian zum ersten System geworden ist, das wirklich zu ihrer Arbeitsweise passt. Solche Stimmen sind für uns oft wertvoller als jede abstrakte Metrik, weil sie zeigen, dass das Produkt im Alltag tatsächlich etwas verändert. Auch eine schwierige Phase auf dem Weg von wenigen Usern zu einem wettbewerbsfähigen Produkt konnten wir durch diesen Enthusiasmus und die Unterstützung unserer Community überbrücken. Als uns das Geld knapp wurde, haben wir einen Believer-Plan eingeführt. Das war ein bezahlter Plan ohne zusätzliche Features. Die Botschaft war: Wenn ihr gut findet, was wir machen, und wollt, dass es dieses Projekt weiter gibt, dann unterstützt uns. Das hat außergewöhnlich gut funktioniert. Innerhalb weniger Tage hat die initiale Kampagne rund 1.000 bis 2.000 Euro MRR erzeugt, und danach ist der Plan weiter gewachsen. Für uns, direkt nach dem Studium, war das ein echter Wow-Moment: Menschen zahlen, ohne unmittelbar zusätzliche Features zu bekommen. Das hat uns sehr berührt und beeindruckt, weil es gezeigt hat, dass wir etwas geschaffen hatten, das Menschen so wertvoll fanden, dass sie es freiwillig finanziell unterstützen wollten. In gewisser Weise hat genau das Capacities möglich gemacht. Diese Haltung zieht sich bis heute durch. Wir hören genau zu, fragen aktiv nach und bleiben eng mit der Community verbunden. Das macht die User zufriedener und reduziert zugleich die Gefahr, am Markt vorbei zu entwickeln. Dieser enge Austausch ist bis heute unser wichtigstes Erfolgsrezept.
Wo steht Capacities in einem Jahr?
In einem Jahr wollen wir DIE relevante Alternative zu Notion, Obsidian und Evernote im Bereich Personal Knowledge Management sein. Gleichzeitig wollen wir mehr sein als nur eine Alternative. Der Unterschied ist, dass wir eine Umgebung schaffen, die den Menschen und seine Arbeitsweise ins Zentrum stellt und einfach funktioniert. Man landet nicht vor einem blanken Blatt, muss nicht erst ein System aufsetzen, Datenbanken bauen oder Plugins installieren, bevor echter Nutzen entsteht. Capacities nimmt einem viele dieser Entscheidungen ab, denkt Struktur und Kontext automatisch mit und unterstützt die Arbeit, statt sie komplizierter zu machen. Software sollte sich nicht wie ein starres System anfühlen, in das man seine Gedanken pressen muss. Sie sollte Menschen dort abholen, wo ihre Arbeit entsteht, und ihnen helfen, daraus bessere Ergebnisse zu machen. Gleichzeitig wollen wir die nächste Wachstumsstufe erreichen: das Team vergrößern, Capacities für mehr Menschen zugänglich machen und führende KI-Technologie für Wissensarbeit anbieten. Wir sind ein kleines Team, aber sehr motiviert. Wir haben richtig Lust auf das, was vor uns liegt, und freuen uns auf alles, was kommt.
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Foto (oben): Capacities
Digital Business & Startups
22-Jährige wollte KI-App für Bluttests bauen – dann kam das erste Problem
Sieben Stunden Nutzerinterviews und die Suche nach dem perfekten Produkt: So verlief Jolinas erste Woche im Startup-Camp.
Eigentlich wollte Jolina van Laaten eine KI-App entwickeln, die Bluttests verständlich macht. Nach nur einer Woche arbeitet sie bereits an einer zweiten Idee. Willkommen im Startup-Alltag.
Jolina gehört zu den acht Fellows unseres Startup-Camps „Gründerszene sucht die Supergründer“. Zehn Wochen lang entwickeln sie mithilfe von KI aus ihren Ideen marktreife Consumer-Apps. Schon in den ersten Tagen zeigt sich: Eine gute Startup-Idee ist selten in Stein gemeißelt.
„Gründerszene sucht die Supergründer“ ist ein zehnwöchiges Startup-Fellowship von Gründerszene. Acht ausgewählte Fellows entwickeln in Berlin mit Künstlicher Intelligenz Consumer-Startups – von der Idee bis zum ersten Produkt. Während des Programms arbeiten die Fellows gemeinsam im Axel-Springer-Hochhaus und werden von erfahrenen Unternehmern, Investoren und Experten begleitet. Partner wie OpenAI, Vercel, Dash0 und DHL unterstützen sie mit Technologie, Know-how und Mentoring. Gründerszene dokumentiert die gesamte Reise mit Artikeln, Videos und Social-Media-Inhalten – und zeigt hautnah, wie heute die nächste Generation von Startups entsteht.
Eine Gesundheits-App für Athleten
Zunächst zu ihrer ursprünglichen Idee: Jolina wollte eine KI-gestützte Gesundheits-App entwickeln, über die Nutzer Bluttests bestellen und ihre Ergebnisse anschließend mithilfe von KI verständlich erklärt und eingeordnet bekommen.
„Meine erste Zielgruppe waren ursprünglich Menschen mit chronischen Krankheiten, die sind für das Camp eventuell schwerer zu erreichen“, merkt Jolina an. Deshalb hat sie ihren Fokus angepasst. „Mein Ziel ist es deswegen erst mit Athleten zusammenzuarbeiten, spezifisch Ausdauerathleten. Der durchschnittliche Deutsche denkt, Gesundheit ist kostenlos. Und dementsprechend brauchen wir eine Zielgruppe, die bereit ist, extra für diesen Service zu bezahlen, weil sie spezifisch auf ein Ziel hinarbeiten.“
Die Idee: Wer sich auf einen Hyrox, Marathon oder Triathlon vorbereitet, kann seine Blutwerte mit einem Selbsttest regelmäßig analysieren lassen und mithilfe der KI konkrete Empfehlungen erhalten, um Training, Regeneration und Ernährung gezielt zu optimieren.
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Aber wie legt man eigentlich los, wenn dann die erste Idee steht? „Was für mich in den ersten drei Tagen im Fokus stand, war es, mit ganz vielen potenziellen Nutzern für meine Idee zu sprechen.“ Das sei total hilfreich gewesen, sagt Jolina. Denn: „Ich möchte nichts bauen, was nicht gebraucht wird.“ Sie habe sich einerseits in ihrem privaten Netzwerk umgehört, mit Freunden, Bekannten und wiederum deren Kontakten geschrieben und viel telefoniert. „Am ersten Tag war ich sieben Stunden in Calls.“
Mit vielen Menschen über die eigene Idee reden – diesen Tipp habe ihr bereits ein Professor an ihrer Uni gegeben. „Jetzt habe ich erst so richtig gemerkt, dass wenn man mit Menschen redet, viele Antworten für andere offensichtlich sind, aber für mich dann irgendwie doch nicht.“ Die Gespräche habe sie mit dem Handy aufgenommen und im Anschluss die Transkripte via ChatGPT ausgewertet. Ihr Fazit: Ihre Idee stößt bei den Athleten auf Begeisterung, es gebe viel positives Feedback. Es gibt jedoch auch ein großes Aber.
Kommt es wegen eines Bottlenecks zum Pivot?
Doch dann stieß Jolina auf ein Problem. Für ihre Gesundheits-App gibt es derzeit ein Bottleneck – also einen Engpass, der die Umsetzung erschwert und im schlimmsten Fall sogar verhindern könnte.
Der Grund: Die Blutproben der Nutzer müssen nach den Selbsttests in einem Labor ausgewertet werden. Dafür ist Jolina auf externe Partner angewiesen. Solange die Testing-Unternehmen, mit denen sie Gespräche führt, keine Zusage für eine Zusammenarbeit geben, fehlt ihrer Idee ein zentraler Baustein. Im Zweifelsfall könne sie die App nicht launchen, gibt sie selbst zu bedenken.
„Ich glaube sehr an das Thema, weil ich sehr positives Feedback bekommen habe“, sagt sie. Sie müsse nun die Rückmeldung der angefragten Anbieter abwarten.
Ganz ohne Plan B ist sie allerdings nicht. Parallel arbeitet sie bereits an einem zweiten Projekt. „Und zwar geht es um GLP-1, also die Abnehmenspritze.“ Bekannt sind die Medikamente vor allem unter den Markennamen Ozempic und Wegovy. Sie enthalten den Wirkstoff Semaglutid und werden zur Gewichtsreduktion eingesetzt. Aus Gesprächen mit Nutzern habe Jolina herausgehört, dass viele Betroffene Schwierigkeiten im Umgang mit den Medikamenten haben.
„Viele Menschen haben das Problem, dass sie starke Nebenwirkungen haben und es sehr viel Unklarheit dazu gibt, wie sie das Produkt richtig nutzen sollten.“ GLP-1-Medikamente unterdrücken das Hungergefühl künstlich, können aber auch Nebenwirkungen wie Übelkeit oder Erbrechen auslösen. „Das ist ein großes Thema, weshalb Nutzer die Spritze häufig wieder absetzen und dann in einen Jojo-Effekt reinkommen und wieder zunehmen.“
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Jolinas neue Idee: Eine App bauen, die für GLP-1-Nutzer wie ein Tagebuch funktioniert und gleichzeitig typische Fragen und Arztvorbereitungen zusammenfasst. Ob daraus ein Pivot wird oder die Bluttest-App doch noch die nötigen Partner findet, dürfte sich in den kommenden Wochen des Sommercamps entscheiden.
Ein erstes Tech-Setup aufgebaut
Jolina bezeichnet sich selbst als „noch Non-Techie“. Sie absolvierte bisher ein VC-Praktikum bei Heartfelt, eine ESG-Beratung bei PwC, ein Marketing-/E-Commerce-Praktikum bei Medienwerft und übernahm die Leitung eines kleinen E-Commerce-Unternehmens.
Ihr technische Profil sei noch ausbaufähig, noch habe sie kein Produkt selbst entwickelt, erzählt sie. Mit ihrem Mentor Paul Elias, AI Engineering bei Axel Springer, legte sie in Woche Eins gemeinsam die Grundlagen für ihr technisches Setup und arbeitet seitdem hauptsächlich mit Codex in ChatGPT (Hinweis: OpenAI ist Partner von unserem Programm). All das sei für sie noch Neuland. „Aber ich habe echt Lust, das zu lernen.“
Jolinas Learnings aus der ersten Woche
Aus der ersten Woche des Sommercamps habe sie vor allem aus den Workshops – etwa mit Vercel – und den Fragerunden mit erfahrenen Gründern viel mitgenommen, sagt Jolina. Zwei Learnings sind ihr besonders hängen geblieben:
- Schnell bauen, schnell validieren, schnell iterieren und trotzdem auf Qualität achten: „Ich habe lieber ein vernünftiges Produkt, was Wert schafft, aber wenig Features am Anfang hat, anstatt etwas Aufwendiges lange zu bauen, das dann nicht perfekt ist und Verwirrung kreiert. Ich will sichergehen, dass ich etwas launche, das dann idiotensicher ist.“
- Mit vielen Menschen sprechen, um Feedback zu bekommen: „Mit vielen Menschen sprechen, die nah am Thema sind, ist immer total sinnvoll. Schließlich wissen die mehr über sich und ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse und Vorstellungen, als ich mir vorher überlegen könnte. Dabei haben mir die Tipps von Dash0-CEO Mirko Novakovic besonders weitergeholfen.“
Für die zweite Woche des Camps hat sich Jolina ein klares Ziel gesetzt: Sie will einen ersten Prototyp ihrer Tagebuch-App für GLP-1-Nutzer entwickeln und sich dazu mit potenziellen Partnern innerhalb des Axel-Springer-Konzerns austauschen. Anschließend soll die Anwendung möglichst schnell live gehen, um erste Nutzer zu gewinnen und Features zu testen.
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Diese 20-Jährige will das „Doctolib für Handwerker“ bauen
Ein Chatbot statt endloser Telefonate: Suna Tamboga baut im Gründerszene-Camp eine KI-App, die die Handwerkersuche einfacher machen soll.
250 Euro verlangt der Handwerker am Telefon – allein für die Anfahrt quer durch Berlin. Der Auftrag in Prenzlauer Berg liegt zu weit weg für ihn. Und wieder muss man weiter suchen und verliert wertvolle Zeit. Für Suna Tamboga ist das der Beweis: Die Suche nach Handwerkern scheitert oft daran, dass Kunde und Anbieter nicht zusammenpassen.
Mehr als 20 Betriebe ruft Suna an, will herausfinden, was falsch läuft bei der Handwerkersuche. Und wie sie die Probleme lösen kann. Denn Suna baut eine App: „Doctolib für Handwerker“, sagt sie uns.
Ihre These: „Kunden telefonieren herum, schreiben E-Mails und bekommen keine Rückmeldung.“ Gleichzeitig „erhalten die Betriebe viele E-Mails und Anrufe, die gar nicht zu ihnen passen. Die meisten Menschen wissen schlicht nicht, ob sie einen Elektriker, einen Klempner oder einen anderen Handwerker brauchen.“ Ein Chatbot, der direkt alle Infos abfragt und Kunden mit den richtigen Handwerkern zusammenbringt, das ist Sunas Idee.
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Seit einer Woche entwickelt sie das Projekt in unserem Startup-Sommercamp „Gründerszene sucht die Supergründer“. Zehn Wochen lang bauen dort acht Fellows mithilfe Künstlicher Intelligenz eigene Consumer-Apps. Dabei helfen ihnen Profis aus Tech und Business als persönliche Coaches.
„Gründerszene sucht die Supergründer“ ist ein zehnwöchiges Startup-Fellowship von Gründerszene. Acht ausgewählte Fellows entwickeln in Berlin mit Künstlicher Intelligenz Consumer-Startups – von der Idee bis zum ersten Produkt. Während des Programms arbeiten die Fellows gemeinsam im Axel-Springer-Hochhaus und werden von erfahrenen Unternehmern, Investoren und Experten begleitet. Partner wie OpenAI, Vercel, Dash0 und DHL unterstützen sie mit Technologie, Know-how und Mentoring. Gründerszene dokumentiert die gesamte Reise mit Artikeln, Videos und Social-Media-Inhalten – und zeigt hautnah, wie heute die nächste Generation von Startups entsteht.
Crashkurs im Gründen
Zur App inspirieren Suna ihre Eltern. Der Vater leitet eine Handwerkerfirma und habe immer wieder von Chaos-Absprachen berichtet zwischen Kunden und Dienstleistern. Die Mutter ist Ärztin. Als sie vor Jahren ihre Praxis gegründet hat, sei der organisatorische Aufwand „enorm“ gewesen: Termine koordinieren, Bürokratie bewältigen und Mitarbeitende organisieren. Dann habe sie die Software Doctolib eingeführt. Über das Programm buchen Patienten Termine bei passenden Ärzten. „Sie hat zu Hause ständig davon geschwärmt, weil plötzlich vieles online lief“, sagt Suna.
Als die Studentin während eines Praktikums in Berlin vom Gründerszene-Startupcamp hört, bewirbt sie sich und wird aus rund 200 Bewerbern neben sieben weiteren Teilnehmern ausgewählt. Jetzt entwickelt Suna bei Gründerszene ihre App mit KI-Modellen wie Codex von OpenAI, einem der offiziellen Partner des Programms.
Fünf Tage bis zum ersten Prototyp
Suna wollte anfangs möglichst schnell einen ersten Prototyp bauen. Das sollte helfen, die App anderen vorzustellen und den Bedarf zu validieren. Fünf Tage später hatte sie den ersten Prototypen erstellt: Er fragt die Probleme ab, stellt Rückfragen, gibt Tipps zur Reparatur. Später soll er einmal passende Handwerker in der Umgebung vorschlagen. Sobald die Nutzer sie auswählen und Termine vereinbaren, leitet der Chatbot die Daten weiter. Zwar funktioniere der Prototyp noch nicht ganz. Aber: „Ich kann bereits zeigen, wie ich mir die Lösung vorstelle. Das hilft enorm, um mit Menschen darüber zu sprechen und Feedback einzuholen.“
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Suna sagt, die größte Herausforderung werde später sein, die Handwerker davon zu überzeugen, ihre Abläufe umzustellen und auf eine neue Plattform zu wechseln. Der Weg sei schwierig. „Aber ich glaube, dass es machbar ist. Genau das macht für mich den Reiz aus. Diese Herausforderung motiviert mich.“
Sunas Top-Learning nach einer Woche
Sunas wichtigstes Learning: „Kurze Pitches halten. Wir mussten unsere Idee ständig in wenigen Sekunden erklären. Dadurch wird man automatisch besser.“ Außerdem „habe ich zum ersten Mal viele technische Begriffe wirklich verstanden. Am Anfang wusste ich überhaupt nicht, was Begriffe wie „deployen“, „lokal“ oder „pushen“ bedeuten. Ich dachte nur: Wovon reden die eigentlich?“, sagt sie. „Mir ist klar geworden, dass ich wahrscheinlich nie auf das technische Niveau vieler Entwickler kommen werde. Das muss ich aber auch gar nicht. Ich möchte genug verstehen, um gute Produkte bauen zu können und sinnvoll mit technischen Teams zusammenzuarbeiten.“
Das erste Fazit: „Ich bin die Jüngste und hatte anfangs das Gefühl, deutlich weniger Erfahrung mitzubringen als viele andere. Einige haben bereits gegründet oder einen technischen Hintergrund. Das hat mich zunächst beeindruckt.“ Und: „Wenn jemand anderes erfolgreich ist, macht mich das nicht schlechter und umgekehrt genauso. Ich finde alle unglaublich motivierend. Jede und jeder bringt eine spannende Idee mit.“
Ziel für die zweite Woche: „Ich möchte noch intensiver mit Handwerksbetrieben sprechen und tiefer in die Zielgruppe eintauchen. Ich habe sogar Lust, mich einfach auf die Straße zu stellen und Handwerker anzusprechen. Auf dem Weg zur Arbeit habe ich schon so viele gesehen.“
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