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Datenschutz & Sicherheit

Mythos findet nur eine Sicherheitslücke in curl


Anthropics KI-Modell Claude Mythos Preview gilt als zu gefährlich für die Öffentlichkeit, zumindest nennt das Unternehmen diese Begründung, warum es nur eingeschränkten Zugang zu dieser ausgefeilten KI-Schwachstellensuche gibt. Ausgewählte Nutzer und Projekte durften Mythos testen – so auch Daniel Stenberg, Maintainer des Download-Tools curl. Mythos wurde genau einmal fündig.

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Der Testlauf überrascht, denn der curl-Maintainer schimpfte Anfang des Jahres noch über „Scheiß-Berichte“ in Form von KI-Bug-Reports und hatte vor einem Jahr schon mal „die Nase voll“ davon. Zwischenzeitlich stellte er das Bug-Bounty-Programm auf HackerOne sogar ein, um schließlich doch wieder dorthin zurückzukehren, da die Bug-Verwaltung damit besser funktioniert als etwa mit GitHub.

Im Rahmen des Projekts Glasswing sollte Stenberg Zugang erhalten. Nach Schluckauf bei der Einrichtung hat eine Drittperson den Test anhand der curl-Quellen übernommen, schreibt Stenberg in seinem Blog.

Stenberg weist darauf hin, dass sie natürlich curl bereits mit mehreren unterschiedlichen und fähigen KI-Tools untersucht haben – als Zugabe zu „normalen“ statischen Code-Analysetools, dem Setzen von sehr wählerischen Compiler-Optionen oder dem Einsatz von Fuzzing über Jahre hinweg. Mit diesen Tools seien in den vergangenen acht bis zehn Monaten rund 200 bis 300 Bugs entdeckt und zugehörige Bugfixes in curl gemergt worden. Ein Haufen dieser Meldungen seien bestätigte Schwachstellen und haben CVE-Einträge erhalten.

Die Entwickler setzen auch Tools wie GitHubs Copilot und Augment Code zum Prüfen von Pull-Requests ein. Deren Anmerkungen und Befunde helfen, den Code zu verbessern und keine Fehler zu mergen. Das passiert zwar trotzdem noch, aber die Review-Bots würden regelmäßig Probleme beleuchten, die die Programmierer dann beheben. Der Punkt von Stenberg ist hierbei, dass die KI-Reviews als Zusatz zu menschlichen Prüfungen genutzt werden; sie helfen lediglich und ersetzen die Menschen nicht. Inzwischen sehe er auch ein hohes Aufkommen an qualitativ hochwertigen Sicherheitsberichten das Projekt fluten, IT-Sicherheitsforscher setzten KI nun umfassend und effektiv ein.

Der Scan mit Mythos hat im Bericht fünf Befunde ausgespuckt, führt Stenberg weiter aus. Sie hätten mit mehr gerechnet. Er und sein Sicherheitsteam haben dann in den berichteten Problemen für einige Stunden herumgestochert und sind bei einer bestätigten Lücke angekommen. Von den anderen vier waren drei falsch-positive Meldungen – die waren in der API-Dokumentation bereits erklärt – und bei der vierten kamen die Programmierer zu dem Schluss, dass es sich lediglich um einen Bug handele.

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Genüsslich setzt Stenberg fort, dass die übrig gebliebene Sicherheitslücke einen CVE-Eintrag erhalten wird, mit dem Schweregrad „niedrig“. Sie wird in curl 8.21.0 Ende Juni geschlossen. Interessierte finden in Stenbergs Blog-Eintrag noch weitergehende Einordnungen und Details sowie weitere Informationen aus dem Mythos-Bericht. Am Ende bleibt Stenberg weiter versöhnlich. Die KI sei inzwischen deutlich besser geworden und tatsächlich ein hilfreiches Werkzeug.


(dmk)



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Datenschutz & Sicherheit

„Es ist meine Überzeugung“: Von der Leyen kommt eigenen Fachleuten zuvor und will Social-Media-Verbot


In der seit Monaten laufenden Debatte um ein Social-Media-Verbot für Minderjährige hat Ursula von der Leyen (CDU) den Druck auf das von ihr einberufene Expert*innen-Gremium erhöht. In ihrer Rede auf dem Europäischen Gipfel zu künstlicher Intelligenz und Kindern in Kopenhagen sprach sie sich einmal mehr für ein solches Verbot aus. Zum Einsatz kommen soll dafür die geplante Alterskontroll-App der EU.

Im Vorfeld hatten mehrere EU-Staats- und Regierungschef*innen der Kommissionspräsidentin Druck gemacht, allen voran der französische Präsident Emmanuel Macron.

Die heutigen Äußerungen von Ursula von der Leyen sind ein Wink mit dem Zaunpfahl an das von der EU-Kommission selbst einberufene Gremium aus Fachleuten für Kinder- und Jugendschutz im Netz. Sie sollen bis zum Sommer Empfehlungen vorlegen. Nun dürfte den Expert*innen bewusst sein, dass die EU-Kommission dabei eine klare Erwartungshaltung hat.

Eine Überzeugung, die nichts vorwegnehmen soll

Konkret sagt von der Leyen:

Ohne Ergebnisse des Gremiums vorwegzunehmen: Es ist meine Überzeugung, dass wir einen zeitlichen Aufschub für soziale Medien in Betracht ziehen müssen. Je nachdem, wie die Ergebnisse ausfallen, könnten wir diesen Sommer einen Vorschlag für einen Rechtsakt vorlegen.

Zwei Aspekte fallen bei diesem Zitat ins Auge. Erstens: Die Kommissionspräsidentin nimmt klar Einfluss auf die Arbeit des Gremiums, auch wenn sie das mit dem vorangestellten Satz relativiert. Mit Blick auf ein Social-Media-Verbot für Minderjährige spricht sie von „Überzeugung“ und „müssen“. Dadurch macht sie klar: Falls die Expert*innen etwas anderes empfehlen, müssten sie ihr unmittelbar in die Parade fahren.

Zweitens: Von der Leyen spricht nicht von einem Verbot, sondern von einem „zeitlichen Aufschub“. In der englischen Fassung der Rede steht: „delay“. Diese Formulierung ist ein Euphemismus, also ein sprachliches Stilmittel zur Beschönigung. „Aufschub“ klingt weniger hart als „Verbot für Minderjährige“ – auch wenn es auf dasselbe hinausläuft.

Der Euphemismus ist jedoch keine Erfindung der Kommissionspräsidentin oder ihres Teams. Er stammt direkt aus der Kommunikations-Strategie der australischen Regierung, die von der Leyen in ihrer Rede als „Pionier“ bezeichnet. So schreibt die australische Aufsichtsbehörde am 10. Dezember 2025, als das australische Social-Media-Verbot in Kraft trat: „Es ist kein Verbot, es ist ein Aufschub, wann man Accounts haben darf.“

Emotionen statt Fakten

Die damalige Situation in Australien ist vergleichbar mit der in der EU. Während die Regierung auf ein Social-Media-Verbot mit Alterskontrollen drängt, warnen Fachleute aus den Bereichen Jugendschutz, Medienpädagogik, Bürgerrechte, Datenschutz und IT-Sicherheit eindringlich davor. Die Argumente australischer und europäischer Expert*innen sind im Kern die gleichen. Hier wie dort sprechen sich auch betroffene Jugendliche vehement gegen ein Verbot aus – zuletzt rund 30 europäische Jugendverbände. Die Reaktionen der Verbots-Befürworter*innen ähneln sich ebenso: strategische Kommunikation statt stichhaltige Argumente.

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Besonders anschaulich macht das eine weitere Formulierung, die Ursula von der Leyen aus dem australischen Diskurs übernimmt. In ihrer Rede sagt sie: „Geben wir den Kindern die Kindheit zurück.“ In die gleiche Kerbe schlug die australische Kampagne „Let them be kids“ (auf Deutsch: „Lasst sie Kinder sein“). Dahinter steckte der Medienkonzern News Corp aus dem konservativen Murdoch-Firmenimperium.

Die Kommissionspräsidentin setzt an dieser Stelle nicht auf Fakten, sondern auf Emotionen. Über Kinder sagt sie weiter: „Ihre Seelen sind so empfindlich, ihre psychologische Verletzlichkeit ist so groß, psychische Wunden können sich auf das ganze Leben auswirken.“ Das ist korrekt – könnte aber ebenso ein Grund sein, junge Menschen nicht von sozialen Medien abzuschneiden, weil sie dort Gemeinschaft und Gleichgesinnte finden.

Im Vorfeld des australischen Social-Media-Verbots mahnte etwa die „Australian Psychological Society“: Ohne sinnvolle Alternativen könne der Entzug sozialer Medien eine Lücke ins soziale Leben junger Menschen reißen und Gefühle wie „Einsamkeit, Angst und Kummer“ erhöhen.

Vier Lücken in der Argumentation

Vier weitere inhaltliche Lücken stechen in von der Leyens Rede zum Social-Media-Verbot hervor.

Erstens: Die Kommissionspräsidentin sagt über Kinder: „Je mehr sie der digitalen Welt ausgesetzt sind, desto größer sind die Gefahren.“ Für diese Behauptung gibt es keine wissenschaftlichen Belege. Stattdessen zeigt die Forschung: Der Grad der Gefährdung lässt sich nicht anhand der Nutzungsdauer ablesen. Das geht auch aus dem Zwischenbericht der deutschen Jugendschutz-Expert*innen hervor, die im Auftrag des Familienministeriums den Forschungsstand zusammengefasst haben. Demnach sei es „entscheidend, nicht nur die Nutzungsdauer zu betrachten, sondern auch typische Nutzungsweisen sowie die Inhalte, denen Jugendliche ausgesetzt sind.“ Relevant seien demnach auch Persönlichkeit und Lebenslage junger Menschen.

Für eine im Frühjahr veröffentliche groß angelegte Studie hatten Forschende der Universität Manchester 25.000 Jugendliche zwischen 11 und 14 Jahren drei Schuljahre lang begleitet. Sie wollten wissen, ob die für Gaming und Social Media aufgebrachte Zeit ihrer psychischen Gesundheit schadet – und fanden darauf keine Hinweise.

Zweitens: Von der Leyen sagt, Kinder müssten die „Logik der sozialen Medien verstehen“ und „lernen, sich vor negativen Auswirkungen zu schützen und gleichzeitig die positiven Seiten zu nutzen“. Sie spricht von Lehrer*innen, „die Kindern helfen können, diese Kompetenzen von klein auf zu erwerben“. Mit einem Social-Media-Verbot ist das eher schwer zu vereinbaren: Kinder sollen demnach mehr digitale Kompetenzen aufbauen, obwohl die EU ihnen weniger Zugang zur digitalen Welt erlaubt.

Anders und schlüssiger argumentiert etwa der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Stefan Düll, in einer Stellungnahme vom Juni 2025. „Digitale Teilhabe ist Realität – und die muss man lernen, nicht verbieten“, schreibt er. Es könne nicht die Lösung sein, Jugendlichen „plötzlich mit dem 16. Geburtstag“ einen Zugang zu geben.

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Drittens: Von der Leyen wiederholt ihre teilweise falschen Aussagen über die Alterskontroll-App der EU. Sie sagt erneut, die App „funktioniert auf jedem Gerät“. Das ist falsch. Die App funktioniert derzeit nur auf iOS und Google-basiertem Android – nicht etwa auf MacOS, Windows oder Linux. Das führt zu einem Handy-Zwang und zur Abhängigkeit von US-amerikanischen Tech-Unternehmen.

Weiter sagt von der Leyen, die App „bietet die höchsten Datenschutzstandards der Welt“. Das ist irreführend. Zum Beispiel ist der anonyme „Zero Knowledge Proof“ laut offiziellen Spezifikationen der App keine Pflicht („shall“), sondern nur eine Empfehlung („should“). Das heißt: Es gibt höhere Standards – und sie stehen sogar in den Spezifikationen der App selbst.

Viertens: Über das Social-Media-Verbot in Australien sagt die Kommissionspräsidentin: „Wir können die Fortschritte sehen“. Weniger Kinder und Jugendliche hätten Konten in den sozialen Medien. Das ist irreführend. Selbst die zuständige Aufsichtsbehörde in Australien hat festgestellt, dass viele unter 16-Jährige noch immer ihre Accounts haben oder neue erstellen, und deshalb Untersuchungen gegen Tech-Unternehmen angekündigt.

Der Erfolg der Regelung lässt sich zudem nicht anhand der Anzahl gesperrter Accounts messen – sondern daran, ob sich das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen verbessert. Das muss noch erforscht werden.

Räume sicherer machen, Minderjährige ausschließen

Ein großer Teil der Rede handelt von Tech-Regulierung, die nicht nur Minderjährige betrifft, sondern alle. Das ist schlüssig, denn nicht nur Minderjährige sind Gefahren im Netz ausgesetzt. Auch unter Erwachsenen gibt es viele vulnerable Gruppen.

Von der Leyen sagt: „Technologieanbieter sind für die Sicherheit ihrer Produkte und deren sichere Verwendung verantwortlich.“ Der kommende Digital Fairness Act soll etwa „Design-Praktiken adressieren, die auf Abhängigkeit abzielen und schädlich sind“. Die Kommissionspräsidentin kritisiert zudem Geschäftsmodelle, die Aufmerksamkeit „als Ware nutzen“, sowie Spiele für junge Männer, „die darauf ausgelegt sind, sie zu manipulieren, damit sie immer mehr Geld ausgeben“.

Viele Kritiker*innen eines Social-Media-Verbots dürften diesen Ausführungen zustimmen. Im Kern fordern sie, dass Regulierung Risiken direkt adressieren sollte – sichere digitale Räume für alle statt Ausschluss von Minderjährigen. Die Kommissionspräsidentin will offenbar beides: digitale Räume sicherer machen und trotzdem Minderjährige davon ausschließen. Das ist nicht schlüssig.

Auf einer Pressekonferenz in Brüssel hieß es vonseiten der EU-Kommission: Man werde auf die Empfehlungen des Expert*innen-Gremiums im Juni warten. Noch im selben Sommer könne ein Gesetzentwurf folgen. Zeit sei dafür genug, der Sommer ende schließlich erst am 21. September.



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Darknet Diaries Deutsch: Eine Frau, das Netz und der Terror (Teil 2)


Dies ist der zweite Teil von „Eine Frau, das Netz und der Terror“. Im Englischen Original von Jack Rhysider trägt diese Episode den Namen „Shannen“. Falls Ihr Teil eins noch nicht gehört habt, fangt am besten damit an.

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Die deutsche Produktion verantworten Isabel Grünewald und Marko Pauli von heise online. Der Podcast erscheint wöchentlich auf allen gängigen Podcast-Plattformen und kann hier abonniert werden.

JACK (Intro):Shannen Rossmiller, dreifache Mutter und Richterin im ländlichen Montana, beschließt nach den Anschlägen vom 11. September 2001 auf eigene Faust den Terrorismus zu bekämpfen. Im noch jungen Internet macht sie sich auf die Jagd nach potenziellen Attentätern, treibt sich in extremistischen Internetforen und Chatrooms herum und nimmt verschiedene Identitäten an, um Kontakte anzubahnen. All das tut sie immer wieder früh morgens im Computerraum im Keller ihres Hauses in Montana, während ihre Kinder und ihr Mann Randy oben ahnungslos schlafen.

Jetzt hat sie den 26-jährigen Ryan Anderson an der Angel: ein US-amerikanischer Scharfschütze und Mitglied der US Army National Guard. Er soll bald in den Irak verlegt werden und er will offenbar einen Terroranschlag gegen die USA verüben. Shannen gibt sich als Al-Qaida-Rekrutierer aus. Das FBI ist informiert. Bevor es zu einem Treffen und einer möglichen Festnahme kommen kann, soll Shannen weitere Informationen beschaffen. Hier steigen wir wieder in die Geschichte ein.

JACK: Ryan Anderson – nun, ich schätze, er nannte sich jetzt Andy – sagte immer wieder, er hätte einen großen Plan, aber er verriet Shannen nicht, was es war, wovon sie vermutete, dass es ein Terroranschlag sein würde. Er sagte, er brauche etwas Bargeld, um seinen Plan auszuführen, aber wofür wollte er das Bargeld verwenden? Shannen wusste es nicht. Vielleicht um Sprengstoff oder Waffen zu kaufen? Sie sagte, sie könnte etwas Bargeld schicken, aber er müsste zuerst mehr Informationen preisgeben. Sie wollte mehr Details über den Plan. Er redete viel über seinen Plan, darüber, wie effektiv er sein würde und wie stolz er darauf war, aber er wurde frustriert darüber, wie lange es dauerte, bis es losging. Also benutzte Shannen das Bargeld weiter als Köder, um zu versuchen, ihn dazu zu bringen, die Details des Plans zuzugeben, und es funktionierte schließlich.

Er gab schließlich nach und fing an, seinen Plan im Detail zu erklären. Er war tatsächlich so begeistert davon, dass alles einfach aus ihm heraussprudelte. Er sprach über Waffen, Taktiken und Standorte im Irak sowie Pläne für die Panzer der US Army. Alles in allem ging es darum, US-Soldaten zu töten. Der Plan war ausgeklügelt und detailliert und verheerend. Ryan plante, geheime Informationen an feindliche Truppen weiterzugeben, Informationen, die die Sicherheit der US-Soldaten ernsthaft gefährden würde, sobald sie im Irak sind. Er wollte ganz klar Schaden und Chaos anrichten. Er wollte zudem jeden Schaden zufügen, der versuchen würde, ihn aufzuhalten oder gefangen zu nehmen.

Shannen leitete all das, all seine Tiraden und Pläne sofort an das FBI weiter, und dort war man sich bewusst, dass man Ryan festnehmen musste, und zwar mit Beweisen aus erster Hand. Das Treffen wurde für den 3. Januar 2004 angesetzt. Shannen sagte Ryan, der FBI-Agent – bzw. sagte sie natürlich: das Al-Qaida-Mitglied – sei bereit, sich mit ihm zu treffen, und der Ort des Treffens sei eine Barnes and Noble Buchhandlung in Seattle.

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Dann kommt endlich der Tag des Treffens. Ryan und der FBI-Agent gehen beide beiläufig in die Buchhandlung und tun so, als wären sie Kunden, die nach Büchern stöbern. Sie treffen sich und unterhalten sich zwischen den Büchern. Was Ryan nicht wusste: In den Büchern waren Kameras und Mikrofone versteckt, und das Gespräch wurde aufgezeichnet. Ryan gab den Agenten gescannte Kopien seines Ausweises und viele geheime Informationen über US-Army-Panzer und Truppenstandorte im Irak. Er hatte sich damit selbst schwer belastet. Diese Informationen hatten die Absicht, US-Soldaten töten zu lassen, dennoch verhafteten die Agenten ihn nicht auf der Stelle. Seine Truppe wurde ja noch nicht in den Irak verlegt, also gab es wirklich noch keine Eile. Stattdessen wollten sie sehen, ob sie noch mehr Informationen aus ihm herausholen konnten, also arrangierten sie ein zweites Treffen, um zu sehen, was er noch zu sagen hatte.

Am nächsten Tag richtete sich Shannens Fokus wieder auf Samir, den verdächtigen Journalisten, bei dem sie einen Keylogger installiert hatte, und sie sah, dass er E-Mails über irgendeine neue Basis schickte, eine Landebahn für den Transport von Personen zu Kämpfer-Trainingslagern in Pakistan? Dann kam eine E-Mail mit einem vierseitigen arabischen Anhang rein. Sie verbrachte Stunden damit, ihn zu übersetzen, und er lieferte die Details darüber, wo Taliban- und Al-Qaida-Einheiten entlang der afghanischen Grenze stationiert sind. Während Ryan Informationen darüber hatte, wo US-Truppen sein würden, hatte Shannen nun Informationen darüber, wo Al-Qaida-Stützpunkte errichtet werden. Es ist irgendwie verrückt, dass sie an diese Geheimdienstinformationen kam.

Sie leitete das also an das FBI weiter, zuversichtlich, dass es sich um wertvolle Informationen handelte, von denen das US-Militär wissen musste, und sie sollte recht behalten. US-Streitkräfte konnten diese Informationen in Afghanistan zu ihrem Vorteil nutzen.

Das FBI bat sie zu sich, und sie ließ alles stehen und liegen und eilte hinüber. Die Agenten waren bereit, Ryan zu verhaften. Shannen war aufgeregt.

Am 12. Februar 2004 wurde Ryan Anderson in Seattle verhaftet. Es war eine gemeinsame Operation des FBI und des Geheimdienstes der US Army. Ryan stritt alles ab. Er dachte immer noch, seine Chats mit Shannen seien echt gewesen, aber als er sah, wie die Beweise vorgebracht wurden, erkannte er, dass sie nicht die war, für die sie sich ausgab. Er sah sich nun mit Terrorismusvorwürfen konfrontiert.

Obwohl das FBI Beweise aus erster Hand gegen ihn hatte, war Shannen die Hauptzeugin in dem Fall. Sie war diejenige, die ihn entdeckt und tonnenweise Daten über ihn gesammelt hatte. Das FBI wollte, dass Shannen bei seiner Anhörung aussagte.

Das war etwas, was sie überhaupt nicht tun wollte. Sie hatte Angst, sich selbst zu doxxen, ihre Online-Identität mit ihrem echten Leben in Verbindung zu bringen. Das FBI sagte, es würde ein geschlossenes Gericht sein. Niemand außerhalb würde etwas erfahren. Ihre Identität und Beteiligung würden geschützt bleiben. Diese Zusicherung war das Einzige, was sie beruhigte, aber sie wusste, dass sie ihrem Mann erzählen musste, was los war. Also setzt sie sich mit ihm zusammen und erzählt ihm, dass sie sich online als Abu Zeida ausgegeben hat. Sie hat Zugang zu Kassirs E-Mails und hat sich als er ausgegeben und Malware auf den Computern von Dschihadisten platziert, lange Gespräche mit ihnen geführt, Arabisch gelernt und letztendlich einen Angriff auf US-Truppen gestoppt – und jemanden verhaften lassen und ist nun eine Hauptzeugin. Randy war ziemlich fassungslos. Das hat sie alles gemacht? Er war beeindruckt, aber er war besorgt. Die Leute, die sie infiltrierte, waren offensichtlich gefährliche Leute, also machte er sich Sorgen um ihre Sicherheit und die Sicherheit der Familie, und beide wollten wirklich nicht, dass ihre persönlichen Identitäten in dem Fall offengelegt wurden.

Am 4. Mai 2004 flog Shannen von Great Falls, Montana, nach Seattle und fuhr dann eine Stunde nach Süden zum Armeestützpunkt Fort Lewis, wo die Gerichtsverhandlung stattfand.

Sie kannte sich mit Gerichten aus und war städtische Richterin, aber sie hatte noch nie zuvor vor Gericht ausgesagt. Sie war also ein wenig nervös, besonders davor, Ryan gegenüberzutreten und ihm gegenüber zuzugeben, was sie getan hatte. Auch wenn sie sich mit ihren Handlungen gut fühlte, ist es immer noch nervenaufreibend, der Person gegenübertreten zu müssen, die man ins Gefängnis gebracht hat.

Aber während sie dort war, entdeckte sie, dass sich die Medien auf der Besuchertribüne im Gerichtssaal einrichteten. Sie würden sich während des Verfahrens Notizen machen. Dann traf sie sich mit dem Anklageteam und wurde noch unruhiger. Obwohl sie ihre Hauptzeugin war, schien der leitende Staatsanwalt sie nicht zu mögen. Er machte ziemlich deutlich, dass er kein Interesse daran hatte, ihre Identität zu schützen. Tatsächlich war er der Meinung, dass die Tatsache, dass sie Richterin war, ihrer Aussage mehr Glaubwürdigkeit verleihen würde. Er wollte also, dass sie den Geschworenen erklärte, wer sie online und offline war. All das brachte ihre Nerven zum Flattern. So nach dem Motto: Whoa, warte mal eine Minute; das ist mein richtiger Name, meine Adresse, mein Job, alles. Mehr noch, diese falschen Identitäten, die sie benutzt hatte? Ja, die würden auch aufgedeckt werden. Die Vorstellung, sich so bloßzustellen, machte ihr schreckliche Angst.

Im Zeugenstand stimmte der Richter dem Staatsanwalt zu, dass ihre wahre Identität dem Gericht offengelegt werden sollte. Sie steckte nun in einer Zwickmühle. Sie hatte all diese Arbeit gemacht und war den ganzen Weg geflogen, um auszusagen, und nun war der einzige Weg auszusagen, sich selbst zu doxxen. Aber was ist ihr wichtiger, diesen Mann seiner gerechten Strafe zuzuführen oder sich selbst zu schützen? Es passierte alles so schnell, und sie erzählte dem Gericht schließlich alles.

Der Stenograf protokollierte jedes Wort, und die Nachrichtenagenturen machten sich akribisch Notizen. Innerhalb von wenigen Stunden war dann ihr richtiger Name als Überraschungszeugin in dem Fall im Fernsehen. Die Medien druckten ihren echten Namen, ihren Decknamen und die E-Mail-Adresse, die sie benutzt hatte, um mit Ryan Anderson zu kommunizieren – was ja eigentlich Kassirs E-Mail-Adresse war. Alle ihre Details wurden offengelegt.

JACK: Shannens und Randys schlimmste Befürchtungen waren nun Realität geworden. Ihr echter Name war in der Öffentlichkeit, als jemand, der sich online mit Dschihadisten anlegt. Welche Konsequenzen würde das im echten Leben haben?

Nun, zunächst war damit natürlich ihre Online-Präsenz aufgeflogen. Kassirs Online-Name war Abu Khadija, und nun waren sein Name und sein Alias verbrannt. Niemand würde diesem Namen mehr vertrauen, und es wurde auch die 1 in dem Namen, den sie in den Forenbeiträgen benutzte, entdeckt. Es hatte Jahre gedauert, bis sie diese Identitäten aufgebaut und diese inneren Kreise des islamischen Extremismus infiltriert hatte, aber nach der Aussage brach alles zusammen. Die Malware, die sie platziert hatte, wurde auf den Zielmaschinen entdeckt. Samir, der Journalist, der all diese Insider-Informationen darüber hatte, was Al-Qaida tat, wurde auf sie und ihre Versuche, ihn auszuspionieren, aufmerksam. Die Leute waren wütend auf sie, sehr wütend. Ihre Situation wurde viel ernster.

O-Ton Shannen Rossmiller, SpyCast 2011

„Nach dem Artikel-32-Verfahren veröffentlichte die Pressestelle in Fort Lewis die verdeckte Identität, die ich zu der Zeit benutzte, die auch in anderen laufenden Fällen verwendet wurde, und das wurde in der Zeitung veröffentlicht. Jeder wusste also, dass Shannen Rossmiller Khadija1417 war, und danach fingen Drohungen an einzugehen und natürlich mussten Änderungen für meine Familie und meine Karriere vorgenommen werden. Ich hatte Bedenken gehabt, zu der Zeit eine amtierende Richterin zu sein. Ich war sehr zuversichtlich, dass das, was ich tat, nicht unethisch war, aber dennoch gab es nichts – es gab vorher nichts Vergleichbares. Zu versuchen, das zu schützen und auszubalancieren, wurde zu einem weiteren Problem. Aber wie ich schon sagte – einige Leute haben mich gefragt: Warum hast du dann nicht einfach das Handtuch geworfen? War es nicht zu viel? Nun, ich gebe nicht auf. Ich würde mich also nicht davon unterkriegen lassen. Also musste ich einfach lernen, mein Leben neu zu strukturieren und es zu leben und weiter das zu tun, was ich tue, weil ich gesehen habe, wie wichtig es ist. Ich weiß, wie wichtig es ist, und ich einfach – ich kann nicht – ich kann nicht einfach aufhören, nur wegen solcher Drohungen, also werde ich die Anpassungen vornehmen, die ich brauche.“

Oh, Verdammt! Al-Qaida bedroht ihr Leben, setzt sie auf ihre Feindesliste, und obwohl sie komplett bloßgestellt wurde, sagt sie einfach nur: „Ich gebe nicht auf.“

Ich meine, wow, das ist eine echt furchtlose Entschlossenheit. Sie war wirklich eine ganz besondere Frau. Nur wenige Wochen nach ihrem Gerichtstermin wurde eine Nachricht im Gerichtsgebäude hinterlassen. Mit starkem Akzent und gebrochenem Englisch forderte eine männliche Stimme den Sachbearbeiter auf, Shannen zu sagen, dass sie wüssten, wer sie sei. Eine Rückwärtssuche der Nummer ergab einen Standort in Toronto. Das FBI wies die örtlichen Strafverfolgungsbehörden an, ihr für eine Weile Schutz zu gewähren.

Ryan Anderson wurde für schuldig befunden, der Terrororganisation Al-Qaida Hilfe geleistet zu haben. Sie stuften ihn von E-4 auf E-1 herab und entließen ihn unehrenhaft, was bedeutet, dass er alle seine militärischen Leistungen verlor. Die Staatsanwaltschaft wollte ihm für seine Taten die Todesstrafe auferlegen. Er wollte viele US-Soldaten töten. Doch das Gericht verzichtete auf die Todesstrafe. Also versuchte die Staatsanwaltschaft, Ryan zu lebenslanger Haft zu verurteilen. Shannen wurde per Vorladung aufgefordert, bei der Urteilsverkündung erneut auszusagen.

Sie rechnete nicht damit, dass es gut laufen würde, und das tat es auch nicht. Am 30. August erschien Shannen im Gerichtsgebäude, und sie stand in der Schlange für die Sicherheitskontrollen, um ins Gebäude zu gelangen. Als sie durch den Scanner ging, fingen all diese Alarme an loszugehen. Sie war verwirrt, wurde aber in ein Hinterzimmer gebracht, und sie sagt, sie wurde einer Leibesvisitation unterzogen. Es war demütigend, weil sie wusste, dass sie nichts bei sich trug. Als sie endlich ins Gerichtsgebäude kam, lagen ihre Nerven noch blanker. Ihre Aussage dauerte insgesamt fünf Stunden. Das ist eine lange Zeit im Zeugenstand. Sie detaillierte alles, was sie online getan hatte und wie. Ja, also, die gesamte Kommunikation mit Ryan, alles wurde offengelegt. Sie wollte einfach nur, dass es vorbei war, und sie war erleichtert, als sie das Gerichtsgebäude an diesem Tag endlich verlassen durfte.

Aber als sie zu ihrem Auto ging, war es von Leuten umstellt, Leuten in weißen Schutzanzügen, Kapuzen auf, Masken auf. Sie inspizierten ihr Auto. Sie sagten ihr, die Hunde des Bombenräumkommandos hätten Sprengstoffrückstände am Türgriff und am Kofferraum entdeckt. Sie sah sie nur an, so nach dem Motto: Was? Die Medien filmten alles, während sie einfach nur dastand und nicht wusste, was sie tun oder denken sollte. Die Polizei brachte sie zurück in ihr Hotel, und das Forensikteam kam mit ihr in ihr Hotel, um es zu überprüfen. Sie wollten auch alle ihre Habseligkeiten durchsuchen und brachten sie in ein anderes Hotelzimmer, eines, das nicht auf ihren Namen lief. Niemand wusste, wie ernst diese Bedrohung war. Gab es eine echte Absicht, sie zu töten, oder sollte sie nur eingeschüchtert werden? Was auch immer es war, all das ging ihr unter die Haut, aber sie musste es durchziehen.

Ein paar Tage später, am 3. September, ging sie wieder vor Gericht, um sich die Schlussplädoyers anzusehen, und knapp fünf Stunden später kamen die Geschworenen mit Schuldsprüchen in allen Anklagepunkten zurück und Ryan Anderson wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.

Wow. Sie hat es geschafft. Es war vorbei. Sie hat einen Terroranschlag verhindert. Sie hat Leben gerettet. Das hat sie wirklich. Dieser Typ war gefährlich, radikalisiert und darauf aus, US-Truppen im Irak Schaden und Zerstörung zuzufügen. Wenn sie nicht gewesen wäre, wären mit Sicherheit Menschen gestorben.

Sie fühlte sich gut. Sie wollte etwas tun und hatte etwas getan, aber es hatte seinen Preis. Nun war ihr Leben in Gefahr. Sie kam also zurück nach Hause nach Montana und machte sich ständig Sorgen, ob sie angegriffen werden könnte. Es fiel ihr eine Weile lang schwerer, nachts zu schlafen. Die Tragweite dessen, worin sie verwickelt war, begann langsam einzusickern. Sie bekam weiterhin online Drohungen, aber das sind nur Worte. Tag um Tag verging, und persönlich war für sie alles in Ordnung. Das Leben kehrte dann irgendwie zur Normalität zurück. September, Oktober, November vergehen. Die Dinge beruhigten sich.

JACK: Der Dezember kommt und sie fängt an, für Weihnachten zu planen. Ihre drei Kinder freuen sich auch darauf. Am 5. Dezember, das war ein Sonntag, wurde Shannen besonders früh durch lautes Hämmern an der Haustür geweckt. Sie rannte zur Tür und als sie sie öffnete, waren zwei Polizisten erschrocken, dass jemand die Tür öffnete. Sie schienen überrascht zu sein, sie zu sehen. Sie war sicherlich überrascht, sie zu sehen. Sie fragten sie: Sind Sie Shannen Rossmiller? Sie sagte: Ja. Dann fragten sie: Wo ist Ihr Auto? Sie sagte: In der Garage. Warum? Sie sagten: Können wir es sehen? Sie geht mit ihnen nach draußen und öffnet das Garagentor. Als das Tor hochfährt, bemerkt sie, dass das Auto nicht in der Garage ist.

Nun war sie diejenige, die erschrocken war, dass es fehlte. Die Beamten nickten und erzählten ihr, was los war.

Am frühen Morgen hatte die Polizei im Nachbarbezirk einen Pontiac Grand Prix aus dem Jahr 2001 in einem Graben entdeckt. Es war niemand in der Nähe, und als sie das Kennzeichen überprüften, stellte sich heraus, dass das Auto Shannen Rossmiller gehörte. Aber das war noch nicht alles: Das Auto wies fünf Einschusslöcher auf. Ja, Einschusslöcher. Sie stammten von einer Waffe des Kalibers 38. Gemeinsam mit den Beamten in ihrem Haus rekonstruierten sie, was wohl geschehen sein musste.

Während sie oben schlief, so wie auch ihr Mann und die drei Kinder, waren sie in das Haus eingebrochen, hatten die Autoschlüssel gestohlen, die im Haus lagen, und dann den Pontiac lautlos aus der Garage gerollt, bevor sie wegfuhren.

Das erschütterte Shannen wirklich. Sie wusste, dass die Leute, mit denen sie online interagierte, sehr gefährlich waren, fähig, die grausamsten Terroranschläge durchzuführen, und sie waren in ihrem Haus, während sie letzte Nacht schlief. Whoa, whoa. Verängstigt hatte Shannen keine Ahnung, wer es war, aber sie vermutete sofort, dass dies Rache dafür war, dass sie Ryan verhaften ließ und die Online-Terroristen-Community verraten hatte. Sie war zu einem Ziel geworden, und sie wussten, wo sie wohnte.

Ich an ihrer Stelle jätte wahrscheinlich für ne Weile die Stadt verlassen oder würde vielleicht sogar dauerhaft umziehen, aber Shannen, nein, Shannen nicht.

Sie verschanzte sich. Sie ging los und kaufte sich selbst eine Waffe, installierte ein Sicherheitssystem und verbesserte die Schlösser. Das war ihr Reich und sie würde darüber wachen und es beschützen. Die ganze Familie war jedoch besorgt und fragte sich, was als Nächstes kommen würde. Die Einschusslöcher im Auto waren eindeutig eine Drohung, dass sie die Nächste sein könnte. Aber ihr habt Shannen gehört; sie gibt nicht auf. Tatsächlich brachte sie das auf den Gedanken, dass das, was sie tat, tatsächlich funktionierte.

Das Jahr 2005 bricht an, und Shannen geht morgens immer noch hinunter in den Computerraum, um sich über die neuesten Entwicklungen in den Foren auf dem Laufenden zu halten – zum Teil natürlich auch, um im Auge zu behalten, ob über sie gesprochen wird. Sie benutzt jetzt ganz neue Identitäten, da die alten ja verbrannt sind. Dann ist es Herbst 2005, und obwohl sie weiterhin Online-Drohungen erhält, gab es danach keine weiteren persönlichen Zwischenfälle mehr. Am 25. Oktober stieß sie auf einen neuen Beitrag, der ihr ins Auge fiel.

Sie blieb daran hängen und er brachte sie ins Grübeln. In einer Yahoo-Newsgroup namens „Osama Bin Laden Crew“ war ein neuer Nutzer aufgetaucht. Longtermonly2 spuckte islamistisch-extremistische Rhetorik aus und verkündete dann, dass er an einem großen Plan arbeite und Hilfe brauche, um ihn durchzuführen. Genau wie bei Ryan war die Nachricht in gebrochenem Englisch verfasst und in einem überwiegend arabischsprachigen Forum gepostet.

JACK: Sie fragte sich, ob dies ein in der Entstehung befindlicher Terroranschlag sein könnte, und wollte mehr wissen. Longtermonly2 war Amerikaner und sagte, wie wütend er darüber sei, dass die USA Truppen in Afghanistan und im Irak hätten. Er hasste die US-Außenpolitik und plante, sie zu stören und einen massenhaften Rückruf von Truppen zu erzwingen. Shannen las das, mischte sich aber nicht ein. Dieses Message Board zeigte IP-Adressen von Benutzern an, und sie sah, dass seine IP zu einem Server am Assumption College in Bangkok, in Thailand, zurückverfolgt werden konnte. Das war alles einfach, nun ja, seltsam. Shannen las all das wie ein Fuchs, der leise seine Beute beobachtet.

Ein paar Wochen später war longtermonly2 zurück, und er wartete verzweifelt darauf, dass ihm jemand antwortete. Tagelang hatte er gepostet, um jeden, der das las, davon zu überzeugen, dass sein Plan eine großartige Gelegenheit war, aber er brauchte Hilfe. Sie konnte die Nachrichtenkopfzeilen dieses Beitrags einsehen, und dort, in der Kopfzeile vergraben, war ein weiterer Name: Michael Reynolds. Okay, sie hatte ein starkes Gefühl bei diesem Typen und musste mehr wissen. Dieser Typ redete von einem großen Plan. War der Plan, Schaden und Tod anzurichten, so wie das, was Ryan geplant hatte? Also beschloss sie, dem nachzugehen.

Dieses Mal kann sie jedoch nicht als Kassir agieren, da sein Name verbrannt ist. Also fängt sie an, sich all ihre Personas anzusehen. Sie erinnert sich an eine der früheren, die sie erstellt hatte, Abu Zeida. Diese wurde in den Gerichtsdokumenten tatsächlich nicht namentlich erwähnt. Sie wurde im Fall Ryan Anderson überhaupt nicht verwendet, also hatte sie sie nie jemandem gegenüber erwähnt. Sie ist sauber. Also loggt sie sich wieder in diesen Account ein, und zu diesem Zeitpunkt ist er schon Jahre alt im Forum. Schön; es ist einfacher, sich jemandem zu nähern, wenn der Account etabliert ist, als mit einem frisch erstellten. Sie erinnert sich auch daran, dass diese Abu-Zeida-Identität von ihr versucht hatte, sich mit der Armee der Gerechten in Verbindung zu setzen, einer dschihadistischen militanten Organisation aus Pakistan. Sie behauptete sogar irgendwann, dass ihre Identität tatsächlich an einigen dieser Angriffe beteiligt war, die diese Gruppe durchführte. Ihr Arabisch war jetzt auch besser denn je; zumindest für einen Nicht-Muttersprachler war es passabel. Okay, cool. Ja, das könnte funktionieren, wenn sie ihm von Abu Zeidas Account aus Nachrichten schreibt. Shannen war wieder in ihrem vollen Undercover-Modus.

Shannen wollte sich jedoch nicht direkt auf ihn einlassen. Aber sie kennt die Tricks. Wenn man es irgendwie schafft, dass er einem zuerst schreibt, ist das viel effektiver, als wenn sie ihm zuerst schreibt. Sie wird dann in den nächsten Wochen in dem Forum aktiv, in dem Michael Reynolds seine Beiträge verfasst. Sie schreibt da unter dem Namen Abu Zeida und gibt Sachen von sich, die Michael interessieren könnten. Michael bemerkt sie dann und registriert sie als jemand, der ihm vielleicht helfen könnte. Er tappt in ihre Falle.

Er schreibt ihr direkt eine Nachricht und sagt ihr, dass er Geld brauche, um seinen Plan zu finanzieren. Sie sagt ihm: „Lass uns lieber sicherer chatten, indem wir uns über den Entwurfsordner einer E-Mail-Adresse Nachrichten schicken“, genau wie sie es mit Kassir vereinbart hatte. Er stimmt dem zu und sie richten ein neues gemeinsames E-Mail-Konto ein, über das sie sich Nachrichten schicken können. Michael sagte ihr, dass er 80.000 Dollar bräuchte, um seinen Plan auszuführen..

Shannen meinte: Mhm, ja, fahr fort. Aber währenddessen schaut sie sich die E-Mail-Kontoprotokolle an, um zu überprüfen, mit welcher IP er sich verbindet. Ursprünglich kam er aus Thailand, aber jetzt sieht sie, dass er sich von Wilkes-Barre, Pennsylvania, aus verbindet. Sie hatte nun genug Informationen, um ein Dossier über ihn anzulegen.

Michael Curtis Reynolds, siebenundvierzig Jahre alt, Amerikaner, aus der US-Armee entlassen. Er hatte verschiedene finanzielle Probleme und war vorbestraft. Zwei Jahre nach seinem Highschool-Abschluss in New York versuchte er, das Haus seiner Eltern in die Luft zu jagen. Whoa, das ist extrem. Er hatte eine Ex-Frau, drei Kinder, Kampfsport-, Waffen- und Sprengstoffausbildungen. Dieser Typ kommt rüber wie ne tickende Zeitbombe, und so, als könnte er eine ernsthafte Bedrohung sein.

Shannen will ihn also am Haken behalten, um zu versuchen, mehr über seinen Plan zu erfahren, aber er zögert, ihr den ganzen Plan oder weitere Details zu erzählen. Also legt sie einen Gang zu. Sie erzählt ihm, dass sie Kontakte hat, die bereit sind, in den gesamten USA zu mobilisieren, in Pennsylvania und Georgia, und sie haben eine Menge Bargeld zur Verfügung. Er meint: Ja, okay, gut zu wissen. Aber sie überprüft seine IP noch einmal, und jetzt verbindet er sich aus Pocatello, Idaho. Er war unterwegs. Sie fängt an, die Punkte zu verbinden. Moment, er war in Thailand und dann Pennsylvania, jetzt Idaho? Idaho ist ein Bundesstaat neben Montana, wo sie war.

Sie fängt an, paranoid zu werden. Kommt er ihretwegen? Er hatte auch Zugriff auf dieses E-Mail-Konto und konnte die IP überprüfen, von wo aus sie sich verband. Hatte er irgendwelche Verbindungen aus Conrad, Montana, gesehen? Das könnte sofort verraten, dass er mit Shannen Rossmiller spricht, nicht mit Abu Zeida. Sie überprüft alles dreifach, ihre Proxy-Server, die E-Mail-Protokolle, ihre gesamte operative Sicherheit. Es schien alles in Ordnung zu sein. Zumindest denkt sie das. Sie kann keine Fehler finden, die ihre Identität verraten hätten. Sie fühlt sich etwas erleichtert, aber warum ist er in Idaho?

Sie blieb hartnäckig bei ihm und sagte ihm noch einmal: Schau, da sind ein paar Leute unterwegs. Sie haben Bargeld, aber sie sind nicht daran interessiert, dir Geld zu geben, wenn sie nicht zuerst deinen Plan kennen. Also öffnet er sich. Er erzählt ihr, sein großer Plan sei es, die Treibstoffproduktion in den USA anzugreifen.

Anfang des Jahres 2005 traf der Hurrikan Katrina aufs Land und verursachte gewaltige Schäden. Zu den Zerstörungen gehörte, dass die Kraftstoffproduktion zwei Tage lang lahmgelegt war. Das bedeutete, dass 90 % der Ölförderung entlang der Golfküste zum Erliegen kam, was dazu führte, dass die Benzinpreise in schwindelerregende Höhen schossen. Michael Reynolds hatte all das beobachtet und erkannte, wie anfällig die Kraftstoffproduktion in den USA ist. Daraus entstand sein Plan: Er wollte das, was Katrina bei der Kraftstoffversorgung verursacht hatte, nachstellen – nur in viel größerem Ausmaß. Er legte Shannen seinen Plan dar: Er wollte mehrere Produktionsstätten und die Alaska-Pipeline, eine der größten Ölpipelines der Welt, in die Luft sprengen. Er erklärte, dass es, wenn er all das tun könnte, keine Möglichkeit gäbe, auf irgendein Backup umzuschalten, nicht einfach so, und die USA würden zum Stillstand kommen. Also, diese Alaska-Pipeline ist wirklich massiv, so richtig groß. Sie verläuft 800 Meilen durch Alaska. Michaels Plan war es, den Treibstoff der Nation für Wochen zu unterbrechen. Er wollte Unruhen in einem Ausmaß auslösen, das groß genug war, damit die Nationalgarde eingesetzt würde, um die zivilen Unruhen irgendwie zu stoppen.

Shannen war sehr besorgt, sie ließ ihn aber weiterreden, und er redete weiter. Sein Plan wurde noch verrückter. Auf dem Höhepunkt der zivilen Unruhen wollte er eine Erklärung abgeben, dass all das passierte, weil die USA Truppen im Irak haben. Und er dachte, die Leute würden dann alle kollektiv fordern, dass die USA das Militär aus dem Irak abziehen. Er hatte einen ganzen Kommunikationsplan, den er der Presse über all das geben wollte, um die Regierenden bloßzustellen.

Shannen erkannte, dass er verrückt war, aber potenziell auch sehr gefährlich. Seine Idee beinhaltete, Busse und Lastwagen entlang der Pipeline in die Luft zu jagen, um so viel Chaos wie möglich anzurichten. Jetzt haut er Shannen an, von der er denkt, dass sie Teil von Al-Qaida ist, um Bargeld zu bekommen, um es durchzuziehen. Er war so stolz auf seinen großen Plan und dachte einfach, er sei großartig und gut durchdacht. Shannen zögert nicht. Sobald er all das zugibt, eilt sie damit zum FBI.

Er geriet sofort ins Visier der Ermittler. Er stellte eine große Bedrohung für die USA dar. Ihr FBI-Kontaktmann Mark schlug ihr vor, eine letzte Nachricht an Michael Reynolds zu verfassen, bevor sie zuschlugen. Genau das tut Shannen tut, sie teilt Michael mit, dass sie ihm die Hälfte des Geldes jetzt und die andere Hälfte später geben würden, er ihr aber alles erzählen müsse. Michael Reynolds willigt ein und verrät ihr noch mehr von dem Plan.

Zunächst sagte er, er sei in Idaho, weil er die Williams-Erdgasraffinerie in Opal, Wyoming, unter die Lupe nimmt, eine riesige Kraftstoffproduktionsanlage, und er hatte diesen Ort als sein erstes Ziel im Sinn. Er sagte, es sei viel einfacher, dort zuzuschlagen als bei der Alaska-Pipeline, die sein ursprünglicher Plan gewesen war. Er sagte, sobald er die Hälfte des Geldes habe, werde er den Rest des Plans offenlegen.

Sie erkannte, dass, wenn dieser Typ durchs Land reist und Ölanlagen auskundschaftet, seine Pläne viel ernster sind, als sie ursprünglich dachte. Das FBI sagte Shannen, sie seien bereit für den Zugriff. Sie sagten ihr, sie solle ihm sagen, wann er die 40.000 Dollar abholen soll. Sie gibt die Details an Michael weiter. Die Falle war gestellt.

Es war der 5. Dezember 2005. Michael Reynolds war immer noch in Idaho und wachte im Thunderbird Hotel in Pocatello auf, ein Zwei-Sterne-Hotel. Es war eiskalt draußen. Schnee lag auf dem Boden. Ihm wurde aufgetragen, die I-15 hinunterzufahren; kurz nach Meilenstein 100 ist ein Rastplatz, und dort würde eine rote Tasche auf ihn warten. Er steigt ins Auto und fährt los. Er ist ängstlich, aufgeregt und nervös zugleich und denkt an seinen Plan und das Geld, 40.000 Dollar. Er fährt durch die Stadt und hinaus auf die I-15, und der erste Meilenstein, den er sieht, ist 72. Also noch achtundzwanzig Meilen, bis er das Geld in den Händen hält.

Wie aufregend. Er fährt weiter. Es gibt nichts in dieser Gegend von Idaho, keine Wälder, keine Berge. Es ist ziemlich flach, und die Landschaft lädt einen einfach dazu ein, in die Ferne zu blicken und groß zu denken. Es ist ein vierspuriger Highway, eine schöne, einfache Fahrt. Die Straße war frei, aber überall sonst war noch alles weiß vom Schnee. Er fährt am Snake River vorbei, an ein paar kleinen Städten, an etwas Ackerland.

Er kommt dann bei Meilenstein 100 an, sieht den Rastplatz und fährt rechts ran. Ihm wurde gesagt, er solle nach einer roten Tasche suchen. Er steigt aus seinem Auto und sieht sich um. Ein paar LKW und Autos stehen da. Er sieht einen Picknicktisch und etwas Rotes darunter. Er geht hinüber. Es ist eine rote Tasche. Das muss die Tasche mit dem Bargeld sein. Er will sie aufheben, aber während er sich auf die Tasche konzentriert, bemerkt er nicht, dass sich das FBI von hinten nähert. Sie umzingelten ihn, und bevor er überhaupt begreifen konnte, was passierte, warfen sie ihn auf den kalten, verschneiten Boden.

Auf dem Weg zur Vernehmung fing er an zu reden. Er meinte, dass er nur schauspielerte und dass er eigentlich gar nichts in die Luft jagen wollte, sondern dass er versuchte, Informationen über diesen Abu-Zeida-Typen zu bekommen, um ihn dem FBI zu melden. Michael beharrte darauf, dass er derjenige war, der verdeckt arbeitete, und dass er unschuldig sei, und meinte: Hey, geht Abu Zeida verhaften; er ist der wahre Terrorist hier. Michael sagte, er könne es beweisen. Michael wurde bis zu seinem Prozess in Untersuchungshaft gehalten und war wütend über alles. Er schrieb tatsächlich einen Brief an den Richter. Dieser Typ war fest entschlossen, frei nach Hause zu gehen. Er sagte dem Richter, er solle ihn einfach freisprechen und die Sache beenden, aber der Richter hörte nicht darauf und legte einen Prozesstermin für Juli 2007 fest, was fast zwei Jahre nach seiner Verhaftung war.

JACK: Shannen wurde aufgerufen, bei Michaels Prozess auszusagen. Sie rechnete damit und war dieses Mal besser vorbereitet als bei Ryans Prozess. Worauf sie nicht vorbereitet war, war, wie ihr Körper sie während dieser Tage im Zeugenstand auf die Probe stellen würde. Am Abend zuvor flog sie nach Scranton, Pennsylvania, wo der Fall verhandelt wurde. Am Abend zuvor fühlte sie sich ziemlich unwohl. Am ersten Tag der Aussage schlug sie sich gut im Zeugenstand, aber an Tag zwei konnte sie kaum laufen. Sie war erschöpft und musste sich übergeben, und sie konnte Blut sehen. Jetzt bekam sie Angst. Aber sie war entschlossen, das durchzuziehen, wofür sie dorthin gekommen war. Mark, der FBI-Agent, war da, um sie zu unterstützen. Sie schaffte irgendwie noch einen vollen Tag der Aussage, einschließlich des Kreuzverhörs durch Michaels Anwalt, und als sie fertig war, flog sie sofort nach Hause und verschwand von dort.

Aber von da an wurde es nur noch schlimmer. Nachdem sie zu Hause angekommen war, hielt sie diese Übelkeit einfach nicht mehr aus und ging in die Notaufnahme. Die Ärzte fanden ein blutendes Geschwür und zwei Nierensteine. Whoa. Das war eine Menge für sie zu verkraften, aber sie wurde behandelt und ging nach Hause, um sich zu erholen. Während sie sich erholte, wusste sie, dass sie die Art und Weise, wie sie arbeitete, ändern musste. Der Gedanke an den Prozess muss so viel Stress und Angst verursacht haben, dass er all diese gesundheitlichen Probleme auslöste. Es war zu viel.

Während seines Prozesses sagte Michael zu seiner Verteidigung selbst aus. Er hielt an seiner Geschichte fest, dass er derjenige war, der verdeckt arbeitete, aber es funktionierte nicht. Die Geschworenen brauchten nur fünfundvierzig Minuten, um in fünf der sechs Anklagepunkte mit Schuldsprüchen zurückzukehren. Er wurde wegen des Versuchs, einer ausländischen Terrororganisation materielle Unterstützung und Ressourcen zur Verfügung zu stellen, und wegen des Besitzes eines Sprengsatzes verurteilt. Michael Reynolds wurde zu fünfunddreißig Jahren im Bundesgefängnis verurteilt.

Diese Fahrt durch Idaho war das letzte Mal, dass er einen Hauch von Freiheit spürte, und ich frage mich, ob er diese Strecke da seitdem tausendmal in seinem Kopf gefahren ist. Nun, Shannen Rossmiller brachte zwei vielbeachtete Fälle vor Gericht, und in beiden Fällen wurde ein Schuldspruch gefällt. Die Ereignisse des 11. September machten sie irgendwie zu einer Bürger-Terrorismusbekämpferin, einer Cyber-Spionin. Sie leistete ihren Beitrag, um ein weiteres 9/11 zu verhindern. Und das tat sie auch! Stellt euch vor, dieser Typ hätte all diese Ölförderanlagen in die Luft gejagt und einen nationalen Notstand ausgelöst.

Es hat sich also gelohnt, aber verdammt, der Stress hat sie wirklich mitgenommen.

Der Juli 2006 bricht an. Shannen bekommt einen Job in der Staatsanwaltschaft in Helena, etwa zwei Stunden von ihrem Zuhause in Conrad entfernt. Sie pendelte viel zwischen Helena und Conrad hin und her. Randy und die Kinder waren zu Hause in Conrad, und es war ein Freitag und sie freute sich darauf, fürs Wochenende nach Hause zu fahren, um sie zu sehen. Aber das Conrad Police Department rief sie an, und der Beamte erzählte ihr eine verrückte Geschichte.

Den Kindern geht es gut, Randy geht es gut, aber es sei etwas Seltsames passiert, erzählte er. Letzte Nacht um 22:00 Uhr rief jemand den Notruf an und sagte, es habe einen Unfall gegeben. Die Highway Patrol fuhr hin, um sich das anzusehen. Es war fünfundzwanzig Meilen nördlich von Conrad auf einer abgelegenen Schotterstraße in Richtung Kanada, und da war ein Ryder-Mietlaster, der mit der Nase nach unten in einer Schlucht lag. Der Laster war ziemlich stark demoliert, und er war völlig verbeult und in einen schweren Unfall verwickelt gewesen. Es waren vier Männer im Laster. Alle vier hatten Verletzungen und mussten ins Krankenhaus, aber zwei waren ziemlich schwer verletzt.

JACK: Im Krankenhaus verweigerten sie die Behandlung und sagten etwas von unreinen Händen. Die Polizisten befragen sie. Sie meinten, dass sie aus Kanada runter gekommen sind, über irgendeine abgelegene Schotterstraße. Es klang so, als wären sie nicht durch einen offiziellen Kontrollpunkt gefahren. Jeder von ihnen hatte ein US-Visum, aber jeder von ihnen kam aus einem anderen Land, und sie trugen alle männliche Keuschheitsgürtel. Es war alles sehr seltsam. Die Polizisten durchsuchten den Laster und fanden GPS, Gadgets, Laptops, Telefone, Ortungsgeräte, zusätzliche Batterien, tonnenweise Kabel, Tastaturen, Monitore, Mäuse, viel High-Tech-Ausrüstung. Ich glaube, da waren einige Antennen drin, und es gab auch ein paar zerlegte Waffen im Laster. Ja, alle ordentlich in Kisten verpackt.

Shannen meint: Okay, aber was hat das alles mit mir zu tun? Der Polizist sagt, das GPS im Laster war auf ihre Privatadresse eingestellt, was bedeutet, dass sie wahrscheinlich auf dem Weg zu ihrem Wohnsitz in Conrad waren, als sie von der Straße abkamen. Sie fanden ihre Adresse und die Adresse des Gerichtsgebäudes in einem ihrer Laptops. Natürlich reichen solche Neuigkeiten aus, um jedem das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Anstatt also wie gewohnt fürs Wochenende nach Hause zu fahren, wird Shannen angewiesen, in Helena zu bleiben. Die Polizei bot an, ihr für eine Weile zusätzlichen Schutz zu gewähren. Sie boten an, einen Streifenwagen vor ihrem Haus zu parken, so lange sie wollte. Sie wollten kein Risiko eingehen. Randy und die Kinder packten zusammen und verschwanden aus der Stadt zum Haus eines Familienmitglieds, damit sie in Sicherheit waren.

Die Polizisten befragten die Männer erneut. Jetzt sagten sie, sie seien Teil irgendeiner reisenden Musikshow, die durch Montana tourte. Die Männer wurden irgendwie freigelassen oder entkamen oder so. Es ist nicht klar, aber sie verschwanden und wurden nie wieder gesehen.

Nach dem Reynolds-Fall setzte Shannen ihre Undercover-Arbeit online fort. Aber zu diesem Zeitpunkt war es viel weniger intensiv. Das lag auch daran, dass sie dem FBI einfach viel früher Informationen schickte und sie auch darin schulte, wie sie die Gespräche übernehmen und diese Terroristen online genauso finden konnten wie sie. Sie wollte sich aus der Beweiskette entfernen, damit sie nicht mehr in Gerichtsverfahren aussagen musste, und es funktionierte. Sie hatte keine Fälle mehr, in denen sie erscheinen musste, und das FBI konnte weitere Terrorpläne vereiteln.

O-Ton Shannen Rossmiller, SpyCast 2011

„Ich habe im Laufe der Jahre zweiunddreißig tatsächliche primäre Charaktere geschaffen, Identitäten online, von denen ich zu verschiedenen Zeiten andere Sub-Identitäten abspalte, um weiterhin den ganzen Anschein dessen, wer ich bin und was ich vorgebe zu tun, ein wenig realer zu machen, wie es in dem ganzen virtuellen Kontext ist, den das Internet bietet. Diese Identitäten haben zu verschiedenen Strafverfolgungen geführt, aber das Interessante war, dass die beiden Personen, die hier in den Vereinigten Staaten strafrechtlich verfolgt wurden, die beiden hochkarätigen Fälle, das Ergebnis davon waren, dass diese Personen in die arabischen Foren stolperten und versuchten, Kontakt mit Al-Qaida aufzunehmen. Zum Glück, schätze ich, war ich es, nach dem sie gegriffen haben, und ich konnte sie im Zaum halten und die Kontrolle über sie behalten, bis die Fälle an das FBI übergeben wurden.“

JACK: Shannen erhielt für ihre Arbeit verschiedene Awards und Medaillen.

Leider starb Shannen im November 2020. Sie hatte Morbus Basedow, was bedeutete, dass sie eine Überproduktion des Schilddrüsenhormons hatte, und es verursachte alle möglichen gesundheitlichen Probleme. Sie wurde fünfzig Jahre alt.

Shannen Rossmiller trat furchtlos in die Schatten des Unbekannten. Sie wurde von einer unerschütterlichen Entschlossenheit angetrieben, einen Unterschied in der Welt zu machen, eine Einzelgängerin und gleichermaßen ein Schutzengel.

Ihre Geschichte ist mehr als die Summe ihrer Taten. Wer weiß, welche Leben sie gerettet hat und was diese Menschen noch erreicht haben. Eine ländliche Mutter und städtische Richterin bei Tag, aber eine knallharte Cyber-Anti-Terror-Spionin bei Nacht, die sich mit falschen Identitäten genauso wohl fühlte wie mit ihrem echten Leben. Ich hoffe, sie wird eine Inspiration dafür sein, wie man Mut und Liebe und Gerechtigkeit und Technologie miteinander verbindet. Ihre Geschichte reicht jedenfalls über den Horizont hinaus und wird überdauern.

JACK (Outro): Shannen Rossmiller hat ein Buch über ihren Weg veröffentlicht mit dem Titel „The Unexpected Patriot: How an Ordinary American Mother is Bringing Terrorists to Justice„. Ein großes Dankeschön an SpyCast, dass sie uns die Erlaubnis gegeben haben, das Interview zu verwenden, das sie 2011 mit Shannen geführt haben. SpyCast ist ein Podcast, der Spione interviewt.

Diese Episode wurde im englischen Original von Jack Rhysider erstellt. Den Text haben Isabel Grünewald und Marko Pauli übersetzt und gesprochen.


(igr)



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Datenschutz & Sicherheit

Petition gegen Digitalzwang: 64.000 Menschen wollen das Grundgesetz ändern


Bahn fahren, Pakete abholen, einen Termin beim Bürgeramt buchen: Unternehmen und Behörden machen Menschen ohne Smartphone oder Computer das alltägliche Leben zunehmend schwer. Der Verein Digitalcourage fordert deshalb ein Recht auf Leben ohne Digitalzwang.

Am 21. Mai wollen die Aktivist*innen ihre Petition Abgeordneten des Bundestags überreichen. Bis dahin können sich Interessierte anschließen.

Hinter der Petition stehen unter anderem Jonas Grill, Rena Tangens und Max Hampel. Im Interview erklären sie, in wie viele Lebensbereiche der Digitalzwang bereits vordringt, was daran gefährlich ist – und ob er sich stoppen lässt.

Deutsche Bahn will Fahrgästen App aufdrücken

netzpolitik.org: Jonas, Rena, Max – was genau ist Digitalzwang?

Tangens: Der Zwang, digitale Zugangswege zu verwenden. Dass man Dinge nur übers Internet erledigen kann oder dafür ein Smartphone besitzen muss oder eine bestimmte App installieren muss, um einen Dienst wahrzunehmen.

Grill: Auch wenn die analoge Alternative extrem unpraktisch ist, ist das eine Form des Digitalzwangs.

netzpolitik.org: Menschen haben über euren Digitalzwang-Melder hunderte Beispiele eingereicht.

Hampel: Uns erreichen neben diesen Meldungen täglich mehrere E‑Mails und Anrufe zum Thema.

netzpolitik.org: Wo ist der Zwang am schlimmsten?

Hampel: Ganz oft geht es um Mobilität. Da beschweren sich beispielsweise Menschen, dass es die BahnCard nur noch in der Bahn-App gibt.

Alles netzpolitisch Relevante

Drei Mal pro Woche als Newsletter in deiner Inbox.

Tangens: Ohne Account bei der Bahn bekommt man die nicht mehr. Als die Bahn das eingeführt hat, haben wir zig E‑Mails von empörten Bahnfahrer*innen bekommen, die daraufhin ihre BahnCard gekündigt haben. Eine Person schrieb, dass sie nun ihre Enkelkinder nicht mehr so oft besuchen könne. Die Bahn ist ein bisschen zurückgerudert und ermöglicht es vorläufig, den QR-Code am Schalter ausdrucken zu lassen. Aber prinzipiell versucht die schon beständig, die Leute dazu zu bringen, die Bahn-App zu benutzen, sie baut zum Beispiel Fahrkartenautomaten ab. Dabei sind in der Bahn-App einige Tracker drin. Die übermitteln, von wo bis wo und mit wem man fährt. Seit 2022 klagen wir vor dem Landgericht Frankfurt, dass die Bahn die Tracker entfernt.

Länger warten beim Bürgeramt

netzpolitik.org: Welche Fälle gibt es noch?

Grill: Viele Beispiele für Digitalzwang stammen auch aus dem Bereich Finanzen. Menschen können ihre Lohnabrechnungen nur noch online einsehen, ihre Steuererklärung nur noch mit Umständen analog machen, kein Geld mehr überweisen, weil Filialen zumachen und sie kein Onlinebanking haben. Viele Fälle stammen auch aus dem Bereich kulturelle Teilhabe. Da kommen Menschen nicht mehr zu Konzerten, weil Eventim nur noch digitale Karten verkauft. Und dann gibt es ganz banale Alltäglichkeiten, wie beispielsweise, dass die Sperrmüllabfuhr in manchen Gegenden nur noch über Onlineportale bestellt werden kann.

Hampel: Ein großes Thema ist auch Doctolib. Facharzttermine bekommt man oft nicht mehr, ohne diese Plattform zu nutzen. Und auf dem Amt ist es so, dass man mit einem Onlinetermin viel zügiger behandelt wird, als wenn man hingeht und eine Nummer zieht. Was auch viele Menschen betrifft, ist, was DHL mit den Packstationen macht. Die haben teils keinen Bildschirm mehr, man muss die über das eigene Smartphone bedienen. Dafür haben wir DHL 2023 einen BigBrotherAward verliehen.

Tangens: Menschen, die kein Handy haben, stehen dann vor der Packstation und kommen nicht an ihr Paket ran. Oder anderes Beispiel: Es gibt hier in Berlin viele Restaurants, wo man einen QR-Code scannen muss, um die Speisekarte lesen zu können. Da sind Leute ohne Smartphone einfach aufgeschmissen. Und das sind auch Menschen, die ein Anrecht darauf haben, an der Gesellschaft teilzuhaben.

Millionen Menschen in Deutschland leben offline

netzpolitik.org: Wie viele Leute schließt der Digitalzwang aus?

Tangens: In der Altersgruppe von 16 bis 74 Jahren waren – laut statistischem Bundesamt – zwei Millionen Menschen in Deutschland noch nie im Internet. Und dann muss man ja noch die Menschen 75 plus dazurechnen.

Hampel: Und die Menschen, die zwar ein Handy haben, aber nicht gut damit umgehen können. Meine Mutter zum Beispiel: Ihr Handy mit Bluetooth mit einer Packstation zu verbinden, das stellt die vor ein unlösbares Rätsel.

netzpolitik.org: Ist Digitalzwang nur ein Problem für Senior*innen?

Tangens: Das betrifft nicht nur alte Leute. Wir lernen auch viele junge Leute kennen, die keinen Bock haben, ständig ein Smartphone dabeizuhaben. Weil das so einen Druck erzeugt, in irgendwelchen Netzwerken dabei zu sein, ständig auf Nachrichten zu reagieren, sich mit anderen zu vergleichen. Und ich kenne einen Menschen, der sagt, er kenne sein Suchtpotenzial und lasse deshalb das Smartphone so oft wie möglich zu Hause – damit er nicht ständig auf Social Media ist. Er hat das mit Alkoholismus verglichen. Digitalzwang ist dann, als würde man einen trockenen Alkoholiker zwingen, immer einen Flachmann dabeizuhaben.

Hampel: Dazu kommt, du musst für viele Apps ja ein relativ aktuelles Smartphone besitzen und das kostet Geld. Das als Voraussetzung zu machen, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, ist ja enorm diskriminierend.

Wir sind ein spendenfinanziertes Medium.

Unterstütze auch Du unsere Arbeit mit einer Spende.

Tangens: In Spanien engagiert sich ein Mensch gegen Digitalzwang, der aufgrund einer Parkinson-Erkrankung so zittert, dass es ihm schwerfällt, ein Smartphone zu bedienen. Und auch, wenn mir mein Smartphone gerade kaputt gegangen ist, muss ich doch grundlegende Dienste nutzen können.

Grill: Digitalzwang schließt Menschen aus, die körperliche Einschränkungen haben, die ihre Daten schützen möchten, die sich nicht privaten Unternehmen ausliefern möchten, das kann aus verschiedensten Gründen kommen.

„Das verbittert“

netzpolitik.org: Schadet der zunehmende Digitalzwang der Demokratie?

Hampel: Ja, weil sich Menschen von Grundversorgung ausgeschlossen fühlen. Viele haben die Befürchtung, durch die Digitalisierung Stück für Stück aus dem öffentlichen Leben zu fallen. Das verbittert, da fühlt man sich abgehängt. Und dann freuen sich die Populisten, die das Thema schon für sich entdeckt haben. Deswegen setzen wir uns mit der Petition und der politischen Arbeit dafür ein, dass die demokratischen Parteien im Bundestag das Thema ernst nehmen.

netzpolitik.org: Wie reagiert die Politik auf euch?

Tangens: Wir haben Vertreter aller demokratischen Parteien dafür gewinnen können, unsere Petition am 21. Mai feierlich entgegenzunehmen. Und die Koalitionsparteien scheinen tatsächlich nicht mehr so sicher, dass es eine gute Idee war, die „Digital-only“-Strategie für die Verwaltung in den Koalitionsvertrag zu schreiben.

netzpolitik.org: Was genau soll eure Petition ändern?

Tangens: Wir fordern, den Artikel drei des Grundgesetzes zu ergänzen. Darin gibt es diverse Eigenschaften, wegen derer ich nicht benachteiligt werden darf. Wir wollen ergänzen, dass ein Mensch, der einen digitalen Zugangsweg nicht nutzt, nicht deshalb benachteiligt werden darf. Ein juristisches Gutachten vom Netzwerk Datenschutzexpertise hält diese Grundgesetz-Erweiterung für möglich und sinnvoll. Und diese Regelung würde dann durch die sogenannte Drittwirkung nicht nur für den Staat, sondern auch für die Wirtschaft gelten. Das wäre ein absolut mächtiges Instrument. Wir wissen, dass wir für die Umsetzung einen langen Atem brauchen. Aber uns gibt es seit 1987. Ausdauer haben wir.

netzpolitik.org: Ich nehme an, die Petition kann man nicht nur online unterzeichnen?

Tangens: Wir haben auch viele tausend Unterschriften auf Papier erhalten. Der Briefträger hat schon gefragt, ob wir ein Preisausschreiben veranstalten.



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