Datenschutz & Sicherheit
Petition gegen Digitalzwang: 64.000 Menschen wollen das Grundgesetz ändern
Bahn fahren, Pakete abholen, einen Termin beim Bürgeramt buchen: Unternehmen und Behörden machen Menschen ohne Smartphone oder Computer das alltägliche Leben zunehmend schwer. Der Verein Digitalcourage fordert deshalb ein Recht auf Leben ohne Digitalzwang.
Am 21. Mai wollen die Aktivist*innen ihre Petition Abgeordneten des Bundestags überreichen. Bis dahin können sich Interessierte anschließen.
Hinter der Petition stehen unter anderem Jonas Grill, Rena Tangens und Max Hampel. Im Interview erklären sie, in wie viele Lebensbereiche der Digitalzwang bereits vordringt, was daran gefährlich ist – und ob er sich stoppen lässt.
Deutsche Bahn will Fahrgästen App aufdrücken
netzpolitik.org: Jonas, Rena, Max – was genau ist Digitalzwang?
Tangens: Der Zwang, digitale Zugangswege zu verwenden. Dass man Dinge nur übers Internet erledigen kann oder dafür ein Smartphone besitzen muss oder eine bestimmte App installieren muss, um einen Dienst wahrzunehmen.
Grill: Auch wenn die analoge Alternative extrem unpraktisch ist, ist das eine Form des Digitalzwangs.
netzpolitik.org: Menschen haben über euren Digitalzwang-Melder hunderte Beispiele eingereicht.
Hampel: Uns erreichen neben diesen Meldungen täglich mehrere E‑Mails und Anrufe zum Thema.
netzpolitik.org: Wo ist der Zwang am schlimmsten?
Hampel: Ganz oft geht es um Mobilität. Da beschweren sich beispielsweise Menschen, dass es die BahnCard nur noch in der Bahn-App gibt.
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Tangens: Ohne Account bei der Bahn bekommt man die nicht mehr. Als die Bahn das eingeführt hat, haben wir zig E‑Mails von empörten Bahnfahrer*innen bekommen, die daraufhin ihre BahnCard gekündigt haben. Eine Person schrieb, dass sie nun ihre Enkelkinder nicht mehr so oft besuchen könne. Die Bahn ist ein bisschen zurückgerudert und ermöglicht es vorläufig, den QR-Code am Schalter ausdrucken zu lassen. Aber prinzipiell versucht die schon beständig, die Leute dazu zu bringen, die Bahn-App zu benutzen, sie baut zum Beispiel Fahrkartenautomaten ab. Dabei sind in der Bahn-App einige Tracker drin. Die übermitteln, von wo bis wo und mit wem man fährt. Seit 2022 klagen wir vor dem Landgericht Frankfurt, dass die Bahn die Tracker entfernt.
Länger warten beim Bürgeramt
netzpolitik.org: Welche Fälle gibt es noch?
Grill: Viele Beispiele für Digitalzwang stammen auch aus dem Bereich Finanzen. Menschen können ihre Lohnabrechnungen nur noch online einsehen, ihre Steuererklärung nur noch mit Umständen analog machen, kein Geld mehr überweisen, weil Filialen zumachen und sie kein Onlinebanking haben. Viele Fälle stammen auch aus dem Bereich kulturelle Teilhabe. Da kommen Menschen nicht mehr zu Konzerten, weil Eventim nur noch digitale Karten verkauft. Und dann gibt es ganz banale Alltäglichkeiten, wie beispielsweise, dass die Sperrmüllabfuhr in manchen Gegenden nur noch über Onlineportale bestellt werden kann.
Hampel: Ein großes Thema ist auch Doctolib. Facharzttermine bekommt man oft nicht mehr, ohne diese Plattform zu nutzen. Und auf dem Amt ist es so, dass man mit einem Onlinetermin viel zügiger behandelt wird, als wenn man hingeht und eine Nummer zieht. Was auch viele Menschen betrifft, ist, was DHL mit den Packstationen macht. Die haben teils keinen Bildschirm mehr, man muss die über das eigene Smartphone bedienen. Dafür haben wir DHL 2023 einen BigBrotherAward verliehen.
Tangens: Menschen, die kein Handy haben, stehen dann vor der Packstation und kommen nicht an ihr Paket ran. Oder anderes Beispiel: Es gibt hier in Berlin viele Restaurants, wo man einen QR-Code scannen muss, um die Speisekarte lesen zu können. Da sind Leute ohne Smartphone einfach aufgeschmissen. Und das sind auch Menschen, die ein Anrecht darauf haben, an der Gesellschaft teilzuhaben.
Millionen Menschen in Deutschland leben offline
netzpolitik.org: Wie viele Leute schließt der Digitalzwang aus?
Tangens: In der Altersgruppe von 16 bis 74 Jahren waren – laut statistischem Bundesamt – zwei Millionen Menschen in Deutschland noch nie im Internet. Und dann muss man ja noch die Menschen 75 plus dazurechnen.
Hampel: Und die Menschen, die zwar ein Handy haben, aber nicht gut damit umgehen können. Meine Mutter zum Beispiel: Ihr Handy mit Bluetooth mit einer Packstation zu verbinden, das stellt die vor ein unlösbares Rätsel.
netzpolitik.org: Ist Digitalzwang nur ein Problem für Senior*innen?
Tangens: Das betrifft nicht nur alte Leute. Wir lernen auch viele junge Leute kennen, die keinen Bock haben, ständig ein Smartphone dabeizuhaben. Weil das so einen Druck erzeugt, in irgendwelchen Netzwerken dabei zu sein, ständig auf Nachrichten zu reagieren, sich mit anderen zu vergleichen. Und ich kenne einen Menschen, der sagt, er kenne sein Suchtpotenzial und lasse deshalb das Smartphone so oft wie möglich zu Hause – damit er nicht ständig auf Social Media ist. Er hat das mit Alkoholismus verglichen. Digitalzwang ist dann, als würde man einen trockenen Alkoholiker zwingen, immer einen Flachmann dabeizuhaben.
Hampel: Dazu kommt, du musst für viele Apps ja ein relativ aktuelles Smartphone besitzen und das kostet Geld. Das als Voraussetzung zu machen, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, ist ja enorm diskriminierend.
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Tangens: In Spanien engagiert sich ein Mensch gegen Digitalzwang, der aufgrund einer Parkinson-Erkrankung so zittert, dass es ihm schwerfällt, ein Smartphone zu bedienen. Und auch, wenn mir mein Smartphone gerade kaputt gegangen ist, muss ich doch grundlegende Dienste nutzen können.
Grill: Digitalzwang schließt Menschen aus, die körperliche Einschränkungen haben, die ihre Daten schützen möchten, die sich nicht privaten Unternehmen ausliefern möchten, das kann aus verschiedensten Gründen kommen.
„Das verbittert“
netzpolitik.org: Schadet der zunehmende Digitalzwang der Demokratie?
Hampel: Ja, weil sich Menschen von Grundversorgung ausgeschlossen fühlen. Viele haben die Befürchtung, durch die Digitalisierung Stück für Stück aus dem öffentlichen Leben zu fallen. Das verbittert, da fühlt man sich abgehängt. Und dann freuen sich die Populisten, die das Thema schon für sich entdeckt haben. Deswegen setzen wir uns mit der Petition und der politischen Arbeit dafür ein, dass die demokratischen Parteien im Bundestag das Thema ernst nehmen.
netzpolitik.org: Wie reagiert die Politik auf euch?
Tangens: Wir haben Vertreter aller demokratischen Parteien dafür gewinnen können, unsere Petition am 21. Mai feierlich entgegenzunehmen. Und die Koalitionsparteien scheinen tatsächlich nicht mehr so sicher, dass es eine gute Idee war, die „Digital-only“-Strategie für die Verwaltung in den Koalitionsvertrag zu schreiben.
netzpolitik.org: Was genau soll eure Petition ändern?
Tangens: Wir fordern, den Artikel drei des Grundgesetzes zu ergänzen. Darin gibt es diverse Eigenschaften, wegen derer ich nicht benachteiligt werden darf. Wir wollen ergänzen, dass ein Mensch, der einen digitalen Zugangsweg nicht nutzt, nicht deshalb benachteiligt werden darf. Ein juristisches Gutachten vom Netzwerk Datenschutzexpertise hält diese Grundgesetz-Erweiterung für möglich und sinnvoll. Und diese Regelung würde dann durch die sogenannte Drittwirkung nicht nur für den Staat, sondern auch für die Wirtschaft gelten. Das wäre ein absolut mächtiges Instrument. Wir wissen, dass wir für die Umsetzung einen langen Atem brauchen. Aber uns gibt es seit 1987. Ausdauer haben wir.
netzpolitik.org: Ich nehme an, die Petition kann man nicht nur online unterzeichnen?
Tangens: Wir haben auch viele tausend Unterschriften auf Papier erhalten. Der Briefträger hat schon gefragt, ob wir ein Preisausschreiben veranstalten.
Datenschutz & Sicherheit
Sicherheitsfixes: Warum man schnell auf iOS 26.5 & Co. aktualisieren sollte
Apples am Montagabend veröffentlichten Updates für iPhone, iPad, Mac, Vision Pro, Apple TV und Apple Watch kommen einmal mehr mit jeder Menge Sicherheitsfixes. Wie ein Blick auf die mittlerweile vorgelegten Security-Infos zeigt, wurden Dutzende Lücken gestopft. Nutzer älterer Systeme sollten zudem bei der Verwendung von Safari aufpassen, denn Apple hat den Browser einmal mehr nicht sofort aktualisiert – das Update dürfte erst heute im Laufe des Tages verfügbar sein.
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Viele Fixes, einige Remote-Exploits
iOS 26.5 und iPadOS 26.5 kommen mit über 50 Fehlerbehebungen. Über 20 zusätzliche Fixes stecken in den Updates, über die Apple keine näheren Angaben macht (was immer wieder kritisiert wird). Berichte über bereits ausgenutzte Lücken liegen Apple offenbar nicht vor, drei der gefixten Bugs erlaubten aber auch Remote-Angriffe (einmal Denial-of-Service, einmal Systemabsturz und Kernel-Speicher-Corruption, einmal App-Abschuss).
Zahlreiche Fehler steckten im Kernel, darunter einer, mit dem sich Root-Privilegien verschafft werden konnte. Auch die mDNSResponder-Routine war für verschiedene Probleme anfällig. Sonst sind zahlreiche weitere Systembereiche betroffen, von Accounts und Dateisystem APFS bis zu WidgetKit und zlib. Schließlich behebt Apple auch noch zwei Handvoll WebKit-Fehler im Browser Safari.
Safari für ältere macOS-Versionen lässt auf sich warten
macOS 26.5 kommt mit einem ähnlich dicken Bugfix-Niveau wie iOS und iPadOS, die Fehler gleichen sich. Auch hier gibt es fast zwei Dutzend Fehler, die Apple nicht näher einordnet. Fünf Fehler sind aus der Ferne angreifbar, unter anderem die Teilumgehung des Lockdown-Modus (Apple Mail lädt Bilder nach) und ein Absturz via SMB. Berichte über bereits erfolgte Angriffe teilt Apple nicht. WebKit-Bugs behebt eine neue Version von Safari.
tvOS 26.5, watchOS 26.5 und visionOS 26.5 kommen wie üblich mit den Fehlerbehebungen aus den anderen Varianten, sofern die betroffenen Routinen auf den Geräten vorhanden sind. Auch hier gibt es keine Berichte über bekannte Angriffe, dafür mehrere Remote-Lücken. Teile der Lücken sind auch in macOS 15.7.7 und macOS 14.8.7 behoben, allerdings nicht alle. Nervig: Apple hat einmal wieder nicht sofort eine neue Safari-Version für die älteren Systeme bereitgestellt (Safari 26.5). Das ist schlecht, da diese Browser nun mit bekannten Lücken im Einsatz bleiben.
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Updates für altes iOS und iPadOS
Apple hat auch noch ältere iOS- und iPadOS-Versionen aktualisiert: Dies sind 18.7.9 für iPhone XS, XS Max, XR und iPad 7, iPadOS 17.7.11 für mehrere ältere iPads sowie iOS 15.8.8 und iPadOS 15.8.8 und iOS 16.7.16 und iPadOS 16.7.16. Dabei werden einmal mehr nur die problematischsten Fehler behoben – wer alles gefixt haben will, muss auf iOS 26.5 und Co. wechseln, sofern die auf den älteren Geräten noch laufen.
(bsc)
Datenschutz & Sicherheit
Statt Datenstrategie: Digitalministerium will KI-Agenten für die Verwaltung
Ob für das Bearbeiten eines Antrags oder einer Bürger:innen-Anfrage, zur Entscheidungsfindung oder Haushaltsplanung – Verwaltungsarbeit ist zu großen Teilen Arbeit mit Informationen. Wichtig ist dabei, dass Mitarbeiter:innen diese Informationen leicht finden. Dafür müssen sie sich zurzeit noch durch einen Dschungel an Dokumenten schlagen. Vieles steckt in Akten, in physischen und digitalisierten, in PDFs oder Word-Dokumenten. Dokumente, die darauf warten, systematisch aufbereitet und durchsuchbar gemacht zu werden.
Seit Jahren fordern Expert:innen daher, für die öffentliche Verwaltung eine moderne Dateninfrastruktur zu bauen, Informationen als Linked Data (PDF) zu organisieren und verlässliche Daten-Standards zu nutzen. Das würde die Verwaltungsdigitalisierung beschleunigen.
Doch statt hier in eine nachhaltige Strategie zu investieren, setzt Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) lieber auf KI-Sprachmodelle. Die haben es nun in den Katalog des Deutschland-Stacks geschafft. Allerdings ist es zweifelhaft, ob sie den großen Hoffnungen des Ministers gerecht werden.
Gehypte KI-Agenten
Seit März dieses Jahres fördert das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) im Rahmen des Agentic AI Hub kommunale Pilotprojekte, die mittels generativer KI Sachberarbeiter:innen Verwaltungsaufgaben abnehmen sollen.
Auch die Bundesverwaltung setze bereits KI-Agenten ein, erklärt Staatssekretär Thomas Jarzombek (CDU) im Ausschuss für Digitales und Staatsmodernisierung Mitte April zu seinem „Leib- und Magenthema“. Das sei im Digitalministerium in Sachen Verwaltungsdigitalisierung insgesamt das „Thema Nummer 1“.
So soll etwa der Agent „Spark“ dabei helfen, „Dutzende Aktenordner mit Gutachten und Unterlagen zu sichten und sie in wenigen Stunden auf Vollständigkeit und Plausibilität zu prüfen“. Damit könne die Verwaltung Vorgänge beschleunigen und bessere Entscheidungen treffen, so Jarzombek. Ziel sei es, die Versäumnisse bei der Verwaltungsdigitalisierung und Personalmangel auszugleichen.
Grundlegende Probleme bleiben ungelöst
Dass das Digitalministerium hier auf generative KI-Systeme setzt, wirke mehr wie eine kurzfristige Reaktion auf die Symptome der schleppenden Verwaltungsdigitalisierung als wie ein fundierter Umgang mit ihren ursächlichen Mängeln, so Stefan Kaufmann von Wikimedia Deutschland gegenüber netzpolitik.org.
Er fordert für die Verwaltung ein grundlegendes Umdenken. So sollten Informationen nicht wie bisher in Dokumenten, sondern in semantischen Daten und Wissensgraphen abgelegt werden. „Und wir brauchen die IT-Architekturen, um staatliche Informationen als semantische Daten zu speichern und wiederverwenden zu können“, sagt Kaufmann. Mit Wissengraphen können Informationen strukturiert dargestellt werden, sodass Computer Bedeutungzusammenhänge von Informationen verarbeiten können.
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Vor gut einem Jahr veröffentlichte Wikimedia die Broschüre „Generative KI für die Verwaltung?“ und traf damit einen Nerv. Die gedruckte Fassung für die öffentliche Verwaltung war schnell vergriffen, vor Kurzem erschien ein Nachdruck.
Was Kaufmann unter anderem meint, wenn er sagt „in Daten denken“: Verwaltungswissen versteckt sich meistens in Texten, PDFs und Tabellen, die für menschliche Bearbeitung angelegt und gespeichert wurden. Einzelne Informationen müssen Suchende den Dokumenten meist mühsam entlocken. Es überrascht daher nicht, dass sich Verwaltungsmitarbeitende ein KI-System wünschen, das bestimmte Informationen aus einer Vielzahl von Dokumenten zusammensucht.
Automatisierung statt Sprachmodelle
In der Begeisterung für generative KI übersehen aus Sicht von Kaufmann sowohl Verwaltungsdigitalisierer als auch Minister Wildberger allerdings zweierlei: Zum einen sind generative KI-Systeme prinzipiell limitiert, zum anderen bieten gerade in der Verwaltung sogenannte logikbasierte Methoden ein bislang unausgeschöpftes Potenzial. Logikbasierte Methoden geben bei jeder Anfrage logisch das gleiche Ergebnis aus, das sich transparent auf die zugrundeliegenden Daten zurückführen lässt.
Doch dafür müssen staatliche Informationen als strukturierte und maschinenlesbare Daten vorliegen. Erst dann ließen sich zahlreiche Verwaltungsprozesse auf klassischem Wege automatisieren, sowohl in der internen Arbeit als auch in Kontakt mit Bürger:innen, Organisationen und Unternehmen.
Mitarbeitende in der Verwaltung erhielten so mehr Zeit für Beratung, weil sie weniger damit beschäftigt wären, Daten und Informationen manuell zusammenzutragen. „Sie könnten auch Sachverhalte automatisiert auswerten und zwar deterministisch und halluzinationsfrei“, so Kaufmann.
Verwaltungs-Chatbots machen Fehler
Ein solcher Ansatz würde allerdings eine nachhaltige Strategie erfordern, die bislang nicht in Sicht ist. Viele Kommunen setzen stattdessen auf Chatbots, um mit ihren Bürger:innen zu kommunizieren. Sie hoffen, so die bestehende Arbeitslast innerhalb der Behörden abzufedern. Aus ihrer Sicht sind die Bots außerdem attraktiv, weil sie diese bei externen IT-Dienstleistern einkaufen und dies haushalterisch abbilden können.
Der Berliner BärGPT, die Gersheimer Gerda Bürki oder der Hagener JOST – sie alle sollen auf Grundlage von Informationen, die auf einer städtischen Website zu finden sind, dazu Auskunft erteilen, wer eine Behördenabteilung leitet oder an wen sich Bürger:innen auf der Suche nach einem Kita-Platz wenden können.
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Doch die Bots funktionieren so wie alle Large Language Models (LLMs, Sprachmodelle): nach dem Prinzip der statistischen Wahrscheinlichkeit. Und deshalb machen sie Fehler. Das belegte zuletzt etwa eine Studie der Europäischen Rundfunkunion im Oktober 2025. Demnach liegt die Fehlerquote in den Outputs von Chatbots wie Gemini, Copilot oder ChatGPT bei rund 45 Prozent. Bezeichnenderweise geben sie Informationen dann relativ korrekt aus, wenn die dafür nötigen Daten gut strukturiert vorliegen – also in der Form, die es auch als Grundlage für logikbasierte Auswertungen bräuchte.
Regelbasiert sticht Wahrscheinlichkeitsprinzip
Ob einem KI-Chatbot Fehler unterlaufen, wird allerdings erst dann ersichtlich, wenn Nutzer:innen die Ausgabe prüfen. Bezogen auf die Verwaltung hieße das, dass Sachbearbeiter:innen dafür zusätzliche Zeit einplanen müssen. Außerdem brauchen sie verlässliche Referenzdaten, um diese mit der KI-Antwort abgleichen zu können. Die Alternative dazu wäre ein automatischer Vorbehalt, sagt Kaufmann. „Wenn ich einen Bescheid bekomme, der mit generativer KI erstellt wurde, hätte ich damit das Recht auf nochmalige manuelle Prüfung.“
Auch bei Abfragen aus verteilten Wissensbeständen kämen Sprachmodelle schnell an ihre Grenzen, etwa wenn Nutzer:innen nach einer Liste deutscher Großstädte mit einer Oberbürgermeisterin fragen und diese nach Einwohnerzahl absteigend sortiert bekommen möchten. „Aus strukturierten Daten wie bei Wikidata lässt sich das mit simplen, regelbasierten Methoden und einem Bruchteil des Aufwands beantworten – und zwar verlässlich“, erklärt Kaufmann gegenüber netzpolitik.org. Dennoch investieren immer mehr Kommunen in Chatbots.
Statt den Umweg über KI-Sprachmodelle zu verfestigen, könnte die Verwaltung ihre Informationsbestände Schritt für Schritt in Richtung semantischer Datenspeicherung entwickeln. Das würde nicht nur die interne Weiterverwendung behördlicher Informationen vereinfachen, erklärt Kaufmann. Vielmehr könne man die Bestände auch mit symbolischen KI-Systemen verlässlich auswerten. „Das sind regelbasierte Systeme, die im Gegensatz zu LLMs und Agentensystemen nicht dem Zufall ausgesetzt sind.“ Außerdem seien sie deutlich sparsamer beim Energieverbrauch.
Auf diese Weise könne die Verwaltung Informationen, die bisher in Dokumenten oder Fachverfahren „gefangen“ waren, organisationsübergreifend auswerten und verwenden. Dabei könnten auch Unklarheiten in den Informationen auffallen, die Mitarbeitende direkt auf Quellenebene korrigieren könnten.
Aus Erfahrungswissen lernen
Die Verwaltung könnte hier aus vielen Jahren Vorarbeit von Projekten und Initiativen des digitalen Ehrenamts lernen, glaubt Kaufmann. Als Beispiel führt er das Projekt „kleineAnfragen“ an, wo Nutzer:innen alle kleinen und großen Anfragen deutscher Parlamente nach Stichwörtern durchsuchen, Anfragen automatisch analysieren und sie mit einer stabilen URL verlässlich verlinken konnten. Ein anderes Beispiel seien Web-Angebote wie „Meine Stadt Transparent“ und „Politik bei uns“, die Ratsdokumente besser durchsuchbar machten. Eine wesentliche Rolle spielte dabei der offene OParl-Standard, der es erlaubt, Dokumente maschinell auszuwerten.
Alle drei Angebote sind derzeit allerdings nicht mehr in Betrieb. „Sie waren als Freie-Software-Projekte quasi schlüsselfertig und „for public adoption“ gedacht – staatliche Stellen haben sie aber nie selbst übernommen“, erklärt Kaufmann. Es komme selten vor, dass in einer Behörde Menschen arbeiten, die die Potenziale dieser Systeme erkennen und sie dann, ohne lange Schleifen mit externen Dienstleistern durchlaufen zu müssen, selbst ausrollen können.
Das BMDS unter Karsten Wildberger ist hier offenbar keine Ausnahme. Die Bundestagsabgeordnete Sonja Lemke (Die Linke) fragte in der Ausschusssitzung Mitte April, ob das Digitalministerium regelbasierte Systeme prüfe oder auch Systeme, mit denen die Verwaltung ihre Informationen in maschinenlesbarer Form bringe und damit wiederverwendbar abspeichere. Einer klaren Beantwortung der Frage wich Staatssekretär Jarzombek aus.
Datenschutz & Sicherheit
Supply-Chain-Angriff auf TanStack: 42 Pakete kompromittiert
Das TanStack-Team hat mitgeteilt, dass ein Supply-Chain-Angriff auf TanStack via npm erfolgt ist: Am gestrigen 11. Mai 2026 waren insgesamt 84 kompromittierte Versionen von 42 @tanstack/*-Paketen auf dem JavaScript-Paketmanager npm zu finden, die Credential Stealer enthielten. Nach 20 Minuten seien die Pakete von einem externen Forscher aufgespürt worden. Sie sind inzwischen deprecated, doch es ist noch unklar, wie oft sie installiert wurden. Betroffene sollen nun handeln und ihre Credentials rotieren, empfehlen Sicherheitsforscher.
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(Bild: jaboy / 123rf.com)

Tools und Trends in der JavaScript-Welt: Die enterJS 2026 wird am 16. und 17. Juni in Mannheim stattfinden. Das Programm dreht sich rund um JavaScript und TypeScript, Frameworks, Tools und Bibliotheken, Security, UX und mehr. Frühbuchertickets sind im Online-Ticketshop erhältlich.
Welche Pakete betroffen sind – und welche nicht
Aus dem Hause TanStack stammen beliebte Webentwicklungstechnologien wie das quelloffene State-Management-Tool TanStack Query. Nach Angaben des Entwicklungsteams waren @tanstack/query*, @tanstack/table*, @tanstack/form*, @tanstack/virtual*, @tanstack/store und @tanstack/start (das Meta-Package, nicht @tanstack/start-*) nicht kompromittiert.
Die 42 betroffenen Pakete sind im GitHub Security Advisory aufgeführt, darunter @tanstack/router-cli, @tanstack/router-core, @tanstack/router-vite-plugin, @tanstack/solid-start, @tanstack/vue-start und @tanstack/zod-adapter.
Derzeit ist laut Angaben von TanStack eine der noch offenen Fragen, wie viele User die schadhaften Pakete heruntergeladen haben.
Entwickler sollen Credentials rotieren
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Die Malware dient dazu, Credentials aus beliebten Quellen zu stehlen, darunter AWS Instance Metadata Service (IMDS), GitHub-Token oder private SSH-Schlüssel. Das Security-Unternehmen Socket bietet konkrete Handlungsempfehlungen für Entwicklerinnen und Entwickler, die schadhafte Package-Versionen installiert haben. Sie sollen unter anderem alle Secrets unverzüglich rotieren, in der folgenden Prioritätenreihenfolge: npm-Token, GitHub-PATs/OIDC-Trusts, AWS-Credentials (statische Keys und Instanzrollen), Vault-Token, Kubernetes-Service-Account-Token.
Mini Shai-Hulud: Kürzlicher Angriff auf SAP-Pakete
Seit dem 29. April 2026 läuft gemäß Socket eine Supply-Chain-Kampagne unter der Eigenbezeichnung „Mini Shai-Hulud“, die Pakete auf npm und dem Python-Paketmanager PyPI angreift – und offenbar auch die TanStack-Attacke durchgeführt hat. Erst kürzlich erfolgte ein Angriff auf npm-Pakete mit SAP-Bezug. Hinter Mini Shai-Hulud stecken nach Vermutungen von Socket Akteure namens TeamPCP.
Weitere Details zum TanStack-Angriff sind dem Postmortem auf dem TanStack-Blog zu entnehmen.
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